Editorial

Von: Gerhard Labusch (Ausbilder und Betriebsrat)

Gerhard Labusch

Ausbilder und Betriebsrat

Gerhard Labusch-Schönwandt, geb. 1952, war Betriebsrat und als Ausbilder im technischen, kaufmännischen und Dienstleistungsbereich, sowie in der Qualifizierung von Ausbildungspersonal tätig. Heute arbeitet er als Bildungsplaner für die Qualifizierung von Ausbildungspersonal und als Berater in Fragen der beruflichen Erstausbildung. Seit vielen Jahren Sachverständiger in Neuordnungsverfahren verschiedener Berufe für ver.di und IG Metall; Mitglied in Prüfungsausschüssen bei der Handelskammer für Fortbildungs- und Erstausbildungsberufe; Mitglied in Fachausschüssen der AKA. Mitglied im Fachausschuss für die Geprüften Berufspädagogen und ...
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„Jedes Jahr werden rund eine halbe Millionen Abschluss- und Gesellenprüfungen in anerkannten Ausbildungsberufen abgelegt“, berichtet Prof. Reinhold Weiss in der BIBB-Hauspostille. Hinzu kommen noch die Prüfungen im Bereich der beruflichen Aufstiegsfortbildung. Die Zahlen sind gewaltig, aber wie steht es um die Qualität der Prüfungen?Prüfungen wirken bekannter Maßen in die Ausbildung zurück und bestimmen somit maßgeblich über die Qualität der beruflichen Erstausbildung sowie der beruflichen Aufstiegsfortbildung. In den vergangen Jahren hat sich die Arbeitswelt stark verändert. Immer häufiger wird von flachen Hierarchien, Prozessorientierung der Arbeit, berufliche Handlungsfähigkeit und der zunehmenden Bedeutung von Soft-Skills gesprochen. Die damit verbundenen Anforderungen an eine künftige Arbeitskraft haben in immer mehr Ausbildungsverordnungen Eingang gefunden.

Betriebliche Ausbildung folgt den  realen Ansprüchen der Arbeitswelt. Ganz anders ist das bei den Prüfungen. Die Prüfungsrealität hat sich nur marginal verändert und dies, obwohl das Berufsbildungsgesetz (BBiG) die Anforderung an eine Prüfung wie folgt beschreibt: „Durch die Abschlussprüfung ist festzustellen, ob der Prüfling die berufliche Handlungsfähigkeit erworben hat. In ihr soll der Prüfling nachweisen, dass er die erforderlichen beruflichen Fertigkeiten beherrscht, die notwendigen beruflichen Kenntnisse und Fähigkeiten besitzt und mit dem im Berufsschulunterricht zu vermittelnden, für die Berufsbildung wesentlichen Lehrstoff vertraut ist.“

Ein Schritt in diese Richtung war die Einführung des „Betrieblichen Auftrag“ als ein Prüfungsinstrument in die Verordnungen der Metall- und Elektroberufe. Doch dieses Instrument ist bis heute umstritten, weniger als 50 Prozent der Prüfungen werden nach diesem Muster abgelegt.

Bis heute, wird in schriftlichen Prüfungen häufig an alten Mustern festgehalten. So wird zur Teil reines Faktenwissen abgefragt, Auswahlaufgaben sind weiterhin en vogue und vieles mehr. Wie steht es um die Prüfunge? Das wollten wir genauer wissen. Deshalb fragen wir „Moderne Ausbildung und die Prüfung nur altbacken?“. Das ist das Thema dieser Online-Ausgabe von DENK-doch-MAL.

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Die Hamburger Clive Hewlett und Andreas Kahl-Andresen von der Behörde für Schule und Berufsbildung plagen große Zweifel, ob in Deutschland richtig geprüft wird. Sie verdeutlichen das an einem Beispiel: der Prüfung eines Piloten. Sicherlich sei es kostengünstiger, auf Flugzeug, Prüfer und Fluglehrer zu verzichten und stattdessen einen Aufsatz oder gar einen Multiple-Choice-Test über das Führen eines Flugzeugs schreiben zu lassen. Aber das wäre nicht valide, da sich so nicht herausfinden ließe, ob jemand wirklich ein Flugzeug fliegen kann. Anders ausgedrückt: der Nutzen derartiger Prüfungsformen ist zweifelhaft.

