Ein historischer Beitrag

Peter Faulstich: Bildung ist Voraussetzung einer gerechten Gesellschaft

Von: Prof. Dr. Peter Faulstich (Professor an der Universität Hamburg)

Prof. Dr. Peter Faulstich

Professor an der Universität Hamburg

Prof. Dr. Peter Faulstich hatte den Lehrstuhl für Erwachsenenbildung/ Weiterbildung Universität Hamburg Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft Sektion Berufliche Bildung und Lebenslanges Lernen. Faulstich wurde geboren  am 12.6.46 in Frankfurt/M.; Dipl.-Ing., Dr. phil. habil., Lehrstuhl für Erwachsenenbildung/ Weiterbildung an der Universität Hamburg seit 1995. Ab 1977 war er Leiter der Kontaktstelle für wissenschaftliche Weiterbildung und ab 1992 des Zentrums für Wissenschaftstransfer an der Gesamthochschule Kassel-Universität. Sprecher der Kommission Erwachsenenbildung der DGfE 1995 – 1999, ...
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Den Weg von Wilhelm Weitling (1808-1871) zeichnet Prof. Dr. Peter Faulstich in seinem historischen Beitrag nach. Für ihn personifiziert Weitling den Moment, in dem die entstehende Arbeiterbewegung zugleich die Bildungsfrage artikuliert. Er ist Agitator und Organisator beginnender Emanzipationsbestrebungen ebenso wie proletarischer Bildungsarbeit. So wie von Anfang an die selbständige deutsche Arbeiterbewegung untrennbar mit Weitling verbunden ist, ist die Geschichte ihrer politischen Organisation nicht zu trennen von den Bildungsvereinen der Handwerker und Arbeiter.

Ursprung aller Vorstellungen zur Umgestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse, in denen die Menschen erniedrigt, ausgebeutet und unterdrückt werden, ist die Grundeinsicht, dass die Wirklichkeit nicht zwingend so sein muss, wie sie ist, sondern, dass eine andere Welt möglich und nötig ist. Dies steht am Anfang aller Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften, welche im Kampf für eine besseres Leben, gute Arbeit und Lernen verbinden.

Schon bei ihren ersten Vertretern findet sich diese Überzeugung:

Wilhelm Weitling (1808-1871) personifiziert den Moment, in dem die entstehende Arbeiterbewegung zugleich die Bildungsfrage artikuliert. Er ist Agitator und Organisator beginnender Emanzipationsbestrebungen ebenso wie proletarischer Bildungsarbeit. So wie von Anfang an die selbständige deutsche Arbeiterbewegung untrennbar mit Weitling verbunden ist, ist die Geschichte ihrer politischen Organisation nicht zu trennen von den Bildungsvereinen der Handwerker und Arbeiter. In den Handwerkerassoziationen der 30er und 40er Jahre des 19. Jahrhunderts verbinden sich politische und kulturelle Aktivitäten. Der Zugang zu umfassendem Wissen gilt den ersten Vertretern der Arbeiterbewegung als Voraussetzung für den Erwerb von Macht. Die Bildungsfrage steht am Anfang der Arbeiterbewegung.

„Der Arbeiterbildungsverein war im besten Sinne des Wortes eine Kulturstätte der revolutionären Gedanken. Freilich, der revolutionären Gedanken der 40er Jahre: Bestrebungen für die Deutsche Einheit und Freiheit, für Republik und Verbrüderung der Völker, für Freidenkerei, Urchristentum, Kommunismus – alle diese Ideen liefen dort durcheinander und vereinigten sich zu höchst unklaren und unbestimmten Idealen. Es war eine Zeit der Gärung, die nur von wenigen begriffen wurde. Im Arbeiterbildungsverein galt Wilhelm Weitling als der große Mann der Zukunft. Die Verehrung, die er in unseren Kreisen genoß, war grenzenlos. Er war der Abgott seiner Anhänger“.

Respekt gegenüber der Person wie der Theorie Wilhelm Weitlings belegt die herausragende Stellung, welche dieser Mann für die Entstehung und Entwicklung der organisierten deutschen Arbeiterbewegung und ihre Bildungsarbeit hatte. Dies zeigt sich in Weitlings Biographie.

1. Von der preußischen Festung Magdeburg über Paris in die Schweiz und weiter in die Vereinigten Staaten von Amerika

Die Person Wilhelm Weitlings steht im Fokus politischer und sozialer Konstellationen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Geboren wurde er am 5. Oktober 1808 in der preußischen Festung Magdeburg als uneheliches Kind eines Offiziers der napoleonischen Armee Terijon und der Köchin Weideling. Nach einer Ausbildung zum Damenschneider und Tätigkeit in Wien gelangte er 1835 nach Paris. Dort war der Treffpunkt vieler oppositioneller Akteure der Handwerkerschaft.

