Bildungsblockaden einreißen

Für den 17. Juni 2009 planen Franziska Rein und David Pape, beide Schüler sind 15 Jahre alt,  im Rahmen der bundesweiten Bildungsstreiks eine Großdemonstration in Braunschweig. Beide sind Mitglied im Arbeitskreis Schulstreik, der bereits am 12. November 2008 eine Streikaktion gegen das marode, ausgrenzende Bildungssystem organisierte. Das Bündnis besteht unter anderem aus Schülerinnen und Schülern, Studierendenvertretung, DGB-Gewerkschaften, Stadtelternrat, Stadtschülerrat, SJD- die Falken und der Linksjugend solid.

100.000 Demonstranten waren damals bundesweit auf den Straßen, 10.000 davon in Braunschweig. Ein Zeichen, dass von der Politik nicht übersehen werden kann.

Das Interview führten Garnet Alps von der DGB-Jugend  und Sönke Volkmann von der Jungen GEW.

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Das Bild zeigt von links nach rechts: Garnet Alps, Sönke Volkmann, David Pape, Franziska Rein.

Ihr habt im vergangenem Jahr bundesweit unter dem Motto „Bildungsblockaden einreißen!“ demonstriert. Wie war die Reaktion an der Schule und bei euren Eltern?

David: Eigentlich hat es überwiegend positive Reaktionen gegeben. Viele meiner Mitschülerinnen und Mitschüler haben mitgemacht und der Schulstreik hat dazu geführt,  dass in der ganzen Stadt über Schule und das Schulsystem diskutiert wurde. Unser Politiklehrer hat extra eine Stunde angeboten, in der wir über die Demonstration gesprochen haben. Sowieso waren die Lehrer im Großen und Ganzen auf unserer Seite. Die leiden ja genauso wie wir unter den schlechten Schulbedingungen. Leider haben einige Schulleitungen unser Anliegen nicht so unterstützt. Weil die Demo am Vormittag war, wollten einige sogar ‚Sechsen‘ fürs Fehlen vergeben. Das ist doch psychischer Druck!

Franziska: Ein paar haben aber auch ihre Schülerinnen und Schüler beurlaubt. Schlimm fand ich aber, als ein Schulleiter die Schülervertretung gegen den AK Schulstreik aufgebracht hat, indem er behauptet hat, wir wollen sein Gymnasium abschaffen. Das, was wir kritisieren, ist die Undurchlässigkeit im gegliederten Schulsystem. Wir haben aber nie gesagt, dass wir die Gymnasien zerschlagen wollen – wie soll das auch gehen? Aber wir sind für die Förderung von Gesamtschulen. Insgesamt haben sich die meisten Diskussionen um integrierten Gesamtschulen (IGSen) und das gegliederte Schulsystem gedreht. Da haben wir viel Aufklärungsarbeit geleistet.

…und was haben eure Eltern gesagt?

Franziska: Meine Mutter hat mich total unterstützt. Die war auch auf der Demo. Ich denke, die Eltern waren froh, dass wir uns engagieren und dass wir unsere Inhalte so konsequent vertreten haben. Teilweise haben uns auch Eltern mehr unterstützt als einige Mitschülerinnen und Mitschüler.

David: Der Stadtelternrat ist ja auch bei unserem Bündnis mit dabei und hat uns vor der Presse verteidigt.

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Und wie hat die Politik auf euren massiven Protest reagiert? Ist sie auf eure Forderungen eingegangen?

David: Die CDU-Politikerin Heidemarie Mundlos hat polemisch gegen den AK Schulstreik gewettert und uns als linksextremistisch unterwandert bezeichnet. Obendrein wurden wir von ihr kriminalisiert, weil sie meinte, dass unser Schülerprotest gegen die Schulpflicht verstoße. Aber Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter streiken ja auch nicht in ihrer Freizeit!  Ich hatte eher den Eindruck, dass sie das nur gemacht hat, weil sie aus ideologischen Gründen etwas gegen IGSen hat.

Franziska: In der parteilpolitischen Kritik ist auch kaum inhaltlich auf unsere Forderungen eingegangen worden. In der Braunschweiger Zeitung war zum Beispiel zu lesen, wir seien eine Jugendorganisation mit Linksdrall, damit sollten die Eltern verschreckt werden.Die Landesregierung hat für ihre Politik auch Druck über die Schulbehörden auf die Schulen ausgeübt.

Habt ihr Euch da einschüchtern lassen?

Franziska: Nein. Wir haben eigene Stellungnahmen geschrieben und Flugblätter verteilt, um unsere Forderungen klar zu stellen. Auch auf einer Veranstaltung von Frau Mundlos.

David: Außerdem haben wir in persönlichen Gesprächen erfahren, dass die Leute uns eher glauben, als das was über uns gesagt oder geschrieben wird. Das hat uns viel Mut gemacht.

Was waren eure Hauptforderungen auf der Demonstration?

David: „Eine Schule für alle“ war uns am wichtigsten, um darauf aufmerksam zu machen, dass das gegliederte Schulsystem selektiert. Vor allem entscheidet die soziale Situation der Eltern über die Zukunft des Kindes.

