Migranten in der Weiterbildung ganz schön selten

Von: Dick Moraal (Wissenschaftlicher Mitarbeiter des BiBB in Bonn)

Dick Moraal

Wissenschaftlicher Mitarbeiter des BiBB in Bonn

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Arbeitsbereich 2.3 „Kosten, Nutzen und Finanzierung von Aus- und Weiterbildung des Bundesinstitutes für Berufsbildung (BIBB) in Bonn. Schwerpunkt seiner Arbeit: Berufliche Weiterbildung, internationaler Vergleich.


Einleitung

Aufgrund der demografischen Entwicklung – vor allem in Deutschland – werden mittelfristig mehr ältere Personen aus dem Erwerbsleben ausscheiden als jüngere Personen nachrücken. Der Bedarf an Fachkräften wird in den kommenden Jahren zunehmen, während die Beschäftigungsmöglichkeiten für die un- und angelernten Beschäftigungsgruppen deutlich zurückgehen werden. Es droht zukünftig in bestimmten Wirtschaftsbereichen ein Mangel an qualifizierten Arbeitskräften.i Vor diesem Hintergrund ist u.a. die soziale und berufliche Integration von Personen mit Migrationshintergrund für das künftige Funktionieren des Arbeitsmarkts in Deutschland besonders wichtig. Damit wird auch ihre berufliche Bildung immer relevanter. Dies betrifft sowohl die berufliche Erst- als auch die Weiterbildung. Die veröffentlichte Datenlage über Personen mit Migrationshintergrund und deren Teilnahme an beruflicher Weiterbildung ist sowohl international als auch national eher als dürftig anzusehen.ii Im Folgenden werden wir einige zentrale Ergebnisse aus internationalen und nationalen statistischen Erhebungen darstellen.

Internationale Ergebnisse

Im Zuge des Lissabon-Prozesses hat die Europäische Kommission in den letzten Jahren ihre Anstrengungen verstärkt, Daten im Bereich der beruflichen Bildung in regelmäßigen Abständen zu erheben: Zu nennen sind u.a. die Labour Force Surveys (LFS)iii, die Adult Education Surveys (AES) sowie die Continuing Vocational Training Surveys (CVTS1, CVTS2 und CVTS3). Daten über die Teilnahme von von Personen mit Migrationshintergrund an der beruflichen Weiterbildung stellen  – mit Einschränkungen – die beiden letztgenannten europäischen Erhebungen zur Verfügung.

Im Folgenden wird zunächst kurz auf die Relevanz der Gruppe auf dem Arbeitsmarkt in den wichtigsten nord- und west-europäischen Ländern eingegangen (vgl. Tabelle 1).iv

klickhierTabelle 1: Arbeitsmarktlage der Personen mit Migrationshintergrund in einigen nord- und westeuropäischen Ländern

Die Tabelle zeigt, dass im Vergleich mit ausgewählten nord- und westeuropäischen Ländern der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund an der Gesamtbevölkerung in Deutschland hoch ist (8,7 %). Ebenfalls liegen die Anteile der Personen mit Migrationshintergrund an der gesamten Erwerbsbevölkerung (9,1%) sowie der arbeitslosen Personen mit Migrationshintergrund an allen Arbeitslosen (16,6%) im oberen Drittel.  Personen mit Migrationshintergrund nehmen in Deutschland eine wichtige Rolle auf dem Arbeitsmarkt ein.

Die europäische Adult Education Survey (AES) ist eine neue Erhebung zum lebenslangen Lernen der europäischen Bevölkerung im Erwachsenenalter. AESv wurde zwischen 2005 und 2008 in 29 Ländern (EU, EFTA und Kandidatenländer) durchgeführt. Die Erhebung umfasst Fragen zur Bildungsbeteiligung und zu Aktivitäten des (formalen, nicht-formalen und informellen) lebenslangen Lernens. Alle Definitionen beziehen sich auf die in privaten Haushalten lebenden 25- bis 64-Jährigen. Der Migrationshintergrund der Respondenten wurde abgefragt, aber die Teilnahme von Migranten an beruflicher Weiterbildung wurde vom europäischen statistischen Amt Eurostat in deren Datenbank nicht ausgewiesen.vi

Hingegen wurde im AES die Weiterbildungsteilnahme von un- und angelernten Personen veröffentlicht. Unter den un- und angelernten Personen ist aber die Gruppe der Personen mit Migrationshintergrund sehr groß. So ist in Deutschland ein fehlender allgemeiner Schulabschluss bei Personen mit Migrationshintergrund deutlich häufiger anzutreffen als bei Personen ohne Migrationshintergrund (14,2% gegenüber 1,8%), ebenso ein fehlender beruflicher Abschluss (44,3% gegenüber 19,9%).vii Im Folgenden werden deshalb einige interessante international Ergebnisse der un- und angelernte Personengruppe gezeigt.