Weitling1Paris war damals eine Hochburg deutscher Arbeitsemigranten. Über 80 000 Deutsche – vor allem Tagelöhner, Straßenfeger, Gouvernanten, Schumacher und Schneider – lebten in Paris, das nach Berlin und Hamburg als dritte deutsche Großstadt bezeichnet wurde. Es bestanden enge Netzwerke von Vereinen, Schulen und Kirchen. Dort schloss sich Weitling dem republikanisch-sozialistischen Geheimbund, der „Geächteten“ an. Die dort herausgegebene Zeitschrift „Der Geächtete“ wurde von dem Geheimbund zur Agitation in Deutschland benutzt, allerdings ohne klares Programm, sondern mit dem vagen Zukunftsentwurf von Freiheit, Gleichheit und Bruderliebe. Zentraler Programmpunkt war ein „Gleichheitskommunismus“, d. h. eine aus der „natürlichen Gleichheit aller Menschen“ abgeleitete „Gütergemeinschaft“.

Für diesen „Bund der Gerechtigkeit“, der – später – im Jahre 1847 unter Mitwirkung von Marx und Engels zum „Bund der Kommunisten“ wurde, verfasste Weitling seine erste Schrift: „Die Menschheit, wie sie ist und wie sie sein sollte“. Er und andere Mitglieder hatten den Auftrag, die Möglichkeit der Gütergemeinschaft nachzuweisen und zu begründen. Damit sollte dem Bund ein festumrissenes Programm gegeben werden. Ergebnis ist die Schrift „Die Menschheit wie sie ist und wie sie sein sollte“ – 1838 in Deutsch veröffentlicht.

weitling2Den heimlichen Druck und die Verteilung dieser Schrift bewerkstelligten die „Gerechten“ selbst. Sie opferten Ersparnisse und nahmen Exemplare der Weitlingschen Schrift mit auf ihre Wanderschafften, so dass diese bei den deutschen Handwerkergesellen großen Anklang, sowie starke Verbreitung im ganzen deutschen Sprachgebiet fand, vor allem in der Schweiz.

Am 12. Mai 1839 unternahm in Paris die französische, radikal-revolutionäre, geheime „Gesellschaft der Jahreszeiten“ einen Aufstand, an dem sich auch der die deutschen Handwerker organisierende „Bund der Gerechten“ beteiligte. Die Verschwörung wurde niedergeschlagen, die Organisationen aufgelöst und die Aufrührer eingekerkert oder sie flüchteten.

Weitling floh im Sommer 1840 zunächst in die Schweiz und übersiedelte im Mai 1841 nach Genf. In der Schweiz betrieb Weitling weiter die Taktik, Zellen des Bundes und Speiseanstalten in den bestehenden Arbeiterbildungsvereinen einzurichten und neue Vereine zu gründen. Neben der vielseitigen agitatorischen und propagandistischen Tätigkeit arbeitete Weitling während des ganzen Jahres an seinem Hauptwerk, den „Garantien der Harmonie und der Freiheit“. Schon im Dezember 1842 erschien das Werk in 2000 Exemplaren, erregte viel Aufsehen und machte den Verfasser zu einem berühmten Mann. Arbeiter und Handwerksgesellen sammelten Geld für die Druckkosten, nahmen dafür Exemplare zum Vertrieb bis weit nach Deutschland hinein. Weitling erhielt damit die Rolle als Theoretiker des sich bildenden deutschen Proletariats.

Aufgrund einer Denunziation wurde Weitling in der Nacht vom 8. auf den 9. Juni 1843 auf dem Heimweg von einer Vereinssitzung verhaftet. Nach ein Tendenzprozess uns zehn Monaten Haft wurde Weitling an die badische und von dieser an die preußische Polizei ausgeliefert und über Magdeburg nach Hamburg abgeschoben. Große Verbreitung erhielt noch das 1843 geschriebene dritte größere Werk „Das Evangelium des armen Sünders“. Darin hieß es, dass an mehr als hundert Bibelstellen bewiesen werden solle, dass die kühnsten Folgerungen der freisinnigen Ideen ganz im Einklang mit dem Geist der Lehre Christi seien. „Jesus hat keinen Respekt vor dem Eigentum“ (ebd.).

