Sytemrelevanz der Weiterbildung

Aufklärung statt Worthülsen

Von: Prof. Dr. Dieter Gnahs (Senior Researcher am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung in Bonn)

Prof. Dr. Dieter Gnahs

Senior Researcher am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung in Bonn

Dieter Gnahs , Jg. 1950, war seit 2004 bis zur Pensionierung beim Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE) in Bonn tätig. Er hat Volkswirtschaftslehre und der Soziologie an der Universität Hamburg 1969-1975 studiert. Berufsbegleitend das Studium der Pädagogik an der Universität Hannover. Promotion zum Dr. phil. 1998 an der Universität Hannover; Habilitation 2001 an der Universität Duisburg; von 1975-2003 beschäftigt beim Institut für Entwicklungsplanung und Strukturforschung an der Universität Hannover; Lehrstuhlvertretung an der Universität Duisburg und an der Universität Hannover. ...
[weitere Informationen]


1. Die Krise und ihre Wirkungen

Die Weltwirtschaftskrise in den Jahren 2009/2010 ist durch Fehlspekulationen und extrem risikoreiches Handeln auf den Finanzmärkten entstanden. Die Folgen von geplatzten Krediten, von Bankinsolvenzen und Vermögensverlusten haben inzwischen auch die Realwirtschaft erreicht und führen dort zu Beschäftigtenabbau und Unternehmensschließungen, zu Auftragsrückgängen und Produktionseinbußen.

Um schlimmere Auswirkungen oder gar den Systemzusammenbruch zu verhindern, sind die Regierungen mit Bürgschaften, Krediten, Staatshilfen und Konjunkturprogrammen in die Bresche gesprungen. Die Summe dieser Hilfen erreicht astronomische Höhen: Allein in Deutschland sind über 500 Mrd. € kurzfristig mobilisiert worden, in der EU über 2,9 Bill. €. Dieser Einsatz hat in Deutschland und den übrigen Staaten die Haushalts- und Finanzplanung konterkariert, hat Sparanstrengungen und Investitionsvorhaben empfindlich getroffen.

Viele Folgen der Krise sind jetzt schon fassbar, haben die Menschen, die Betriebe, die Gesellschaft erreicht: Sparanlagen und Rückstellungen für das Alter sind vernichtet oder zumindest im Wert stark gemindert worden, durch Auftragsrückgänge wird weniger verdient, entsteht Arbeitslosigkeit, Zukunftspläne werden undurchführbar, Besitzstände gefährdet. Die Staatsverschuldung ist massiv gestiegen und wird die politischen Gestaltungsspielräume auf Jahre hin empfindlich einengen, Ausgaben werden reduziert und umgeschichtet werden müssen, es wird Erhöhungen der Staatseinnahmen über Steuer- und Gebührenerhebungen geben.

Das Ausmaß dieser Wirkungen ist noch nicht voll absehbar, da zum Beispiel abgewartet werden muss, inwieweit staatliche Bürgschaften und Garantien zum Tragen kommen und ob noch weitere Zuspitzungen in der Realwirtschaft zusätzliche staatliche Unterstützungsleistungen aller Art notwendig machen. Zugespitzt formuliert hat diese Risiken und vermutlichen Verläufe der ehemalige Bundesminister Erhard Eppler in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung: „Die Marktradikalen haben es geschafft: Ihretwegen hat sich der Staat verschuldet – nun wird er sparen und privatisieren müssen“.

Neben den Verlaufs- und Wirkungsunsicherheiten der Krise ist ein weiteres Phänomen zu beachten: die Wirkungszuschreibung. Die Wirtschaftskrise wird genutzt, um eigene Versäumnisse und Fehlverhalten zu rechtfertigen, um sich von der Verantwortung für aktuelle Probleme und Schieflagen zu entlasten. Mit dieser Kausalitätsunterstellung wird zudem versucht, an Staatshilfen heranzukommen. So kann zum Beispiel nicht behauptet werden, dass die Schwierigkeiten der Firmen Karstadt und Opel allein Folgen der Wirtschaftskrise sind, sie hat die hausgemachten Verwerfungen und strategischen Fehlplanungen allerdings akzentuiert.

