Die Lernfelder geben dem Beruf in der Berufsschule eine neue Chance

Von: Horst Linke (Berufsschullehrer, Hamburg)

Horst Linke

Berufsschullehrer, Hamburg

Horst Linke ist Berufsschullehrer an der Hamburger G 1 Schule für Stahl- und Maschinenbau – eine Schule mit rund 1.600 Schülern. Die Hälfte lernt in dualer Form, die andere Hälfte besucht Berufsfachschulen, die allgemeine und berufliche Inhalte vermitteln. Berufsvorbereitung wird ebenfalls durchgeführt. Außerdem werden staatlich geprüfte Techniker ausgebildet. Horst Linke ist Mitglied im Hauptvorstand der GEW und Vorsitzender der Fachgruppe gewerbliche Schulen der GEW und dies seit 15 Jahren.


denk-doch-mal sprach mit Horst Linke über die Frage welche Bedeutung der Beruf in der Berufsschule heute noch hat, wie mit den neuen Lernfeldern eine Renaissance des Berufs in die Schulen festzustellen ist, welche zentrale Bedeutung der Beruf für die Schüler immer noch hat. Es ging auch um die Imageprobleme der Berufsschulen und die Wertigkeit beruflicher Bildung in der Gesellschaft. Schließlich formuliert Horst Linke drei Reformperspektiven.
Das Gespräch führte Klaus Heimann mit Horst Linke in Bonn am Rande einer Vorstandssitzung des GEW-Hauptvorstandes.

Der Namen Berufsschule hat schon den Beruf im Titel. Was hat es damit in der Realität auf sich?

Der Beruf, und damit die duale Form der Berufsausbildung, ist trotz Strukturwandel unverändert das Zugpferd einer jeden beruflichen Schule. Die auf den Beruf ausgerichteten Bildungsgänge sind die Substanz einer Berufsschule. Alles andere sind Ergänzungen, die notwendig wurden, sie sind aber bisher nicht zum prägenden Element geworden.

Der Berufsschullehrer definiert sich über den Beruf oder über die Bildungsstufe SEK II?

Natürlich ist die Berufsschule Teil der Sekundarstufe II. Aber der Lehrer begreift sich als Berufsschul-Lehrer. Er fühlt sich dem Beruf verbunden, das prägt natürlich auch den Lehrer, das ist ein wichtiges Stück der eigenen Sozialisation.

Hat der Berufsschullehrer immer einen Beruf erlernt?

Im gewerblichen Bereichen haben viele der Lehrer eine Berufsausbildung absolviert, das ist auch heute immer noch so. Bei der Suche nach Lehrern wird auf diesen Hintergrund geachtet, wenn auch die Anwerbung dadurch nicht leichter wird. Der Beruf hilft beim Umgang mit den Jugendlichen, bringt Verständnis für die Situation in der Ausbildung und hilft dabei die Beruflichkeit im Betrieb überhaupt zu verstehen. Der Beruf ist nicht ersetzbar durch Praktika.

Wie wird der Beruf im Alltag der Berufsschule sichtbar?

Wir haben eine neue Lernfeld-Didaktik. Will sagen: Die Arbeits- und Geschäftsprozesse werden in Kooperation mit den Betrieben in den Mittelpunkt des Lerngeschehens gerückt. Damit bekommt Lernen wirklich eine neue Qualität.

