Betriebsatlas soll helfen

Transformation der Arbeit: Wie bleiben Gewerkschaften stark?

Von: Christiane Benner (Zweite Vorsitzende der IG Metall)

Christiane Benner

Zweite Vorsitzende der IG Metall

Christiane Benner ist zweite Vorsitzende der IG Metall. Ihre Aufgabenbereiche sind: Personal, Organisation, Zielgruppenarbeit und Gleichstellung (Angestellte, IT, Studierende, Frauen und Gleichstellungspolitik, Junge IG Metall, Migration und Teilhabe ), Projekt Crowdsourcing. Benner ist am 9. Februar 1968 in Aachen geboren und ist verheiratet.  Nach dem Abitur absolvierte sie eine Ausbildung bei der Carl Schenck AG, Darmstadt. Hier arbeitete sie auch bis sie das Studium der Soziologie an der Philipps Universität in Marburg aufnahm. Das Studium ...
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GEWERKSCHAFTEN  Qualifizierung für die Digitalisierung ist eine übergreifende Aufgabe, die Arbeitgeber, Politik und Gewerkschaften gemeinsam bewältigen müssen. In jedem Betrieb muss es eine Betriebsvereinbarung zur Qualifizierung geben.

Unsere Industrie und unsere Arbeitsgesellschaft verändern sich. Die Megatrends Digitalisierung, Elektrifizierung, Globalisierung und Feminisierung der Arbeit wirken in ihrem Zusammenspiel wie ein Katalysator auf die Veränderungen in unserer Arbeitswelt. Diese Veränderungen haben natürlich Auswirkungen auf die Belegschaftsstrukturen und Arbeitsorganisationen.

Gleichzeitig ist festzustellen: Studien, die langfristige positive oder negative Beschäftigungseffekte aus diesem Wandel ableiten, eignen sich nicht als seriöse Handlungsgrundlagen. Echte und selbsternannte Experten überschlagen sich derzeit geradezu mit wilden Phantasien über unsere Zukunft. Es ist aber die Aufgabe der Gewerkschaften diesen Wandel der Arbeitsgesellschaft zu gestalten. Grundlage ist unsere starke Sozialpartnerschaft und unsere gewerkschaftliche Organisationsstärke.

Nur gemeinsam mit Betriebsräten und den Beschäftigten lässt sich Veränderung gestalten. Dafür müssen Gewerkschaften ein Spiegelbild der Belegschaften und ein Sprachrohr ihrer Interessen sein. Wenn also die Beschäftigen in den Betrieben jünger, weiblicher und vielfältiger werden, dann muss die IG Metall das auch werden. In der letzten Tarifrunde für die Metall- und Elektroindustrie hat die IG Metall aufgezeigt, wie Beteiligung ganz konkret aussehen kann.

Neue Formen der Arbeit aktiv gestalten

Die Beteiligung der Beschäftigten kann viele Gesichter haben, die Befragung im Rahmen der Tarifrunde ist nur ein Bespiel. Gerade bei neuen Beschäftigungsformen – wie zum Bespiel dem Crowdworking – kann Beteiligung der erste Schritt sein, um Gewerkschaften als Akteure überhaupt erst ins Gespräch zu bringen.

Bei Crowdworking werden Aufträge über digitale Plattformen innerhalb, vor allem aber auch außerhalb des Unternehmens vergeben. Das ist heute entlang der gesamten Wertschöpfungskette möglich. Damit sind erhebliche Risiken für die Beschäftigten verbunden, weil diese Arbeitsform nicht reguliert ist. Die Plattformbetreiber bestimmen die Arbeitsbedingungen nach ihren eigenen Vorstellungen.

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Die Devise der IG Metall lautet hierbei: Mehr Selbstbestimmung und mehr Freiheit für die Beschäftigten.

Feste Arbeitsverhältnisse machen zunehmend fein parzellierten Auftragsarbeiten Platz. Soziale Errungenschaften, wie Kündigungsschutz, Mindestlöhne, Sozialversicherungspflicht, Altersvorsorge, Schutz bei Krankheit, Arbeitszeit- und Urlaubsregelungen sowie die Koalitionsfreiheit, geraten unter Druck! Diese Art der Plattformökonomie könnte auf unseren Sozialstaat und auf die Mitbestimmung eine genauso zerstörerische Wirkung entfalten wie auf etablierte Geschäftsmodelle in Unternehmen.

Aus diesem Grund hat die IG Metall den Kontakt mit den Beschäftigten gesucht. Durch Workshops, Umfragen und einer Unterstützung bei rechtlichen Problemen fand nicht nur ein Austausch statt. Dabei wurde auch deutlich, bei welchen Problemstellungen die Plattform-Beschäftigten sich Unterstützung wünschen.

