Bildung in frühen Jahren stärken

Von: Gunther Steffens (Gewerkschaftssekretär)

Gunther Steffens

Gewerkschaftssekretär

Gunther Steffens ist Fachbereichsleiter bei der Bundesverwaltung der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di in Berlin. Steffens ist Experte zum Thema Kompetenzmessung in der beruflichen Bildung.


Es besteht überraschenderweise ein breiter gesellschaftlicher Konsens, wenn das Bildungswesen in Deutschland im OECD-Vergleich allenfalls als mittelmäßig beschrieben wird. Akteure aus allen gesellschaftlichen Gruppen betonen bei jeder sich bietender Gelegenheit die herausragend Bedeutung, die das Bildungssystem für die Gesellschaft und deren wirtschaftliche Entwicklung, aber auch für das Individuum hat – und dass das deutsche Bildungssystem reformiert werden müsse.

In einem auffälligen Missverhältnis stehen hierzu jedoch die Aktivitäten der politisch Verantwortlichen auf allen Ebenen. Neben einzelnen Maßnahmen, etwa dem Ausbau des Bereiches Kindertagesstätten, sind Handlungen beschränkt auf Absichtsbekundungen, Bildungsgipfel, Innovationskreisen oder ad-hoc-Investitionen in Bildung zur Krisenbewältigung und ähnliches mehr.

DIES MUß SICH ÄNDERN_ Teilhabe an Bildungsprozessen ist ein Menschenrecht. Ein allgemeines Recht auf Bildung lässt sich aus einer sozialstaatlich bestimmten Interpretation und Fortschreibung der Grundrechte (Art. 2 Abs.1; Art. 6 Abs. 1; Art. 12 Abs. 1 Grundgesetz) ableiten. Um dies zu gewährleisten, muss das deutsche Bildungssystem grundlegend reformiert werden.

Aus gewerkschaftlicher Perspektive muss sich eine Reform des deutschen Bildungssystems an den Kriterien Chancengleichheit, Bildungsbeteiligung, Durchlässigkeit und individuelle Förderung orientieren. Von der Erfüllung dieser Kriterien ist Deutschland noch weit entfernt.

  • Kindertagesstätten sind immer noch nicht als Bildungseinrichtungen akzeptiert, es fehlt an Betreuungsplätzen für die unter 3-jährigen Kinder sowie an Ganztagsplätzen.
  • Das gegliederte Schulsystem führt zu einer frühen Selektion.
  • Die Folgen zeigen sich insbesondere im Hochschulbereich. Zwar hat sich die Chance für Arbeiterkinder, ein Studium zu beginnen, seit den 80er Jahren erhöht. Immer noch ist es aber so, dass die Chance auf eine Studienaufnahme für Beamtenkinder 3,6-mal so groß ist wie für Kinder, deren Vater „Arbeiter“ ist. Der Unterschied in den Chancen ist demnach in den letzten zwanzig Jahren geringer geworden. Dieser Angleichungsprozess kann jedoch nicht über die nach wie vor bestehenden großen Disparitäten in der Bildungsbeteiligung hinweg täuschen. Der Hochschulbereich braucht deshalb Reformen, die den Zugang für alle Bevölkerungsgruppen erleichtern.
  • Zudem hat sich in Deutschland die Unterteilung der tertiären Bildung in berufliche Bildungsgänge und allgemeinbildende Schulen herausgebildet, die als zwei nebeneinanderstehende Säulen im Bildungssystem kaum miteinander verbunden sind. Die Schaffung von Durchlässigkeit zwischen diesen beiden Bereichen muss ein Strukturmerkmal des deutschen Bildungssystems werden, damit Bildungslebensläufe flexibel gestaltet werden können.
  • Schließlich zeigt sich auch, dass das bestehende Weiterbildungssystem in Deutschland nicht in der Lage ist, Defizite der vorgelagerten Bildungsbereiche zu kompensieren. Das Gegenteil ist der Fall; Strukturen ungleicher Zugangschancen zu Bildung und sozialer Ungleichheit haben sich stabilisiert, eine Angleichung der Bildungschancen durch kompensatorische Wirkung der Weiterbildung hat bisher nicht stattgefunden.

