Gewaltbereitschaft steigt mit abnehmendem Selbstbewusstsein

Wie Einstellungen und Meinungen von der ökonomischen oder auch der Ausbildungssituation abhängen, zeigen die Auszüge aus einer Ost-West-Längsschnittuntersuchung von Klaus Schweikert, die 1999 im Bundesinstitut für Berufsbildung entstand. Wir dokumentieren einige empirische Daten aus der Erhebung.

„Bereitschaft zum Engagement in der Demokratie: nur bei jedem 6. Jugendlichen

Im Osten: Engagement ? Nein Danke!

Die Bereitschaft, sich in der Demokratie zu engagieren, ist bei den Jugendlichen im Osten aber deutlich geringer als im Westen. Nur rund 7 % würden sich politisch engagieren, im Westen mit 17 % rund doppelt so viele.

Je höher der Schulabschluss desto engagierter sind die Jugendlichen, im Westen ist der Zusammenhang noch stärker als im Osten.

sommerBalkonIm Osten: Enttäuschung über die Demokratie und Ruf nach dem starken Mann

Bei den Jugendlichen im Osten ist eine deutlich reservierte Einstellung zur Demokratie erkennbar, verbunden mit autoritären Tendenzen.

39 % meinen, die Demokratie löse ihre Probleme nicht (Westen: 17 %); 46 % rufen hierfür nach dem „Starken Mann“ (Westen: 25 %).

Ablehnende Haltung zur Demokratie ist im Osten besonders deutlich in Brandenburg mit 38 % und Mecklenburg-Vorpommern mit 39 %, im Westen in Hessen mit 22 %.

„In Mecklenburg-Vorpommern gibt es wenig Ausländer, aber viele Ausländerfeinde…“

Die faktorenanalytische Typisierung zeigt: Fremdenfeindlichkeit ist in den neuen Bundesländern besonders hoch: Ausgeprägt fremdenfeindlich sind anzusehen: im Osten 21 %, im Westen 14 % der Jugendlichen.

Als ausgeprägt fremdenfeindlich sind Jugendliche definiert mit sehr hoher Zustimmung zu den Parolen: Deutschland den Deutschen! Kanaken raus! Deutsche Ausbildungsstätten für deutsche Jugendliche! Deutsches Geld für deutsche Aufgaben! Gegen das Verschenken unseres Geldes ans Ausland!

Deutschland den Deutschen! „gut“ oder „sehr gut“ finden 12 % im Westen, im Osten 16 %.

Kanaken raus ! stimmen im Westen 8 % zu, im Osten 13 %.

Noch deutlicher sind die Unterschiede bei „Deutsches Geld für deutsche Aufgaben!“ West 27 %, Ost 36 %. Oder gar bei „Deutsche Ausbildungsstätten für deutsche Jugendliche!“: West 14 %, Ost 29 %.

Wer keinen Schulabschluss hat oder den Hauptschulabschluss, aber auch wer die Fachhochschulreife hat, ist häufiger klar ausländerfeindlich, Jugendliche mit Abitur sind es weniger oft, solche mit mittleren Abschlüssen sind es durchschnittlich häufig.

Unversorgte Jugendliche sind nicht häufiger ausländerfeindlich

Auch Arbeitslose, Gelegenheitsarbeiter oder Jugendliche in „Warteschleifen“ bzw. BVJ/BGJ sind nicht anfälliger für ausländerfeindliche Parolen.

Ausländerfeindlichkeit ist in den neuen Bundesländern demnach kein Phänomen von Randgruppen. Sie ist genauso bei der ganz „normalen“ Jugend zuhause.

In den alten Bundesländern nimmt die Ausländerfeindlichkeit grosso modo mit steigenden Bildungsabschlüssen ab.

Deutlich mehr ausländerfeindliche Jugendliche hier sind anzutreffen in Rheinland-Pfalz und im Saarland.

In den neuen Bundesländern ist die Ausländerfeindlichkeit unter den Jugendlichen besonders ausgeprägt: in Brandenburg mit einem Anteil von 28 % und in Mecklenburg-Vorpommern mit 25 % ausgeprägt ausländerfeindlicher Jugendlichen. Am wenigsten ausländerfeindlich sind die Jugendlichen in Sachsen-Anhalt: 16 %.

Besonders bedrückend: Ausländerfeindliche Jugendliche sind deutlich häufiger auch ablehnend gegenüber anderen Gruppen der (deutschen) Bevölkerung, wie z.B. gegenüber den ”Alten” (nur alte Bundesländer) und insbesondere gegenüber ”Behinderten”.

Verdrossenheit über die Akteure der Politik

IMG_2522Über drei Viertel der Jugendlichen haben eine eher resignative Einschätzung der Möglichkeiten, auf Politik, deutlicher noch auf Politiker, Einfluss zu nehmen, resultierend eher aus einer „Verdrossenheit über die Akteure der Politik“ und nicht so sehr aus einer Politikverdrossenheit. Resignation ist bei den Jugendlichen im Osten noch häufiger.

Spontis: häufiger in den alten Bundesländer – im Westen nichts Neues !

Als „SPONTIS“ wurden in der Faktorenanalyse die Jugendlichen ermittelt mit sehr hohen Faktorwerten bei den Vorgaben: an spontanen Demos teilnehmen, Häuser besetzen, an gewaltsamen Aktionen teilnehmen. Insgesamt 15 % der Jugendlichen sind den Spontis zuzurechnen. Im Westen tendenziell mehr: 16 % – im Osten 12 %.

