Eine Schicksalsfrage, aber kein Schicksal

Von: Christian Schwägerl (Wissenschaftsredakteur beim Spiegel)

Christian Schwägerl

Wissenschaftsredakteur beim Spiegel

Jahrgang 1968, ist Mitglied der Berliner Redaktion des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL. Seine ersten journalistischen Erfahrungen sammelte er bei einer Lokalzeitung. 1988 unternahm der Preisträger des von der Körber-Stiftung ausgerichteten Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten mit einem Stipendium der Stiftung eine Recherchereise nach Neuseeland und erhielt für seine Reportage die Herbert-Weichmann-Medaille für journalistische Talente. Es folgten die Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München sowie freie Mitarbeit bei GEO und der Süddeutschen Zeitung. Schwägerl studierte Biologie in Berlin ...
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Das demographische Tabu

Jeder war dabei, jeder hat sie erlebt, auf der Straße, am Arbeitsplatz, in der Schule und in der Familie: Die fast vier Jahrzehnte, in denen in Deutschland die Kinder immer weniger, die Älteren immer älter und die Ortschaften von Menschen aus aller Welt bevölkert wurden, haben tiefe Spuren in der Gesellschaft hinterlassen. Diese demographischen Veränderungen werden das Zusammenleben auf lange Zeit bestimmen und prägend für die Zukunft Deutschlands sein. Doch fast keiner hat sie bemerkt. Zumindest bis vor einigen Jahren.

Es war wie bei einem Menschen, den man täglich sieht. Veränderungen, die sich wie in Zeitlupe vollziehen, sind schwer zu bemerken. Doch zusätzlich haben die Deutschen es vermieden, sich überhaupt ins Gesicht zu schauen. Sie debattierten über Gott und die Welt, über die Kernenergie, das Waldsterben, die Stasi und das Internet, aber nicht darüber, wie sie sich als Gruppe von Menschen zwischen Ostsee und Alpen verändern, nach Alter, Zahl und Herkunft. Und was das für ihre Zukunft bedeutet.

Was da passiert, hätten ihnen Bevölkerungswissenschaftler sagen können. Die erforderlichen Daten ruhten in den Rechnern, waren mit wenigen Handgriffen abrufbar. Doch fast niemand hat sie nachgefragt. Als die Westdeutschen 1987 bei einer Volkszählung statistisch durchleuchtet wurden, war der Widerstand gegen die staatliche Datensammlung so groß wie anschließend das Desinteresse an den Ergebnissen. Selbst die Wiedervereinigung wurde nicht als Chance einer demographischen Selbstbetrachtung genutzt.

Bis vor wenigen Jahren war »Demographie« nicht mehr als ein Fremdwort, leicht verwechselbar und oft verwechselt mit der Demoskopie. Die Demographen waren eine kleine verschworene Gemeinschaft, die sich auf wenige Lehrstühle und Elfenbeintürme zurückgezogen hatte. Dort wurden sie selten von Besuch gestört. Ihre Erkenntnisse blieben für die Gesellschaft weitgehend unsichtbar.

Ein ganzer Stapel von Wahrnehmungsfiltern hatte sich zwischen die Deutschen und ihr demographisches Spiegelbild geschoben. Diese Filter und Tabus waren vor allem durch die Verbrechen der Nationalsozialisten entstanden. HitlerDeutschland hatte die Demographie als Gebrauchsanleitung zum Rassenwahn und zum Massenmord missbraucht. Dies schlug nach dem Krieg in eine mehr als berechtigte Scheu vor jeder Art von Bevölkerungspolitik um und wandte sich auch gegen die Bevölkerungswissenschaft.

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Das war es aber nicht allein, was den Blick in den Demographiespiegel verhinderte. Hinzu kamen die unterschiedlichsten kulturellen Einflüsse der Nachkriegszeit, die zu einer Abgrenzung zu Kinder, Familien, Altenund Ausländerfragen führten. Es wirkten, beinahe beliebig kombinierbar: der im Wirtschaftswunder genährte Glaube an eine Art Wohlstandsgarantie, die Familienfeindlichkeit der Achtundsechziger, die Weltzerstörungsängste der 80er Jahre, die Fremdenfeindlichkeit der frühen 90er Jahre, der Jugendwahn und das Flexibilitätsund Mobilitätsdogma der Jahrtausendwende. Und über allem lag die Scheu, unangenehme Erkenntnisse allzu nah an sich herankommen zu lassen. Auf jeweils eigene Art verhinderten die Tabus und Wahrnehmungsfilter es, dass Medien, Politiker und Manager einen nüchternen Blick auf die demographischen Fakten warfen.

Es war zum Beispiel provokant zu sagen, dass es in Deutschland zu wenige Kinder gebe. »Wollen Sie etwa wieder Mutterkreuze verleihen wie die Nazis?«, war eine Replik, oder auch: »In diese kaputte Umwelt kann man doch sowieso keine Kinder setzen.« Man vermied es, über den phänomenalen Anstieg der Lebenserwartung zu reden, die vielen Menschen, die 80, 90 Jahre alt werden. »Bis ich alt bin, dauert es noch lange«, war die Antwort der vielen, die Alter und alles, was damit einhergeht, einfach verdrängten.

Dass in vielen Schulen die Kinder von Zuwanderern in die Mehrzahl kamen, durfte einfach nicht sein. »Deutschland ist kein Einwanderungsland«, hatte es 16 Jahre lang von oberster Regierungsstelle geheißen. In beiden Denkweisen -der offiziellen wie der multikulturellen -waren Spracherwerb oder Integration kein Thema.

Mit Ausnahme der sogenannten »Asylantenschwemme« galten andere Themen mit demographischer Dimension in der Bundeshauptstadt und auch in vielen Landeshauptstädten als »weich« und deshalb unwichtig. Noch 1998 war es möglich, die Aufgaben des Ministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend als »Gedöns« zu bezeichnen und in der Rentenformel den eben erst eingeführten »demographischen Faktor« wieder zu streichen.

Der demographische Wandel war zu diesem Zeitpunkt schon 30 Jahre in vollem Gang. Dann erst setzte ein Wandel im Umgang mit der Demographie ein.