Geht das etwas konkreter?035_Netzwerk_Fotos

Im ersten Ausbildungsjahr kommen die Jugendlichen nach einer kurzen Betriebsphase zu einem ersten Block in die Berufsschule. Für den Industriemechaniker oder Industriemechanikerinnen haben wir dann einen Lernträger, in diesem Fall z.B. für das Lernfeld Montage und Instandhalten eine kleine Biegevorrichtung. Der Lernträger ist Ausdruck eines Teils der Geschäfts- und Arbeitsprozesse im Betrieb, hieran arbeitet sich die Berufsschule ab. Die Biegvorrichtung muss in ihren Möglichkeiten analysiert werden. Da werden Arbeitspläne geschrieben, Zeichnung gelesen und angefertigt etc. Der Schüler bekommt den Auftrag, die Biegevorrichtung zu optimieren. In Gruppen wird das neue Konzept erarbeitet. Das geschieht eigenständig, kleinteilige Vorgaben gibt es nicht mehr. Mit dem Arbeitsergebnis aus der Berufsschule gehen die Azubis dann im Idealfall in den Betrieb und besprechen ihre Ideen mit dem betrieblichen Ausbilder, der natürlich auch noch seine Vorschläge einbringt. Die Optimierungen werden im Betrieb durchgeführt und mit dem so weiterentwickelten Produkt geht es dann in die nächste Blockphase der Berufsschule. Die Schüler müssen ihren Verbesserungsprozess und die Ergebnisse in der Schule präsentieren.

Aber ist es nicht Aufgabe der Berufsschule die Reflektion über die Arbeit zu fördern?

Ja, natürlich und das tun wir auch, wie das Beispiel Biegevorrichtung zeigt. Unsere Aufgabe ist nicht die Einübung, das trainieren von Arbeitsprozessen. Bei uns geht es um Analyse: Wir durchdringen den Arbeitsprozess, wir planen, optimieren, bringen ökonomische Dimensionen ein, Dimensionen der Qualitätssicherung und stellen einen gesellschaftlichen Kontext her. Das Lernfeld-Konzept geht davon aus, dass mit dem Lernträger alle Facetten von Arbeit deutlich gemacht werden können.

Gibt es denn überhaupt keine Fächer mehr in der Berufsschule?

Ja, das ist so. Insgesamt nimmt das Faktenwissen ab. Beim Themenfeld Englisch ist es nicht immer problemlos machbar, die Inhalte an einen Lernträger anzudocken, obwohl oftmals Montage- oder Maschinen-Anweisungen in englischer Sprache ausgehändigt werden. Im Bereich Deutsch werden Schadens- oder Montageberichte geschrieben. Hieran wird die Sprache geübt. Probleme machen uns aber die gesellschaftspolitischen Inhalte. Leichter ist die Integration bei den zu vermittelnden technischen Kompetenzen. Trotz Integration von ehemaligen Fächern wird in den Bereichen Deutsch, Englisch, Mathematik ect. zusätzlich Frontalunterricht gegeben, um evt. Defizite auszugleichen.

Haben Lernfelder nur Vorteile?

030_Netzwerk_FotosNein, es gibt auch Schattenseiten. Es fehlt für viele Jugendliche die ordnende Hand, die Struktur. Wenn es auf die Prüfung zugeht, wächst allenthalben die Nervosität. Schwächere Schüler tun sich mit diesem System schwer: ihnen fehlen insbesondere die Meilensteine des Wissens. Wir gehen nicht vom Detail zum Komplexen, sondern der Lernträger kommt als relativ schwieriges ganzheitliches Gebilde daher, welches von Jugendlichen eine hohe intellektuelle Leistung abverlangt. Sie empfinden den Lernträger als unstrukturiert, obwohl er das natürlich nicht ist. Aber die Empfindung der Schüler ist so. Aus dem Wust eine Struktur zu machen, das ist ein Problem und eine hohe Anforderung.

Kommen auf die Schulträger durch den Lernträger höhere Kosten zu?

Lernträger kosten Geld – da schlucken die Schulträger doch manchmal ganz schön, wenn die Kalkulationen vorgelegt werden. Deshalb können wir auch nicht permanent mit neuem Lernträger operieren.

Wie kommt das Lernfeldkonzept bei den Betrieben, den Berufsschülern und Berufsschullehrern an?

