Berufliche Qualifizierung von Jugendlichen und Erwachsenen mit Migrationshintergrund

Von: Ulrich Degen (Ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundesinstituts für Berufsbildung, Bonn)

Ulrich Degen

Ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundesinstituts für Berufsbildung, Bonn

Bonn: Renter; 1977 bis 2008 wissenschaftlicher und leitender Mitarbeiter im Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB) Berlin und Bonn, diverse Projektleitungen zu Fragen der beruflichen Aus- und Weiterbildung u.a. für das BMBF und im Übergang nach der Wiedervereinigung. Zwischen 1994 und 2000 beratend in der Berufsbildung in der Türkei für die Weltbank tätig und zuletzt Leiter des BiBB-Arbeitsbereichs ‚Kompetenzentwicklung‘. Mehrere Jahre Arbeitnehmervertreter im Prüfungsausschuss der IHK zu Köln für den Ausbildungsberuf ‚Fachangestellte/r für Markt- und Sozialforschung‘. Ehrenamtliche ...
[weitere Informationen]


Chancengleichheit herstellen, Prekarität abbauen

Um gesellschaftliche Integrationsprozesse erfolgreich gestalten zu können, bedarf es einer klaren politischen Prioritätensetzung für Bildung, Qualifizierung und Arbeit. Wo mangelnde Sprachkenntnisse, fehlende Perspektiven, Unwissenheit und Bildungsferne, Intoleranz, Arbeitslosigkeit und das Gefühl, nicht Teil dieser Gesellschaft zu sein, zusammenkommen, sei der Nährboden für Frustration groß, so ein Fazit der Fachtagung Integration, Bildung und Kultur der Friedrich-Ebert-Stiftung Ende 2010. An dieser Einschätzung hat sich bis heute nichts geändert. Aktuell findet dies seinen Niederschlag z.B. im Bericht der UN, der diagnostiziert, dass sich Migrantinnen und Migranten in Deutschland nach wie vor großen Einschränkungen ihres Rechts auf Bildung und Beschäftigung gegenüber sehen.

Menschen mit Migrationshintergrund haben ein großes, unzureichend ausgeschöpftes Potenzial an Ressourcen, die es in Schule, Ausbildung und Beruf deutlich zu nutzen gilt. Insofern ist Migration für alle in der Gesellschaft auch immer Chance: für die die schon immer oder länger hier leben wie für diejenigen, die erst vor kurzem zugewandert sind. Allerdings weisen gerade wissenschaftliche Analysen zur beruflichen Aus- und Weiterbildung von Jugendlichen und Erwachsenen mit Migrationshintergrund immer wieder darauf hin, dass es hier noch viele grundlegende institutionelle und einige wenige individuelle Hemmnisse und Hürden zu beseitigen gilt. Der Abbau institutioneller Ausgrenzungsprozesse und Benachteiligungen beim Zugang zu beruflicher Bildung und qualifizierter Erwerbsarbeit ist eine wesentliche Voraussetzung für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft.

Die Beiträge dieses Themenheftes ‚Migration‘ des Online-Magazins für Arbeit, Bildung, Gesellschaft www.denk-doch-mal.de greifen deshalb zentrale Aspekte des Themenkomplexes ‚Jugend & Ausbildung‘ sowie ‚Arbeitsmarkt & Betrieb‘ auf und geben einen Einblick in aktuelle gesellschaftliche und wissenschaftliche Diskussionen zum Thema ‚Berufliche Qualifizierung von Jugendlichen und Erwachsenen mit Migrationshintergrund‘. Zum Einstieg dienen die Erläuterungen von A. Settelmeyer zum Thema ‚Migrationshintergrund‘ sowie der Überblick über muslimisches Leben in Deutschland von S. Haug und A. Stichs. Zudem geht Th. Geisen dieses Kapitel abschließend den besonderen Fragen und Schwierigkeiten der Selbstpositionierung jugendlicher Migrantinnen und Migranten in der Phase der Adoleszenz nach.