Beitragszahler-Blues

Es ist nicht unbedingt schmeichelhaft für uns Deutsche, warum sich um die Jahrhundertwende die Haltung zur Demographie endlich verändert hat. Nicht, weil den Menschen das Kinderlachen auf den Straßen gefehlt hätte, weil sie sich um das Wohlbefinden der uralten Heimbewohner gesorgt oder die neue kulturelle Vielfalt des Landes als besondere Aufgabe der Integration begriffen hätten. Vielmehr kam die Einsicht aus einer subjektiv empfundenen ökonomischen Not, sofern man das bei einem der reichsten Länder der Erde überhaupt sagen kann: aus der Diagnose, dass den Sozialversicherungen die Beitragszahler ausgehen, während die Zahl derer zunimmt, die Leistungen oder Ansprüche geltend machen.

Den Kindermangel entdeckten die Deutschen also nicht auf den Spielplätzen, sondern indirekt, über die Rubrik »Lohnnebenkosten« auf ihren Gehaltszetteln. Zwar stecken weder Kindermangel noch Überalterung hinter den Lohnnebenkosten von heute, im Gegenteil stehen die deutschen Babyboomer gerade mitten im Erwerbsleben. Doch als die Arbeitslosigkeit sehr hoch lag, die HightechSpekulationsblase der 90er Jahre geplatzt war und neue Wirtschaftsmächte wie China zur ernsthaften Konkurrenz für deutsche Firmen wurden, richtete sich der Blick auf die Nachhaltigkeit des deutschen Sozialstaates.

In dieser Zeit der allgemeinen Lösungssuche, gekennzeichnet vom inflationären Gebrauch des Wortes »Reform«, rückte ins Visier, dass in Zukunft alles noch schlimmer werden könnte, wenn die Kinder fehlen und die Alten immer mehr werden.

In dieser Situation gelang es einer ebenso kleinen wie mutigen Gruppe von Wissenschaftlern und Publizisten, die geballten Erkenntnisse der Demographie endlich im öffentlichen Raum zu platzieren. Die Beitragszahlerfrage bildete das Fundament, auf dem größere Wahrheiten und Herausforderungen ihren Platz finden sollten.

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Die Plötzlichkeit, mit der die Demographie im politischen Raum auftauchte, erinnert ein wenig an den großen, schwarzen, blank geputzten Stein, der in Stanley Kubricks SciencefictionMeisterwerk »2001: Odyssee im Weltraum« wie aus dem Nichts erscheint und zuerst Urmenschen verblüfft, dann Millionen Jahre später moderne Astronauten. Keiner wagt es zunächst, ihn anzufassen, so fremd wirkt das Gebilde. Dann setzen Furcht und Panik ein. Und schließlich geht von dem Monolithen eine Bewusstseinsveränderung aus.

Seine stärkste Wirkung übt der geheimnisvolle Stein auf einen Astronauten aus, der gen Jupiter reist, Dave Bowman. Als einziger überlebt er die Reise. Für Bowman wird der Monolith zur Eintrittspforte einer Expedition in seine eigene Innenwelt, während der er in kürzester Zeit zum Greis altert. Mit seiner Verwandlung kommt der Astronaut kaum mit. Die totale Verblüffung beim Blick in den Spiegel ist eine Schlüsselszene des Films -und eine Schlüsselszene, mit der die deutsche Demographiedebatte ihren Anfang nahm.

Was also hat sich verändert in den über 30 Jahren, in denen immer andere Fragen wichtiger gewesen waren -und was bedeutet das für die Zukunft? Die Deutschen sind ein anderes Volk geworden, und das keineswegs nur wegen der Wiedervereinigung. Ganz andere, tiefgehende Umwälzungen sind in Gang geraten: Kindermangel, Alterung, veränderte Familienstrukturen, ethnische Diversifizierung. Diese Umwälzungen werfen erhebliche Probleme auf und stellen die gesamte Gesellschaft vor schwierige Aufgaben sie bergen aber auch Chancen.

Der Blick in den Spiegel

Leere Schulen

Am stärksten verändert es unser Land, dass die Kinder immer weniger werden. Für junge Erwachsene ist es schon seit Langem nicht mehr selbstverständlich, große Familien zu gründen. Allein zwischen 1996 und 2006 ist die Zahl der Familien in Deutschland um fast 800.000 auf 12,4 Millionen gesunken.

1947, in bitterer Nachkriegsnot, kamen eine Million Kinder zur Welt. 1967, beim Höhepunkt des Babybooms waren es 1,3 Millionen. Von 1970 an setzte ein starker Rückgang ein: 1987 waren nur rund 813.000 Geburten zu verzeichnen. Der Jahrgang 2007 besteht nur noch aus rund 685.000 Babys. In 40 Jahren hat sich die Zahl der Neugeborenen also glatt halbiert. Seit 1971 sterben in Deutschland jedes Jahr mehr Menschen als geboren werden. Inzwischen sind die Jahrgänge potenzieller Eltern so klein, dass eine echte Trendwende immer schwerer wird.

Die Chinesen müssen erheblichen Zwang ausüben, um die Zahl ihrer Bürger auf ein kleines Maß zu bringen; die Deutschen haben diesen Weg meist freiwillig gesucht, aus unterschiedlichsten Motiven und Gründen. Ins Gewicht fällt besonders, dass Frauen immer später ihr erstes Kind bekommen. Das limitiert die Zahl weiterer Kinder fast automatisch.

Es ist auch das Nein zu einem dritten oder gar vierten Kind, das den deutschen Kindermangel ausmacht. Familien mit drei Kindern genießen heute einen ähnlichen Seltenheitswert wie der Weißstorch.

Inzwischen ist die Lage so prekär, dass die Politik schon eine Steigerung der Geburtenrate pro Frau von 1,33 auf 1,37 feiert, obwohl es sich dabei durchaus um statistisches Rauschen handeln kann und nicht um die allseits ersehnte große Trendwende. Neidvoll geht der Blick in die wenigen Industriestaaten, die nicht auf Schrumpfungskurs sind, sondern ihre Bevölkerung mindestens stabil halten: Amerika (2,1), Frankreich (2,0), Irland (2,1). Besonders in Südund Osteuropa stellt sich die Lage hingegen ähnlich dramatisch dar wie in Deutschland.

