Liebe in Wahrheit - Die Sozialenzyklika der katholischen Kirche

Von: Gerhard Endres (Freier Journalist, Berufsschullehrer und Theologe, München)

Gerhard Endres

Freier Journalist, Berufsschullehrer und Theologe, München

Gerhard Endres ist freier Journalist, Berufsschullehrer und Theologe, er lebt in München. Er ist erster Vorsitzender des Netzwerks für Gesellschaftsethik.


Rund um die Sozialenzyklika und darüber hinaus

Die Sozialenzyklika „Caritas in veritate“ ist für uns Anlass, gesellschaftsethische Beiträge zusammen zu tragen, um die Diskussion um gesellschaftsethische Orientierungen anzustoßen. Wir haben mit der Veröffentlichung ein wenig gewartet, da bekannterweise andere Themen die Diskussion in den Kirchen in den letzten Wochen bestimmt haben.

Trotzdem: einige Nachrichten um den 1. Mai herum zeigen, dass die Beschäftigung mit der Katholischen Soziallehre, nicht nur eine Angelegenheit von einigen Päpsten ist. Deren Papiere sollen eben nicht in den Schränken und Regalen verstauben, sondern Christen sollen sich in verschiedenen Positionen in die gesellschaftspolitische Diskussion einmischen. Dies tut auch der Vatikan: So sagte am Vorabend des 1. Mai 2010 der argentinische Bischof Marcelo Sanchez Sorondo zu Beginn einer Tagung der päpstlichen Akademie für Sozialwissenschaften über die Finanzkrise in Radio Vatikan:

„Man hat die fundamentalen ethischen Vorgaben nicht beachtet! Es geht hier also nicht um Kapitalismus ja oder nein, sondern um Lüge und Diebstahl, um einen Verstoß gegen das Naturrecht. Wenn ich jemanden übers Ohr haue, während ich ihm etwas verkaufe, dann ist das einfach Lüge und Diebstahl. Es ist sonnenklar, dass dem eine tiefe moralische Krise zugrunde liegt. Das Schlimmste ist aber, dass das von Menschen begangen wird, die an den besten Unis der westlichen Welt studiert haben, also an der angeblichen Heimstätte aller höheren Bildung – dieser Merkwürdigkeit werden wir nachgehen.“

Am 1. Mai kam die Meldung in Radio Vatikan, dass sich Papst Benedikt deutlich für eine stärkere Regulierung der Weltwirtschaft ausspricht: „Vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise und der Verteilungsdiskussionen rund um den 1. Mai hat sich der Papst für eine stärkere Regulierung der Weltwirtschaft ausgesprochen. An die Stelle einer Wirtschaftstheorie im Sinne einer Spirale von Produktion, Konsum und Weckung von Bedürfnissen müsse eine Sicht treten, die ökonomisches Handeln als praktische Ausübung der Verantwortung auffasst, „die Würde des Menschen zu fördern“.

Im Auge behalten werden müssten „die Suche nach dem Gemeinwohl, die integrale Entwicklung – politisch, kulturell und spirituell – des Individuums, der Familie und der Gesellschaft“, so Benedikt XVI. In seiner Rede forderte der Papst die Wissenschaftler auf, nach objektiven Bewertungskriterien für wirtschaftliche Strukturen, Institutionen und Entscheidungen zu suchen. Die Finanzkrise habe die Brüchigkeit des gegenwärtigen ökonomischen Systems gezeigt. Dadurch sei die These widerlegt worden, dass der Markt sich allein regulieren könne. Die Beziehung zwischen Menschen dürfe nicht nur auf Eigeninteresse und Profitsuche reduziert werden.“ Besser könnten es auch nicht Gewerkschafter formulieren.

Nicht nur der Papst, auch deutsche Bischöfe haben um den 1. Mai deutlich Position bezogen: Der Berliner Kardinal Georg Sterzinsky hat sich in der Öffentlichkeit für gerechtere Strukturen eingesetzt. Er sprach sich für Mindestlohn und Schutz vor Ausbeutung aus: „ Wenn die Tarifpartner die Forderung akzeptierten, dass Menschen von ihrer Arbeit leben können, müssten sie auch Mindestlöhne garantieren, sagte der Erzbischof am Freitagabend in Berlin in einem Gottesdienst zum „Tag der Arbeit“.

Zudem forderte er, auch „illegale“ Arbeitnehmer müssten sich an die Arbeitsgerichte wenden können, ohne ihre Abschiebung zu riskieren. Weil es bislang nicht der Fall sei, begünstige dies ungerechte Arbeitsverhältnisse. Auch wer gegen die Beschäftigung von Zuwanderern ohne Aufenthaltsstatus sei, dürfe solche Verhältnisse nicht dulden. Sterzinsky bezeichnete beide Forderungen als „Fronten, an denen die Kirche kämpfen muss“.