Im Themenkomplex ‚Jugend und Ausbildung‘ untersucht I. Bednarz-Braun die Frage, wie Auszubildende in Klein- und Großbetrieben ihre gemeinsame Ausbildung bei unterschiedlicher ethnischer Herkunft bewerten und welchen Einfluss dies auf den Ausbildungsverlauf bzw. -erfolg von Auszubildenden mit und ohne Migrationshintergrund hat. U. Beicht und M. Granato arbeiten heraus, welche Faktoren und Rahmenbedingungen die geringen Ausbildungschancen junger Frauen und Männer mit Migrationshintergrund beeinflussen und wo trotz aller Möglichkeiten zu Verbesserung der Bildungs- und Ausbildungszugänge für Jugendliche mit Migrationshintergrund ein strukturelles Defizit bei der beruflichen Integration dominant bleibt.

M. Bethscheider lässt aus der Perspektive des ausbildenden Personals die Problemlagen der Auszubildenden mit Migrationshintergrund Revue passieren und zeigt Möglichkeiten auf, wie eine binnen- und personendifferenzierte Unterweisung durch das Ausbildungspersonal eine erfolgreiche Qualifizierung im Betrieb zu befruchten vermag. Ergänzt werden diese Überlegungen durch N. Kimmelmanns ‚cultural diversity management‘-Ansatz in der Ausbildung, der Verbesserungen im Ausbilderhandeln, insbesondere im Umgang mit heterogenen Lerngruppen in der Ausbildung verspricht.

Im Themenkomplex ‚Arbeitsmarkt und Betrieb‘ geht H. Seibert differenziert der Frage nach, wie die Chancenverteilung auf dem Arbeitsmarkt zwischen jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund mit oder ohne Ausbildungsabschluss aussieht und wo Möglichkeiten zur Verbesserung insbesondere bei denjenigen ohne Ausbildungsabschluss bestehen.

H. Nehls greift einen sehr aktuellen, in der Vergangenheit häufig vernachlässigten Aspekt auf, wie unter den gegenwärtigen Bedingungen im Ausland erworbene Berufsqualifikationen in Deutschland anerkannt werden können und wo es hier besondere institutionelle Defizite gibt, die abgebaut werden müssen. D. Moraal thematisiert in seiner Analyse betrieblicher Weiterbildungsangebote für Mitarbeiter ausländischer Herkunft die generelle Frage der weiterhin defizitären betrieblichen Weiterbildung in Deutschland und spiegelt dies an der Gruppe betrieblicher Mitarbeiter ausländische Herkunft. Dass sich in Deutschland mit einer vielfältigen durch ausländische Inhaber geprägten Unternehmenskultur noch mehr Betriebe und Unternehmen als bisher in der Ausbildung von Jungendlichen mit und ohne Migrationshintergrund engagieren könnten und sie dies auch wollen, legt S. Rass-Turgut in ihrem Beitrag dar. Abgerundet wird dieser Themenkomplex durch die Betrachtung von E. Schweigard-Kahn zu den Möglichkeiten zur beruflichen Nachqualifizierung und insbesondere wie Betriebe und Unternehmen diese unter den je spezifischen Bedingungen ihrer Rekrutierungspläne und -absichten beurteilen.

Die Redaktion wünscht den Lesern dieses Themenheftes nicht nur interessante, kurzweilige Beiträge, sondern auch Anregungen für ihre tägliche Praxis im Umgang mit der Bildung, Ausbildung, Qualifizierung und Einstellung von Jugendlichen und Erwachsenen mit Mitgrationshintergrund – und dass die künftigen Migrationsdebatten keine Debatten von Deutschen untereinander und über sich bleiben, wie es Göktürk, Gramling, Kaes und Langenohl in ihrem aktuellen Band ‚Transit Deutschland‘ so treffend beschreiben. (Deniz Göktürk, David Gramling, Anton Kaes, Andreas Langenohl (Hg.): Transit Deutschland. Debatten zu Nation und Migration. Eine Dokumentation. Konstanz University Press, 2011)

Hinweis der Redaktion: Die Idee und die Arbeit für diese SONERAUSGABE hatte Ulrich Degen. Dafür unseren herzlichen Dank. Übrigens alles was bei denk-doch-mal geschrieben, redigiert oder layoutet wird ist ehrenamtlich und ohne Entgelt.