Obwohl der Geburtenrückgang so früh eingesetzt hat und der Krisengesang schon eine Weile anhält, lebt Deutschland aber noch immer in demographisch goldenen Zeiten. Denn im Moment stehen die geburtenstarken Jahrgänge voll im Saft. Sie erarbeiten an allen Arbeitsund Schaltstellen des Landes den Wohlstand tagtäglich neu, sie bieten Arbeitgebern ein Überangebot an Arbeitskräften, sie zahlen nach Kräften in die Sozialversicherungen ein. Das wird sich aber von 2015 an ändern, wenn der Jahrgang 1950 das Pensionsalter erreicht und darauf wartet, dass die nachwachsenden Jahrgänge seine Rentenansprüche erwirtschaftet.

In diesem Jahr werden sich Ausbildungsleiter in großen und kleinen Betrieben verwundert die Augen reiben: Bisher haben sie jedes Jahr aus einer Fülle von Bewerbern auswählen können, doch nun werden sie um deutlich weniger junge Menschen werben und um sie mit anderen Unternehmen konkurrieren müssen. Der Kindermangel erreicht nach Abschluss der Schulen dann mit immer größerer Wucht den Arbeitsmarkt.

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Das ist freilich nur eine Facette dessen, was der Kindermangel auslöst. Die Zeit schwindet, das Land vorzubereiten auf einen kombinierten Alterungsund Schrumpfungsprozess, für den es in der Moderne kein Vorbild gibt. Die Bevölkerung könnte von heute 82 Millionen auf bis zu 67 Millionen Menschen im Jahr 2050 zurückgehen – mit einem Durchschnittsalter von dann 50 Jahren.

Die Methusalem-Republik

Der zweite demographische Großtrend ist grundsätzlich ein Anlass zur Freude: Die Deutschen leben immer länger. In manchen Ländern ist die Lebenserwartung in den vergangenen Jahren durch Seuchen und andere negative Faktoren gesunken – beispielsweise in der Zentralafrikanischen Republik von 49 Jahren auf 43 Jahre, bei russischen Männern von 65 Jahren 1987 auf 59 Jahre heute. In Deutschland dagegen schlägt es sich in zusätzlichen Lebensjahren nieder, dass die Menschen auf hohem Niveau medizinisch versorgt werden (besonders die Sofortrettung nach Herzinfarkten ist zu nennen), dass sie sich trotz Fast Food gesünder ernähren als früher und dass immer mehr Menschen im Büro oder in modernen Fabriken arbeiten statt Knochenjobs nachzugehen.

1970 hatte ein 60 Jahre alter Mann durchschnittlich noch 15,3 Jahre zu leben. Heute sind es 20,75 zusätzliche Lebensjahre. Eine 60 Jahre alte Frau von heute hat eine Lebenserwartung von 84,6 Jahren.

Den Prognosen des Statistischen Bundesamts zufolge setzt sich die Lebensverlängerung ungebrochen fort, sofern keine Katastrophen, Kriege oder Übergewichtsprobleme einen Strich durch die Rechnung machen. Die sieht beeindruckend aus: Die Lebenserwartungen von Neugeborenen steigt den Prognosen zufolge bis 2050 jeden Tag um rund vier Stunden, die der jeweils 60Jährigen täglich um rund drei Stunden. Das sind keine Druckfehler, sondern einfach unglaubliche Werte! 2050 würde die Lebenserwartung neugeborener Mädchen demnach bei rund 89 Jahren liegen, die von dann 60jährigen Männern bei rund 86 Jahren. Es handelt sich dabei um Durchschnittswerte. Es wird sehr viele Menschen geben, die deutlich älter werden.

Schon heute sind die über 80Jährigen die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe. In gar nicht so ferner Zukunft wird jeder zehnte Deutsche diese Altersmarke, die früher wenigen Menschen vorbehalten war, erreichen. Wir werden zu einer Republik von Methusalems, wie Frank Schirrmacher geschrieben hat.

Der Trend ist rundweg gut für die Menschen im »dritten Lebensalter«, von dem Deutschlands bedeutendster Alternsforscher, der 2006 verstorbene Paul B. Baltes, gesprochen hat. Die sogenannten »jungen Alten« profitieren davon, dass sich mit der Lebenserwartung auch die Spanne gesunden Alters verlängert. Die »Generation Silber« fällt schon heute auf: Menschen von 65 oder 75 Jahren, die so auftreten und so aktiv wie gesund sind, als wären sie zehn oder 20 Jahre jünger. Das »dritte Lebensalter« gehört zu den größten Geschenken, die unser energieund ressourcenintensives Gesellschaftssystem seinen »Mitgliedern« zu bieten hat.

Das gesetzliche Renteneintrittsalter markiert nicht, wie zu Bismarcks Zeiten, den Zeitpunkt, an dem die Produktivkraft erschöpft ist, sondern ist die Pforte zu einer Phase neuer Aktivität. Doch das immer längere Leben hat auch eine Schattenseite: Gegen viele Krankheiten des »vierten Lebensalters«, das Mitte 70 beginnt und von körperlichem und geistigem Abbau geprägt ist, finden Wissenschaftler, Ärzte und Pharmaunternehmen keine Mittel.

Jüngste Modellrechnungen des Statistischen Bundesamtes haben ergeben, dass der demographische Wandel in Deutschland bis 2030 zu einem Anstieg der Zahl der Pflegebedürftigen um etwa 58 Prozent und der Krankenhausbehandlungen um zwölf Prozent führen dürfte. Die Zahl der Pflegebedürftigen würde demnach von heute 2,1 Millionen auf 3,4 Millionen steigen und die in Krankenhäusern behandelten Fälle von 17 Millionen auf 19 Millionen jährlich.

Was das für ein Gesundheitssystem bedeutet, das schon unter den vergleichsweise günstigen Umständen von heute erhebliche Verteilungsprobleme hat, liegt auf der Hand. Deshalb nimmt sich nun auch der Deutsche Ethikrat der Frage an, ob und wie unter diesen demographischen Vorzeichen eine gerechte und angemessene Versorgung von Kranken und Pflegebedürftigen überhaupt noch möglich ist.

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Wie die Älteren mit ihren neuen Kräften umgehen und wie die Gesellschaft ihre hilfebedürftigen Alten behandelt, zählt zu den zivilisatorischen Schlüsselfragen dieses Jahrhunderts, eines weltweiten Jahrhunderts der Alten.