025_Netzwerk_FotosZu Beginn haben die Betriebe diese Neuerung nicht so richtig wahrgenommen. Das hat sich aber geändert. Die Berufsschule kann jetzt die Inhalte auf den Tisch legen und muss nicht erzählen was im Lehrplan für Lernziele aufgeschrieben sind, die dann im Schulalltag doch oftmals nicht erreicht werden. Der Versuch, einen neuen, ganzheitlichen Weg zu gehen, kommt bei den Betrieben gut an.
Auch der größte Teil der Berufsschüler kommt mit diesem Konzept gut zu Recht. Aber: Viele brauchen Hilfestellungen. Man muss sich klar machen, was da passiert: Du kommst den ersten Tag in die Schule und bekommst eine komplexe Zeichnung in die Hand gedrückt mit Schnittdarstellungen, Stücklisten etc. Früher wurde man herangeführt, step by step. Das Problem Passungen kommt jetzt schon gleich zu Beginn, früher war das Thema deutlich später angesagt. Schraubenverbindungen sind auch sofort ein Thema. Da kommt vieles zusammen, verwirrend für den Jugendlichen.
Im zweiten Schul-Block legt sich die Verwirrung. Die Azubis fangen an zu begreifen, erkennen Strukturen, finden Zugangswege, können entscheiden was wichtig, was unwichtig ist. Diese beruflichen Qualifikationen haben zugleich ausgeprägte gesellschaftliche Komponenten, die übertragbar sind.
Probleme macht auch das hohe Maß an Selbstständigkeit. Sie erfordert wie im Betrieb ein hohes Maß an Arbeitsdisziplin. In der Schule werden Gruppen (3-4 Schüler) gebildet, der Auftrag wird besprochen, die Schüler haben eine Zeitvorgabe und dann ist Schluss. Wie und wo die Gruppe ihre Arbeit leistet ist dann egal. Informationen müssen eigenständig beschafft werden. Die Gruppen müssen termingerecht abliefern – das alles erfordert ein hohes Maß an Selbstständigkeit. Auch die Berufsschullehrer haben ihre Probleme mit den Lernfeldern. Sie müssen verstärkt im Team arbeiten, der traditionelle Frontal-Lehrer kommt mit diesem System nicht immer klar. Aber viele Kollegen sehen das Konzept als Chance, sie wollen auf diese Form des Unterrichts nicht mehr verzichten.

Also ist der Beruf das didaktische Zentrum der Berufsschule, erfährt er durch die Lernfelder nicht sogar eine Renaissance?

015_Netzwerk_FotosJa, eindeutig. Auch im Gespräch mit Jugendlichen kommt das raus. Auf die Frage: Was machst Du denn, kommt die Antwort: Ich lerne Industriemechaniker – die Identifikation ist immer das Berufsbild, nie die Tätigkeit. Ich lerne, ich bin ein gelernter – das ist ein hoher Wert bei Jugendlichen. Oder eine andere Aussage: Ich will die Schule nicht verlassen, ohne das ich den Berufs-Abschluss gepackt habe. Diese Haltung ist unabhängig davon, ob ich einen Betrieb an der Seite habe oder in der Berufsschule die Vollqualifikation erworben wird. Der Beruf ist identitätsstiftend.
Aber auch für die Gesellschaft hat der Beruf eine ganz wichtige Funktion. Er hat sicherlich auch dazu beigetragen, dass in Deutschland Jugendunruhen, wie in anderen Ländern, nicht aufgekommen sind.
Beruf ist nicht zu ersetzen durch Qualifikation, das ist einfach mehr. Auch leistungsschwächere Jugendliche legen großen Wert darauf einen Beruf zu erlernen. Deshalb ist ganz wichtig, dass man gerade diese Jugendlichen nicht abdrängt in irgendwelche Qualifikationsmaßnahmen. Sie brauchen teilweise längere Lernzeiten, sie haben auch einen Anspruch darauf einen qualifizierten Beruf zu erlernen.

Wie viel Zeit braucht man für einen ersten beruflichen Entwicklungsprozess?

