Editiorial

Von: Prof. Dr. Peter Faulstich (Professor an der Universität Hamburg)

Prof. Dr. Peter Faulstich

Professor an der Universität Hamburg

Prof. Dr. Peter Faulstich hatte den Lehrstuhl für Erwachsenenbildung/ Weiterbildung Universität Hamburg Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft Sektion Berufliche Bildung und Lebenslanges Lernen. Faulstich wurde geboren  am 12.6.46 in Frankfurt/M.; Dipl.-Ing., Dr. phil. habil., Lehrstuhl für Erwachsenenbildung/ Weiterbildung an der Universität Hamburg seit 1995. Ab 1977 war er Leiter der Kontaktstelle für wissenschaftliche Weiterbildung und ab 1992 des Zentrums für Wissenschaftstransfer an der Gesamthochschule Kassel-Universität. Sprecher der Kommission Erwachsenenbildung der DGfE 1995 – 1999, ...
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Die Bildungsstreiks 2009 haben zumindest eins gebracht: Es besteht Konsens über die Notwendigkeit einer Reform der Bachelor-Master-Struktur des Studiums. Bereits im Frühjahr 2009 hat die Hochschulrektorenkonferenz in ihrer Entschließung „Zum Bologna-Prozess nach 2010“ aus Anlass der 10-jährigen Jubiläums der Bologna-Erklärung auf erheblichen Änderungsbedarf durch eine Reform der Reform hingewiesen.

Die nunmehr allseits – von der Bundeskanzlerin, über die Hochschulrektorenkonferenz, den Hochschulverband bis zu den Studierenden – konstatierte Misere des deutschen Hochschulsystems ist jedoch nicht nur „Bologna“ geschuldet, sondern Resultat vielfältiger, teilweise gegenläufiger, teilweise sich gegenseitig aufschaukelnder Prozesse.

Wir wollen die Komplexität dieser Entwicklungen aufzeigen, um nicht in verkürzte Lösungsversuche zu treiben. Notwendig ist eine Perspektivenerweiterung auf das Gesamtsystem der Hochschulen und ihrer wissenschaftlichen Leistungen und Möglichkeiten. Dies ist nicht einlinig ableitbar: Eine umfassende Ökonomisierung, wie sie zunehmend konstatiert wird, greift schon lange und ist durchgängige Tendenz der letzten Jahrzehnte. Mindestens vier zentrale Trends kommen dazu, welche die Lage dramatisieren: sicherlich die „Bolognarisierung“, welche die Studienstrukturen umwälzt; zweitens eine „Exzellenzinitiative“, die die Forschungsmöglichkeiten konzentriert auf wenige „Elite-Universitäten; drittens eine Besoldungsstruktur, welche die Professoren zu „Arbeitskraftunternehmern“ macht und viertens eine Entscheidungsstruktur, welche die Macht der Präsidenten und Dekane stärkt.

Um es also vorab zu sagen: Nicht alles, was in den Hochschulen problematisch läuft ist der 1999 von 28 europäischen Bildungsministern unterzeichneten „Bologna-Erklärung“ anzulasten; nicht alles ist nur negativ zu bewerten; vieles war vorher auch schon nicht gut (Beitrag Dobischat) und vieles könnte – „im Prinzip“ – in positive Richtung umgelenkt werden.

Festzustellen sind zunächst gleichzeitig eine vertikale institutionelle Integration, welche die Unterscheidung zwischen Universitäten und Fachhochschulen langfristig, schleichend auflöst, und eine parallel verlaufende interne Differenzierung der europäischen Hochschulsysteme (Beitrag Teichler). Die dahinterstehenden Versuche zur Verkürzung der Studienzeiten wurden erzwungen durch die Explosion der Studierendenzahlen seit 1970und des resultierenden Finanzbedarfs. Der Einbau struktureller Selektionsmechanismen findet in der Stufung von Bachelor- und Master-Abschlüssen seine Konsequenz. Spätestens seit den Empfehlungen des Wissenschaftsrates „Wettbewerb im deutschen Hochschulsystem“ (1985) beruhte diese Strategie auf einem Konsens konservativer und technokratischer Positionen, wie sie sich durch die beiden Schlagwörter „Elite plus Effizienz“ kennzeichnen lassen. 2009 waren 76% des gesamten Studienangebots umgestellt; die deutschen Hochschulen boten 5.309 Bachelor- und 4.201 Masterstudiengänge an. Die selektive Studienstruktur, bei der mit nur 20 bis 40% Übergängen in die Masterphase gerechnet wird, wird ergänzt durch Punktesammeln und Prüfen orientiert an einem formalen Leistungsbezug.

Die Herstellung eine „europäischen Hochschulraums“ ist zusätzlich eingebunden in weiter reichende Prozesse der Internationalisierung (Beitrag Kehm). Diese folgen der Globalisierung der Märkte, also auch der Arbeitsmärkte für Akademiker.

