Editiorial

Von: Dr. Klaus Heimann (Freier Journalist, Moderator und Berater, Berlin), Dr. Roman Jaich (Wissenschaftlicher Mitarbeiter von ver.di und der Regiestelle weiter bilden, Berlin)

Dr. Klaus Heimann

Freier Journalist, Moderator und Berater, Berlin

Dr. Klaus Heimann, arbeitet als Freier Journalist, Moderator und Berater in Berlin. Er war bis Ende 2012 Ressortleiter Bildung beim Vorstand der IG Metall in Frankfurt/M.. Er war Mitarbeiter im Bundesministerium für Bildung und Forschung und im Bundesinstitut für Berufsbildung. Seine Berufsausbildung absolvierte er als Maschinen-Schlosser. Er studierte an der Ruhr-Universität Berufs- und Wirtschaftspädagogik in Bochum und promovierte dort. Er war viele Jahre Aufsichtsratsmitglied bei der MAN AG in München und als Berater in dieser ...
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Dr. Roman Jaich

Wissenschaftlicher Mitarbeiter von ver.di und der Regiestelle weiter bilden, Berlin

Dr. Roman Jaich, Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann, danach Erwerb der Hochschulreife und Studium an der Universität Kassel im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften mit volkswirtschaftlicher Ausrichtung. Im Anschluss an das Studium wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kassel im Fachgebiet Wirtschaftsrecht von Prof. Bernhard Nagel. Mitarbeit an verschiedenen Forschungsprojekten, z.B. zur „Konstituierung Europäischer Betriebsräte“ und zur „Finanzierung von Bildung in Deutschland“. Arbeitsschwerpunkte: Ökonomische Analyse des Rechts, Ökonomische Analyse des Arbeitsrechts, Mitbestimmungsforschung und Bildungsökonomie. Promotion zum Thema „Globalisierung und ...
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Der demografische Wandel ist das Schlagwort, dem neben dem der Wirtschaftskrise eine große öffentliche Wahrnehmung bestimmt ist. Relativ unbestritten ist in diesem Zusammenhang noch, dass die Bevölkerung in Deutschland in den nächsten Jahrzehnten schrumpfen wird. Unterschiedliche Auffassungen bestehen jedoch darüber, welche Konsequenzen dies hat und was die geeigneten Handlungsoptionen sind. Wenn z.B. Unternehmensverbände schon jetzt einen Fachkräftemangel sehen und als Lösung für dieses Problem Veränderungen in der Zuwanderungspolitik fordern, so ist darauf hinzuweisen, dass in diesem Fall die deutschen Unternehmen die Qualifizierung ihres Nachwuchses schlicht verschlafen haben oder Bund und Länder in ihrem ewigen Gerangel in der Hochschulpolitik immer noch nicht viel erreicht haben, um den Zugang von Facharbeitern zur Hochschule zu ermöglichen. Damit haben wir auch gleich die Chancen thematisiert: Es geht darum, den demografischen Wandel für die Erneuerung des deutschen Bildungssystems zu nutzen oder die Neugestaltung der Arbeitsorganisation in den Betrieben voranzutreiben.

In dieser Online-Ausgabe von denk-doch-mal wollen wir dem Schlagwort nachspüren. Was ist wirklich dran an dem demografischen Wandel? Wird der Begriff nur genutzt, um die eigene Handlungsunfähigkeit zu kaschieren, wie dies in den 90er Jahren durch den Begriff „Globalisierung“ erfolgte oder haben wir es tatsächlich mit einem realen Phänomen zu tun, dass Deutschland vor neue Herausforderungen steht. Um es vorweg zu nehmen, wie meist liegt die Wahrheit in der Mitte.

Christian Schwägerl, Spiegel-Redakteur, sagt: Eine Schicksalsfrage ja, aber keineswegs Schicksal. Er ist davon überzeugt, dass Deutschland es sich nicht noch einmal leisten kann, grundlegende Veränderungen so lange zu ignorieren. „Man stelle sich vor, auf was für einer schiefen Bahn das Land wäre, wenn nicht einige Pioniere das Thema mit großer Beharrlichkeit an die Öffentlichkeit gebracht hätten. Familien, Schulen, Zuwandererkinder und die Ältesten wären weiter marginalisiert, mit schlimmen Folgen. Es hat sich herausgestellt, dass vermeintlich »weiche« Themen in Wahrheit knallhart über die Lebensqualität und die Leistungsfähigkeit Deutschlands entscheiden, stärker als manches angeblich »harte« Thema.“