Auch wenn die aktuelle Lage der deutschen Wirtschaft im Vergleich zu anderen europäischen Staaten keinesfalls als bedrohlich angesehen werden kann, so darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Folgewirkungen schon überwunden sind, zumal weitere Unsicherheiten hinzukommen sind (z.B. europäischer Rettungsschirm für insolvente oder überschuldete Staaten), deren Entwicklung und Konsequenzen kaum vorhersehbar sind.

2. Weiterbildung als Nutznießer oder Verlierer der Krise?

Welche Auswirkungen hat nun die Krise auf das System der organisierten Weiterbildung? Diese Frage ist nicht eindeutig zu beantworten, da sich sowohl Risiken als auch Chancen abzeichnen. Die Risiken liegen zum einen in Nachfrageausfällen als Reaktion auf individuelle Einkommensausfälle und betrieblichen Kostendruck, zum anderen in der Gefahr von staatlichen Ausgabenreduzierungen im Feld der individuellen und institutionellen Weiterbildungsförderung. Die Chancen der Krise ergeben sich aus Notwendigkeiten zur Reaktion auf Arbeitslosigkeit und andere Formen der gesellschaftlichen Exklusion.

arbeitLampenputzen

Diese Ambivalenz spiegelt sich auch im Klimaindex der Weiterbildung wider, der im Rahmen des wbmonitor vom Bundesinstitut für Berufsbildung und vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung erhoben wird und dem Ifo-Konjunkturindex nachgebildet ist. Auf einer Skala von -100 bis +100 werden die Geschäftserwartungen der Weiterbildungseinrichtungen erfasst. Der Wert ist gegenüber 2008 zwar von +42 auf +33 gesunken, signalisiert aber immer noch überwiegend positive Erwartungen. Dies wird besonders deutlich, wenn der Ifo-Klimaindex für den Dienstleistungssektor betrachtet wird, der 2009 bei -5 liegt (vgl. Koscheck/Feller 2009, S. 5 f. und Brandt 2010, S. 6 f.) und damit deutlich schlechter steht. Für das Jahr 2010 ist der Klimaindex weitergefallen (+23), liegt aber immer noch über dem Dienstleistungsindex (+15) (vgl. Ambos u.a. 2010, S. 7).

Dieser Klimaindex variiert indes stark nach der Umsatzhöhe der Einrichtung und der Art ihrer Finanzierung (vgl. Koscheck/Feller, S. 6). So liegt er bei kleinen Einrichtungen mit einem jährlichen Umsatz bis zu 10.000 € bei +10 (2010: +10), springt schon in der nächsten Kategorie (10.000 bis 100.000 €) auf +31 (2010: +22) und erreicht bei den Großeinrichtungen mit 10 Mill. € und mehr Umsatz den Höchstwert von +47 (2010: +42). Einrichtungen mit hohen Einnahmeanteilen (mehr als 25 %) von Arbeitsagenturen weisen einen Klimaindex von über 40 (2010: +31) aus, während solche ohne Einnahmen aus dieser Quelle nur bei +25 (2010: +18) liegen. Einrichtungen, die keine oder nur geringe Einnahmen aus öffentlichen Quellen (Bund, Länder, Kommunen, EU) aufweisen haben einen fast doppelt so hohen Klimaindex wie jene, die in hohem Maße von diesen Zuwendungen abhängen. Volkshochschulen zum Beispiel weisen einen Klimaindex von +12 (2010: +2) auf.

Auch andere Befunde geben eher zu verhaltenem Optimismus Anlass. So weist eine repräsentative Infratestbefragung von 301 Personalentscheidern in kleinen, mittelständischen und großen Unternehmen im Auftrag der Studiengemeinschaft Darmstadt aus, dass die Weiterbildungsbereitschaft sowohl bei der Einstellung als auch bei der Personalentwicklung eine zentrale Rolle spielt (S. 7 f.). Im Fernunterricht und bei den Volkshochschulen steigen die Belegungszahlen im Jahre 2008 genauso wie die Zahl der Förderfälle in Maßnahmen der beruflichen Weiterbildung nach SGB II und III (vgl. Brandt 2010, S. 7). Die Weiterbildung hat sich also bisher als vergleichsweise krisenrobust erwiesen, was nicht heißt, dass das auch in Zukunft so bleiben muss.