Zuwanderer auf dem Weg zur Mehrheit

Der dritte demographische Großtrend steht schon länger im Rampenlicht. Wie viele Menschen aus anderen Ländern und Kulturen nach Deutschland einwandern wollen und dürfen, bewegt die Gemüter seit Jahrzehnten. Im Wirtschaftswunder begrüßte man die »Gastarbeiter«, deren Name schon zum Ausdruck brachte, dass Deutschland ihnen nicht als Heimat zugedacht war. Später konzentrierten sich die politischen Mühen darauf, die Hürden für eine Einwanderung möglichst hoch zu legen.

Doch was auch immer gewollt war, das Ergebnis sieht ganz anders aus: Nur die deutliche Zuwanderung nach Deutschland hat verhindert, dass die Bevölkerung nicht schon lange schrumpft.

Etwa jeder fünfte Mensch in Deutschland hat heute einen »Migrationshintergrund«: Er selbst oder seine Vorfahren sind nach 1950 eingewandert. Das sind heute rund 15 Millionen Menschen, von denen etwa die Hälfte eine ausländische Staatsbürgerschaft besitzt, die andere Hälfte die deutsche. Die Einwanderer kommen aus Europa, ja der ganzen Welt, aber hauptsächlich aus Ländern südlich und östlich der deutschen Landesgrenzen, also etwa aus der Türkei, Russland und Polen.

Wie sehr die Zuwanderung Deutschland verändert, wird an den Kindern deutlich: In Deutschland stammt jedes dritte Kind unter fünf Jahren aus einer Zuwandererfamilie, in vielen Ballungsgebieten stellen Kinder mit Migrationshintergrund die Mehrheit.

Der Kontrast zu der früheren Formel, Deutschland sei kein Einwanderungsland, könnte größer nicht sein. Doch diese Lebenslüge wirkte tief in die Gesellschaft hinein -und förderte weder die Integrationsbereitschaft der neuen Landesbewohner noch die Integrationsfähigkeit der Deutschen und ihrer Bildungsinstitutionen. Über eine »Einwanderung ins Sozialsystem« wurde und wird viel geklagt. Bei Hilfen zur »Einwanderung ins Bildungssystem« haben Schulen und Schulpolitiker bisher nicht die erforderlichen Erfolge erzielt. Die Zahl von jungen Menschen, die ohne Schulabschluss, ohne Ausbildungsplatz oder ohne Arbeitsstelle leben, ist unter Zuwandererkindern deutlich erhöht.

Es muss gelingen, diesen Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien gleiche Bildungschancen zu vermitteln und gleiche Bildungserfolge zu ermöglichen wie allen anderen Kindern. Für die viel beschworene »Wissensgesellschaft« wäre es angesichts der demographischen Herausforderung eine existenzielle Gefahr, ein Drittel ihrer Kinder zurückzulassen.

Ebenso katastrophal wäre es, wenn Deutschland nicht attraktiv für eine besondere Form von Einwanderung wäre: den Zuzug von akademischen Spitzenkräften im Rahmen der internationalen »GehirnZirkulation«. Da jedes Jahr Zehntausende hoch qualifizierte Deutsche ihrer Heimat den Rücken kehren, ist es wichtig, dass hoch qualifizierte Akademiker aus anderen Ländern ebenso zahlreich zu uns kommen. Sonst droht der berüchtigte »brain drain« sich auszuweiten.

Die Schwächen der Demographiedebatte

Zu lange haben die Deutschen den demographischen Wandel ignoriert und tabuisiert. Als das Land den großen Block harter Fakten dann vor einigen Jahren vor sich sah, setzte große Aufregung ein. In dem Maß, in dem man die Trends bisher ignoriert hatte, wurden sie nun zur Schablone für regelrechte Untergangsszenarien. Das Pendel schlug in die andere Richtung aus, und das mit Wucht und großem Tempo.

Die Deutschen sterben aus, hieß es. Das ZDF zeigte in einem DemographieThriller, wie weniger wohlhabende Alte aus Deutschland in ferne Todeslager verfrachtet werden. Nach allen Regeln der Inszenierkunst wurden strukturschwache Regionen zu demographischen Sperrgebieten umgedeutet, deren Bewohnern nur noch die Flucht als Ausweg bleibt. Und plötzlich hatte jeder ein Rezept, wie alles besser zu machen sei: meistens so, wie man es in der eigenen Biographie erlebt hat. Ein Verständnis für das Tempo des Wandels und die Vielfalt von Lebensläufen musste sich erst noch entwickeln.

James Vaupel, Direktor am MaxPlanckInstitut für demographische Forschung in Rostock und amerikanischer Staatsbürger, sah sich bemüßigt, die Deutschen zu etwas mehr Mäßigung zu mahnen. Zu den Überalterungsszenarien sagte er: »Es braucht immer noch 80 Jahre, bis jemand 80 Jahre alt ist.«

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Katastrophismus, Statistikfehler, ideologische Nebenkriegsschauplätze -aus diesen Schwächen der deutschen demographischen Debatte lässt sich für die Zukunft einiges lernen: Augenmaß, ein sorgsamer Umgang mit Datenquellen sowie Skepsis gegenüber allzu plausiblen »Fakten« sind hilfreiche Begleiter dabei, den demographischen Wandel wirklich zu meistern.

Für eine Weile sah es so aus, als würde sich die demographische Debatte verselbstständigen, als würde in einer wilden Gegenreaktion plötzlich alles in Politik und Wirtschaft nur noch durch die demographische Brille gesehen. Das drückte sich aus in »Demographiebeauftragten«, die mit größter Schnelligkeit eingesetzt wurden. Produktiver ist es aber, demographische Fragestellungen quer durch alle Themengebiete und Aufgabenfelder in Entscheidungsprozesse einzubetten, sie mitzudenken, zum selbstverständlichen Teil neuer Strategien und Lösungen zu machen. Diese Einbettung der Demographie in den gesellschaftlichen Alltag hat auch das Forum des Bundespräsidenten gefördert.

Die Herausforderungen

Nun liegen die Fakten auf dem Tisch. Auf Tabuisierung folgte eine Generaldebatte, und nach der geht es nun um zielgerichtetes Handeln in stürmischen Zeiten. Das betrifft nicht nur den Staat, sondern auch die Wirtschaft sowie jeden Einzelnen -besonders die wachsende Zahl topgesunder älterer Menschen, auf deren Engagement und Erfahrungswissen die Gesellschaft immer stärker angewiesen sein wird.

