Griechische Schulen kultivieren das Vorbild des "autistischen" Staatsbürgers

Interview mit Grigoris Kalomiris, Vizepräsident der O.L.M.E. – der griechischen Lehrergewerkschaft

Das Interview führte die Journalistin Olympia Liatsou

Von der „akkumulierten Wut über eine verminte Zukunft“. Von einer Gesellschaft, die in „Dekadenz und Fäulnis“ untergeht. Von Schulen, die das „Bild des autistischen Staatsbürgers kultivieren“. Vom Fernsehen, in dem „der einfache und kurzlebige persönliche Erfolg“ propagiert wird“. Von den unvermeidbaren „Kompromissen“ im Dienste des Überlebens. Von Arbeitslosigkeit, mangelnder Absicherung im Arbeitsleben und schreiender Ungleichbehandlung.

Von all dem, was die jungen Leute mit derartiger Wut auf die Straße getrieben hatte, sprach der Vizepräsident der O.L.M.E., Grigoris Kalomiris.

? _ Warum haben sie die meiste Angst vor dem „Bild ihres zukünftigen Ichs“? Worauf ist der soziale Ausbruch zurückzuführen, den wir kürzlich erlebt haben?

Der soziale Ausbruch wurde durch den Mord an dem 15-jährigen Alexis entzündet; er brachte jedoch die akkumulierte Wut gegen die politischen Entscheidungen der letzten Jahre zum Vorschein. Schüler und Studenten erkennen, dass ihre Zukunft im Arbeitsleben unsicher ist. Nach Abschluss ihrer Ausbildung bleiben sie lange Jahre arbeitslos oder finden eine ausbildungsferne Beschäftigung. Viele arbeiten für Hungerlöhne und ohne Sozialversicherung. Sie sehen mit an, wie Staatsunternehmen dem Unternehmerkapital übergeben werden und die Beschäftigten ihre Rechte verlieren.

Sie erleben ein Klima fortdauernder Politskandale, in denen Politiker der staatstragenden Parteien und Kirchenfunktionäre führende Rollen spielen. Sie stellen fest, dass die Schuldigen regelmäßig nicht zur Verantwortung gezogen werden. Kurzum, sie sind umgeben von selbstherrlicher Autorität, Repression, Polizeigewalt und Willkür. Unter diesem Aspekt war der Aufstand zu erwarten und begründet.

?_ Welches sind die vorherrschenden Elemente, die diese Reaktion der Jugendlichen an den Tag gebracht hat ?

Sie hat die generalisierte soziale, politische und wirtschaftliche Ausweglosigkeit der arbeitenden Bevölkerung und der jungen Leute zum Ausdruck gebracht. Sie hat die ganz allgemeine Verurteilung der Regierung und der neoliberalen Politik aufgezeigt. Diese Reaktion wird zutiefst von Umsturzgedanken getragen, die sich aus der angesammelten Wut über die verminte Zukunft herleiten, die der jungen Generation vom kriselnden Neoliberalismus bereitet wird. Das Bezeichnende ist, dass sich unter den Tausenden Demonstranten sowohl politisch aktive, aber auch völlig unpolitische junge Menschen befinden, Studenten, Schüler, Ausländer, die alle ihrer Wut gegen die Polizeigewalt Ausdruck verleihen.

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?_ Hat die Bildungsmisere zur Verschärfung der Proteste beigetragen ?

Das ist offensichtlich. Die Schüler sind aufgebracht über den Konkurrenzkampf in den heutigen Schulen, die ihren Interessen keine Rechnung tragen. Sie werden in ein starres Routineprogramm gezwängt, sei es, weil es das Bildungssystem erfordert, oder der soziale Aufstieg. So verlangen sie verzweifelt nach mehr Freizeit, nach Seelenruhe und nach Kanälen zur Kommunikation, zum Ausdruck und zur Kreativität.

Die vollmundigen Versprechungen von der Priorität der Bildungspolitik werden widerlegt durch die Mittelknappheit der öffentlichen Schulen, wo Lehrpläne und Bücher das „Geschäftskonzept“ und den Konkurrenzkampf immer weiter hervorheben und nicht zur Vermittlung von multidimensionalen, objektiven und wissenschaftlich begründeten Kenntnissen beitragen.

?_ Welches Bild herrscht in den Schulen vor ?

