Wie viel politische Bildung braucht Arbeit 4.0?

Von: Doris Aschenbrenner (Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Zentrum für Telematix)

Doris Aschenbrenner

Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Zentrum für Telematix

Doris Aschenbrenner ist Diplominformatikerin mit dem Schwerpunkt Robotik. Netzpolitische Sprecherin der BayernSPD. Sie arbeitet als Wissenschaftlerin am Zentrum für Telematik und schreibt an ihrer Doktorarbeit im Bereich Mensch-Roboter-Interaktion. Sie Mitglied der GEW. Sängerin im Ensemble Chorioso Würzburg und anzutreffen beim Chaos-Treff Würzburg Nerd2Nerd und im Fablab Würzburg.


„Ich bin fest davon überzeugt, dass die Digitalisierung alte Fragen über Verteilung, Mitsprache und Gerechtigkeit im Allgemeinen neu aufwirft.“

Neben der generellen Notwendigkeit politisch gebildeter Bürgerinnen und Bürger, speziell Arbeiterinnen und Arbeiter im Allgemeinen, stellt sich doch die Frage, in wieweit die Digitalisierung der Arbeitswelt einen zusätzlichen Bedarf nach politischer Bildung schafft. Dazu werde ich in diesem Artikel darauf eingehen, was sich im politischen Prozess durch die Einführung der Digitalisierung verändert hat und in wieweit das Verständnis dieser Veränderung notwendig für eine aufgeklärte Bevölkerung im 21. Jahrhundert ist.

Das Internet ist gekommen um zu bleiben

Der digitale Wandel ist mittlerweile gesamtgesellschaftlich angekommen. Wer das nicht glaubt, soll mal bei Biergartengesprächen über Facebook am Nebentisch zuhören oder Pokemon Go spielenden Kindern zuschauen. Aber auch wenn man in ein öffentliches Verkehrsmittel steigt, steckt fast jeder den Kopf in sein Handy. Das iPhone ist nächstes Jahr gerade mal zehn Jahre alt und trotzdem hat sich der kleine Begleiter in fast jedes unserer Leben geschmuggelt. Versucht euch heute mal zu bewerben, ohne dass ihr eine Emailadresse habt! Oder – seien wir ehrlich: Wie viel von privaten aber auch beruflichen Kommunikation käme mittlerweile ohne Email oder Messenger noch aus?

Ja gut, irgendwie kommt da ständig der neueste technische Kram heraus und klar, die Welt ändert sich und vielleicht wird man halt auch langsam zu alt, da mitzuhalten, aber an sich ist alles normal….

Falsch gedacht. Der digitale Wandel läuft jetzt erst so richtig warm. Wir sind mittendrin, aber es geht umso rasanter weiter. Die Leistungsfähigkeit von Computer-Schaltungen verdoppelt sich jedes Jahr. Das heißt dieses Jahr geht schon doppelt so viel wie letztes Jahr. Und nächstes Jahr verdoppelt es sich wieder. Es beschleunigt sich immer weiter. Und wir stehen aktuell daneben und tun nichts. Weil wir es immer noch nicht verstehen.

Ihr kennt das Beispiel mit dem Reis und dem Schachbrett. Das ist das gleiche Prinzip. Auf dem ersten Feld ist ein Reiskorn, auf dem zweiten zwei auf dem dritten vier und so weiter. Und am Ende, auf dem 64. Feld wäre das so viel Reis, dass man damit die gesamte Erdoberfläche bedecken könnte.

Was ich damit sagen will: Wenn sich der VW-Käfer genau so entwickelt hätte wie Computerchips, dann wäre das Auto VW-Käfer jetzt so groß wie ein Marienkäfer. Und er würde nicht maximal 160 fahren, sondern seine Maximalgeschwindigkeit wäre annähernd Lichtgeschwindigkeit. Und er würde auch nicht den normalen Preis für ein Auto kosten, sondern nur noch so etwa 3 Cent.

Was das mit Politik zu tun hat

Aber das hat doch nichts mit Politik zu tun, denkt ihr, oder? Noch ein Beispiel: Ihr wisst dass bereits bei Obama der Internetwahlkampf eine riesige Rolle gespielt hat. Noch krasser ist es allerdings jetzt bei Trump gewesen, wo man aktuell davon ausgeht, dass die sozialen Netzwerke einen noch viel größeren Einfluss hatten. Nur ein Beispiel: Bei allen Fernsehduellen haben die etablierten Medien – übrigens genauso wie jeder mit ein bisschen politischen Verstand im Kopf – gesagt, dass Clinton das Duell gewonnen hätte. In den vorherigen Wahlkämpfen hätte das ausgereicht. Diesmal nicht. Über Facebook, Twitter und so weiter ist es gelungen, das Meinungsbild jedesmal zu drehen, in dem einfach nur lange genug und auch mit offensichtlichen Falschmeldungen behauptete, dass Trump gewonnen hat.