Mit dem demographischen Wandel verhält es sich wie mit dem Klimawandel. Er lässt sich nur teilweise mildern oder verzögern. An intelligenter Anpassung führt kein Weg vorbei.

Die Gesellschaft muss lernen, mit völlig neuen Zahlenverhältnissen umzugehen: Der 11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung zufolge wird die Gruppe der Deutschen unter 20 Jahren bis 2050 von heute 16 Millionen auf rund elf Millionen schrumpfen (mittleres Szenario). Die Zahl der Personen im heutigen Erwerbsalter (20 bis 65 Jahre) wird von 50 Millionen auf rund 36 Millionen Menschen zurückgehen. Dagegen wird die Zahl der Menschen über 65 Jahre von heute 16 Millionen auf rund 24 Millionen steigen. Während heute auf 100 Menschen im Erwerbsalter rund 30 Ältere kommen, werden es 2050 60 Ältere sein.

Das erfordert ein ganzes Bündel von Neuerungen in unserer Gesellschaft. Es ist positiv zu verzeichnen, dass die demographische Debatte in der Landesund Bundespolitik bereits viele wichtige Prozesse ausgelöst hat. Die wichtigsten Aufgaben liegen aber noch vor uns.

Familienförderung

Die Politik hat – zum Glück – nur einen sehr begrenzten Einfluss darauf, ob Menschen Kinder bekommen und wie viele. Die Vorstellung, es könnte so etwas wie eine vaterländische Pflicht geben, die Sozialversicherungsbeitragszahler von morgen zu zeugen, wäre beängstigend.

Politik kann es potenziellen Eltern einfacher machen, sich wieder mehr Kinder zu wünschen und sich für Kinder zu entscheiden. Die Gesellschaft um diese jungen Menschen herum kann dies als etwas Selbstverständliches behandeln anstatt als unkalkulierbares Risiko und als große Last. Junge Eltern können Kinderlosen gegenüber über die Freuden mit Kindern reden, statt immer nur über die unvermeidlichen schlaflosen Nächte.

Familienförderung fängt also beim Bundestag an, der einen Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung festschreibt, und hört beim Nachbarn, der sich über tobende Kinder freut, statt über sie zu schimpfen, noch lange nicht auf.

Familienpolitiker haben im Gefolge der Demographiedebatten schon wichtige Erfolge erzielt.

Seit zum 1. Januar 2007 das Elterngeld eingeführt wurde, ist vielen jungen Menschen die Angst genommen, durch eine Entscheidung pro Familie kurzfristig ins wirtschaftliche Abseits zu geraten, weil ein Verdienst ausfällt. Zusätzlich trägt das Element der »Vätermonate« zu einem gewandelten Rollenverständnis der Männer bei. Anfangs in kaum zu überbietender Familienfeindlichkeit als »Wickelvolontariat« verhöhnt, helfen die »Vätermonate« nun, dass Männer bei ihren Arbeitgebern selbstbewusster Zeit für die Familie verlangen können. Noch immer ist es unter Arbeitgebern weit verbreitet, die Leistung ihrer Mitarbeiter nicht am Ergebnis zu messen, sondern an den am Schreibtisch verbrachten Überstunden. Diese Unsitte wirkt sich auf Familien sehr negativ aus.

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Natürlich sind die zwei Monate, um die es dabei geht, nur ein  kleiner Ausschnitt der gesamten Erziehungszeit, die dann ja erst beginnt. Aber sie machen Arbeitgebern deutlich, dass sie stärker Rücksicht auf die Belange von Familienvätern nehmen müssen. Kein Vater sollte mehr belächelt werden, wenn er am Nachmittag für zwei Stunden die Arbeit unterbricht, um seine Kinder vom Kindergarten abzuholen. Flexible Öffnungszeiten von Kindergärten und flexible Arbeitszeitarrangements sind enorm wichtig, um beiden Partnern genügend Raum zu geben, ihrer Verantwortung gegenüber der Familie gerecht zu werden.

Gelingt der Sinneswandel in der Wirtschaft nicht, wird das produktive und kreative Potenzial verschwendet, das in den vielen Zehntausend Frauen steckt, die jedes Jahr deutsche Bildungseinrichtungen mit Bestnoten verlassen. Wenn sie das Familienleben nicht zusammen mit Partnern gestalten können, die alle Aufgaben von Erziehung bis Haushalt mit ihnen teilen, werden sie es entweder ganz sein lassen, Kinder zu bekommen oder ihre Kräfte überstrapazieren, mit oftmals gravierenden Folgen für Lebensqualität und Gesundheit.

Es ist wichtig, Familienpolitik nicht nur von den Müttern her zu denken, sondern auch von den Vätern.

Zu einer guten Familienpolitik gehört ein pädagogisch hochwertiges und zugleich umfassendes Kinderbetreuungsangebot. Über diese Frage wurden lange Grabenkämpfe geführt, besonders über die Betreuung von Kindern unter drei Jahren. Es ist eine wichtige Frage für die Entwicklungsforschung, unter welchen Umständen es Kindern nicht guttut, wenn sie sehr früh außerhalb der eigenen Familie betreut werden. Doch steht über allem die Frage nach der Qualität der Kinderbetreuung. Werden die Kinder von unterbezahlten Erzieherinnen in überfüllten Räumlichkeiten betreut, sind die Folgen bestimmt nicht wünschenswert. In Deutschland wurde der Kindergarten erfunden, aber heute leisten wir es uns noch immer, Kindergärten schlecht auszustatten und das Personal nicht so zu qualifizieren, dass die ungeheure Neugierde und der Bildungshunger der Kleinsten sich voll entfalten können.

Es besteht in den kommenden Jahren die große Chance, dem Nachwuchs der Zukunft die bestmöglichen Bedingungen anzubieten. Der neu geschaffene Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz auch für Kinder unter drei Jahren, der zum 1. August 2013 wirksam wird, löst einen gigantischen Investitionsschub in Betreuungseinrichtungen aus, der sich nicht nur in Beton umsetzen darf, sondern Rückenwind für die Arbeit der vielen engagierten Erzieherinnen und Erzieher bringen muss. Richtig angepackt, können so in großer Zahl neue Freiräume und neue Lernorte entstehen.