Im Folgenden soll insbesondere auf die Situation im Bereich der frühen Bildung, also den Kindertagesstätten und dem allgemeinbildenden Schulsystem eingegangen werden, da hier die Grundlagen für den späteren Bildungsverlauf gelegt werden.

ganztagsschule

Ausgrenzung in frühen Jahren

Die Befunde der Bildungsforschung sind eindeutig. Eine frühkindliche Vorschulerziehung, die vor allem auf Sprachentwicklung und das Sozialverhalten der Kinder ausgerichtet ist, hat erheblichen Einfluss auf den späteren Schulerfolg. Zahlreiche Belege hierfür liefert u.a. die französische „Ecole Maternelle“, die in ihrer ersten Stufe zwei- bis dreijährige Kinder in das Leben in Gruppen und die Beherrschung der Muttersprache einführt. Eine Studie mit einer Versuchsgruppe von 1.900 französischen Schülern belegt, dass der Kenntnisstand proportional zur Dauer der Vorschulerziehung ist. Der Vorsprung der Kinder, die seit dem Alter von zwei Jahren eine Vorschule besuchen, gegenüber denen, die erst mit drei Jahren eine Vorschule besuchen, zeigt sich unabhängig von dem jeweiligen familiären Hintergrund: bei sozial begünstigten ebenso wie bei sozial benachteiligten Kindern.

INTERNATIONALE ERFAHRUNGEN_ Eine Studie aus Schweden kommt  zu dem Ergebnis, dass Kinder, die bereits ab dem ersten Lebensjahr in Tageseinrichtungen für Kinder betreut werden, im Alter von acht Jahren bessere schulische Leistungen aufweisen. Kinder mit Vorschulerziehung zeichnen sich durch größere verbale und soziale Fähigkeiten aus, wodurch die Lernfähigkeit nachhaltig verbessert wird. Für Deutschland belegt eine Studie, dass für Kinder aus ausländischen Familien die Qualität ihres späteren Schulbesuchs maßgeblich durch den Besuch eines Kindergartens beeinflusst wird. Für Kinder aus deutschen Familien finden sich hierfür zwar keine signifikanten Belege, jedoch zeigt sich, dass andere Faktoren, die bestimmend für den Schulbesuch sind, wie der Bildungsstand der Eltern oder das Haushaltseinkommen, an Erklärungskraft verlieren.

Ein gut ausgebautes flächendeckendes Netz von Kindertageseinrichtungen – die als Bildungseinrichtungen ausgestaltet und von allen genutzt werden können – kommt daher zentrale Bedeutung für die Chancengleichheit zu, denn gute Startchancen für einen erfolgreichen Bildungslebenslauf werden bereits in frühen Jahren aufgebaut oder eben verpasst. Hier bestehen in Deutschland noch erhebliche Defizite, sowohl hinsichtlich der Verfügbarkeit von Räumen und Ausstattungen, als auch hinsichtlich der Ausbildung des pädagogischen Personals für frühkindliche Bildung.

DEUTLICHES OST-WEST-GEFÄLLE_ Kindertageseinrichtungen für unter 3-jährige Kinder gibt es nur in den neuen Bundesländern in quantitativ ausreichender Zahl. So betrug die Betreuungsquote für Zwei- bis Dreijährige im Jahr 2006 in den neuen Bundesländern 36,7 %, in den alten Bundesländern dagegen nur 6,8 %. Der Ganztagsbetrieb von Kindertageseinrichtungen für über 3-jährige Kinder ist ebenfalls unbefriedigend. Auch hier zeigt sich wiederum deutlich ein Ost-West-Gefälle. In den alten Bundesländern dominierten im Jahr 2006 Betreuungszeiten bis zu 5 Stunden und bis zu 7 Stunden mit jeweils ca. 30 % in den neuen Bundesländern Betreuungszeiten von 7 bis 10 Stunden mit ca. 60 %.