Dabei brauche die Deutsche Bischofskonferenz die Unterstützung von Verbänden wie der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB).
Der Mainzer Erzbischof, Kardinal Karl Lehmann, forderte „eine ganz neue Solidarität“ in der zerrissenen Gesellschaft“. Dort herrschten oft nur einzelne Interessen und Bedürfnisse vor, kritisierte Lehmann. Nach katholischer Soziallehre sei wechselseitige Solidarität jedoch eine ethische Pflicht, betonte der Kardinal beim traditionellen Empfang zum 1. Mai. Dabei rief die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Ingrid Sehrbrock, dazu auf, „der sozialen Marktwirtschaft zu einer neuen Renaissance zu verhelfen“. Sehrbrock kritisierte, dass Grundsatzprogramme in der Politik „praktisch keine Rolle mehr spielen.“

In der österreichischen Caritas wurde am 1. Mai eine Sozialverträglichkeitsprüfung für jede Art von Konsolidierung der Haushalte gefordert: „Die Caritas Österreich fordert von der Politik ein effektives Maßnahmenpaket zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit.“

Der Wiener Caritasdirektor Michael Landau schlug bei einer Pressekonferenz in Wien Alarm: „So mancher Politiker redet sich das Ende der Wirtschaftskrise herbei, tatsächlich ist die soziale Krise noch lange nicht überwunden. 266.000 Menschen waren im März beim Arbeitsamt als erwerbslos gemeldet, weitere 84.000 waren in Schulungen. Nach unseren Angaben kommen derzeit auf eine freie Stelle 13 erwerbslose Personen. Seit langem gibt es außerdem ein hohes Maß an struktureller Erwerbslosigkeit, das durch die Wirtschaftskrise noch verschärft wird.“

Die schuldlosen Opfer der Wirtschaftskrise und der Arbeitslosigkeit selbst für ihr Schicksal verantwortlich zu machen, sei nichts anderes als ein Versuch, von der eigenen Hilflosigkeit und von mangelnder Lösungskompetenz abzulenken. „Deshalb fordern wir von Caritas eine Sozialverträglichkeitsprüfung für jede einzelne geplante Maßnahme zur Budgetkonsolidierung. Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit muss zur politischen Querschnittmaterie werden. So geht es bei Erwerbslosigkeit auch um Gesundheits- und Bildungspolitik. Arbeitslosigkeit macht krank, und Krankheit macht oft arbeitslos. Wer die Kosten im Gesundheitssystem reduzieren will, muss auch Arbeitslosigkeit bekämpfen.“

Die Caritas der Erzdiözese Wien engagiert sich seit 20 Jahren im Bereich der aktiven Arbeitsmarktpolitik für langzeiterwerbslose Frauen und Männer. Mit einem Projekt und 12 Transitarbeitskräften wurde im Jahr 1990 begonnen. 20 Jahre später bietet die Caritas österreich weit rund 40 Beschäftigungsprojekte mit insgesamt rund 500 Arbeitsplätzen an.“

Die Finanzkrise rund um Griechenland lässt auch die griechisch-orthodoxe Kirche nicht kalt.  Metropolit Michael Staikos von Österreich nimmt deutlich Stellung: „Zutiefst bedauerlich sei jedoch die derzeitige „Hetze“ gegen Griechenland wegen der notwendigen Staatskredite, so Staikos weiter. Der Metropolit ortet diese Stimmung fast ausschließlich im deutschsprachigen Raum und bemängelt fehlende Solidarität. Die Situation zeige, „dass die Europäische Union nur auf Fundamenten aus Geldscheinen gebaut ist“. Staikos wörtlich: „Ist es nicht ein deutliches Zeichen des Fehlens von ethischen Werten, wenn ein Volk nur geliebt wird, solange es zahlungsfähig ist?“ Die Gefahr sei groß, dass „alte Gräben und Wunden“, die im vergangenen Jahrhundert geschlagen wurden, wieder aufbrechen könnten. Die populistische Stimmungsmache verschiedener Medien und Politiker sei unverantwortlich.“

Diese Nachrichten allein von Radio Vatikan zeigen, dass die Diskussion über gesellschaftsethische Orientierungen und Leitplanken nicht nur eine kirchliche Angelegenheit ist. Die christlichen Kirchen haben in den letzten Jahrhunderten sowohl in ihrer sogenannten offiziellen Lehrverkündigung (Päpste, Bischöfe) aber auch in Stellungnahmen ihrer Verbände (u.a. Katholische Arbeitnehmerbewegung) und ihrer Mitarbeiter (Betriebsseelsorge) oft deutliche Partei für die Arbeitnehmer und ihre Sorgen und Nöte ergriffen.