Am 27. August 1944 ging er nach London, wo deutsche, englische und französische Kommunisten des Bundes und des Arbeiterbildungsvereins ihn begrüßten. Aber nach einem völligen Bruch mit Marx und Engels übersiedelte Weitling der Einladung eines Freundes folgend nach den Vereinigten Staaten. Er fand jedoch die Zeitung der „Volkstribun“ in New York, an der er hatte mitarbeiten wollen, bankrott vor. Da er für seine Werke entweder gar kein Honorar oder nur winzige Beträge erhalten hatte, musste Weitling, seine eigenen Schriften, besonders das „Evangelium des armen Sünders“ und die Übersetzung „The gospel of the poor singer“ selbst vertreiben, um sein Leben zu fristen.

Der von Weitling Anfang 1850 in Amerika gegründete Arbeiterbund ist nach kurzer Blüte rasch wieder verwelkt. Im Mittelpunkt eines utopisch-sozialistisches Projektes stand eine Gewerbetauschbank, mit deren Hilfe die Geldwelt enteignet werden sollte. Auch ließ sich Weitling in die Leitung einer kommunistischen Kolonie „Communia“ hineinwählen, die von Deutschen in Iowa ins Leben gerufen worden war. Dies mündete in Streit, Ärger und Verlusten. 1854/55 heiratete Weitling, arbeitete wieder im Schneiderhandwerk und zog sich entmutigt und verbittert aus der Arbeiterbewegung zurück. Am 25. Januar 1871 ist Wilhelm Weitling in New York, nachdem er drei Tage vorher noch einem Verbrüderungsfest der New Yorker Sektion der internationalen Arbeiterassociation beigewohnt hatte gestorben.

weitling32. Bildungsarbeit zwischen Handwerkertum und Arbeiterschaft

Weitling steht am Übergang vom zünftigen Handwerk zur industriellen Lohnarbeit. Seine Lebenszeit fiel in die Phase der Durchsetzung des industriellen Kapitalismus in Deutschland. Gerade das Textilgewerbe war dabei der wichtigste nicht-landwirtschaftliche Produktionszweig der letzten proto-industriellen Jahrzehnte zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Nähmaschine als Kleingerät begünstigte eine Form der Mechanisierung, die zwar einen Trend zur Großproduktion beförderte, jedoch nicht in Fabriken, sondern in einem in den schnell wachsenden Städten sich verbreitenden Verlagssystem. In dem Maße, in dem die Handwerksbetriebe nach marktwirtschaftlichen Regeln arbeiteten, vollzog sich ein Übergang vom Gesellen zum Lohnarbeiter. Es erfolgte ein Abbau zünftiger Pflichten und Schutzbestimmungen, schnellere Kündbarkeit des Arbeitsvertrages, eine Lösung der Gesellen aus Haus und Familie der Meister sowie die Durchsetzung des Geldlohns.

Der Status des herkömmlichen Handwerksgesellen wurde bedroht und aufgelöst. Viele von ihnen erlebten die Durchsetzung des Marktprinzips und die kapitalistische Umgestaltung der Arbeitsverhältnisse durch Arbeitsteilung und Maschinisierung als Herausforderung und Zerbrechen ihrer Erwartungen, ihrer Ansprüche und ihres Selbstwertgefühls bezogen auf ältere, nicht kapitalistische, vorindustrielle Arbeits- Lebens- und Werteordnungen. Überkommene handwerkliche Standards, auf denen Berufsstolz und die „Ehre“ von Meistern und Gesellen beruhte, wurden zerstört, die Gesellenbrüderschaften wurden durch obrigkeitliche Verbote geschwächt. So galt auf einmal das zünftigehrbare Ersuchen der wandernden Gesellen um ein „Zeichen“ oder „Geschenk“ als ehrloses Betteln. Handwerkerstolz und Proletarisierungstendenzen waren Hintergrund für radikales politisches Engagement.

Das Schneiderhandwerk wurde von Weitling zeitlebens als eine Profession begriffen, die zu Arbeiterstolz berechtigt, zum Denken, zum Studium und zur sozialen Phantasie anregt, und zur „Schneiderweisheit“, dem „Verstande und der Vernunft eines kommunistischen Schneiders“ (Gerechtigkeit 224) führt. Dieses transitorische Milieu und sein Selbstbewusstsein wurde mit der Durchsetzung der „Großen Industrie“ ausgehöhlt und überholt.