3. Systemrelevanz der Weiterbildung

Das oben präsentierte Ergebnis ist nicht besonders erstaunlich. Weiterbildung besitzt in der gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und politischen Diskussion einen hohen Stellenwert. Diese Bedeutung speist sich aus mehreren Quellen: sie dient als Moderator, Katalysator und Motor gesellschaftlichen Wandels, sie wird als „Problemlöser“ genutzt und als Instrument zur Entfaltung der Persönlichkeit in allen Bereichen des Lebens in Anspruch genommen. Diese ambitionierte Funktionszuweisung stützt das Weiterbildungssystem in seiner Wichtigkeit und sichert ihm Ressourcen. Gleichwohl wird es durch überfrachtete Wirkungserwartungen auch zuweilen überfordert und gerät unter Erfolgsdruck.

fahneusa

Jenseits dieser ambitionierten Rollenzuweisung erweist sich der Bedarf an und die Nützlichkeit von Weiterbildung auf vielfältige Weise, wie die folgenden Beispiele zeigen:

* Der Prozess der Internationalisierung unseres Wirtschaftslebens in Form der Globalisierung wird mit Sprachkursen und Seminaren zur interkulturellen Bildung gestützt. Auf der anderen Seite werden Migranten und Aussiedler über spezielle Sprach- und Integrationsmaßnahmen gefördert und erhalten somit reale Einstiegschancen in unsere Gesellschaft.
* Der Prozess der Individualisierung und Pluralisierung der Lebensstile bei gleichzeitiger Entwertung tradierter und häufig auch institutionalisierter Lebensmuster wird durch Angebote zur Orientierung und zum Erfahrungsaustausch bewältigbar und gestaltbar. Weiterbildung ist ein Raum neben anderen, in dem der Wertediskurs geführt wird und somit dem Individuum Verstehens- und Orientierungschancen angeboten werden.
* Der Strukturwandel wird in seinen negativen Folgen zum Beispiel in Form von Arbeitslosigkeit oder unterwertiger Beschäftigung abgemildert, indem Menschen über Qualifizierungsprozesse neue Erwerbschancen eröffnet werden. Die laufende Anpassung der Fähigkeiten und Fertigkeiten an geänderte oder gesteigerte Anforderungen erfolgt auf vielfältige Weise in Weiterbildungsprozessen aller Art, vorrangig im betrieblichen Kontext über arbeitsplatznahe Lernprozesse oder in Seminarform.
* Das Vordringen neuer Techniken im Alltags- und Berufsleben wird erleichtert, weil in Weiterbildungsveranstaltungen Basis- und Handhabungswissen vermittelt wird. Gleichzeitig werden die Informations- und Kommunikationstechnologien auch als Lernmedium zunehmend wichtiger als Ersatz oder vor allem als Ergänzung des herkömmlichen Präsenzunterrichts (E-Learning, Blended Learning).
* Die Entwicklung der Zivilgesellschaft benötigt kompetente, informierte und aufgeklärte Bürgerinnen und Bürger. Weiterbildung leistet hierzu zusammen mit dem Staat und der Wirtschaft wichtige Beiträge, indem Kenntnisse und Fähigkeiten vermittelt sowie Räume im realen und übertragenen Sinne zum Meinungsaustausch und zur Erarbeitung eigener Standpunkte und zur Vertretung eigener Interessen bereitgestellt werden.
* Die zunehmende Alterung unserer Gesellschaft als Resultat nachhaltiger demographischer Prozesse stellt auch neue Bildungsaufgaben. Zum einen werden in Weiterbildungseinrichtungen Personen zur Betreuung von älteren Menschen qualifiziert, zum anderen werden den alten Menschen Bildungsangebote gemacht, die einen erfüllten Lebensabend gestalten helfen. Das Spektrum reicht dabei von altersgruppenspezifischen Veranstaltungen (z.B. zu Gesundheitsfragen) über Angebote zur sinnvollen Freizeitgestaltung bis hin zu Maßnahmen, die Ältere für ehrenamtliche Aufgaben qualifizieren oder sie zur Fortführung einer Erwerbstätigkeit befähigen.