Land des Lernens

Inspirierende Lernorte sind es, die das alternde Deutschland allenthalben braucht. Die gesellschaftlichen und ökonomischen Verluste, die mit einem defizitären Bildungssystem einhergehen, hat der Bielefelder Soziologe FranzXaver Kaufmann so früh wie eindrücklich beschrieben.

Damit die Deutschen, wie es der Bundespräsident angemahnt hat, so viel besser wie ihre Waren auf dem Weltmarkt teurer sind, müssen sie auch desto mehr lernen, je weniger sie werden – vom Kleinkind bis zum Senior.

Es werden unter den demographisch gebeutelten Nationen die neugierigsten und die innovativsten sein, die den Wandel und den ökonomischen Wettbewerb mit den jungen Schwellenländern am besten bestehen. Eine alternde Gesellschaft birgt die Gefahr der Erstarrung nur dann, wenn die Alten weiter die Klischees vom Alter leben oder auf diese festgelegt werden.

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Die Vorstellung, ein einmal erworbener Wissensschatz reiche für das ganze Leben, ist in der Ära exponentiellen Wissenszuwachses schon lange überholt. Die Vorstellung, die Lernleistung könne mit den Lebensjahren abnehmen, auch.

Unsere Schulen sind die Orte, an denen sich heute entscheidet, wie gut Deutschland den demographischen Wandel meistert. Diese Erkenntnis hat sich stark verbreitet, sie schlägt sich aber leider zu sehr in strukturreformerischem Aktionismus nieder, der Schüler wie Lehrer belastet, statt in angemessener Ausstattung mit Lehrpersonal und ausreichenden Ressourcen dafür, den Unterreicht lebendig zu gestalten.

Die Schulen sind auch die Orte, an denen sich entscheidet, ob die Integration von Zuwanderern künftig besser gelingt als in der Vergangenheit. Dass Kinder schlecht Deutsch sprechen, obwohl ihre Eltern bereits seit vielen Jahren in Deutschland leben, dass jedes Jahr Jugendliche in einer Zahl die Schulen ohne Abschluss verlassen, die etwa der Bevölkerung Regensburgs entspricht, und dass Zuwandererkinder relativ selten eine Hochschullaufbahn einschlagen, obwohl sie ihnen den größten sozialen Aufstieg verspricht, gehört zu den Skandalen unserer Zeit.

Seinen Ruf und Verfassungsrang als Sozialstaat muss Deutschland mit seinem Schulsystem erst noch mit Leben erfüllen. Statt als Türöffner in die deutsche Gesellschaft funktionieren viele Schulen als Sortieranlagen nach Sozialkriterien.

Zum Angebot, das der Staat in seinen Schulen macht, muss freilich bei Kindern und Eltern der Wille kommen, sich zu integrieren und sich anzustrengen: Meldungen, dass immer weniger Jugendliche aus ärmeren Schichten die Ingenieurslaufbahn einschlagen, die früher der klassische Aufstiegsweg aus der Arbeiterin die Akademikerwelt war, sind unter demographischen Vorzeichen doppelt alarmierend: Sie künden von einem Fachkräftemangel, der auch durch soziale Segregation entsteht.

Zu den Leistungen, die eine demographisch herausgeforderte Gesellschaft wird erbringen müssen, zählt eine beinahe absolute Priorität für Bildungsund Forschungsausgaben. Absolut bedeutet, dass alle anderen Ausgaben, ob für Sozialleistungen, für den Straßenbau oder für Regionalförderung, dahinter zurückstehen sollten. Das hat einen kulturellen Eigenwert, aber auch eine wirtschaftliche Legitimation: Investitionen in Gehirne werden sich in Zukunft um ein Vielfaches besser auszahlen als solche in Beton, wie sie besonders Kommunalund Landespolitiker sowie die Abgeordneten aller Ebenen bisher so lieben, weil sie dann etwas vorzuzeigen haben.

Schon in ökonomisch guten Zeiten hat sich Deutschland schwergetan, die Bildungsund Forschungsausgaben angemessen zu steigern. Seit Jahren beschwören Politiker das Ziel, dass im Jahr 2010 drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung fließen sollen. Wesentlich näher gekommen ist man diesem Ziel aber nicht. Die Kluft zwischen wortreichen Bekenntnissen und den Haushaltsentwürfen ist groß. Immerhin haben sich Bund und Länder bei einem Bildungsgipfel im Herbst 2008 gemeinsam vorgenommen, die Ausgaben für Forschung und Bildung bis 2015 auf zehn Prozent des Bruttosozialprodukts zu steigern. Heute sind rund acht Prozent erreicht.

Schleppende Zukunftsinvestitionen rächen sich, denn bei einer schrumpfenden Zahl von Fachkräften und einer wachsenden Zahl von Leistungsempfängern hängt die Wirtschaftsleistung vom Einfallsreichtum einer relativ kleinen Gruppe ab. Schon heute wurde die Hälfte aller Produkte und Dienstleistungen, mit denen Deutschland seine Exporterfolge erzielt und seine Sozialsysteme finanziert, innerhalb der letzten fünf Jahre entwickelt. In Zukunft dürfte sich dieser Innovationszyklus noch beschleunigen.

Der Preis mangelnder Bildungsund Forschungsinvestitionen könnte letztlich darin bestehen, dass es kaum etwas zu verteilen oder umzuverteilen gibt. Wie sehr die Handlungsfähigkeit des Sozialstaates unmittelbar vom Niveau der Bildung und Forschung abhängt, gehört zu den Lektionen des demographischen Wandels, die wir entweder jetzt verstehen oder später hart erfahren werden.

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Aktivierung der Älteren, Sorge um die Ältesten

Nichts wird in der Gesellschaft von morgen ohne die Älteren funktionieren. Das ist ein weiterer Denkfortschritt, der noch aussteht. Über Kinder und Eltern ist schon viel debattiert worden, aber nicht darüber, wie sehr das Land auf die Erfahrung älterer Arbeitnehmer und auf die freien Energien gesunder Jungrentner angewiesen ist. »Demography is destiny« -Demographie ist Schicksal, heißt es oft. Aber es wäre besser, Demographie als Schicksalsfrage zu begreifen statt als starren Mechanismus. Nicht zuletzt die Älteren selbst haben es in der Hand, die Hypothese zu widerlegen, dass gesellschaftliche Alterung automatisch Erstarrung und mangelnde Innovationskraft mit sich bringt. Denn nicht nur Wissenschaftler entdecken die »Plastizität« des Alters, Millionen ältere Menschen in Deutschland erleben jeden Tag, dass sie einen Einfluss darauf haben, wie ihre Alterung verläuft und wie sie von ihrer Umgebung wahrgenommen werden.