Viele Studien zeigen, dass die Partizipation von un- und angelernten Personen an der beruflichen Weiterbildung viel geringer ist als bei Personen mit einem höheren Bildungsgrad. Auch die AES-Ergebnisse bestätigen dies. Die nachfolgende Abbildung 1viii zeigt, dass Un- und Angelernte (ISCED 1+2)ix deutlich seltener an Weiterbildung teilnehmen als Personen mit einem höheren Bildungsgrad. Mit einer durchschnittliche Teilnahmequote der deutschen Bevölkerung im Alter von 25-64 Jahren von 43 % liegt Deutschland im oberen Drittel der nord- und westeuropäischen Länder. Die Teilnahme an Weiterbildung der Un- und Angelernten weicht jedoch deutlich von der durchschnittlichen Teilnahme ab. Diese Abweichung ist in Deutschland am größten. Die relative Abweichung von 0,4 in Deutschland bedeutet, dass die Weiterbildungsteilnahme von Un- und Angelernten 60 Prozentpunkte unter dem Durchschnitt liegt. In Vergleich dazu weicht die Weiterbildungsteilnahme in Schweden für diese Personengruppe nur 20 Prozentpunkte vom Durchschnitt ab.

Wie oben bereits erwähnt, ist der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund an der Gesamtbevölkerung in Deutschland hoch (8,7 %). Unter den un- und angelernten Personen ist die Gruppe der Personen mit Migrationshintergrund sehr groß ist, kann man schlussfolgern, dass wahrscheinlich ebenfalls Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland im Vergleich zu anderen nord- und westeuropäischen Ländern deutlich seltener an Weiterbildung teilnehmen.

klickhierAbbildung 1: Teilnahme an Weiterbildung (non-formales Lernen) nach höchstem Bildungsabschluss und relative Teilnahmequoten in ausgewählten nord- und westeuropäischen Ländern nach ISCED

Die europäische Erhebungen über die berufliche Weiterbildung in Unternehmen (CVTS=Continuing Vocational Training Survey) zeigen ergänzende Ergebnisse. Die CVTS-Erhebungen liefern schon länger ausführliche Informationen zu quantitativen und qualitativen Strukturen der betrieblichen Weiterbildung und stellen vergleichbare Daten für 27 europäische Länder zur Verfügung. Erhoben werden Daten zum Angebot und zur Nutzung der verschiedenen Formen betrieblicher Weiterbildung, zu Teilnehmer, Teilnahmestunden und Kosten sowie qualitative Daten zur Weiterbildungskonzeption um zum Stellenwert der Weiterbildung in Unternehmen. Auch in diesen Erhebungen wurden keine Teilnahmequoten von Personen mit Migrationshintergrund erfragt.

Allerdings wurden die Unternehmen in der dritten europäischen Weiterbildungserhebung (CVTS3) gefragt, ob es Beschäftigte mit Migrationshintergrund in ihrem Unternehmen im Jahre 2005 gibt und wenn ja, ob spezielle Lehrveranstaltungen für diese Gruppe angeboten wurden. Nur 8 % der Unternehmen in Deutschland, die Personen mit Migrationshintergrund beschäftigen, bieten für diese Personengruppe spezielle Lehrveranstaltungen an. Damit liegt Deutschland im Vergleich mit einigen anderen nord- und westeuropäischen Ländern an letzter Stelle.

klickhierTabelle 2: Weiterbildende Unternehmen die spezielle Lehrveranstaltungen für Personen mit Migrationshintergrund anbieten