Drei Jahre ist in jedem Fall eine angemessene Zeit. Aber wir müssen klar machen: Am Ende zählt die Zeit die der einzelne braucht. Bei dem einen kann man kürzen, bei dem anderen braucht man länger. Drei Jahre sind aber eine gute Zeit für einen Bildungsprozess, der diesen Namen auch verdient. Betrieb oder Träger und Berufsschule betreiben diesen Bildungsprozess gleichermaßen und das ist gut so.
Die jungen Menschen, die zu uns kommen, sind nicht fertig, sie starten bei uns einen besonderen Bildungs- und Entwicklungsprozess. Innerhalb der dreijährigen Ausbildung können wir in dem Prozess verfolgen, wie aus dem Schüler – der sich zu Beginn oft sehr schwer tut – ein kompetenter Experte in seinem Fach wird.
Dieser Sozialisationsprozess verläuft allerdings unterschiedlich, je nach dem ob der Jugendliche einen Betrieb hat in dem er lernt, oder ob die Bildung ausschließlich im Lernort Schule erfolgt. Auch in den Augen der Jugendlichen ist das ein Unterschied: Betrieb ist Einzug in die Welt der Erwachsenen.
Im Übrigen will ich darauf hin

weisen, das es nicht akzeptabel ist, wenn in anderen Bildungsbereichen umfassende Bildungszeiten festgelegt werden während man Berufsbildung meint verkürzen zu müssen. Es ist nicht in Ordnung, wenn aus rein ökonomischer Sichtweise berufliche Bildung zur kurzfristigen Qualifiation für den jeweiligen aktuellen Arbeitsmarkt verkommt.

Wie bekommt der Lehrer die Veränderungen in der Berufswelt mit?

Uns hilft die gute Zusammenarbeit mit den Ausbildungsbetrieben, sprich die Lernortkooperation. Wir treffen uns außer bei Prüfungen zwei bis dreimal im Jahr zu Lernort-Kooperationssitzungen. Gegliedert wird die Kooperation nach den Berufen. Die Tagungsorte wechseln sich in Schule und Betrieb ab, so dass man konkret erfahren kann was sich verändert. Ein weiteres Instrument ist das Lehrerpraktikum.

Hat das Lernen im Beruf in der Wissensgesellschaft noch eine Chance?

Sicherlich gibt es eine Theoretisierung bei den Berufen. Da aber in Deutschland noch immer viel produziert wird, brauchen wir die notwendigen Fachkräfte. Deshalb glaube ich, dass der Beruf weiterhin eine Chance hat. Aber: wir brauchen Veränderungen. So sollte die Anzahl der Berufe deutlich reduziert werden, notwendig ist auch eine neue Strukturdebatte. Die Prozesse des Lernens, wie lernt man, wie kann man das kontinuierlich betreiben, diese Dinge müssen wir deutlicher vermitteln. Wenn wir in beruflichen Lernprozessen Wert auf die theoretische Durchdringung der Handlungen legen, wird diese Lernform der alternierenden Lernorte auch in der Wissensgesellschaft ihre Chancen haben.

Geht durch Zusammenlegung von Berufen die Beruflichkeit verloren?

Nein, das glaube ich nicht. Beruflichkeit bedeutet, dass man in einem bestimmten Segment eine eigene Professionalität und Handlungsfähigkeit entwickelt hat. Wichtig ist, dass die Dualität der Lernorte erhalten bleibt, das ist ein zentrales didaktisches Prinzip. Die Anzahl der Berufe ist dabei nicht so wichtig. Wir haben in den letzten Jahren zu viele neue Berufe geschaffen. Vielfach wurde aus Tätigkeiten ein Beruf gemacht, das ist eine falsche Entwicklung. Schweißen ist kein Beruf, sondern eine Tätigkeit. Zum Beruf gehört mehr als die Ausübung einer Tätigkeit.

Hat die Beruflichkeit auch in den neuen Wirtschaftsbereichen eine Zukunft?

Ja, das ist schon möglich. Man muss aufpassen, dass man die richtigen Bündelungen vornimmt und ein entsprechendes Niveau erreicht. Zu einfach sollte man sich dass Thema neue Berufe allerdings nicht machen. Neue Berufe schaffen heißt ja auch, die Betriebe in diesen Bereichen in die Ausbildungsverantwortung zu nehmen.

