Das Interview zum Thema Durchlässigkeit mit Bildungsexperte Wolfgang Oppel

Von: Wolfgang Oppel (Bildungsexperte)

Wolfgang Oppel

Bildungsexperte

Wolfgang Oppel war viele Jahre Bildungsreferent beim DGB-Bundesvorstand in Berlin und ist jetzt als Bildungsexperte beratend tätig.


?_ Roman Jaich: Traditionell hat sich in Deutschland die Unterteilung der tertiären Bildung in berufliche Bildungsgänge und allgemeinbildende schulische Bildungsgänge herausgebildet, die als zwei nebeneinanderstehende Säulen im Bildungssystem kaum miteinander verbunden sind. Wie sieht es mit der Durchlässigkeit dieser beiden Bildungsgänge aus?

!_ Wolfgang Oppel: Im Wesentlichen bezieht sich Durchlässigkeit auf die Üeber- und Zugangsmöglichkeiten zwischen der Hochschulausbildung und der Berufsbildung. Bisher sehr problematisch ist der Wechsel vom berufsbildenden System in das Hochschulsystem. Die Absolventinnen und Absolventen des berufsbildenden Systems erhalten nicht automatisch eine Hochschulzulassung. Es bestehen zwar in allen Bundesländern Regelungen für die Zugänge zu Hochschulen ohne Abitur. Sie erfordern in der Regel eine abgeschlossene Berufsausbildung, Berufspraxis sowie zusätzlich z.B. eine Fortbildungprüfung nach dem Berufsbildungsgesetz – oder eine Meisterprüfung im Handwerk und schließen zum Teil eine Zugangsprüfung mit ein. Mit jährlich ca. 1.500 Einschreibungen ist die Inanspruchnahme jedoch bisher von geringer Bedeutung. Zusätzliche Anreiz- und verbesserte, transparente Informations- und Beratungssysteme sind hier notwendig und geboten, um tatsächlich von Durchlässigkeit, Aufstieg durch Bildung und Chanchengleichheit  sprechen zu können.

Die Schaffung von horizontaler und vertikaler – also gegenseitiger Durchlässigkeit zwischen diesen beiden Bereichen muss ein Strukturmerkmal des deutschen Bildungssystems werden, damit Bildungslebensläufe flexibel gestaltet werden können. Dies ist bildungsmotivierend und fördert die Ziele „Chancengleichheit“ und „Erhöhung der Bildungsbeteiligung“.

?_ Roman Jaich: Durchlässigkeit bezieht sich nicht nur auf Zugänge  sondern auch auf die Anerkennung von in einem Bereich erworbenem Wissen in dem anderen Bereich. Wie sieht es damit im deutschen Bildungssystem aus.

!_ Wolfgang Oppel: Bei einem Wechsel der Bildungsgänge müssen immer noch Zertifikate, Abschlüsse und ähnliches doppelt erworben werden. Eine Anerkennung von Qualifikationen, die beispielweise im Berufsbildungssystem erworben wurden auf ein Hochschulstudium und umgekehrt gibt es in Deutschland nicht. Damit verlängern sich die Ausbildungszeiten und zum Teil auch die Ausbildungskosten.

Ziel muss es daher sein, ein hohes Maß an Durchlässigkeit horizontal wie vertikal zwischen Bildungseinrichtungen, ebenso wie zwischen betrieblicher Ausbildung und Hochschulen zu schaffen. Erforderlich dafür ist ein Anerkennungsverfahren, das es möglich macht, dass Kompetenzen, die in einem Bildungsbereich erworben wurden, in einem anderen Bildungsbereich anerkannt werden.

?_Roman Jaich: Gibt es Perspektiven, dass sich hieran etwas ändern könnte?

!_Wolfgang Oppel: Bewegung könnte durch Entwicklungen auf europäischer Ebene kommen, die sich auf einen EQR (oder EQF „European Qualifikation Framework“) verständigt hat. Zentral für den EQR ist, dass ausschließlich Lernergebnisse berücksichtigt werden. Ausbildungsdauer, Ausbildungsort (Schule, Betrieb, Hochschule, Bildungseinrichtung) und Ausbildungsform (duale Ausbildung, Lernen am Arbeitsplatz, Studium etc.) spielen explizit keine Rolle. Mit Hilfe dieses Ansatzes ist es möglich, die Lernergebnisse eines jeden Bildungsgangs in neutraler Form zu beschreiben, ohne einen unmittelbaren Vergleich vorzunehmen oder das Bildungs- bzw. Qualifikationssystem eines einzelnen Landes als Referenz heranzuziehen. Der EQF stellt somit einen Rahmen her, auf den jede Qualifikation/jeder Bildungsgang in jedem Staat der EU bezogen werden kann. Kein Bildungssystem soll dabei bevorzugt oder diskriminiert werden.

?_Roman Jaich: Das ist eine Entwicklung auf europäischer Ebene, aber hat das Bedeutung für Deutschland?

!_ Wolfgang Oppel: Das wirkt sich sehr wohl auch auf Deutschland aus. Die Mitgliedstaaten sind aufgefordert, nationale Qualifikationsrahmen zu schaffen und diese an den EQR anzupassen. Der Deutsche Qualifikationsrahmen (DQR) ist der Versuch der Umsetzung des EQR in nationale Strukturen, explizit unter Einbeziehung des Hochschulbereiches. Während der EQR lediglich ein Übersetzungsinstrument, also einen Formalrahmen darstellt, könnte ein DQR als ein Reforminstrument des Berufsbildungssystems angelegt werden. Gerade für unser trennscharf segmentiertes Bildungssystem eröffnet der DQR auch Potenzial, die Durchlässigkeit zwischen dualen und vollschulischen Bildungsgängen sowie zwischen Aus- und Weiterbildung zu erhöhen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sich die Akteure in der Berufsbildungspolitik auch unter Beteiligung der wissenschaftlichen Fachdisziplinen aktiv an der Ausgestaltung eines nationalen Qualifikationsrahmens beteiligen.

Bei der Ausgestaltung des DQR ist darauf zu achten, dass grundsätzlich alle Kompetenzniveaus auf schulischen, betrieblichen, hochschulischen und beruflichen Bildungs- und Karrierewegen erreichbar sind und auch Formen des informellen Lernens hinreichend berücksichtigt werden.