Wir stehen vor einem ähnlichen Problem: Denn wir wissen mittlerweile, dass auch die AfD diese Methoden einsetzt und dass ein Teil der „Flüchtlingskrise“-Aufregung im Internet im Prinzip nur das Hochkochen immer derselben Suppe ist. Das sind ein paar tausend Seiten und Nutzer die sich alle gegenseitig „liken“, die aber nicht aus „echten besorgten Bürgern“ bestehen, sondern aus Algorithmen und bezahlten digitalen Marktschreiern.

Jeder der da rein gerät, fühlt sich immer wieder in seinem latenten Rassismus bestätigt – bis zu dem Punkt, dass man das dann selbst glaubt und offensiv vertritt, dass die im Internet schon recht haben und der Rest nur „Lügenpresse“ ist.

Es gibt Studien dazu. Zum Beispiel dass 44 Prozent der Kommentare unter dem Hashtag #merkelmussweg aus den USA kommen – nicht nur weil die Trump-Bewegung überschwappt, sondern weil es dort Unternehmen gibt, von denen man sich die Likes und die Kommentare kaufen kann. Das sind gar keine „echten“ Menschen dahinter und ähnliche Firmen gibt es natürlich auch an anderen Ecken der Welt.

Was will ich damit sagen?

Unser politisches System verändert sich total. Weil sich die vierte Säule unserer Demokratie wandelt. Die Medien. Das ist nicht mehr nur die Süddeutsche Zeitung  oder BILD, sondern das sind jetzt auch Facebook und eine bezahlte Hype-Maschinerie.

Haben wir schon ein Konzept, wie wir damit umgehen?

Was das mit Bildung zu tun hat

Kann unserer Politik da wirklich mithalten? Können die Politiker wirklich noch mitkommen oder sind wir schon alle abgehängt? Kommen wir, kommt unsere Gesellschaft noch mit, in dieser vierten industriellen Revolution voll von Big Data, Internet, Algorithmen, künstlicher Intelligenz und Robotern?

Ja, sie muss! Das müssen wir organisieren!

Die erste industrielle Revolution – die mit der Dampfmaschine – hat zur Gründung der Arbeiterbewegung geführt. Zur Gründung von Gewerkschaften, die seit dieser Zeit den industriellen Wandel begleiten und zwar so, dass er nicht auf dem Rücken der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ausgetragen wird. Die Gewerkschaftsbewegung hatte immer ein klares Bild vor Augen, was da grad passiert und wo sie in Zukunft hin will und war deswegen ihren politischen Mitbewerbern 30 Jahre voraus.

Ein Beispiel!

Ihr wisst alle besser als ich, dass zu Zeiten meiner Geburt vor über 30 Jahren die Kinderbetreuung noch als sozialistisches Teufelszeug verschrien war. Für uns war aber damals schon klar, dass Kinderbetreuung ein Miteinander von Familie, Beruf und Freizeit ermöglicht. Wir hatten schon damals Recht und die gesellschaftliche Entwicklung hat uns das deutlich gezeigt.

Doch wo sind heute unsere Ideen, die uns einen Denkvorsprung von 30 Jahren gegenüber der Konservativen? Wird es nicht zwangsweise um Internet und Digitalisierung gehen, in 30 Jahren, in denen jedes Jahr die Computer und Algorithmen leistungsfähiger werden?

Ich bin fest überzeugt: Wir dürfen nicht nur staunend daneben stehen. Wir müssen verstehen, was da passiert und wir müssen diesen digitalen Wandel aktiv gestalten. Es geht darum zu verhindern, dass wir in einer neuen Art der Zwei-Klassen-Gesellschaft landen.

Denn die Entwicklung ist doch jetzt schon absehbar: Es gibt die Menschen in der ersten Klasse, die den Computern, Maschinen und Robotern sagen, was diese zu tun haben. Diese Menschen werden gut bezahlt. Und es gibt die Menschen in der zweiten Klasse, die von Computern und Maschinen gesagt bekommen, was sie zu tun haben.

Ein Beispiel sind auch die zahlreichen DHL Boten, die gerade in der Weihnachtszeit die Früchte unserer digitalen Einkäufe in die Wohnungen tragen. Da wird über Software bestellt und eine andere Software gibt die Waren aus und eine dritte Software sagt, wie der Bote ideal fahren muss und überprüft ob er das auch macht.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Digitalisierung alte Fragen über Verteilung, Mitsprache und Gerechtigkeit im Allgemeinen neu aufwirft. Ein Diskurs hierüber, sowie das Finden von Lösungen setzt eine gemeinsame Anstrengung voraus.

Und in der ersten Phase, einer Analyse, wird dies eine große Bildungsaufgabe sein: Wir müssen die Prozesse der Digitalisierung verstehen. Wir müssen Computer und das Internet verstehen. Und wir müssen die politischen Konsequenzen daraus ableiten – diese sind nicht notwendigerweise so neu wie die Technologien, aber auch unsere Standardantworten brauchen eine Überprüfung unter den Rahmenbedingungen der Digitalisierung.

Deswegen brauchen selbst eingesessene Gewerkschafter*innen heute erst recht eine aufgeklärte politische Bildung, die die Prozesse der Digitalisierung unter die Lupe nimmt.