Eine Trennung von online- und offline-Form der Beteiligung stellte sich hierbei als nicht sinnvoll heraus, da diese Trennung auch in der Arbeitswirklichkeit der Beschäftigten nicht vorgenommen wird. Die Ergebnisse waren die Grundlage für Gespräche mit den Arbeitgebern und den politisch Verantwortlichen.

So konnten wir in einem ersten Schritt erreichen, dass die Plattformen eine Selbstverpflichtung für Mindeststandards eingehen. Dazu zählt neben einer angemessen Vergütung vor allem eine verbindliche Zusage, dass erledigte Arbeiten überhaupt vergütet werden. Zur Kontrolle haben wir eine Ombudsstelle eingerichtet.

Als IG Metall geht es uns aber nicht nur darum neue Arbeitsformen sozial gerecht zu gestalten, sondern auch die Veränderungen in den Betrieben begleiten. Durch umfassende Vernetzung und BigData entstehen neue Produkte und Produktionsverfahren. Agile Arbeit, Künstliche Intelligenz und Roboter haben heute schon Auswirkungen auf die Art und Weise, wie in den Betrieben gearbeitet wird.

Fünf Punkte Plan für innovative Mitbestimmung in der Digitalisierung

Als Gewerkschaften ist es unsere Aufgabe die Beschäftigten bei diesen Veränderungen nicht nur zu begleiten, sondern sie aktiv in die Veränderungsprozesse einzubeziehen. Man muss Vertrauen bei den Menschen aufbauen. Die Botschaften müssen sein: Ihr werdet nicht alleine gelassen!

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IT-Weiterbildung: Eine mögliche Schlussfolgerung ist die passgenaue Qualifizierung der Beschäftigten. Heute schon müssen die meisten Beschäftigten in den technischen Berufen viel mehr analytisch und in komplexen Prozessen arbeiten als noch vor 20 Jahren.

Grundlage für diese Gestaltung muss eine Analyse der betrieblichen Gegebenheiten sein. Aus dieser Analyse können dann betriebliche und tarifliche Forderungen abgeleitet werden. So kann beispielsweise eine „Roadmap Digitalisierung“ entstehen. Dafür hat die IG Metall in NRW ein Instrument entwickelt: Den Betriebsatlas. Abteilung für Abteilung kann dort über unsere Mitbestimmungsgremien genau abfragen, wie Digitalisierung und Industrie 4.0 gestaltet werden sollen. (Link zum Fünf-Punkte-Plan: https://www.igmetall.de/christiane-benner-hannover-messe-2018-mischt-euch-ein-27310.htm)

Dieses Instrument werden wir als „Betriebsatlas“ flächendeckend in unserem Organisationsbereich ausrollen. So können wir zum Bespiel in der Autoindustrie neben der Digitalisierung auch die Folgen der Elektrifizierung abfragen. Nur wenn wir frühzeitig Entwicklungen erkennen, ist es möglich proaktiv zu handeln.

Eine mögliche Schlussfolgerung ist die passgenaue Qualifizierung der Beschäftigten. Heute schon müssen die meisten Beschäftigten in den technischen Berufen viel mehr analytisch und in komplexen Prozessen arbeiten als noch vor 20 Jahren. Für diese Fähigkeiten braucht es Weiterbildungen. Dafür müssen wir Freiräume schaffen und die Finanzierung sicherstellen.

In jedem Betrieb muss es auf Basis der ermittelten Qualifikationsbedarfe eine entsprechende Betriebsvereinbarung zur Qualifizierung geben. Qualifizierung für Digitalisierung ist eine übergreifende Aufgabe, die Arbeitgeber, Politik und Gewerkschaften gemeinsam bewältigen müssen. Frühzeitig sind z.B. auch die Arbeitsagenturen einzubeziehen nur so können auch KMU die nötigen Maßnahmen umsetzen. Darüber hinaus wird es nötig sein, Ausbildungs- und Weiterbildungskonzepte weiter zu entwickeln. Die Digitalisierung erfordert neue Spezialisierungen – nicht nur Ingenieure und ITler, sondern auch Facharbeiter und Bürokräfte mit neuen Kompetenzen.

Neben einer Analyse der Veränderungen und Qualifizierung wird auch der Schutz von Beschäftigtendaten in Zukunft eine wichtigere Rolle spielen müssen. Heute schon laufen einige Beschäftigte mit Tablets durch die Werkshallen, planen ihre Schicht mit Schicht-Doodle und tragen Datenbrillen oder smarte Handschuhe. Im Vertrieb werden sie mit einer digitalen Assistentin durch den Tag geführt. All diese Arbeitsprozesse produzieren Daten. Aus diesem Grund müssen wir Regelungen finden, wie mit diesen Daten umgegangen wird. Es muss sichergestellt werden, dass durch Datenerfassung keine Leistungs- und Verhaltenskontrolle erfolgt.

