Berufsbildungs-PISA für Europa: Vergleichen was nicht vergleichbar ist?

Von: Gerhard Endres (Freier Journalist, Berufsschullehrer und Theologe, München)

Gerhard Endres

Freier Journalist, Berufsschullehrer und Theologe, München

Gerhard Endres ist freier Journalist, Berufsschullehrer und Theologe, er lebt in München. Er ist erster Vorsitzender des Netzwerks für Gesellschaftsethik.


1. Hintergrund

Die europäische Wirtschaftsstrategie, kurz gefasst Lissabon-Prozess, zielt auf eine starke Ausweitung der Bildung auf allen Ebenen, um Europa zum dynamischsten Wirtschaftsraum zu entwickeln. Im Hochschulbereich wurde über den Bologna-Prozess die Vereinheitlichung in Form von Bachelor – und Masterstudiengängen angeregt und über das Instrument der offenen Koordinierung letztlich durchgesetzt, auch wenn einige Fachbereiche nicht alles übernehmen werden. Es ist absehbar, das es auf Dauer nur noch Bachelor – und Masterstudiengänge geben wird.

Seit einiger Zeit wird nun die Berufsausbildung in Europa ins Visier der europäischen Kommission genommen. .Der erste Schritt war die Formulierung von acht Referenzniveaus im europäischen Qualifikationsrahmen (EQF), der in einen nationalen Qualifikationsrahmen umgesetzt werden muss. Kritik löste dabei die starke Einbeziehung von Experten aus, die aus dem englisch, schulisch orientierten Berufsbildungssystems kommen. Das englische System versteht sich als Kontrapunkt zum deutschen dualen Berufsbildungssystem, das eine enge Verzahnung von betrieblicher und berufsschulischer Ausbildung anstrebt.

Der zweite Baustein ist die Entwicklung eines Europäischen Leistungspunktesystems (ECVET), das mehr Transparenz über die Berufsbildung in Europa erreichen und die Gleichstellung von beruflichen Abschlüssen regeln soll. Hier hat die Debatte aber gerade erst begonnen.

2. Europäisches „Berufsbildungs-PISA“

Vor diesem Hintergrund ist die Vorbereitung und Durchführung eines europäischen „Berufsbildungs-PISA“ zu sehen. Am 3. Juli 2006 legten die Professoren Martin Baethge und Frank Achtenhagen, auf der Basis eines Forschungsprojekts des ehemaligen Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit (BMWA) Minister Wolfgang Clement, eine Machbarkeitsstudie vor. Das europäische „Berufsbildungs-PISA“ soll nicht nur allgemeine Grundkompetenzen messen, sondern auch in der Ausbildung erworbene Kompetenzzuwächse und die Verwertung von Kompetenzen auf dem Arbeitsmarkt und in der Arbeit erfassen. Klar ist, dass sich ein „Berufsbildungs-PISA“ von einem Schul – PISA unterscheiden muss. Es geht um Können, nicht um Wissen.

50th Anniversary of the Signature of the Treaties of Rome - BerlDerzeit wird auf europäischer Ebene ein Konsortium zusammengestellt, das ein europäisches „Berufsbildungs -PISA“ vorbereiten soll. Die Professoren Baethge und Achtenhagen, die Autoren der Machbarstudie, werden als deutsche Vertreter in dem PISA- Konsortium gehandelt. Das Kuratorium für Berufsbildung der deutschen Wirtschaft beschreibt die Methode: „In einer Vergleichsstudie sollen dazu die unterschiedlichen dazu verschiedene Kompetenzen, die in den unterschiedlichen Berufsbildungssystemen erworben wurden, gemessen werden. Die Kompetenzmessung soll mit Hilfe computergestützter Interviews bzw. schriftlicher Tests erfolgen, die ggf. um einen mündlichen Teil ergänzt werden können. Die stichprobenartige Erhebung soll am Ende der Ausbildungszeit sowie nach einer ersten Berufsphase durchgeführt werden.“

Eine Schwierigkeit besteht darin, wie die im deutschen dualen Ausbildungssystem, d.h. der engen Verzahnung von betrieblicher und berufsschulischer Ausbildung, erworbenen Fähigkeiten und Kompetenzen in einen Berufsbildungs-Test auch wirklich eingebracht werden können. Ein betrieblicher Praktiker beschrieb das Problem so: „in anderen Ländern lernen die Jugendlichen wie ein Automobil funktioniert, in der dualen Berufsausbildung lernen sie zusätzlich, dieses Automobil auch wirklich zu reparieren.