Deutsche Ergebnisse

Das Berichtssystem Weiterbildung (BSW) bietet seit 1997 einige Informationen über die Teilnahme der Personen mit Migrationshintergrund an Weiterbildung.x Im Allgemeinen kann man sagen, dass Personen mit Migrationshintergrund deutlich seltener an beruflicher Weiterbildung teilnehmen als Personen ohne Migrationshintergrund. Allerdings zeigt sich, dass in der Periode zwischen 2003 und 2007 die Weiterbildungsbeteiligung von Personen mit Migrationshintergrund um 5 Prozentpunkte und die der Ausländer um 10 Prozentpunkte gestiegen ist.xi Dies lässt sich aber vor allem auf die erhöhte Teilnahme an allgemeiner Weiterbildung und nicht auf der Teilnahme an beruflicher Weiterbildung zurückführen.xii

baeren3

In einer kürzlich veröffentlichten Studie mit zusammenfassenden Ergebnissen der deutschen AES-Erhebung für das Jahr 2010xiii wird ebenfalls festgestellt, dass die Teilnahme an Weiterbildung deutlich vom Migrationshintergrund abhängt. Die AES-Erhebung hat drei Personengruppen untersucht: Deutsche ohne Migrationshintergrund, Deutsche mit Migrationshintergrund und Ausländerxiv. Die deutschen Ergebnisse in der nachfolgenden Tabelle 3 ermöglichen eine Differenzierung der Weiterbildungsbeteiligung nach diesen drei Bevölkerungsgruppen und nach einzelnen Weiterbildungskategorien. Deutsche ohne Migrationsgrund nehmen im Jahre 2010 deutlich häufiger an Weiterbildung (45%) teil als Deutsche mit Migrationshintergrund (33%) sowie Ausländer (29%).

klickhierTabelle 3: Teilnahme an Weiterbildung nach Migrationshintergrund

Diese Differenz findet sich auch bei der Teilnahme an betrieblicher Weiterbildung wieder, nicht aber bei der individuellen berufsbezogenen und nicht-berufsbezogenen Weiterbildung. Es fällt auf, dass bei der nicht-berufsbezogenen Weiterbildung die Weiterbildungsteilnahme der Ausländer mit 11% höher ist als bei den Deutschen mit Migrationshintergrund. Es ist zu vermuten, dass dies mit der häufigere Teilnahme der Ausländer an deutschem Sprachunterricht zusammenhängt. Übrigens weist der Vergleich mit 2007 eine leicht rückläufige Tendenz bei der gesamten Weiterbildungsteilnahme aus. Dies ist vor allem bei der Weiterbildungsteilnahme aller Gruppen an betrieblicher Weiterbildung der Fall. Auffallend ist, dass bei der individuellen berufsbezogenen Weiterbildung die Weiterbildungsteilnahme von Deutschen ohne Migrationshintergrund (12% zu 13%) und bei Deutschen mit Migrationshintergrund (9% zu 10%) nahezu gleichgeblieben und bei Ausländern gestiegen ist (9% zu 12%).

Nach den CVTS3-Ergebnissen beschäftigten 19,1 % der  weiterbildenden Unternehmen in Deutschland mit mehr als 10 Beschäftigten Personen mit Migrationshintergrund. Wie bereits erwähnt, bieten davon nur 8% spezielle Weiterbildungskurse für diese Personengruppe an.

Kurze Zusammenfassung

Leider stehen keine vergleichbaren europäischen Daten über die Teilnahme von Personen mit Migrationshintergrund an der beruflichen Weiterbildung zur Verfügung. Aus den wenigen, vorhandenen Daten kann man die folgenden Schlussfolgerungen ziehen:

1. Die Gruppe der Personen mit Migrationshintergrund hat in Deutschland im Vergleich zu anderen nord- und westeuropäischen Länder eine hohe Relevanz für den Arbeitsmarkt.

2. Die Teilnahme von Un- und Angelernten (ISCED 1-2) und auch die Teilnahme der Personen mit Migrationshintergrund an Weiterbildung ist in Deutschland im internationalen Vergleich sehr niedrig. Darüber hinaus bieten Unternehmen in Deutschland sehr wenige spezielle Lehrveranstaltungen für Personen mit Migrationsgrund an.

3. Die aktuelle deutsche ADES-Erhebung für das Jahr 2010 zeigt, dass Personen mit Migrationshintergrund deutlich seltener  an betrieblicher Weiterbildung teilnehmen als Personen ohne Migrationshintergrund.