Die Qualifikation der Beschäftigten in den Kindertageseinrichtungen ist bisher eher an der traditionellen Betreuungsfunktion in den Einrichtungen orientiert  und weniger an der Bildungsleistung der Einrichtung. Hierauf weist bereits die OECD im Jahr 2004 in ihrem Länderbericht „Die Politik der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung in der Bundesrepublik Deutschland“ hin. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die Ausstattung der Gebäude, der Innen- und Außenräumlichkeiten und Materialien im Allgemeinen gut, aber in Bezug auf die Bedarfsdeckung völlig unzureichend  ist. Allerdings kommt sie auch zu dem Schluss, dass die Investitionen in die Erstausbildung der Beschäftigten und die Gehälter gründlich überdacht werden müssen, wenn die Kindertagesstätten an Qualität gewinnen und Grundlage für lebenslanges Lernen werden sollen.

stuehle

FALSCHE PRAXIS IN DEN LÄNDERN_ Die Verantwortung für Kindertageseinrichtungen liegt in den Bundesländern. Dies hat zur Folge, dass Betreuungsquote, Ausstattung und qualitative Aspekte erheblichen Schwankungen zwischen den Ländern unterworfen sind. Zudem bestehen unterschiedliche Regelungen in den Ländern hinsichtlich der Zugangsmöglichkeiten und der Elternbeiträge. Hinzu kommt, dass im Bereich der Kindertagesstätten eine Vielzahl von unterschiedlichen Trägern aktiv ist, so die Kommunen, Wohlfahrtsverbände, Kirchen, freie gemeinnützige Träger und in einem geringen, aber wachsenden Umfang auch private gewerbliche Träger.

Mit der wachsenden Einsicht in den gesamtgesellschaftlichen Nutzen einer professionell pädagogischen frühkindlichen Erziehung und der Anerkennung des Charakters entsprechender Einrichtungen als Vorschule, nimmt auch die Zahl der Befürworter der Kostenfreiheit frühkindlicher Erziehung für die Eltern zu. Die bisherige Praxis der Bundesländer, die Kosten teilweise von den Eltern tragen zu lassen, führt nachweislich zum Ausschluss der Kinder, die der sprachlichen Förderung und der Einübung sozialen Verhaltens am meisten bedürfen. Die bisherige anteilige Beteiligung der Eltern an den Kosten der Kindertagesbetreuung führt dazu, dass bei Familien mit geringen Einkommen der Anteil der Elternbeiträge am Haushaltseinkommen, auch bei einer Gebührenstaffelung, am höchsten ist.

Aus einer ökonomischen Perspektive ist damit unmittelbar einsichtig, dass Familien mit niedrigen Einkommen weniger institutionelle Kinderbetreuung nachfragen. Bereits im bestehenden System der Gebührenstaffelung ist die Nachfrage einkommensschwacher Haushalte nach Kindergartenbetreuung um 7 Prozentpunkte geringer als die von Haushalten mit höheren Einkommen. Eine vollständige öffentliche Finanzierung der Tageseinrichtungen für Kinder führt daher zu einer Erhöhung der Nachfrage nach institutioneller Kinderbetreuung.

SOZIALE HERKUNFT IST DOMINANT_ Was im Bereich der Kindertagesstätten nicht geleistet wird, wird auch im Schulbereich nicht nachgeholt. Internationale Schulleistungsvergleiche belegen für Deutschland einen sehr engen Zusammenhang zwischen dem schulischen Leistungsniveau und der sozialen Herkunft. Offensichtlich gelingt es dem deutschen Schulsystem nicht, allen jungen Menschen gleiche Chancen für einen erfolgreichen Bildungsverlauf zu vermitteln. Eine wesentliche Ursache hierfür liegt in der Auslese des Schulsystems in der Sekundarstufe.