Denkbar wäre eine Art verbindlicher „Beschäftigten-Datenbrief“. Auf Grundlage einer Betriebsvereinbarung müssten die Arbeitgeber in festen Abständen die Beschäftigten darüber informieren, welche Daten sie erheben und wie sie diese verwenden.

Die Unterbindung von Leistungs- und Verhaltenskontrolle ist ein wichtiger Baustein beim Thema Schutz vor physischer und psychischer Belastung. Insgesamt gibt es schon viele gute Bespiele im Organisationsbereich der IG Metall im indirekten Bereich: es reicht von Regelungen zu mobiler Arbeit bis hin zu klaren Regelungen für die E-Mail-Kommunikation.

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Zukunft: Unsere klassischen Mitbestimmungsstrukturen sind bewährt und erfolgreich.

Die Devise der IG Metall lautet hierbei: Mehr Selbstbestimmung und mehr Freiheit für die Beschäftigten.

Wir wollen verhindern, dass Digitalisierung zu einer weiteren Taylorisierung der Produktion führt und dadurch Spezialisierung sowie Qualifizierung verringert wird. Auch der aktuelle Tarifabschluss für die Metall- und Elektroindustrie ist ein ganz wesentlicher Beitrag, um die Belastungen der Beschäftigten zu reduzieren.

Letztlich muss – gerade im Hinblick auf die Digitalisierung – die Beteiligung der Beschäftigten an gewerkschaftlichen und betrieblichen Entscheidungsfindungsprozessen ausgebaut werden. Ab dem ersten Tag, an dem neue Produktionssysteme eingeführt werden, müssen alle betroffenen Beschäftigten nach ihrer Meinung gefragt werden. Die Devise „erst wird eingeführt, anschließend wird geschult“ funktioniert bei Digitalisierung und Industrie 4.0 nicht.

Jeder Betrieb hat einzigartige Herausforderungen, Abläufe und Arbeitskulturen. Schon allein aus diesem Grund ist Beteiligung hier unerlässlich. Nur die Einbindung der Beschäftigten vermeidet unnötige Fehler und erspart viel Frustration in den Belegschaften.

In vielen Betrieben baut die Kapitalseite aktuell immer mehr direkte Beteiligungselemente ein oder baut durch agile Arbeitsmethoden Hierarchieebenen ab. Diese Entwicklung findet sowohl in der Produktion als auch in den wachsenden Entwicklungs- oder Höherqualifizierten-Bereichen statt. Auf diese Veränderung muss die IG Metall eine Antwort geben. Wir selbst müssen die echten Beteiliger werden und den Beschäftigten bei der selbstbestimmten Arbeitsgestaltung beiseite stehen. Unsere klassischen Mitbestimmungsstrukturen sind bewährt und erfolgreich.

Es gibt deshalb keinerlei Anlass, sie zu ersetzen. Aber wir können sie ergänzen. Wir könnten noch besser werden, wenn wir Elemente direkter Beteiligung in unsere bewährte Mitbestimmung integrieren können. Eine Möglichkeit wäre zum Bespiel digitale Beteiligung vor und auf Betriebsversammlungen oder Betriebsräte als Teil agiler Teams. Nur mit neuen Methoden werden wir die notwendige öffentliche Unterstützung für unsere Mitbestimmungspolitik bekommen.

Die bisherigen, rein repräsentativen Methoden reichen dafür nicht mehr aus. Dabei geht es nicht vorrangig um den Nachweis, dass wir technisch auf der Höhe der Zeit sind. Es geht darum, dass wir zeitgemäße Beteiligungsformen verstanden haben und praktizieren. Nur permanente Beteiligung ermöglicht es, das Vertrauen in den Belegschaften auszubauen und so noch besser über die Bedürfnisse der Beschäftigten zu erfahren.

Den Beweis dafür hat die IG Metall selbst erbracht: an unserer Beschäftigtenbefragung haben sich über 680.000 Menschen beteiligt. In einer kritischen Phase, als die Arbeitgeber die IG Metall wegen den 24 Stunden-Streiks verklagen wollten, konnten wir uns auf eine breit getragene Forderung verlassen. Sowohl innerhalb der Belegschaften als auch in der breiten Öffentlichkeit stütze die Befragung unserer Position. Solche Elemente direkter Beteiligung tun unserer betrieblichen Mitbestimmung gut.