Gute Arbeit – geht das?

Von: Klaus Pickshaus (Leiter Bereich Gesundheitsschutz und Arbeitsgestaltung beim IG Metall Vorstand)

Klaus Pickshaus

Leiter Bereich Gesundheitsschutz und Arbeitsgestaltung beim IG Metall Vorstand

Klaus Pickshaus, Leiter des Bereichs Gesundheitsschutz und Arbeitsgestaltung beim Vorstand der IG Metall, Vertreter der IG Metall im Fachbeirat der DGB-Index GmbH, Mitglied des Vorstands der Gesellschaft für Arbeitswissenschaft, stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums der BAuA. www.igmetall.de/gutearbeit


Gute Arbeit ist in den letzten Jahren zu einem zentralen Paradigma für die Humanisierung der Arbeitswelt geworden. Der Begriff wird mittlerweile auch in der Politik bis hin zur EU-Kommission benutzt, um auf die Notwendigkeit einer gesundheitsförderlichen Gestaltung von Arbeit hinzuweisen. Aber gerade angesichts des fast schon inflationären Gebrauchs dieses Begriffs ist daran zu  erinnern: Gute Arbeit ist zu allererst von den Gewerkschaften zum großen Thema gemacht worden, das dann viele andere zwang, darauf zu reagieren. Das war so gewollt und zeigt, dass Gewerkschaften eigene politische Themen auf die gesellschaftliche Agenda setzen können.

Die IG Metall startete 2003 Gute Arbeit als betriebliche, tarifpolitische und gesellschaftliche Initiative(vgl. www.igmetall.de/gutearbeit). Hintergrund waren die bitteren Erfahrungen eines arbeitspolitisch „verlorenen Jahrzehnts“ der 1990er Jahre, in denen andere Themen dominierten und Humanisierungserfolge in den Betrieben rückgängig gemacht wurden. Weitere Gewerkschaften wie ver.di, die NGG und die IG BCE ergriffen ebenfalls eine Initiative Gute Arbeit und schufen mit dem DGB-Index Gute Arbeit seit 2007 ein Instrument kontinuierlicher Arbeitsberichterstattung aus Sicht der Beschäftigten (vgl. www.dgb-index-gute-arbeit.de).

Der DGB-Index Gute Arbeit kam zur rechten Zeit. Während die Politik in verschiedenen Schattierungen sich des Begriffs „Gute Arbeit“ bemächtigte, wuchs das Bedürfnis nach Klarheit und Trennschärfe, was gute Arbeit eigentlich ausmacht. Hier konnte der DGB-Index helfen. Er fragt erst einmal, was die Beschäftigten selbst unter guter Arbeit verstehen und ermittelt dann ein realistisches Bild über die Kluft zwischen diesen Ansprüchen und der erlebten Wirklichkeit. Das Ergebnis zeigt: Schlechte Arbeit ist stärker verbreitet als gute Arbeit – auch als Folge einer Politik derjenigen, die jetzt Gute Arbeit als Leitbild neu entdeckt haben. Insbesondere die Prekarisierung der Arbeit und die Ausdehnung eines Niedriglohnsektors haben schlechte Arbeit befördert.

Generell ist die Stärkung der Kernansprüche der Beschäftigten an Gute Arbeit eine Schlüsselfrage. Mit dem neuen Instrument des Index verbessert sich die Chance, Arbeitspolitik als ein wichtiges Arbeitsfeld der gesamten Gewerkschaftsbewegung erneut zu etablieren. Der DGB-Index Gute Arbeit tritt dabei nicht an die Stelle anderer gewerkschaftlicher Initiativen für gute Arbeit. Im Gegenteil: Er unterstützt alle arbeitspolitischen Aktivitäten der Gewerkschaften. Er gibt allen Humanisierungsinitiativen neuen Schub. Im Projekt des Jahrbuchs Gute Arbeit im Bund-Verlag haben diese gewerkschaftlichen Initiativen seit 2009 eine beachtliche publizistische Plattform gefunden (www.gute-arbeit-praxis.de) und werden kontinuierlich durch die Zeitschrift Gute Arbeit begleitet (www.gutearbeit-online.de).

Doch wie realistisch ist dieses Unterfangen angesichts der tiefen Krise, die seit 2008 nicht nur die Finanzmärkte sondern immer mehr auch die Realwirtschaft erfasst hat. Es ist unzweifelhaft, dass sich die Handlungsparameter für eine offensive Arbeitspolitik gravierend verändert haben. Zu beobachten ist, dass unter dem alten Slogan »Hauptsache Arbeit« die Absenkung der Qualität der Arbeitsbedingungen zum Programm der Krisenabwälzung auf Kosten der Beschäftigten wird. Gerät gewerkschaftlicher Arbeitspolitik nach einer hoffnungsvollen Phase der Revitalisierung erneut in eine Defensive?

Die Beiträge gehen diesen Fragen nach: Wird gute Arbeit nun zum Krisenopfer oder entstehen aus dem Widerstand gegen die Abwälzung der Krisenlasten neue Entwicklungspotentiale? (Lothar Schröder, Klaus Pickshaus/Hans-Jürgen Urban) Welche Grenzen setzt die finanzkapitalistische Wirtschaftsordnung dem Bestreben nach guter Arbeit? (Friedhelm Hengsbach)Wie lässt sich mit dem Instrument des DGB-Index Gute Arbeit ein differenziertes Bild der Arbeits(un)zufriedenheit von Beschäftigten ermitteln, aus dem sich auch konkrete Handlungsbedarfe ergeben? (Tatjana Fuchs)

Und nicht zuletzt: Welche Rolle kann ein Konzept Gute Arbeit im politischen Raum einschließlich der europäischen Ebene spielen, um Entgrenzung und Prekarisierung der Arbeit zu begegnen? (Ottmar Schreiner, Thomas Händel) Hier ist eine solidarische Sozialpolitik gefordert. Notwendig ist aber auch, die finanzkapitalistische Dominanz zu brechen und Schritte einer umfassenden Demokratisierung der Arbeit einzuleiten.