Die Geschichte von Jan S.

Kehrtwende in BerufsforschungDie Biographie von Jan S. ist in vielerlei Hinsicht typisch: Im Alter von 15 Jahren hat er zum ersten Mal losen Kontakt zur rechten Szene in seinem Heimatort in Schleswig-Holstein, anfangs noch locker, unorganisiert und unregelmäßig. Jan trifft sich mit den Rechtsradikalen zum Feiern, ohne politische Motivation. Der Kontakt intensiviert sich erst, als Jan von seinem Betrieb nicht unbefristet übernommen wird, sondern lediglich einen auf sechs Monate befristeten Vertrag erhält.

Jan ist frustriert und trifft sich häufiger mit den Personen, die er aus der rechten Szene kennt. Sie hören ihm zu, zeigen Verständnis, sind für ihn da. Sie schimpfen auf den Staat, der seine Bürger nicht unterstützt und hetzen gegen Ausländer. Eine andere Bezugsperson als die Rechtsradikalen hat Jan nicht. Bis zum Alter von zehn Jahren lebte er mit seiner Mutter und seinem alkoholabhängigen Stiefvater, der ihn schlug, zusammen. Die überforderte Mutter schickte Jan in ein Kinderheim, in dem er bis zum Alter von 18 Jahren lebte, ohne eine neue Bezugsperson zu finden.

Nachdem er drei Monate bei seinem Ausbildungsbetrieb angestellt ist, geht Jan zur Bundeswehr und verpflichtet sich gleich für mehrere Jahre. In dieser Zeit ist er am Wochenende immer in seinem Heimatort und hat dort ständig Kontakt zur Szene. Als die Bundeswehr seine rechten Aktivitäten mitbekommt, hebt sie seine Verpflichtung auf. Jan darf nur den Grundwehrdienst absolvieren.

Der Einstieg in die Szene verläuft fließend. Jan ist auf der Suche nach einer Struktur in seinem Leben. Insgesamt ein Jahr ist Jan in einer Kameradschaft aktiv. Die NPD oder die Republikaner, so erzählt er, sind ihm nicht „radikal genug“. In der Kameradschaft macht er „Karriere“. Am Anfang klebt er Aufkleber, sprüht Parolen und Hakenkreuze. Er übernimmt immer mehr Aufgaben, gehört schließlich zum Führungskader und koordiniert Aktionen.

Mit der Zeit begeht er eine ganze Reihe an Straftaten: Körperverletzungen, Bedrohungen, Schusswaffengebrauch, Bandenschlägereien, Einbrüche und Autodiebstahl gehören dazu. Jan trägt die Kleidung der Aktionsgruppe, hört rechte Musik, viel hartes, rockiges Zeug, da kann er gut mitbrüllen. Er hatte alles an rechter Musik, auch Liedermacher, insgesamt etwa 6000 Musiktitel. Er sagt, er sammelt diese CDs. Vorwiegend hört er Landser, Nordfront und Störkraft. In seiner Wohnung hängen Hakenkreuzfahnen und ein Hitlerportrait, er hat Orden, einen Stahlhelm und einen Nachdruck von „Mein Kampf“. Für Jan sind es Ausstellungsgegenstände mit der Faszination des Verbotenen. Als Schmuck trägt er den Thorhammer.

Innerhalb der Kameradschaft, so sagt Jan, findet er echte Freundschaften. Seine Freizeit verbringt er auf Konzerten, Dorffesten, beim Grillen, der Sonnenwendfeier und auf Demos mit seinen Kameraden. Er, der in seiner Kindheit nie politisch geprägt wurde, möchte den Staat und die Antifa gewaltsam zerschlagen. Ein neuer Staat mit einem Führer, ganz nach dem Vorbild von 1933, ist sein politisches Ziel. Demokratie ist das Feindbild. Für Jan gibt es nichts Wichtigeres, als den Nationalsozialismus wieder einzuführen.

Bei der Bundeswehr setzt sich Jan in Gesprächen mit anderen Soldaten mit seiner politischen Einstellung auseinander, stellt Fragen, bekommt Denkanstöße, diskutiert das Thema Krieg. Als seine Bundeswehrkarriere durch seine rechtsextremen Aktivitäten verhindert und seine Freundin schwanger wird, kehrt er „zurück in die Realität“, erzählt er rückblickend. Er will die rechte Szene verlassen, möchte seine Familie schützen und wünscht sich ein bürgerliches Leben. Er trennt sich von der Kameradschaft und teilt seinen rechten Freunden mit, dass er nichts mehr mit ihnen zu tun haben möchte. Kurz danach bekommt er eine Morddrohung, die er nicht ernst nimmt. Dann stehen fünf vermummte Gestalten vor seinem Haus. Er wendet sich an die Polizei und an den Berater in der Landeskoordinierungsstelle gegen Rechtsextremismus im Innenministerium des Landes Schleswig-Holstein. Ein ehemaliger Kamerad versucht, über die Beratungsstelle mit Jan Kontakt aufzunehmen, was dieser ablehnt, da er ihm nicht glaubt, dass er aussteigen will.

Der Versuch, Jan an ein Aussteigerprogramm in Hamburg zu vermitteln, scheitert, weil man dort an seinem Ausstiegswillen zweifelt. Daraufhin meldet sich der Berater bei dem Projekt „NinA“. Mit den Mitarbeiter/innen von „NinA“ bespricht Jan seinen Ausstiegswillen. Weil er von ehemaligen Kameraden bedroht wird, soll er umziehen und woanders arbeiten. Das staatliche Aussteigerprogramm des Landes NRW wird mit Jans Einverständnis als Kooperationspartner auf den Plan gerufen. Innerhalb von sieben Wochen zieht Jan mit seiner Familie um und bekommt einen neuen Arbeitsplatz in seinem erlernten Beruf.

Jans Einstellung zur rechten Ideologie und seine Weltanschauung haben sich komplett verändert. Die Zeit in der Kameradschaft empfindet er inzwischen als „unsinnig“, ihre politischen Ansichten kann er nicht mehr teilen. Als Nichtabiturient hat er mittlerweile sogar einen Studienplatz an einer Fernuniversität bekommen.

Dieser Bericht wurde dem Buch „Tunnelblicke, aus der Praxis arbeitsmarktorientierter Ausstiegsarbeit der Projektträger des XENOS-Sonderprogramms ‚Ausstieg zum Einstieg‘“, entnommen. Es ist eine Veröffentlichung des Projekts „Gegen Rechtsextremismus“ des Forum Berlin der Friedrich-Ebert-Stiftung. D-d-M dankt Dr. Ralf Melzer für die Freigabe des Berichts für diese Ausgabe des Online-Magazins.