Sollen die gesellschaftlichen Gruppen die Berufsschule übernehmen?

Es muss bestimmte Bereiche z.B. Wasser, Gesundheit oder Bildung in dieser Gesellschaft geben, die im Besitz der öffentlichen Hand bleiben müssen. Das sind so hohe Güter, die darf man nicht privatisieren. Diese Dinge kann man auch nicht einfach gesellschaftlichen Gruppen übereignen. Nur der demokratische Staat ist gesamt gesellschaftlich legitimiert in diesen Bereichen letztlich Verantwortung auszuüben.

Aber die Berufsbildung ist doch als Bildungsbereich am nächsten dran am Kapitalismus, ist das folgenlos?

Ja, in der Tat erwachsen aus dieser Nähe schwierige Probleme. Nicht umsonst wird Berufsbildung aus dem Wirtschaftsrecht, nicht aus dem Bildungsrecht abgeleitet. Viele verstehen unter einer „Lehre“ keine Bildungszeit, für sie ist das nur Ausbildung oder Qualifikationserwerb. Das ist ja nur für den Arbeitsmarkt, das muss schnell gehen, nicht viel Kosten und muss sich rechnen. Diese Kriterien gelten dann nur für das Ausbildungssystem – nicht für die Bildung am Gymnasium. Ich bleibe dabei: der Staat muss dafür sorgen, dass auch in der Berufsbildung die Bildung gesichert ist.

Gibt es nicht die Notwendigkeit für mehr gesellschaftliches Commitment für die Berufsschule zu organisieren, die stehen doch ziemlich allein dar?

013_Netzwerk_FotosJa, da ist was dran. Wie trostlos die Lage der Berufsschule manchmal ist, zeigt das Beispiel der Berufsvorbereitung. In diesen Klassen wird versucht mit den Eltern der Schüler in Kontakt zu treten, aber meist ohne großen Erfolg. Für diese Eltern endet Schule und Bildung spätestens mit dem Abschluss an der allgemeinbildenden Schule. Berufsschule wird nicht verstanden als Bildungsinstitution.

Aber nicht nur bei Eltern auch bei anderen gesellschaftlichen Gruppen ist es schwer, die Probleme der Berufsschule zu platzieren. Berufsschule da wird gearbeitet, vorbereitet auf den Arbeitsmarkt, aber keine Bildung vermittelt. Für viele gilt es das Bewusstsein für die Berufsschule neu schärfen: Wir müssen verdeutlichen, was sich bei uns alles verändert hat. Wir müssen zeigen, dass bei uns sehr komplexe Bildungsprozesse ablaufen. Und da bleiben dann immer noch viele Fragen: Warum werden Veränderungen nicht wahrgenommen, nicht gleich gesetzt mit anderen Bildungswegen? Warum sind die Bereiche so von einander abgeschottet? Warum gibt es keine gegenseitigen Anerkennungen, warum sind die Schnittstellen der Teilbereiche fast unüberwindbar?

Aber mit den Betrieben müsste es doch eigentlich besser laufen?

Ja, aber da kann ich nur von meinen Erfahrungen berichten. Mit den Betrieben, mit denen wir in Hamburg zusammenarbeiten, haben wir ein sehr kooperatives Verhältnis. Wir haben keinen Stress mit den Geschäftsführungen der Betriebe, auch nicht mit den Ausbildern und Meistern. Es ist wirklich eine gegenseitige Anerkennung vorhanden. Grund für dieses positive Klima? Das liegt vor allem daran, dass man sich kennt. Auch um die Schwierigkeiten des jeweils anderen weiß. Das ist in vielen Regionen ganz anders. Da gibt es vielfach strikte Trennungslinien: hier der Betrieb, dort die Schule. Das ist falsch. Kooperation schafft eine höhere Akzeptanz und das auf beiden Seiten.

Warum engagieren sich die Absolventen der Berufsschule nicht für die die Zukunft ihrer Schule?

In der Berufsschule gibt es eher eine Fluchtbewegung wenn es klingelt….