Josef Reindl, vom iso-Institut in Saarbrücken, sieht zwei Konzepte, die hier weiterhelfen können. Sie heißen Altersmischung und die biographieorientierte Gestaltung der Entwicklungswege für Ingenieure. „Durch die Altersmischung kann größere Stabilität in die Innovationsprozesse kommen und durch Fachkarrieren die Emigration aus den FuE-Bereichen, die zur Mitte des Arbeitslebens wahrscheinlich wird, gestoppt werden. Erst durch solche Vorkehrungen wird die größere Präsenz Älterer in der FuE zu einer Chance für die Unternehmen, ihre Innovationsprozesse zu konsolidieren, und für die Beschäftigten, sinnvoll und befriedigend ihr Arbeitsleben im höheren Alter zu leben.“

Susanne Tatje, Demografiebeauftragte der Stadt Bielefeld, sieht die Folgen einer schrumpfenden und älter werdenden Bevölkerung in nahezu allen Bereiche der Stadtpolitik: Finanzen, Verkehr, Wohnen, Gesundheit, Pflege und Bildung. Kann Kommunalpolitik etwas tun? Zwar werden entscheidende Weichen auf den Ebenen von EU, Bund oder Ländern gestellt, aber die Entscheidung zum Nichtstun ist die schlechteste Möglichkeit. Die Soziologie ist überzeugt,„die Entwicklung birgt auch eine Chance für Kommunalpolitik: Sie kann rechtzeitig Maßnahmen zur Gestaltung der demographischen Entwicklung planen.“

Die darauf folgenden Beiträge greifen die Frage auf, wie sich der demografische Wandel auf den betrieblichen Alltag auswirkt. Die Beiträge reichen hierbei von den Anforderungen an eine alternsgerechte Organisation der Arbeit bis hin zu konkreten Vorschlägen, wie Unternehmen sich auf den zukünftigen Fachkräftemangel einstellen können.
Jürgen Strauss, Soziologe der in Berlin lebt und die IG Metall berät, versucht die Generationengerechtigkeit im Betrieb – das Altern zu entschlüsseln.

Urs Ruf, von der Technologieberatungsstelle in Bielefeld, berichtet, das als  Reaktion auf die noch immer geringe Verankerung des Themas „Demografischer Wandel“ in den Unternehmen in Nordrhein-Westfalen Landesregierung, DGB NRW und die Landesvereinigung der Unternehmensverbände NRW das Ziel vereinbart haben, eine gemeinsame Initiative unter dem Titel „Demografie-Aktiv“ ins Leben zu rufen. Diese stellt allen Unternehmen kostenfrei ein Management-Instrument zur Verfügung, mit dem den negativen Auswirkungen des demografischen Wandels innerhalb der Unternehmen wirkungsvoll begegnet werden kann. Die Erfahrungen mit diesem Instrument stehen im Mittelpunkt des Berichts.

IG Metall und ver.di haben schon vor Jahren einen Arbeitskreis einberufen, in dem prominente Wissenschaftler und Arbeitsdirektoren über Strukturen nachhaltiger Personalentwicklung diskutieren. In 2009 haben die Wissenschaftler und Arbeitsdirektoren ihre Empfehlungen „Demografischen Wandel in Unternehmen gestallten“ vorgelegt, aus dem wir einen Auszug präsentieren. Demografischer Wandel heißt nicht nur die Politik auffordern, Rahmenbedingungen zu verändern sondern bietet auch die Möglichkeit innerhalb der bestehenden Regelungen Veränderungen in den Betrieben vorzunehmen.

Es gibt Unternehmen, die schon vor Jahren gesehen haben, was auf sie zukommt und was zu tun ist. Die üstra AG in Hannover ist ein solches Unternehmen. Es lag daher nahe, mit einem Praktiker aus dem Unternehmen über die Gründe zu sprechen, die das Unternehmen bewogen haben, sich mit dem Thema Demografischer Wandel schon vor Jahren auseinander zu setzen. In dem Gespräch mit Dr. Ulrich Fischer von der  üstra AG ging es natürlich auch um seine Erfahrungen bei der Umsetzung von Maßnahmen.

Jörg Ferrando vom IG Metall Vorstand, Bereich Bildung- und Qualifizierungspolitik in Frankfurt, ist an dem  europäische Projekt SKRAT (Strategic Practices for Know-how Rentation And Transmission within Organisations) beteiligt, dass darauf abzielt, Instrumente zu entwickeln, die es kleinen und mittleren Unternehmen ermöglicht, dem demografischen Wandel zu begegnen. In seinem Beitrag „Strategien für den Erhalt und Transfer von Know-how in Unternehmen (SKRAT)“ beschreibt er den bisherigen Stand des Projekts.

Der abschließende Beitrag weist darauf hin, dass der demografische Wandel nicht nur in Deutschland ein Diskussionsthema ist. In den europäischen Nachbarländern wird das Thema in fast gleicher Weise diskutiert. Es liegt daher nahe, Demografie und die Risiken und Nebenwirkungen gemeinsam zu diskutieren. Und genau dies macht die IG Metall.