Franziska: Außerdem natürlich Bildung statt Leistungsdruck und dass wir kleinere Klassen haben, damit man was mitkriegt. Den Eltern ging es bei der Demo vor allem um den Unterrichtsausfall, also um eine gute Lehrerversorgung. Nach unserer Demonstration hat die Landesregierung tatsächlich neue Lehrkräfte eingestellt, allerdings nur 250 statt den geforderten 3.000. Die anderen Reaktionen aus dem Ministerium waren bedeutend schlechter. So sollen Gesamtschulen nun auch G 8 statt G 9 umsetzen.

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Waren diese Reaktionen eine direkte Folge eurer Proteste?

Franziska: Direkt nach der Demonstration herrschte wie zuvor Planlosigkeit im Ministerium. Nach der Demo haben wir die Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann eingeladen, um mit ihr zu reden. Die wollte aber nicht kommen, da mussten wir auf eigene Kosten nach Hannover. Sie hat uns dann vorgerechnet, dass die Politik angeblich unschuldig daran ist, dass die Unterrichtsversorgung schlecht ist. Es gäbe zu wenig Nachwuchs, weil der Beruf zu unattraktiv sei. Die Arbeitsbedingungen seien zu schlecht. Wir verlangen, das zu ändern und dem Beruf mehr Wertschätzung entgegen zu bringen.

David: Sie meinte, es liegt an den wenigen Studienbewerbern. Aber die Landesregierung hat doch selbst die Studiengänge und -plätze gekürzt. Und die Arbeitsbedingungen kann die Regierung ja wohl verbessern. Die Landesregierung hat dann noch mehrere Monate gebraucht, um ein Konzept vorzulegen – aber mit mehr Verschlechterungen.

Könnt ihr erklären, was mit der Verschlechterung von „G 9″ auf „G 8″ gemeint ist?

David: Die Gymnasien und nun auch die Gesamtschulen sollen das Abitur nach 12 Jahren umsetzen, anstatt der bisherigen 13 Jahre. Der gemeinsame Unterricht braucht aber Zeit und wir am Gymnasium hätten auch lieber wieder ein Jahr mehr Unterricht. Freizeitaktivitäten oder ausreichend Schlaf fällt da schon mal weg. Stattdessen haben wir den gleichen Stoffumfang in weniger Zeit – also Leistungsdruck pur. Ich frag mich – wofür?

Franziska: Manchmal haben wir so blöde Unterrichtszeiten, dass wir abends noch mal hin müssen. Das zerreißt den ganzen Tag. Lernen braucht Zeit! Ich bin der erste G 8-Jahrgang an meiner Schule. Die Leute im Jahrgang über mir haben viel mehr Zeit und die müssen auch nicht gleich immer alles sofort verstehen. Obendrein müssen wir für unser ehrenamtliches Engagement die Zeit „rausschneiden“. Sollen wir etwa schwänzen? Ich glaube, wenn ich später arbeite, habe ich mehr Freizeit als jetzt.

Mit welchen Forderungen wollt ihr dieses Jahr auf die Straßen gehen?

David: Wir bleiben am Ball. Am 17. Juni werden wir wieder vormittags, nach der zweiten Stunde demonstrieren. Die Forderungen bleiben die gleichen, da sie ja nicht erfüllt worden sind. Hinzu kommt, dass wir ebenfalls dafür eintreten werden, dass Menschen mit Behinderungen unsere Regelschulen besuchen können. Die derzeitige Ausgrenzung ist total krass im Schulsystem.

Franziska: Genau, wir wollen eine inklusive Schule für alle, um gleichberechtigt zu lernen. So wie das jetzt läuft, hat das nämlich mit Bildung nichts zu tun.

Welche Rolle spielen die Gewerkschaften bei euren Protesten?

Franziska: Die Gewerkschaften haben sich mit uns solidarisiert und uns nicht nur finanziell unterstützt. Vor allem die GEW hat uns unterstützt, denn die Situationen von uns sind vergleichbar: Es geht auch bei uns um Interessenvertretung und Mitbestimmung. Außerdem wollen wir die Arbeitsbedingungen von Lehrerinnen und Lehrern und natürlich auch von uns verbessern. Für den nächsten Streik möchten wir auch im größeren Bündnis mit Auszubildenden auf die Straße gehen und gemeinsam mit ihnen auch für eine bessere Ausbildungsqualität kämpfen. Bei denen sieht es schließlich nicht besser aus als bei uns.

Was für Aktionen plant ihr in Braunschweig für dieses Jahr, am 17. Juni?

David: Die Demonstration am 17. Juni 2009 ist der Höhepunkt einer ganzen Aktionswoche, in der die Schulen Aktionen machen, es inhaltliche Veranstaltungen und natürlich auch eine große Party geben soll.

Wir wünschen euch viel Erfolg und unterstützen euch natürlich!

Infobox:

Bundesweiter Bildungsstreik 2009 im Internet:
http://www.bildungsstreik2009.de/
Braunschweiger Bildungsstreik im Internet:
http://www.akschulstreik.blogsport.de/