Ute Schmoldt-Ritter ist Beraterin im Rahmen des Projektes prüf_mit bei der IG Metall. Sie erzählt im Interview begeistert von ihrer Mitarbeit. „Es hat sich ein Arbeitskreis von erfahrenen Bildungsexperten zusammen gefunden. Wir sind alle langjährig als Prüfer tätig und einige von uns sind auch Sachverständige in dem jeweiligen Beruf. In diesem Arbeitskreis tauschen wir uns aus und diskutieren Anregungen für unsere Beratungstätigkeit. Es ist immer spannend zu erfahren, was in den einzelnen Regionen unseres Landes in Sachen Bildung los ist. Wir haben uns zu einem regelrechten Fachforum entwickelt. Wir diskutieren aktuelle Fragestellungen aus der Verordnungsarbeit und geben uns Impulse für unsere Gewerkschaftsarbeit im Rahmen der beruflichen Bildung und natürlich im Prüfungswesen.“

Wissensbasierte Prüfungen stehen der prozessorientierten Struktur und Gestaltung von Aus- und Fortbildung diametral entgegen. Es kommt daher immer wieder zu Diskussionen darüber, wie die Prüfungen stärker den Anforderungen der Berufswirklichkeit angepasst werden sollten – statt umgekehrt. Wie das konkret aussehen kann, das zeigen Gerd Labusch und Dr. Hans-Joachim Müller in ihrem Beitrag.

„Es geht es nicht mehr darum Wissen abzufragen, sondern Berufliche Handlungskompetenz zu vermitteln“, so erläutert Annegret Biller von ver.di im Interview. Im Fachgespräch soll der Prüfling zeigen, dass er Zusammenhänge erfassen und erläutern kann. Dies zu bewerten ist eine neue Kultur der Prüfungsabnahme. „Wir bieten deshalb Übung in unserem Qualifizierungsseminaren in simulierten Prüfungssituationen an. Das Fachgespräch wird per Video aufgezeichnet und ausgewertet, so können die Prüferinnen die Prüfer sowie die Interessierten ihre Rolle annehmen zum Wohle der Auszubildenden.“

Erstaunlich: Seit 34 Jahren schreiben die staatlichen Aus- und Fortbildungsordnungen vor, dass handlungsorientiert geprüft werden muss und dennoch ist dies (k)ein Thema für die Prüfungsaufgabenerstellung. Der Beitrag von Rainer Brötz, Maren Keup-Gottschalck und Gerd Labusch thematisiert die Frage, warum nach so langer Zeit dies immer noch Probleme in der Umsetzung bereitet. Welche Widerstände und Ursachen gibt es dafür? Ist der rechtliche Anspruch überhaupt einzulösen? Die Autoren greifen dabei auf langjährige Erfahrungen zurück, die sie bei der Erstellung von Aufgaben und im Rahmen von Prüfungen gewinnen konnten.

Noch einmal Verwunderung: Die Probleme bei der Rekrutierung von Prüfer/-innen in der Fachdiskussion sind kein Thema. Obwohl der Mangel an qualifizierten Prüferinnen und Prüfern stetig größer wird. Nicht nur Abschluss- und Zwischenprüfungen in der Berufsausbildung sind davon betroffen. Noch dramatischer stellt sich die Situation für die Durchführung von Fortbildungsprüfungen dar. Was ist tun? Gunter Steffens von ver.di stellt als Lösungsansatz das Projekt www.pruef-mit.de vor.

Jährlich legen rund 30.000 Absolventinnen und Absolventen ihre Prüfung in bundeseinheitlichen kaufmännischen Fortbildungsberufen ab. Niveau: Meister-/Bachelorebene. Ihre Bedeutungszunahme aufgrund der wachsenden Beschäftigungszahlen im kaufmännisch-betriebswirtschaftlichen Handlungsfeld und die Zuordnung der Abschlüsse auf Niveau 6 des DQR förderten in den vergangenen Jahren konzeptionelle Entwicklungen zur Standardisierung dieser Fortbildungsregelungen und ihrer Prüfungsformen. Dennoch: „Wir sind noch am Anfang, um die Angemessenheit der Prüfungsformen und Qualität richtig zu erfassen“, meinen die Autoren Prof. Dr. Franz Kaiser und Henrik Schwarz.

Für diese Ausgabe von DENK-doch-MAL hat Gerhard Labusch die Koordination und Themenzusammstellung übernommen. Er hat die Autorinnen und Autoren eingeworben und sie motiviert hier zu schreiben. Dafür herzlichen Dank.

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Titelbild: ©goodluz-fotolia                                     Featurebilder: ©Klaus Heimann