Das gegliederte Schulsystem nach der Primarstufe, die Hauptschulen, Realschulen, Gymnasien und Gesamtschulen führt dazu, dass sich die bestehenden Bildungseliten weitgehend selbst reproduzieren. Im Schnitt hat ein Akademikerkind, bei gleichen Kompetenzen in Mathematik und Lesen, eine viermal so hohe Chance, ein Gymnasium zu besuchen, wie ein Facharbeiterkind.

Besonders betroffen davon sind Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund. Während Schüler ohne Migrationshintergrund sowie Schüler aus der Herkunftsgruppe der sonstigen Staaten vor allem Realschulen und Gymnasien besuchen, sind Schüler mit mindestens einem Elternteil aus der Türkei, sonstigen ehemaligen Anwerbestaaten (z.B. Griechenland, Portugal) und eingebürgerte Deutschstämmige aus der ehemaligen Sowjetunion vornehmlich an Haupt- und Realschulen anzutreffen. Innerhalb dieser Gruppe zeigen sich erhebliche Unterschiede. So ist fast jeder zweite türkische Schüler an einer Hauptschule und nur jeder achte an einem Gymnasium. Von den Schülern aus den sonstigen Anwerbestaaten ist ein Drittel an der Hauptschule und ein Viertel an einem Gymnasium.

KONKURRENZ OHNE ENDE_ Während die Segmentation zwischen den Schultypen aufrechterhalten wurde, ist sie beim Wettbewerb um Ausbildungsstellen aufgehoben worden. Heute konkurrieren Absolventen unterschiedlicher Schulausbildung zum Teil um die gleichen Ausbildungsstellen. In diesem ungleichen Rennen sind die Hauptschüler die Verlierer. Sie können in der Konkurrenz mit Realschülern und Gymnasiasten eigentlich nur noch wenige Pluspunkte vorweisen, wie höheres Interesse an praktischen Tätigkeiten, realistische Erwartungen an Bezahlung und Karriere sowie geringere Neigungen nach der Ausbildung abzuwandern und zu studieren.

Die meisten Unternehmen bevorzugen die Absolventen mit höherer Schulbildung wegen ihrer breiteren Wissensbasis, sodass sich die Zusammensetzung der Auszubildenden im dualen System deutlich verändert hat. Während 1970 noch fast 80% der Auszubildenden im dualen System aus der Hauptschule kamen, waren es 2005 nur noch 37,5%, der Rest verteilte sich auf Realschulabsolventen und Abiturienten.

HAUPTSCHULE STECKT IM ABSEITS_ Der Reputationsverfall der Hauptschule vor allem in den Großstädten mit hohen Migrantenanteilen und starker räumlicher Segregation der Bevölkerung ist mittlerweile so dramatisch, dass auch konservative Politiker wegen abnehmender Schülerzahlen die Abschaffung der Hauptschule erwägen bzw. in einzelnen Bundesländern (z.B. Hamburg) und Kommunen schon beschlossen haben, Haupt- und Realschulen zusammenzulegen.

bildung

Zudem erweist sich das deutsche Schulsystem gemessen an seinem Output als ineffektiv. Jedes Jahr verlassen in Deutschland ungefähr 8 % der Absolventen einer allgemeinbildenden Schule diese ohne einen Schulabschluss. Der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund die ohne Abschluss die allgemeinbildende Schule verlassen ist besonders hoch. 16,8 % verlassen jährlich die Schule ohne Hauptschulabschluss gegenüber 7 % der Absolventen ohne Migrationshintergrund. Zudem durchläuft ein großer Teil von Schülern einzelne Klassen mehrfach. Jedes Jahr widerholen ca. 2,7 % der Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden Schulen eine Schulklasse.