Weiterbildung erweist sich in diesen vielfältigen Anwendungsfeldern als leistungsfähig, mindestens als hilfreich und manchmal auch als unentbehrlich. Ihr sowieso schon hoher Stellenwert wird durch das zur Zeit welt- und europaweit propagierte Leitbild des Lebenslangen Lernens noch erhöht, aber auch neu akzentuiert. Lebenslanges Lernen wird danach als zentrale Bewältigungsstrategie angesehen, um den schon bestehenden und sich abzeichnenden gesellschaftlichen Herausforderungen zu begegnen. Das Konzept verlangt eine neue Verzahnung aller Bildungsbereiche, die sich auf organisatorische, curriculare und personelle Aspekte ausdehnt. Gleichzeitig wird eine neue Balance zwischen Lernen in organisierter und selbst gesteuerter Form angestrebt, eine Entwicklung, die im Besonderen die informellen Lernprozesse aufwertet.

fahrradfahrer

Auf die Weiterbildungseinrichtungen kommen deshalb weitere Aufgaben zu, die zu einem Teil den Charakter von Neuausrichtungen annehmen:
* Personen, die in stärkerem Maße als bisher selbst gesteuert lernen, brauchen Lernberatung und Orientierung. Weiterbildungseinrichtungen müssen deshalb verstärkt Beratungsinfrastruktur bereithalten bzw. ausbauen.
* Die Betonung auf informelle Lernprozesse bedeutet auch, dass der Kompetenzerwerb von der Absolvierung von organisierten Lehrprozessen entkoppelt wird. Weiterbildungseinrichtungen müssen sich deshalb verstärkt darauf einstellen, informell erworbene Kompetenzen zu messen und zu zertifizieren.
* Das Vordringen von computer- und webbasierten Lernformen wird zwar vermutlich das früher angenommene Ausmaß nicht erreichen, dennoch verzeichnen diese Formen einen Bedeutungszuwachs. Weiterbildungseinrichtungen können sich auf diese Entwicklung einstellen, wenn sie den Präsenzunterricht mit dem computerbasierten Unterricht verbinden.
* Der nationale und zum Teil auch schon der internationale Wettbewerb auf dem Weiterbildungsmarkt verschärfen sich, sodass Fragen der Qualitätskontrolle und des Qualitätsmanagements wichtiger werden. Weiterbildungseinrichtungen brauchen in dieser Situation ein funktionierendes und anerkanntes QM-System, um am Markt bestehen bzw. auch öffentliche Fördermittel in Anspruch nehmen zu können.
* Die Anforderungen des Leitgedankens und des Programms „Lebenslanges Lernen“ sehen eine stärkere Sektor übergreifende Zusammenarbeit vor. Gleichzeitig ergeben sich besonders für kleinere Weiterbildungseinrichtungen Kooperationsnotwendigkeiten, weil nur so der Kostendruck aufgefangen werden kann. Beide Aspekte legen eine Integration in regionale oder sektorale Netzwerke nahe, die es erlauben, gemeinsame Aktivitäten zu entfalten.

Dieses Spektrum aktueller und zukünftiger Herausforderungen macht deutlich, dass Weiterbildung eine herausgehobene Beachtung verdient. Sie ist in hohem Maße systemrelevant.

4. Konsequenzen aus der Krise

Auch wenn die Krise bisher die Weiterbildung eher verschont als belastet hat, so ist sie dennoch auch ein wichtiger Lernimpuls für diesen Sektor. Dies könnte ganz im Sinne des heute fast vergessenen Club of Rome passieren, welcher Ende der siebziger Jahre die Weltprobleme als Herausforderung begriff und in einem kühnen Entwurf einen konzeptionellen Rahmen für innovative Lernprozesse schuf (vgl. Club of Rome 1979). In diesem Geiste sollen im Folgenden vier Herausforderungen angesprochen werden, zu denen Weiterbildung sich positionieren könnte.

goldelse

Wertbildung durch Wertebildung

Diejenigen im Finanzsektor, die durch ihre Risikobereitschaft die Krise ausgelöst haben, sind hochqualifiziert, aber ungebildet. Diese Personengruppe und auch das dazugehörige gesellschaftliche und politische Umfeld haben Fähigkeiten zur Profitmaximierung eingesetzt und dabei so etwas wie Berufsethos und Verantwortungsethik vergessen oder hintangestellt. Der ehemalige Finanzminister Peer Steinbrück bringt dies in einem Zeitungsartikel auf den Punkt: „Wirtschaft ohne Moral schadet allen“.