Mir ging das übrigens ganz genau so: Mein Bildungsprozess ist wesentlich bestimmt worden durch einen Berufsschullehrer, der mich unterrichtet hat. Der hat Bildung bei mir losgetreten und damit auch das Interesse, bestimmte Bildungsgänge zu absolvieren. Insofern bin ich ihm in hohem Maße zu Dank verpflichtet und damit auch der Institution, die diesen Lehrer beschäftigt hat. Trotzdem habe ich nie Verantwortung für meine Berufsschule übernommen, warum eigentlich nicht?

Diese Situation habe ich häufig erfahren. Ein Beispiel: In meiner Schule kommen viele Berufsschüler noch einmal zurück, um eine Technikerausbildung oder die Fachoberschule zu absolvieren. Viele dieser Arbeitnehmer haben den Anstoß für ihre Bildung in der Berufsschule erhalten, durch den Hinweis von Lehrern auf ihre vorhandenen Potentiale. Das machen sich die Betroffenen aber erst einige Jahre später bewusst. Dann fragen sie schon mal nach, wie geht es dir persönlich, was macht die Schule. Der Eindruck von der Schule hat sich sehr verschoben, als sie Schüler waren, war das Bild nicht so positiv, wie einige Jahre später. Aber eine wirkliche Identifikation mit der Berufsschule: Das ist meine Schule, dafür muss ich was tun, nein so etwas gibt es kaum. Berufsschulen sind Einrichtungen wo man hingeht, weil man muss, und nicht weil man Freude daran hat. Sie sind Bestandteil des Arbeitslebens.

Welchen Reformbedarf sieht Horst Linke für die Berufsschule?

Den will ich an drei Stellen markieren:
Durch meine Doppelrolle als Lehrer und als politischer Funktionär der GEW fällt mir auf, dass in der Öffentlichkeit berufliche Bildung in seinen Facetten von der Erstausbildung bis zum Weiterbildungsberuf, einschließlich hochqualifizierter allgemein bildende Abschlüsse an Berufsschulen, nicht die notwendige gesellschaftliche Anerkennung findet und zwar die Anerkennung der Beruflichkeit als wertvolles Gut der Gesellschaft.

Es ist unerträglich, dass es uns immer noch nicht gelungen ist Bildungswege so zu strukturieren, dass sie ein hohes Maß an Durchlässigkeit und gegenseitiger Anerkennung haben. Es gibt nicht den Königsweg, es gibt viele Wege zu einem Ziel und einer davon ist der Weg der beruflichen Bildung. Der direkte Weg an die Hochschulen über die berufliche Bildung darf nicht mehr ausklammert werden.

Ich würde mir wünschen, dass mehr jüngere Menschen den Beruf des Berufsschullehrers ergreifen. Nur so kann die Beruflichkeit auch längerfristig abgesichert werden. Bundesweit haben wir die größten Probleme qualifizierte Lehrer zu finden. Das gesamte Konzept der Lernfelder, mit seiner neuen Didaktik fällt in sich zusammen, wenn es das notwendige Personal nicht gibt. Nur noch sehr wenige sind bereit, das Lehramt an Berufsschulen zu studieren. Das Interesse ist rapide gesunken. Bei uns laufen derzeit zwei Ausschreibungen – keine einzige ernst zu nehmende Bewerbung. Zugleich verlassen acht Lehrer die G 1 in Hamburg, sie gehen in den Ruhestand. Das wird ganz schön eng. Den anderen Zugang zur Berufsschule als Seiteneinsteiger, also Ingenieure verlassen den Betrieb um zu unterrichten, auch das findet man derzeit kaum noch. Besonders attraktiv ist dieser Weg für Praktiker nicht mehr, weil auch in den Schulen die Bürokratisierung zunimmt . Besonders dann, wenn diese Interessenten auch mal mit den Klassen konfrontiert worden sind, die nicht nur die Edel-Berufe erlernen. Berufsschullehrer sein ist manchmal ein schweres Holz.

Vielen Dank für das Gespräch.