Gefahren für die Demokratie

Fasst man die Jugendlichen zusammen, die entweder in hohem Maße ausländerfeindlich sind, oder zu Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung neigen bzw. die Demokratie ablehnen, so errechnet sich der Anteil dieser Jugendlichen zu insgesamt 39 % – mit deutlichen Unterschieden: Der Prozentsatz Jugendlicher, von denen Gefahr für die Demokratie ausgeht, beträgt im Westen 38 %, im Osten 46 %.

Das ist eine eher vorsichtige Rechnung, basierend auf einer faktorenanalytisch begründeten Skalierung, die nur extreme Gruppen „einfängt“. Die Clusteranalyse ergab ein weitaus höheres Gefährdungspotential. Bei allen Analysen zu „autoritär-nationalisierenden Orientierungsmustern“ (Heitmeyer) zeigt sich die häufigere Verbreitung in den neuen Bundesländern.

Nationalstolz: vor allem im Osten !

Die Identifikation der Jugendlichen in den neuen Bundesländern mit den eigenen Landsleuten im Osten ist hoch: Über 70 % fühlen sich zuerst ihren Landsleuten in der ehemaligen DDR zugehörig.

Stolz darauf, Deutscher zu sein, ist nicht ganz die Hälfte der Jugendlichen – im Osten mit 67 % deutlich mehr als im Westen (47 %).

Fremdenhass hängt eng mit dem Nationalstolz zusammen: Je größer der Stolz auf die eigene Nation, desto ausgeprägter der Fremdenhass.

Vor patriotischen Aufgaben („ Dem Aufbau des vereinten Deutschland dienen“ – 19 %) kommen aber klar die eigenen Interessen. Sie haben für 72 % der Jugendlichen Vorrang.

Insgesamt sind sowohl Nationalstolz als auch Patriotismus im Osten weiter verbreitet.

Dagegen ist der Fremdenhass kein Korrelat der Identifikation mit den „Landsleuten in der ehemaligen DDR“.

Bereitschaft zur Anwendung von Gewalt: im Osten deutlich höher

Befragt nach Anlässen, die bei Ihnen Gewaltanwendung auslösen könnten, antworteten die meisten (Ost: 48 %, West: 34 %), bei Diebstahl des eigenen Autos oder bei Einbruch in der Wohnung. Aus den Antworten auf die unterschiedlichen Anlässe wurden faktorenanalytisch zwei Typen gewaltbereiter Jugendlicher ermittelt:

• Ein Typus, der erst in einer Situation persönlicher Betroffenheit zu Gewalt greifen würde

• Ein Typus, der gewaltbereit auch in abstrakten Bedrohungslagen ist.

Das Ausmaß der Gewaltbereitschaft ist bei der abstrakten Bedrohung klar höher. Nur dieser Typus soll hier weiter beschrieben werden. Insgesamt sind 16 % der deutschen Auszubildenden im dritten Jahr sehr hoch bzw. hoch gewaltbereit. Im Osten ist etwa jeder vierte Jugendliche schon bei abstrakter Bedrohung ausgesprochen gewaltbereit, im Westen nur etwa jeder siebte. (Beim anderen Typus gibt es keine Unterschiede zwischen Ost und West.)

Die Gewaltbereitschaft ist im Osten besonders hoch in Mecklenburg-Vorpommern mit 30 % sehr hoch und hoch gewaltbereiter Jugendlicher und im Ostteil von Berlin mit gar 35 %.

Im Westen liegt sie höher in Baden-Württemberg mit 18 % und in Niedersachsen mit 20 %.

Generell ist die Gewaltbereitschaft bei jungen Männern höher als bei jungen Frauen. Auffällig ist aber auch das hohe Gewaltpotential bei weiblichen Jugendlichen im Osten: Jede fünfte gehört zu dieser Gruppe – fast doppelt so viele wie im Westen (jede neunte junge Frau).

Hohe Gewaltbereitschaft geht mit Ausländerhass einher – vor allem im Osten.

Die Gewaltbereitschaft ist besonders hoch bei den Sympathisanten der Rechtsparteien: mit 70 % sehr/hoch gewaltbereiter Jugendlicher übertrifft der Anteil den Gesamtwert von 16 % um mehr als das Vierfache. Erhöht ist auch der Wert bei den Anhängern der CSU und – in der Tendenz auch bei PDS-nahen Jugendlichen und bei Jugendlichen, die keine Affinität zum Parteienspektrum erkennen lassen. Besonders gering sind gewaltbereite Auszubildende vertreten unter denen, die mit FDP, Bündnis 90/die Grünen, mit der SPD und – tendenziell – auch mit der CDU sympathisieren.

Die Gewaltbereitschaft steigt mit abnehmendem Selbstbewusstsein:

Die Jugendlichen mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein (”Alles was ich mache, mache ich gut”) haben mit 13 % einen unterdurchschnittlichen Anteil gewaltbereiter Personen. Wer dagegen ein beschädigtes Selbstbild mit sich trägt (”Ich kann auf mich nicht stolz sein”) ist in 30 % der Fälle auch gewaltbereit. Und jene Jugendlichen, die sich als Versager sehen (”Ich werde im Leben nie etwas erreichen”) sind zu gar 80 % extrem gewaltbereit. ( „‘Verlierer’ als potentielle Täter“, Pfeiffer).“

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Auszüge aus: Klaus Schweikert: „Aus einem Holz ? Lehrlinge in Deutschland. Eine Ost-West-Längsschnittuntersuchung“ , W.Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG, Bielefeld 1999, S. 18 – 23.