Buchbesprechung: Felix Rauner - Der Weg aus der Akademisierungsfalle

Die Architektur paralleler Bildungsgänge, Berlin, 2018

Von: Prof. Dr. Felix Rauner (Professor und ehemaliger Leiter des Instituts für Technik und Bildung, Bremen)

Prof. Dr. Felix Rauner

Professor und ehemaliger Leiter des Instituts für Technik und Bildung, Bremen

Dr. päd. Felix Rauner war seit 1978 Professor für Elektrotechnik-Informatik (gewerblich-technische Wissenschaften) und Berufspädagogik an der Universität Bremen. Nach einer Ausbildung zur Elektroinstallateur und zum Elektroingenieur (1958-1964) studierte er in Berlin Berufspädagogik und die berufliche Fachrichtung Elektrotechnik. Er promovierte in den Fächern Kybernetik und Pädagogik (1973). Zunächst war er Lehrer an der Planck-Oberschule Berlin im Fachbereich Elektrotechnik (1967-1971) und Leiter des Modellversuches Computergesteuerter Unterricht. Dachnach war er Leiter der Abteilung Grundlagen der Medienforschung sowie Projektleiter ...
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Um was es geht

Schon 1994 plädierte ein Autorenteam um Professor Dr. Hermann Schmidt, damals Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) für ein „eigenständiges und gleichwertiges Berufsbildungssystem“. Ihr Fazit: „Die berufliche Bildung in Deutschland ist in einem Dilemma. Ihr Lehr-und Lernprinzip, die Verbindung von Arbeit und Lernen, hat in seiner durch das Berufsbildungsgesetz begründeten systemischen Ausprägung international Beachtung gefunden und wird weltweit als Vorbild gesehen.“ (BWP 1994, Seite 9). Aber die Autoren schränkten ein: „Doch bis jetzt hat die berufliche Weiterbildung kein klares Profil als alternative Aufstiegsmöglichkeit neben und anstelle des Studiums gewonnen.“ Sie stellten fest: „der berufliche Bildungsweg (bietet) nur eine „zweite Wahl“. (BWP 1994, Seite 10). Ziel sollte „der Ausbau dualer Bildungswege in Form von hochschulalternativen Karrierebildungswegen und/oder alternativer Studiengänge“ (BWP 1994, Seite 9) sein. Das Berufsbildungssystem würde dann drei Teilbereiche enthalten: Ausbildung, Weiterbildung und einen dritten Bereich mit der (Fach-) Hochschule. Die berufliche Weiterbildung wäre in diesem Konzept „integraler, konstitutiver Teil (?)des Berufsbildungssystems“. Sie eröffnet so in ihrer „Aufstiegsfunktion“ betriebliche Karrieren, in ihrer„Anpassungsfunktion“ umfasst sie das vielfältige lebenslange Lernen. „Die (Fach-) Hochschule übernimmt in diesem Modell Funktionen einer umfassenden Weiterbildung“ (BWP 1994, Seite 12). Kennzeichen der Lernorganisation wäre die „Dualität“, bei allen drei Teilbereichen.

Architektur paralleler Bildungswege-Grundlagen

Professor Felix Rauner legte kürzlich mit seinem Buch „Der Weg aus der Akademisierungsfalle – die Architektur paralleler Bildungswege“ eine Weiterentwicklung dieser Konzeption vor.

Grundlage der Konzeption von Felix Rauner ist „die Befähigung zur Mitgestaltung der Arbeitswelt“ (Rauner, Grundlagen beruflicher Bildung, Bielefeld 2017, Seite 5). Seine Begründung: Das Besondere beruflicher Kompetenz und beruflichen Wissens ist „die Befähigung zur Lösung beruflicher Aufgaben und Probleme in sozialer und ökologischer Verantwortung.“ Sie „wird unter Bezugnahme auf die international etablierten grundlegenden Theorien des Lernens für und in der Arbeitswelt begründet.“ (ebenda). Rauner bezieht sich dabei auf die von Harold Garfinkel formulierte Einsicht, „dass man jeden Beruf zuletzt praktisch erlernen muss, ob Steinmetz, Arzt oder Hochschullehrer.“ (Rauner 2017, Seite 9). Zusammengefasst bedeutet das, „dass das Prinzip der Dualität von Arbeiten und Lernen – ohne dass damit eine Reihenfolge unterstellt wird –ein universelles Merkmal jeder beruflichen Bildung ist.“ (ebenda)

Foto: Gerhard Endres

Architektur paralleler Bildungswege – das Konzept

Felix Rauner legt in seinem Buch eine in sich geschlossene Konzeption vor: „in einem durchgängigen dualen beruflichen Bildungsweg vom Lehrling bis zum Doktor Professional –neben einem wissenschaftlichen – verfügt diese doppelgleisige Bildungsarchitektur über das Potential, Bildung und Beschäftigung wieder in ausbalanciertes Verhältnis zueinander zu bringen.“ (Rauner 2018, Seite 2)

Rauner wendet sich daher gegen die international vorherrschende, wie er es nennt, „College for All“-Bewegung, die allerdings 2012 eine Gegenbewegung auslöste, als die G20 Arbeitsminister beschlossen, die Lehrlingsausbildung (wieder) einzuführen. Bekanntlich gibt es in vielen europäischen Ländern eine hohe Jugendarbeitslosigkeit, trotz vieler Studienabsolventen. An fehlenden Bildungsabschlüssen allein liegt es offensichtlich nicht. Vorbild ist für Felix Rauner die Schweiz, das mit ihrem modernisierten Berufsbildungsgesetz festlegte, dass eine erfolgreiche abgeschlossene duale Berufsausbildung Voraussetzung für die Aufnahme eines berufsqualifizierendem Fachhochschulstudiums ist.

Einige Stichworte von Professor Rauner: die duale Berufsausbildung ist nur unzureichend in das deutsche Berufsbildungssystem integriert (Rauner 2018, Seite 25). Auch in diesem Buch betont Rauner „gestaltungsorientierte Berufsbildung“ (Rauner 2018, Seite 41). Teil des Konzepts von Rauner ist auch eine neue Fachrichtungsstruktur (Rauner 2018, Seite 65) Für Rauner ist es wichtig, dass zwischen einer akademischen und beruflichen Bildung (Rauner 2018, Seite 93) unterschieden wird. Die erste Stufe des dualen Bildungsweges ist die duale Berufsausbildung. Für ihn beinhaltet die duale Berufsausbildung u.a. „Kategorien des Identitäts-und Engagement-Modells“ (Rauner 2018, Seite 99): Berufliche Identität, Berufliches Engagement, Betriebliche Identität, Betriebliches Engagement und Arbeitsmodell. (Rauner 2018, Seite 99). Wer will kann dann die Höhere berufliche Bildung auf Meister-und Bachelorniveau ansteuern. Als dritte Stufe folgt – wenn man will – Berufsqualifizierende duale Masterstudiengänge (Rauner 2018, Seite 127).

Fazit: Professor Rauner hat auf 155 Seiten schlüssig dargelegt, dass eine Architektur paralleler Bildungswege möglich ist. Ob dies die Sozialpartner und die Politik aufgreifen? Wünschenswert ist eine intensive Diskussion, da es ja durchaus einige „Baustellen“ in der dualen Berufsausbildung gibt.

Gerhard Endres