In vielen demographischen Szenarien ist handfeste Altersdiskriminierung verpackt, wenn es etwa heißt, eine alternde Gesellschaft werde automatisch weniger neugierig, weniger innovativ. Die Alternsforschung entdeckt aber gerade erst die großen physischen Reserven und mentalen Fähigkeiten, die dem alternden Menschen zur Verfügung stehen. Nur werden diese Reserven bisher zu wenig trainiert und zu wenig abgerufen.

Das muss sich rasch ändern. Die Rentenzeit mit 67 -oder später einmal mit 70 -Jahren beginnen zu lassen (statt wie bisher mit 65 Jahren) kann nur ein Element einer Politik des aktiven Alters sein. Wichtig ist vor allem, dass Arbeitgeber den erst noch bevorstehenden Fachkräftemangel zum Anlass nehmen, in den älteren Teil ihrer Belegschaften zu investieren oder, wie es ein großer deutscher Autohersteller und mancher badenwürttembergische Maschinenbauer schon tun, gezielt ältere Mitarbeiter zu rekrutieren, ihrer größeren Erfahrung und Loyalität wegen.

Die im Berufsleben noch immer verbreitete Botschaft, schon mit 40 Jahren sei man »alt« und für 50Jährige lohnten sich Weiterbildungen nicht mehr, wirkt wie Nervengift auf die Fähigkeit der Gesellschaft, sich dem demographischen Wandel anzupassen. Dasselbe gilt allerdings auch für die weit verbreitete Haltung unter Rentnern, jetzt sei der Leistungsteil des Lebens vorbei. »Zu meiner Zeit war das anders«, hört man Ältere oft sagen -dabei leben sie in der Gegenwart, die »ihre Zeit« ist, schon deswegen, weil sie die Gesellschaft so stark prägen wie die Jüngeren.

Die hedonistische Seite dieser Passivhaltung, der beachtliche Export von Rentenversicherungsleistungen nach Mallorca und in die Kreuzfahrtindustrie, ist sicherlich kein Zukunftsmodell. Die Jungrentner von heute und morgen werden dringend gebraucht: für ihre Enkelkinder, als Babysitter in der Nachbarschaft, für Nachhilfe in Migrantenfamilien, für das Vereinsleben, für alles, was sie mit ihrem Wissen und ihrer Kraft an Gutem bewirken können. Das »dritte Lebensalter« besteht nicht mehr allein darin, eine Belohnung für vergangene Leistungen zu bekommen, sondern darin, der Gesellschaft etwas zu geben, was zu geben Freude bereitet. Es gibt schon viele Pioniere dieses neuen dritten Alters. In Zukunft wird das soziale Netz ohne diese Menschen nicht mehr halten.

Das neue dritte Lebensalter währt nicht ewig, auch die »jungen Alten« werden alt. Der größte Test, wie gut der soziale Staat und der soziale Zusammenhalt funktionieren, ist der Umgang mit den wirklich kranken, gebrechlichen, hilfsbedürftigen Alten. Von der Aufgabe, ihnen einen würdigen Lebensabend zu ermöglichen, zeigen wir uns schon heute überfordert. Viele Greise leben ohne Kontakte zu Nachbarn und Familie, obwohl sie sich ein Leben lang um andere gekümmert haben. Viele durchleiden auf dem Weg in die Demenz, wie sie ihre Persönlichkeit und ihre Erinnerungen verlieren, ohne dass sie dabei umsorgt werden und behütet sind. Die Pflege ist so teuer, dass ein florierender Schwarzmarkt mit osteuropäischen Pflegekräften entstanden ist. Und sehr viele Menschen sterben alleine.

Eine regelrechte Menschenrechtsdiskussion ist vonnöten angesichts der Missstände, die immer wieder aus deutschen Pflegeheimen und Geriatriestationen nach außen dringen, verursacht selten durch bösen Willen, sondern durch Sparzwänge und systematische Überforderung des Pflegepersonals. Es zählt zu den Symptomen der Altersverdrängung, dass die Berichte der staatlichen bestellten Pflegeheimprüfer (dies ist Aufgabe des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen) noch immer einer gesetzlichen Geheimhaltungspflicht unterliegen, um die oftmals kommunalen Betreiber zu schützen. Dem widersetzen sich nun TransparenzInitiativen, etwa in Berlin. Vielleicht ist das der Anfang einer neuen sozialen Bewegung, die sich um die Rechte der Ältesten kümmert.

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Neue Heimat

Von der früheren Haltung, Deutschland sei kein Einwanderungsland, zur aktiven Integrationspolitik von heute ist bereits ein weiter Weg zurückgelegt. Der Preis des Nichtstuns ist offenkundig geworden: Für viele Zuwanderer führt die Abgrenzung von der deutschen Gesellschaft ins ökonomische wie persönliche Abseits, in ein Leben in der Fremde, die doch Heimat sein sollte. Dass sich die Abschottung in vielen Zuwandererfamilien bereits in der zweiten oder dritten Generation manifestiert und regelmäßig umschlägt in Frust und kriminelle Energie, ist für alle Beteiligten ein Trauerspiel. Für die deutsche Gesellschaft bedeutet mangelnde Integration, dass sie trotz ihrer Schrumpfung und Alterung darauf verzichtet, das Potenzial eines gewichtigen Teils ihrer Bevölkerung auszuschöpfen.

Zu lange hatte man die Zuwanderermilieus, in denen mangelnder Spracherwerb, Abschottung und fehlende Ausbildungschancen einen explosiven Mix erzeugen, sich selbst überlassen. Zu lange herrschte bei den Betroffenen die Haltung, an ihrem Heimatland vorbeileben zu können. Nun packen es zahlreiche Initiativen an, die gefährliche Isolation in sozialen Brennpunkten aufzubrechen und besonders den jungen Menschen Wege in die deutsche Gesellschaft zu eröffnen.