DIE GANZTAGSSCHULE KOMMT, ABER LANGSAM_ Noch ist in Deutschland die Schule überwiegend als Halbtagsschule konzipiert. Selbst dieses Halbtagsangebot wird nicht in allen Bundesländern gewährleistet, wenn durch Unterrichtsausfall die tägliche Schulzeit zum Teil bis auf unter vier Stunden absinkt. Zwar haben Bund und Länder in den letzten Jahren erheblich in den Ausbau von Ganztagsschulen investiert. So stieg die Zahl der schulischen Verwaltungseinheiten mit Ganztagsbetrieb in 2004 um 38 % gegenüber 2002. Aber immer noch ist die Ganztagsschule nicht die Regelform, erreicht werden lediglich ca. 15 % der Schülerinnen und Schüler.

Erreicht wurde der deutliche Anstieg zudem vor allem durch den Ausbau des sogenannten offenen Ganztagsbetriebs, d.h. einzelne Schülerinnen und Schüler können auf Wunsch an den ganztägigen Angeboten dieser Schulform teilnehmen, d.h. der Ganztagsbetrieb ist nicht verbindlich. Es ist aber unmittelbar einsichtig, dass nur die voll gebundene Form der Ganztagsschule einen nicht unter Zeitdruck stehenden  Unterricht, Gemeinschaftserleben, Selbstlernen unter Aufsicht und vielfältige musische und sportliche Aktivitäten ermöglicht, da nur bei dieser Form gewährleistet ist, dass auch alle Schülerinnen und Schüler teilnehmen. Dass die offene Form der Ganztagsschule eine solche Dominanz hat, liegt zu einem großen Teil an den unterschiedlichen Kosten, die mit den verschiedenen Formen der Ganztagsschule verbunden sind. So führt die gebundene Form der Ganztagsschule zu fast doppelt so hohen Kosten für das Land wie die Offene Form. Hinzu kommt, dass bei der Offenen Form die Möglichkeit für die öffentliche

Gewerkschaftliche Position zur frühen Bildung

Aus dem vorhergehenden folgt unmittelbar, dass wir im Interesse der jungen Menschen aber auch im Interesse der Gesellschaft die frühe Bildung ausweiten und erheblich verbessern müssen. Konkret bedeutet dies:

  • Kindertagesstätten müssen konsequent zu Bildungseinrichtungen umgestaltet und in dem Umfang ausgebaut werden, dass für jedes Kind ab dem 2. Lebensjahr ein Ganztagsplatz zur Verfügung steht. Als Bildungseinrichtungen sind sie vollständig öffentlich zu finanzieren.
  • Bessere Verzahnung der vorschulischen und schulischen Bildung.
  • Um die Qualität der schulischen Bildung zu erhöhen, ist eine Abkehr vom gegliederten Schulsystem notwendig. Die von uns geforderte Gemeinschaftsschule muss als Ganztagsschule in der gebundenen Form ausgestaltet werden.
  • Neben der strukturellen Reform ist die Ressourcenausstattung der Schulen zu verbessern. Hierzu gehören die deutliche Verringerung der Klassenstärke, die Verbesserung des Lehrer-Schüler-Verhältnisses sowie eine bessere Ausstattung der Schulen mit Sozialpädagogen. Schließlich muss die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer an die neue Form und dem neuen Verständnis der Schule angepasst und die Weiterbildungsmöglichkeiten für Lehrerinnen und Lehrer ausgeweitet werden.
  • Um allen Menschen eine bestmögliche Entwicklung zu eröffnen und ihre Potenziale zu entwickeln, muss von Anfang an eine Förderung entsprechend der individuellen Neigungen und Fähigkeiten erfolgen, die gleichzeitig Defizite, die auf verschiedenen Ursachen beruhen können, weitgehend auszugleichen. Diese Förderung muss vor allem in den frühen Jahren in Kindertagesstätten und in der Schule erfolgen, darf sich aber nicht darin erschöpfen, sondern muss sich auch auf Phasen danach.