Allerdings sind die Versuche einer Reorganisation der Studienstrukturen bisher nur beschränkt erfolgreich bzw. sogar kontraproduktiv:

* So sind Mobilität und Flexibilität der Studierenden nicht gestiegen, sondern gesunken. Die nur formale Vereinheitlichung hat zu einem hochschulspezifischen Modulspektrum geführt, bei dem Vergleichbarkeit, Übertragbarkeit und Anrechenbarkeit eher erschwert worden sind. Jede Hochschule baut ihren spezifischen Bachelor aufgrund der Präferenzen oft einzelner Hochschullehrer.
* Die Studiengänge wurden durch die Prüfungsanforderungen nicht flexibler, sondern starrer. Ein Herausfallen aus der Zulassungskohorte erzwingt Studienzeitverlängerungen.
* Auch die Studienabbrecherquote ist, soweit dazu schon Zahlen vorliegen, nicht geringer geworden. Die 2010 vorgelegte „Studienabbrecher-Studie“ des Hochschulinformationssystems HIS belegt insgesamt eine Abbruchquote von 21 %. Die Abbruchmotive „Leistungsprobleme“, „mangelnde Studienmotivation“ und „unzureichende Studienbedingungen“ haben im Bachelor-Studium deutlich an Gewicht gewonnen.

Allerdings sind diese negativen Effekte keineswegs nur den politischen Vorgaben geschuldet. Die Hochschulen und die Fachbereiche haben zur Verschulung des Studiums erheblich selbst beigetragen.

Dies ist kontraproduktiv bezogen auf den Einbau der Hochschulen in ein umfassendes System lebenslangen Lernens, die Durchlässigkeit für vor- und nachgelagerte Lernangebote und für eine soziale Öffnung. Hier könnte die wissenschaftliche Weiterbildung einen wesentlichen Beitrag leisten, wenn die Modulstruktur genutzt würde um mehr Flexibilität zu sichern und nicht wieder in die Starrheit der großen Abschlüsse und Laufbahnen zu verfangen (Beitrag Faulstich).

Dazu braucht es aber auch veränderte Einmündungsprozesse (Beitrag Wolter). Ohne Zweifel hat auch die Universität schon immer nicht nur wissenschaftlichen Nachwuchs herangebildet, sondern berufsvorbereitende Aufgaben erfüllt. Mit dem Konzept der „Beschäftigungsfähigkeit“ im Kontext des Bologna-Prozesses erhält dies eine zusätzliche widersprüchliche Zuspitzung. So ist zumindest eine Tendenz feststellbar, durch Flexibilisierung der Bachelor-Studiengänge eine Zurichtung auf akademische Jedermanns-Arbeitsmärkte zu befördern.

Die Hochschulangehörigen selbst, voran die Professoren (immer noch vorwiegend Männer) haben eigene Perspektiven kaum entwickelt. Nachdem die Humboldtsche Universitätsidee angesichts der Entwicklung der Massenuniversität zunehmend brüchiger geworden ist, fand das Konzept der unternehmerischen Dienstleistungsuniversität wenig Widerstand (Beitrag Pasternack). Desto wichtiger ist es, ein Leitbild einer demokratischen und sozialen Hochschule zu entwerfen, das Alternativen aufzeigt (Beitrag Köhler).Desto wichtiger ist es, ein Leitbild einer demokratischen und sozialen Hochschule zu entwerfen, das Alternativen aufzeigt (Beitrag Köhler).

Die W-Besoldungsstruktur erzwingt permanente Profilierung durch Einwerben von „Dritt“-Mitteln. Die deutschen Professoren waren von jeher mehrheitlich staatstragend und eher konservativ. Immer noch trägt ein verbreiteter Standesdünkel. Mit der W-Besoldung greift die Marktmäßigkeit normaler Arbeitsverhältnisse. Nicht nur wissenschaftliche Reputation sondern auch das individuelle Einkommen resultieren aus erfolgreicher Projekte-Macherei. Beim Aushandeln von Leistungsvereinbarungen ist eine direkte Abhängigkeit von der Hochschulleitung die Folge. Das setzt sich fort in den Arbeitsbedingungen des „Mittelbaus“ und von Lehrbeauftragten, die immer stärker die Routinen der Wissenschaftsprozesse tragen müssen (Beitrag Keller).

Verschoben werden so auch die Forschungsthemen hin zu Technologierichtungen, für die potentielle Geldgeber in Unternehmen und Ministerien zu zahlen bereit sind. Es resultiert eine Engführung der Forschung, die sich fortsetzt in einer Erschwerung grundlegender und vom „mainstream“ abweichender wissenschaftlicher Leistungen und letztlich einer Behinderung der Lehre. Ressourcen für wissenschaftliche Aktivitäten werden abgezogen durch Bürokratie und Verwertbarkeitszwänge.

Nun wäre es aber fatal, angesichts dieser negativen Tendenzen in Lamentismus zu versinken. Gerade die letzten Entwicklungen haben gezeigt, dass sich Widerstandspotentiale aktivieren, welche trotz alledem einer Umwandlung der Hochschulen in Trainingslager und Technologielieferanten entgegen stehen. Dazu braucht es allerdings auch positive Entwürfe und eine erneuerten Diskussion aber die Idee der Hochschule in der Demokratie.