Zu lange wurde ignoriert, wie vielfältig Zuwanderung nach Deutschland ist: Es gibt auch den türkischstämmigen Hochschulgründer, die Überflieger asiatischer Herkunft bei MathematikOlympiaden, bildungshungrige Kinder aus Südosteuropa, Spitzenforscher aus Russland. Viele Zuwanderer sind risikofreudiger, zupackender und weltoffener, wenn sie Geschäftsideen verfolgen. Viele sind Identifikationsfiguren auch für junge Deutsche. Zuwanderung kann, trotz der immensen Probleme, die es gibt, Deutschland reicher machen: aber nur dann, wenn die Zuwanderer sich auf ihre deutsche Heimat einlassen – und umgekehrt.

Zwischen Wolfsgeheul und Boomstädten

Der demographische Wandel erfasst die Regionen Deutschlands auf sehr unterschiedliche Weise. Manche Städte sind ausgesprochen jung, andere ausgesprochen alt. Manche Gegend ist von Abwanderung gezeichnet, andere durch Zuwanderung geprägt. Es gibt die Boomstädte der Innovation und die Expansionsräume für Wölfe.

Die Gewinner und Verlierer stehen in einem Spannungsverhältnis. Dieses verstärkt der im Grundgesetz formulierte Anspruch, der Staat müsse auf eine »Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse« im ganzen Land hinwirken. Eine solche Gleichverteilung hat einen enormen Preis. Je dünner besiedelt eine Region ist, desto teurer wird es pro Kopf, die Grunddienstleistungen des Staates aufrechtzuerhalten.

Es führt kein Weg an einer Entscheidung vorbei, ob die regionale Entwicklungsplanung den demographischen Wandel künftig stärker vorwegnehmen und den Menschen in bestimmten Regionen einen geordneten Wegzug erleichtern sollte. Jedenfalls erscheint es fraglich, mit aufwendigen Förderprogrammen den demographischen Status quo aufrechterhalten und gegen große, langfristige Trends anarbeiten zu wollen. Das Geld wäre sicherlich besser in eine rasche Anpassung an neue Verhältnisse investiert.

Alternde Armutsregionen

Deutschland ist mit seinem demographischen Wandel nicht allein. Zum einen finden ähnliche Prozesse in vielen Ländern Europas statt. Besonders in Osteuropa verläuft die Entwicklung noch wesentlich dramatischer als bei uns. Das schafft für die EU eine gemeinsame Aufgabe, es der Welt zu zeigen, dass sich auch eine ergrauende Union auf der Weltkarte behaupten, dass ein ganzer Kontinent in Würde und mit Kraft altern und dabei neue Wege gehen kann.

Zum anderen ist es aber wichtig, die sehr unterschiedlichen demographischen Entwicklungen in anderen Weltteilen zu beachten. Es gehört zu den Vorboten enormer globaler Verwerfungen, dass Demographen dort den größten Bevölkerungszuwachs in die Landkarten einzeichnen, wo Klimaforscher die heftigsten Auswirkungen der Erderwärmung prognostizieren. Das gilt vor allen Dingen für Afrika.

Zudem durchläuft mit China ein Land, das von westlichem Wohlstand noch weit entfernt ist, einen Alterungsprozess, der dem deutschen nicht nachsteht. Indien wiederum, das zweite Milliardenvolk, bereichert die Welt mit Millionen um Millionen junger Menschen, die von einem enormen Aufstiegsstreben beseelt sind. Im besten Fall ergeben sich hier Chancen für eine strategische Allianz. Im Zeichen des demographischen Wandels wird sich die Rollenverteilung im weltweiten Gefüge für Deutschland und die EU stark verändern.

Die globale Dimension der Alterung ist enorm: Schon heute leben zwei Drittel der Älteren in weniger entwickelten Ländern; ihre absolute Zahl wird sich in den kommenden 25 Jahren verdoppeln. Es sind gar nicht die Industrienationen, denen die schwerste Last alternder Bevölkerungen bevorsteht. Viele Entwicklungsländer altern dramatisch -ohne dass sie die öffentlichen Leistungen, Systeme und Institutionen hätten, um ihre älteren Bürger zu unterstützen. Es fehlen Alterssicherungssysteme dort, wo familiengestützte Pflege nicht mehr funktioniert, wenn Familien auf der Suche nach Arbeitsmöglichkeiten auseinandergerissen werden. Diesen Ländern bleibt bei großer Armut kaum Zeit zur Anpassung -wir hatten dagegen 150 Jahre mit langen Phasen von Wohlstand, um den demographischen Wandel zu bewältigen. Als drittgrößter Industriestaat der Erde steht Deutschland in der Verantwortung, sich diesen globalen Verwerfungen zu stellen.

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Kraft zur Selbsterneuerung?

Es dauert, bis aus demographischen Trends ein neuer Alltag, eine neue Gesellschaft erwächst. Doch noch einmal kann Deutschland es sich nicht leisten, grundlegende Veränderungen so lange zu ignorieren. Vielleicht war die Gesellschaft überreif für das, was Demographen schon länger gewusst haben. Doch man stelle sich vor, auf was für einer schiefen Bahn das Land wäre, wenn nicht einige Pioniere das Thema mit großer Beharrlichkeit an die Öffentlichkeit gebracht hätten. Familien, Schulen, Zuwandererkinder und die Ältesten wären weiter marginalisiert, mit schlimmen Folgen. Es hat sich herausgestellt, dass vermeintlich »weiche« Themen in Wahrheit knallhart über die Lebensqualität und die Leistungsfähigkeit Deutschlands entscheiden, stärker als manches angeblich »harte« Thema.

Die Deutschen haben in den vergangenen Jahren eine Reise zu sich selbst absolviert und ein besseres Gespür dafür bekommen, in was für einem Land sie leben. Die Demographie hat sich als ein guter Reisebegleiter erwiesen.

Wohin die Reise geht?

In Stanley Kubricks Epochenwerk »2001: Odyssee im Weltraum« läuft alles auf die Selbsterneuerung hinaus. Am Ende des Films schwebt ein Baby durch den Weltraum, das erkennbar die Gesichtszüge des greisen Astronauten hat. Der Beweis steht an, dass das auch für ein ganzes Land gelingen kann.

(Dieser leicht gekürzte Beitrag ist mit freundlicher Genehmigung dem Sammelband: Familie. Bildung. Vielfalt. Den demographischen Wandel gestalten; Herausgeber die Bertelsmann Stiftung und das Bundespräsidialamt, entnommen.)