Ein Großteil der Schulkomplexe, hauptsächlich im Athener Großraum Attika, sind nicht in Betrieb. Die Schüler bleiben dem Unterricht fern und demonstrieren. Mit blitzartiger Geschwindigkeit und beeindruckender Koordination sind Schulen, Klassen, Freundeskreise zu kleinen Sozialordnungen geworden und haben das Recht selbst in die Hand genommen. Jedoch auch in den Schulen, die in Betrieb sind, ist die Atmosphäre geladen. Die Mahnungen des Bildungsministers scheinen auf taube Ohren zu stoßen.

Die Schüler nutzen alte und neue Kommunikationsformen, um sich zu informieren und zu koordinieren. Besonders Gemeinschaftsgeist, Solidarität und Respekt vor dem Andersartigen werden hervorgehoben.

?_ Wovor haben die jungen Leute am meisten Angst ?

Am meisten fürchten sie sich vor dem zukünftigen Bild ihrer selbst. Sie sehen um sich herum eine Gesellschaft, die in Dekadenz und Fäulnis versinkt. Dies ist mit ihrer Vision nicht vereinbar, und sie möchten diesen Niedergang nicht fortsetzen. Jedoch werden sie fast von Allem, was sie umgibt, in diese Richtung gedrängt. In der Schule wird das Vorbild eines „autistischen“ Staatsbürgers kultiviert, der sich dem wirtschaftlichen Konkurrenzkampf auf allen Ebenen verschrieben hat. Das Fernsehen projiziert den raschen, kurzlebigen persönlichen Erfolg. Die tägliche Erfahrung lehrt sie die „Lösung“ der allgegenwärtigen Kompromisse, die das Überleben in einer Welt der Arbeitslosigkeit, der Unsicherheit im Arbeitsleben und der schreienden Ungleichbehandlung sichern. Eine Gesellschaft, die aus Tätern und Opfern besteht – wobei diese Rollen beliebig austauschbar sind – fordert den jungen Leuten ab, ihren Visionen den Rücken zu kehren und sich „zu ihrem eigenen Besten“ zu fügen.

demo7?_ War dieser Ausbruch genug, um unsere Gesellschaft wach zu rütteln ?

Zumindest war er genug, um einen großen Teil der Gesellschaft, hauptsächlich die Jüngeren, wach zu rütteln. Der extreme Einsatz von Gewalt zeigt oft auf intensivste Weise die tragischen Folgen, die täglich weniger spektakulär von den Macht- und Unterordnungsverhältnissen hervorgerufen werden, auf denen unsere Gesellschaft beruht. Ob jedoch das Erwachen zu einem bewussten, beabsichtigten und organisierten Eingriff führt, der gesellschaftliche Veränderung bewirkt, steht noch offen.

?_ Warum hören die Politiker nicht auf die Stimme der jungen Leute ?

Politiker und staatstragende Parteien, die ihre Interessen mit dem Erhalt der Macht- und Ausbeutungsverhältnisse verwoben haben, verschließen natürlich ihre Ohren vor dem, was die Jugend an Änderungen verlangt. Lassen Sie uns zumindest anerkennen, dass es Interessengruppen gibt, die derartigen Politikern mit Sympathie gegenüber stehen. Wehe jedoch, wenn es keine Politiker und Parteien mehr gibt, die ein Gespür für die Bedürfnisse der Jugend haben.

?_ Wenn Sie dem Minister gegenüber stünden, was würden Sie ihm sagen ?

Ich würde ihn das fragen, was Stathis seinen „Nautilus“ [A.d.Ü.: Figuren aus der bekannten Karikatur in der „ELEFTHEROTYPIA „] gefragt hat: „Wieso ist es schlimm, dass unsere Schüler Mord, Rassismus, Faschismus, Ausbeutung, bildungs- und sozialpolitische Ausgrenzung hassen? Ich würde ihm auch sagen, dass er sich den Wut- und Protestschrei der Schüler zu eigen machen soll. Er sollte sich für die sofortige Anhebung der Bildungsausgaben auf 5% des BSP aussprechen, die problematischen Lehrpläne ersetzen lassen, die privaten Hochschulen und Colleges schließen lassen, schrittweise den freien Zugang zur Hochschulbildung einführen und die öffentlichen Universitäten stärken.

A.d.Ü.: Anmerkung des Übersetzers

Der Text wurde aus dem griechischen übersetzt.