Später hat Friedrich Engels Weitling als „utopischen Sozialisten“ eingeordnet. Weit-ling wollte allerdings nicht nur „Tadler“ sein, sondern „Gestalter“. Grundlage war für ihn, dass eine andere Welt möglich ist: Es war nicht immer so auf dieser Erde wie es jetzt ist, und wird auch nicht immer so bleiben. Deshalb setzt er in den „Garantien“ dem ersten Abschnitt: Die Entstehung der gesellschaftlichen Übel“ im zweiten Abschnitt „Ideen einer Reorganisation der Gesellschaft“ entgegen.

3. „Die Menschheit, wie sie ist und wie sie sein sollte“, die „Garantien von Harmonie und Freiheit“ und das „Evangelium des armen Sünders“

In mehreren weitverbreiteten Schriften hat Weitling die Grundlagen seiner Bildungsarbeit propagiert. Bildung ist für ihn Zugang zum Wissen, Gerechtigkeit die Zufriedenheit im Gleichgewicht der menschlichen Begierden und Fähigkeiten. Das Programm des „Bundes der Gerechten“ „Die Menschheit, wie sie ist und wie sie sein sollte“ veranschaulicht die Möglichkeit der Gütergemeinschaft und die Notwendigkeit einer sozialen Revolution. Auf diese Umgestaltung müssen die Menschen durch vorherige Aufklärung befähigt werden. Weitlings erste Hauptschrift – die „Menschheit“ – enthält eine Reihe von Zielen der Bildungsarbeit. Er verlangt eine wissenschaftliche und vielseitige Ausbildung. Es findet sich eine große Hochachtung vor Geistigkeit und Wissenschaft und zugleich eine Verbindung mit der Eigentumsfrage:

„Was die Aufmunterung für den Fleiß und Fortschritt in Künsten und Wissenschaftlern betrifft, so wird durch Einführung der Gütergemeinschaft und Ersterbung des letzten Wuchersystems darin Riesenhaftes geleistet werden, indem als dann die Menschheit einen hohen Grad wissenschaftlicher Bildung erreicht, weil jeder ohne Unterschied Zeit und Mittel besitzt, sich nach seinen Anlagen Kenntnisse zu erwerben, welche jetzt unter 100 Menschen 99 entbehren“. … Wenn unsere Ideen in Ausführung kommen, wird man überall nur den Bruder und die Schwester finden, und nirgends den Feind. Die dritte Generation der in Gütergemeinschaft lebenden Menschheit wird eine Sprache sprechen und gleich in Sitten und wissenschaftlicher Bildung sein. Der Handwerker und der Bauer werden zugleich Gelehrte, und der Gelehrte Handwerker und Bauer sein“ (Aus: Die Menschheit, wie sie ist und wie sie sein sollte. (1838)).

In dem zweiten Hauptwerk, den Ende 1842 in der Schweiz erschienenen „Garantien der Harmonie und Freiheit“ werden diese Grundzüge weiter ausgeführt.

weitling4Dabei spielen Wissenschaft und Bildung eine herausragende Rolle. Ausgangspunkt ist die „Klage über eine schlechte Ordnung der Dinge“ (Garantien 5).

„Zeigen wir der Gesellschaft, was sie ist in einer schlechten Organisation und was sie in einer besseren sein könnte, und hat sie das begriffen, dann kümmern wir uns nicht im geringsten um den Aufbau und legen wir nicht so viel Wert auf unsere Lieblings-plätze zum neuen Bau, sondern reißen wir nieder, immer nieder mit dem alten Trödel und nieder mit jedem neuen Gerüst, weg mit jeder neuen Basis, die noch ein Rest der alten Übel bergen. Nichts ist vollkommen unter der Sonne! Nie wird eine Organisation der Gesellschaft gefunden werden, welche für alle Zeiten unabänderlich die beste sein wird, weil dies einen Stillstand der geistigen Fähigkeiten des Menschen, einen Stillstand des Fort-schritts voraussetzte, welcher nicht denkbar ist. …“ (7).

Weitling entwirft einen Urzustand der Gesellschaft:

„Damals bot die reiche Natur dem Menschen seine Bedürfnisse in tausendfachem Überfluss dar. Die Erde war für ihn groß und weit“ (9).

„Aber worin bestand denn nun eigentlich hauptsächlich der glückliche Zustand der ersten Menschen, die doch alle Bequemlichkeit des Lebens, welche die Zivilisation gewährt, nicht kannten?

In der Freiheit und Unabhängigkeit, in der sie alle lebten. …

Glücklich ist nur der Zufriedene und zufrieden kann nur der sein, der alles haben kann, was jeder Andere hat“ (10).