Auch wenn im Vorhergehenden der Blick vorrangig auf die frühkindliche Bildung gelenkt wurde, muss eine Reform unseres defizitären Bildungssystems alle Bildungsbereiche gleichberechtigt berücksichtigen. Dies schließt nicht aus, dass mittel- und langfristig Investitionen in nachgelagerte Bildungsbereiche reduziert werden können: Wenn erst einmal alle jungen Menschen eine qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung in Kindertageseinrichtungen und einer allgemeinbildenden Schule durchlaufen haben, führt dies langfristig dazu, dass die Ausgaben für das Nachholen von Schulabschlüssen reduziert werden können.

KOMPETENZVERTEILUNG KONTRAPRODUKTIV_ Kurzfristig ist der Investitionsbedarf aber hoch, denn es müssen einerseits Investitionen in die frühkindliche Bildung getätigt und gleichzeitig die Folgen eines defizitären Bildungssystems kompensiert werden.

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Entscheidend für eine Reform des Bildungssystems ist auch, wie die Kompetenzaufteilung zwischen Bund und Ländern ausgestaltet wird. Im Zuge der Föderalismusreform I wurde die Rahmengesetzgebungskompetenz für den Hochschulbereich abgeschafft, ein sogenanntes Kooperationsverbot für die Finanzierung von Bildungsmaßnahmen durch den Bund eingeführt, die Finanzierung von Modellversuchen im Bereich der Bildung durch den Bund aufgegeben und im „Gegenzug“ nur eine unzureichende konkurrierende Gesetzgebungskompetenz des Bundes für die Hochschulzulassung und die Hochschulabschlüsse eingeführt.

Der Fortfall der Instrumente der Bildungsplanung, der gemeinsam getragenen Institutionen, der weitgehende Verzicht auf abgestimmtes Handeln zwischen Bund und Ländern, der Wegfall von Bund-Länder-Modellversuchen, die ersatzlose Streichung des Hochschulrahmengesetzes – alles Folgen der Föderalismusreform I – haben der Bildung in Deutschland nicht geholfen, sondern massiv geschadet. Notwendig ist, die Föderalismusreform II dafür zu nutzen, die Sicherung von Bildung als Zukunftsinvestition festzuschreiben und die Kompetenzen von Bund und Ländern neu zu gestalten in einer Art und Weise, die sicherstellt, dass Bildung in Deutschland als System erkennbar wird und nicht wie bisher als eine Ansammlung  unsystematischer Regelungen. Stattdessen wird derzeit eine Föderalismusreform II auf den Weg gebracht, die als zentrales Element eine Schuldenbremse vorsieht.

Damit ist gemeint, die öffentliche Neuverschuldung zu begrenzen und zwar auf 0,35 % des BIP für den Bund ab 2016 und auf 0 % des BIP für die Länder ab 2020. So wichtig es ist, öffentliche Haushalte zu konsolidieren, so verkehrt ist der Weg, die Neuverschuldung zurückzufahren, denn dies würde bedeuten, dass die für die Reform eines Bildungssystems notwendigen Mehrausgaben in Höhe von ca. 40 Mrd. € von niemandem aufgebracht werden können.

Zum Weiterlesen ....

ver.di (2009): Zukunft der Bildung – ver.di Positionen zur Bildung und Bildungsfinanzierung, Berlin

Wissenschaftlicher Beraterkreis der Gewerkschaften IG Metall und ver.di (2008):  Berufs-Bildungs-Perspektiven 2008. Solidarität und gemeinsame Verantwortung, Berlin Frankfurt/M.

Wissenschaftlicher Beraterkreis der Gewerkschaften IG Metall und ver.di (2009): Berufs-Bildungs-Perspektiven 2009. Bildungsprivilegien für alle