Es ist nur zu deutlich geworden, dass Qualifizierungs- und Kompetenzentwicklungsprozesse einer ethischen Fundierung bedürfen, ganz im Sinne eines auf Toleranz, Demokratie und Aufklärung ausgerichteten Bildungsbegriffs. Es geht darum, eine gemeinsame Wertebasis wiederherzustellen und diese dann offensiv zu verteidigen, anstatt sie der Erosion durch Profitgier und Relativismus preiszugeben. Wie eng Wert-Bildung und Wertebildung miteinander zusammenhängen, hat nicht zuletzt die aktuelle Krise verdeutlicht.

Doch auch die Weiterbildung und im Besonderen auch die Volkshochschulen mit ihrer Tradition müssen sich fragen lassen, ob sie mit ihrem gesamten Bildungsspektrum auf der Linie eines traditionell-emanzipatorischen Bildungsbegriffs liegen. Angebote zum Umgang mit Aktien („Wie spekuliere ich richtig?“) oder viele esoterische Kurse wecken zumindest Skepsis in dieser Hinsicht.

raumspiele

Handwerklichkeit statt Profitmaxierung

Nicht nur beim Verkauf von Finanzdienstleistungen haben die Akteure häufig unterlassen, den Kunden so zu beraten, dass dessen Lage und Bedürfnisse zum Tragen kommen. Auch in anderen Sektoren des Wirtschaftslebens ist nicht immer die handwerklich gute Arbeit, auf die der Produzent stolz sein kann, das Ziel, sondern eher der schnelle Abschluss, die kurzfristige Umsatz- und Renditesteigerung. So gibt es zahlreiche Beispiele aus dem Telefonmarketing, die an der Grenze zum kriminellen Handeln liegen (und manchmal auch darüber). Call-Center-Mitarbeiter wurden entlassen, weil sie eine kundengerechte und damit häufig auch zeitaufwendige Beratung durchgeführt haben. Der amerikanische Soziologe Richard Sennett hat dieses Phänomen und seine Bedeutung für die Menschen ausführlich beschrieben (2008) und den Vorteil des handwerklichen Arbeitens – gemeint in einem umfassenden Sinne – auf den Punkt gebracht: „Die langsame Zeit des Handwerks ermöglicht auch die Arbeit der Reflexion und der Phantasie – der Drang nach raschen Ergebnissen vermag dies nicht.“ (S. 391)

Auch die Weiterbildung muss sich auf ihre Handwerklichkeit besinnen, muss Wert darauf legen, dass die Lehrenden kompetent sind und die Rahmenbedingungen stimmen, um Lernen zu begünstigen. Es ist zu fragen, ob das Lehr-Lern-Arrangement eher Muße, Kontemplation und Reflexion erlaubt oder eher einer „Druckbetankung“ ähnelt. In der Zeitschrift managerSeminare wird Letzteres als Trend gesehen (Gloger 2009, S. 58): „Alles muss schnell gehen, auch das Lernen.“ Berichtet wird von Ultrakurzformaten, so genannten Mikrotrainings von ca. fünf Minuten Länge, die ähnlich wie ein Videoclip angelegt sind und zwischendurch konsumiert werden können. „Die virtuellen Miniseminare stehen für eine Entwicklung, die seit geraumer Zeit in der Weiterbildung zu beobachten ist und die jüngst immer mehr an Fahrt aufnimmt: Die Weiterbildungseinheiten werden kürzer und kürzer. Kurz sticht lang, schnell sticht langatmig, so scheint das neue Mantra der Seminare, Präsentation und Workshops zu lauten.“ (ebenda)

Aufklärung statt Worthülsen

Bildung weist als Formung zum Menschen zuerst einmal auf Humanität. Sie ist „Kampfansage gegen die ständischen Privilegierungen wie gegen jede soziale Privilegierung und Ausdruck für eine auf aktive Umgestaltung der sozialen Lebensbedingungen bezogene Haltung, durch die allen zuteil werden sollte, was als menschlich postuliert worden ist“ (Strzelewicz/Raapke/Schulenberg 1966, S. 29 f.). Als zweites wird die Bildungsvorstellung mit der autonomen und freien Person oder Individualität in Verbindung gebracht. Sie äußere sich in der Selbständigkeit und Freiheit zur kritischen Distanzierung von den jeweils gegebenen gesellschaftlichen Strukturen. „Diese werden sozialhistorisch transparent gemacht und erscheinen als Aufgabe für die Anstrengungen um Humanisierung und Demokratisierung menschlichen Daseins. Die Reflexion auf die gesellschaftlichen Bedingungen und ihre Veränderlichkeit wird zu einem konstituierenden Element von Bildung“ (ebd., S. 30).