Der Urzustand der Gesellschaft wird jedoch zerstört durch die Entstehung des be-weglichen und unbeweglichen Eigentums, durch die Erbschaft, die Kriege, die Sklaverei, den Handel, das Geld, die Titelkrämerei, das Soldatenwesen, Vaterland, Grenzen und Sprachen, Geld und Warenkrämerei sowie durch Religion und Sitten.

Aus der Kritik dieser Zustände entwirft Weitling die „Ideen einer Reorganisation der Gesellschaft“ (Garantien 121 f.).

„Von der Organisation der Befriedigung der Begierden und des Austauschs der Fähigkeiten Aller hängt die gute oder schlechte Organisation der Gesellschaft, hängt das Glück oder Unglück der Individuen ab. …

Sonach muß die Organisation der Gesellschaft nach den verschiedenen Begierden der Menschen und den Fähigkeiten, welche zur Befriedigung dieser Begierden dienen, in folgender Ordnung bestehen:

1. Die Verwaltung und die Fähigkeiten des Wissens.

2. Die Produktion oder die Fähigkeiten des Erwerbens.

3. Die Konsumation oder die Fähigkeit des Genusses.“ (131)

Weitling nimmt in Anspruch für dieses System eine wissenschaftliche Grundlage zu liefern. Im Abschnitt „Von den Wissenschaften“ wird zunächst die Spreu vom Weizen getrennt.

„Unter den vielen Wissenschaften, die betrieben werden, gibt es manche, welche der Gesellschaft oft mehr schädlich als nützlich sind; wieder andere, ganz unnütze Wissenschaften können wir gleichwohl vor der Einrichtung einer besseren Ordnung der Gesellschaft nicht entbehren. …

Ziehen wir mancher modernen Gelehrsamkeit das schöne Kleid aus, so haben wir oft den nackten Unverstand vor Augen. Das ist kein Wunder! Wenn man lehren, schwatzen und schreiben muß, um seine Existenz zu sichern, kann unmöglich Alles gut sein. …

Notwendige Wissenschaften sind solche, ohne welche ein Stillstand im Fortschritt eintreten und mithin die Auflösung der Gesellschaft erfolgen würde. …

Jeder Zweig der Arbeit wird auf den Höhepunkt seiner Vervollkommnung, wo er den Ideen einen Wirkungskreis gewährt, zur Wissenschaft.“ (136/137)

Den Weg zur Reorganisation der Gesellschaft sieht Weitling in möglichen Übergangsperioden. Dabei helfen einzelne Reformen wenig, weder die Verbesserung der Schulen, die Pressefreiheit, die Armenversorgung, die Steuerreform, noch die allgemeine Wahlfreiheit sind ausreichend um diesen Weg einzuschlagen. Voraussetzung einer neuen Gesellschaft ist nach Weitling die soziale Revolution.

„Also überhaupt: Wenn durch das Übergewicht einer geistigen und physischen Kraft das Neue dem Alten weicht, so ist dies eine Revolution.“ (223)

weitling5Als Voraussetzung soziale Umgestaltung herbeizuführen, nennt Weitling an erster Stelle: „fortzufahren und zu lehren und aufzuklären“ (249). Als Vorbereitung zur Übergangsperiode gilt: „Artikel 1. Alle uns zu Gebote stehende Mittel müssen zur Verbreitung unserer Lehre geweiht sein“ (276).

Zusammenfassend: Bildung als Aneignung der Wissenschaften wird bei Wilhelm Weitling verbunden mit dem Gedanken des Fortschritts und dem Glauben an eine mögliche bessere und gerechtere Welt. Bildung ist Voraussetzung einer gerechten Gesellschaft, so wie Gerechtigkeit Voraussetzung von Bildung ist. Die Lerninteressen der entstehenden Arbeiterbewegung richtet Weitling auf die Gestaltung einer lebenswerten Gesellschaftsstruktur. Bildung richtet sich auf Vervollkommnung und wird geleitet durch die soziale Utopie, in der wie schon in den „Garantien“ gekennzeichnet – „die reiche Natur dem Menschen seine Bedürfnisse in tausendfachem Überfluss“ erfüllt. „Die Erde“ wird „für ihn groß und weit“ (Garantien (1974) 9).

Im Vorspruch zu den „Garantien“ träumt Weitling:

Frei wollen wir werden!

wie die Vögel des Himmels;

sorglos in heiteren Zügen und süßer Harmonie durch’s Leben

ziehen wie sie!