Schon lange ist dies eine gemeinsame christliche Aufgabe, wie das gemeinsame Hirtenwort zur sozialen Frage zeigte, aber auch die vielfältigen gemeinsamen Aktionen wie z.B. in der Allianz für den freien Sonntag. Längst sind die Gegensätze zwischen den sogenannten  „Schwarzen“, also den Christen, und den „Roten“, also den Gewerkschaftern, einer Kooperation in kritischer Solidarität gewichen.

Klar ist natürlich, dass nicht jeder Christ alles was in den Gewerkschaften gesagt und getan wird, in jedem Punkt unterstützen kann. Umgekehrt kann natürlich auch nicht jedes Gewerkschaftsmitglied jede christliche Argumentation nach vollziehen.

Die Gemeinsamkeiten gerade auf gesellschaftsethischem Gebiet sind deutlich und die Unterschiede nehmen sogar ab. Denn beide wissen mittlerweile, die Gegner sind eher im sogenannten Lager der Deregulierer und absolut Marktgläubigen zu finden. Der derzeit fast ungebändigte Markt zerstört wie in der Finanzkrise besichtigt, nicht nur wirtschaftliche Werte, sondern auch die ethischen Grundlagen der Gesellschaft. Ohne ethisches Fundament, ohne gesellschaftsethische Orientierungen zerfällt eine Gesellschaft und zerstört jede Art von Gemeinschaft und Bindungen. Ohne Gemeinschaft und Bindungen gibt es keine Entwicklung einer Gesellschaft und keine Nachhaltigkeit.

Diese Sonder-Ausgabe in denk-doch-mal will im Sinne einer Gesamtbaustelle, einige Gewerke vorstellen, die sich dieser Baustelle annehmen – ohne den Anspruch der Vollständigkeit.

Mit Erzbischof Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, startet die Sonderausgabe. Sein Beitrag ist der Sozialenzyklika „Caritas in veritate“ von Papst Benedikt XVI. in Gänze gewidmet. Sein Titel: In Liebe und Wahrheit die Globalisierung gestalten.

Prof. Marianne Heimbach-Steins, geht der Frage nach, wie die Sozialverkündigung der Kirche angesichts der Glboalisierung aussieht.

Den Blickwinkel der Caritas auf die Sozialenzyklika richtet Dr. Thomas Steinforth,Vorstandsreferent im Caritasverband der Erzdiözese München und Freising e.V.

Dr. Markus Seibt, Dipl.- Theologe, stellt das Päpstliche Dokument in den Kontext der Berufsbildenden Schulen bzw. des Religionsunterrichts an berufsbildenden Schule.

Dr. Axel Kunze, derzeit an der Universität Trier beschreibt den umfassenden Anspruch auf Bildung.

Prof. Markus Vogt, von der Münchener Ludwig Maximilian Universität, setzte einen besonderen Impuls für die Vollversammlung des Diözesanrates München und Freising. Er erläuterte das Thema Arbeit aus der Positionen der katholischen Soziallehre.

Die Wurzeln der Betriebsseelsorge beschreibt Dr. Manfred Böhm, Leiter der Betriebsseelsorge im Erzbistum Bamberg.

Die KAB beschäftigt sich mit der Sozialenzyklika von Papst Benedikt XVI:

– Martin Mohr tut dies aus der Sicht der örtlichen Praxis: Der menschliche Preis ist immer auch ein wirtschaftlicher Preis.

– Der Betriebsseelsorger und Augsburger KAB Diözesanpräses Erwin Helmer ist der festen Überzeugung, dass die erste Sozialenzyklika von Papst Benedikt XVI. dreizehn Wege aus der Krise konkret aufzeigt.

– Dr. Siegfried Ecker vom Bildungswerk der KAB Bamberg fordert zum sozialethischen Handeln auf

Hermann-Josef Kronen vom Volksverein Mönchengladbach, gemeinnützie Gesellschaft gegen Arbeitslosigkeit, untersucht die Dauerkrise Langzeitarbeitslosigkeit. Eine sozialethische Näherung eines parteiischen Praktikers.

Hans Ludwig, Jahrzehnte in führenden KAB-Positionen tätig, stellt die Plattform soziale Marktwirtschaft vor – als Einladung an alle sich daran zu beteiligen.

Schließlich veröffentlichen wir in dieser Sonderausgabe ein Interview mit Fritz Schösser, dem ehemaligen DGB-Landesbezirksvorsitzenden in Bayern. Als Dokumente fügen wir an die Nürnberger Erklärung (Gemeinsamer Mahnruf für Gerechtigkeit) der Katholischen Stadtkirche Nürnberg und des Evangelisch-Lutherischen Dekanats Nürnberg, der Katholischen Betriebsseelsorge, des Evangelischen Kirchlichen Dienstes i.d. Arbeitswelt und des DGB Region Mittelfranken zur Wirtschafts- und Finanzmarktkrise.

(zu finden auch unter:

http://www.endres-bildung.de/index.php?p=pol_bildung&p1=pb_beitraege&kat…)

siehe auch:

http://www.wertewandel-jetzt.de