Diese klassischen Ausführungen aus einem Standardwerk der Weiterbildung können als Auftrag für Volkshochschulen und andere Weiterbildungseinrichtungen verstanden werden, Sachzwänge daraufhin zu überprüfen, ob sie gerechtfertigt sind oder ob sich dahinter Ideologie verbirgt. Sie sind auch ein Appell, Interessen deutlich zu machen und zu hinterfragen, wer die Gewinner und wer die Verlierer von bestimmten Entwicklungen sind. Erfüllt diese Aufgabe die politische Bildung? Ist sie in ihren Formen noch angemessen und Ziel führend?

Reflexion statt Evaluitis

„In den letzten Jahren ist eine neue, sich fieberhaft ausbreitende Krankheit ausgebrochen: Jedes und alles wird unablässig evaluiert.“ Mit diesem Satz beginnt der renommierte Schweizer Ökononom Bruno. S. Frey (2006, S. 1) seinen Aufsatz, in dem er deutlich macht, dass nicht jede Evaluation per se sinnvoll ist, sondern das es immer einer strengen Abwägung zwischen Nutzen und Kosten solcher Anstrengungen bedarf. Zudem haben Evaluationen Nebenwirkungen, indem sie zum Beispiel über die Evaluationskriterien Signale setzen, was wichtig ist oder als wichtig angesehen wird, und damit Ressourcen lenken und Verschiebungen zwischen funktionale Arbeitsteilungen einleiten.

Auch die Weiterbildung unterliegt dieser gesellschaftlichen Tendenz zur permanenten Selbst- und Fremdbewertung. Prägnant ist dies zum Beispiel im Bereich des Qualitätsmanagements oder im Zusammenhang mit Gesetzes- oder Systemevaluationen. Zu fragen ist: Sind die Evaluationskriterien die fachlich-inhaltlich gebotenen oder nur im Spiel, weil sie leichter messbar sind? Führt der Evaluationsaufwand tatsächlichen zu Verbesserungen bei der Aufgabenerfüllung? Inwieweit leidet das Kerngeschäft unter den Evaluationsanstrengungen?

Insgesamt geht es darum, die Krise als Lernimpuls zu nutzen und bestimmte Entwicklungen zu reflektieren und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen.

Literatur:

Ambos, Ingrid/Koscheck, Stefan/Schade, Hans-Joachim/Weiland, Meike (2010): wbmonitor Umfrage 2010: Wie regelt sich der Weiterbildungsmarkt? (URL: http://www.bibb.de/de/55049.htm)
Brandt, Peter (2010): Der Sturm muss kein Gegenwind sein. In: DIE Zeitschrift für Erwachsenenbildung I/2010, S. 6-7.
Club of Rome (1979): Bericht für die achtziger Jahre – Zukunftschance Lernen. Hrsg. von Aurelio Peccei. Wien.
Eppler, Erhard (2009): Alte Heilslehren als neuer Sachzwang. In: Süddeutsche Zeitung vom 3. August 2009.
Frey, Bruno S. (2006): Evaluitis – eine neue Krankheit. Working Paper Nr. 293 des Instituts für empirische Wirtschaftsforschung der Universität Zürich. Zürich.
Gloger, Axel (2009): Die Weiterbildungsminis kommen. Lerntrend Kürze. In: managerSeminare  Heft 132/März 2009, S. 56-60.
Koscheck, Stefan/Feller, Gisela (2009): wbmonitor Umfrage2009: Aktuelle Strategien zum Erfolg (www.wbmonitor.de)
Sennett, Richard (2008): Handwerk. Berlin.
Steinbrück, Peer (2009): Wirtschaft ohne Moral schadet allen. In. Süddeutsche Zeitung vom 18. Juli 2009.
Strzelewicz, Willy/Raapke, Hans-Dietrich/Schulenberg, Wolfgang (1966): Bildung und gesellschaftliches Bewusstsein. Stuttgart
Studiengemeinschaft Darmstadt (2009): Bedeutung der individuellen Weiterbildung in Zeiten der Finanzkrise (www.sgd.de)