Literatur

i Moraal, Dick: Standortbestimmung: Berufliche Weiterbildung in Deutschland im europäischen Vergleich. Denk-doch-Mal 1/2009. http://www.denk-doch-mal.de/node/145 (Abrufdatum 13-07-2011) und Moraal, Dick: Berufliche Weiterbildung in Deutschland. URL: 
http://www.bibb.de/de/30130.htm (Abrufdatum 23.02.2011).
ii Gillen, Julia; Meyer, Rita: Selektionsmechanismen in der beruflichen und betrieblichen Weiterbildung – Forschungsstand und Handlungsbedarfe. In: Berufs- und Wirtschaftspädagogik online. Ausgabe 19/2010. S. 5. http://www.bwpat.de/content/home/ (Abrufdatum 23.02.2011) und Enders, Kristina; Reichart, Elisabeth: Weiterbildungsbeteiligung und Teilnahmestrukturen. Trends der Weiterbildung. DIE-Trendanalyse 2010. Bonn 2010,  S. 138.
iii LFS ist eine Großstichprobenerhebung in Privathaushalten (in Deutschland Mikrozensus), die vierteljährlich beziehungsweise jährlich detaillierte Daten zu folgenden Themen liefert: Beschäftigung, Arbeitslosigkeit, Nichterwerbspersonen. Verschiedene Untergliederungen der Angaben – unter anderem nach Alter, Geschlecht, Bildungsabschluss, Zeitarbeit, Vollzeit-/Teilzeitbeschäftigung – sind ebenfalls verfügbar. Die Erhebung erfasst die Bevölkerung ab 15 Jahren in der EU, der Europäischen Freihandelszone (EFTA) mit Ausnahme von Liechtenstein, und den Kandidatenländern. Im Jahre 2008 wurde eine zusätzliche Erhebung zur Arbeitsmarktsituation von Zuwanderern durchgeführt (LFS ad-hoc modul 2008). Eurostat hat jedoch obwohl danach auch in der LFS Haupterhebung gefragt wurde, keine Ergebnisse über die berufliche Bildung von Zuwanderern veröffentlicht.
iv Die Daten sind entnommen aus Eurofound (Hrgs.):  Employment and Working Conditions of Migrant Workers. Dublin 2007. URL: http://www.eurofound.europa.eu/docs/ewco/tn0701038s/tn0701038s.pdf (Abrufdatum: 13.7.2011).
v Vgl. http://epp.eurostat.ec.europa.eu/portal/page/portal/microdata/adult_education_survey (Abrufdatum 23.03.2011)
vi  Vgl. http://epp.eurostat.ec.europa.eu/portal/page/portal/education/data/database (Abrufdatum 23.03.2011)
vii Vgl. z. B Destatis. Pressemitteilung Nr.033 vom 26.01.2010 http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Presse/pm/2010/01/PD10__033__122,templateId=renderPrint.psml (Abrufdatum 13-07-2011)
viii Rosenbladt, Bernhard von:  Adult Education and Training in Comparative Perspective – Indicators of participation and Country Profiles. In: Statistics in Transition – new series, December 2010. Vol. 11, No 3, S. 465-502 http://www.stat.gov.pl/cps/rde/xbcr/pts/SiT_11_3.pdf (Abrufdatum 13-07-2011)
ix Die International Standard Classification of Education (ISCED) wurde von der UNESCO zur Klassifizierung und Charakterisierung von Schultypen und Schulsystemen entwickelt. Dabei wird zwischen mehreren Ebenen unterschieden. ISCED 1+2:  Grundbildung = Sekundarbildung Unterstufe. ISCED 3+4:Sekundarbildung Oberstufe + postsekundäre Bildung. ISCED 5+6: Tertiäre Bildung.
x Vgl. BMBF. Berichtssystem Weiterbildung IX. Ergebnisse der Repräsentativbefragung zur Weiterbildungssituation in Deutschland. URL: http://www.bmbf.de/pub/berichtssystem_weiterbildung_9.pdf (Abrufdatum 23.02.2011).
xi Vgl. Enders/Reichart. S.139
xii Rosenbladt, Bernhard von;  Bilger, Frauke. Weiterbildungsverhalten in Deutschland, Bd. 1: Berichtssystem Weiterbildung und Adult Education Survey 2007. Bielefeld 2008,  S.78
xiii BMBF. Weiterbildungsverhalten in Deutschland. AES 2010 Trendbericht. Bonn/Berlin 2011. S.34-35. URL:
http://www.bmbf.de/pub/trendbericht_weiterbildungsverhalten_in_deutschland.pdf (Abrufdatum 13-07-2011)
xiv Deutsche ohne Migrationshintergrund: In dieser Gruppe wurden Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit zusammengefasst, die als Kind als erste Sprache Deutsch lernten. Deutsche mit Migrationshintergrund: Diese Gruppe umfasst Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit, die als erste Sprache nicht Deutsch, sondern eine andere Sprache lernten. Ausländer: Hierunter fallen Personen mit einer anderen als der deutschen Staatsangehörigkeit.