Die Herausforderung für das europäische Konsortium wird sein, die spezifischen Fähigkeiten aus den Berufsbildungssystemen, die ein duales Berufsausbildungssystem eingeführt haben, in dem Berufsbildungs- PISA abzubilden. Regina Görner, Vorstandsmitglied der IG Metall und verantwortlich für den Bereich Berufliche Bildung, fordert eine breite Beteiligung des vorhandenen forschungspolitischen Sachverstandes, die Einrichtung eines Forschungs-Konsortiums auch auf nationaler Ebene, insbesondere die Einbeziehung von Instituten mit Erfahrung in Kompetenzmessung, Testverfahren, Testmethoden und international vergleichender Berufs – und Arbeitsforschung. „Die Kompetenzen in Berufsdomänen gilt es zu messen, da müssen die Forscher Ahnung von den Gegenständen haben. Die Information und Rückkopplung mit den Sozialparteien ist zu gewährleisten“. Die deutsche Berufsausbildung zeichnet sich durch eine enge Zusammenarbeit von Arbeitgebern und Kammern mit den Gewerkschaften aus, die nah an den Arbeitsprozessen und betrieblichen Erfordernissen dran sind.

Kürzlich wurden die deutschen Ausbildungsgänge für Meister der Anlage der A der Handwerksordnung in den Anhang II der Berufsanerkennungsrichtlinie 2005/36/EG in die dritte Qualifikationsstufe gemäß Artikel 11 Buchstabe c) ii) der Richtlinie von insgesamt fünf Qualifikationsstufen zu geordnet. Diese Regelung ist Ende 2007 in Kraft getreten. Die deutsche Handwerksausbildung (Geselle) ist der zweiten Qualifikationsstufe zugeordnet.

3. Stellungnahme der Wirtschaftsverbände

In einer gemeinsamen Stellungnahme aller wesentlichen Wirtschaftsverbände vom 30.August, die im Kuratorium der deutschen Wirtschaft für Berufsbildung (KWB) zusammen geschlossen sind, begrüßen sie Initiativen, die geeignet sind, die Stärken des dualen Systems auch international herauszustellen und „die längst überfällige höhere Bewertung der beruflichen Erstausbildung zu unterstützen. Im zweiten Schritt betonen die Wirtschaftsverbände, allerdings sehr klar, dass aus ihrer Sicht „erhebliche Bedenken“ bestehen, „dass die bislang vorgeschlagene Ausgestaltung und Durchführung der Untersuchungen die Vorteile der dualen Ausbildung überhaupt erfassen kann.“ Im dritten Schritt wird die Ablehnung der derzeitigen Konzeption deutlich formuliert: „Die Wirtschaft befürchtet vielmehr, dass das vorgeschlagene Instrumentarium der Kompetenzmessung nicht geeignet ist, berufliche Handlungsfähigkeit abzubilden, weil es eindeutig darauf abzielt, wissensbezogene Kompetenzdimensionen in den Vordergrund zu rücken.

028_EU_1_2008_NetzwerkDie Verbände folgern daraus: „Ein solcher Untersuchungsansatz benachteiligt das duale Ausbildungssystem von vornherein.“ Aus der Sicht der Wirtschaftsverbände würde die bisher geplante Testmethode „Auszubildende vollzeitschulischer Berufsbildungssysteme systematisch bevorteilt werden. Sie haben regelmäßige Erfahrungen mit solchen Leistungsfeststellungsverfahren, während die Absolventen der dualen Ausbildung ihre Kompetenzen stärker über praktische, handlungsorientierte Prüfungen nachweisen.“ Statt einer von den Befürwortern der bisher geplanten Konzeption eines europäischen „Berufsbildungs- – PISA“ dargestellten Aufwertung und Höherstufung des deutschen dualen Berufsbildungssystem befürchten die Wirtschaftsverbände eine weitere niedrigere Einstufung des dualen Systems: „Daher muss mit einem schlechteren Abschneiden dual ausgebildeter Jugendlicher und mit einer Abwertung des dualen Systems gerechnet werden.“

4. Verschärfung der Kritik

Die Bedenken der Tarifparteien (Wirtschaft und Gewerkschaften) wurden weder beim BIBB -Kongress im September 2007 in Düsseldorf, vom Bundesbildungsministerium noch von den Wissenschaftlern nicht ganz ernst genommen. Der Hauptausschuss des Bundesinstituts für Berufsbildung, dem „Parlament“ beruflichen Bildung, dem Vertreter der Arbeitgeber, der Gewerkschaften, der Länder und des Bundes gemeinsam die Themen der Berufsausbildung diskutieren, beschloss am 11.Dezember 2007 auf seiner Sitzung in Nürnberg zwar die grundsätzliche Unterstützung eines Europäischen Berufsbildungs-PISA, lehnte aber die bisherige Konzeption der Professoren Baethge /Achtenhagen ab:

„2. Die über duale Berufsbildungsstrukturen vermittelte umfassende berufliche Handlungsfähigkeit (Fachkräftekompetenz) genießt international ein hohes Ansehen. Länder mit entsprechenden Ausbildungssystemen sind jedoch innerhalb der Europäischen Union in der Minderheit. Viele europäische Bildungssysteme haben kein ausdifferenziertes System beruflicher Qualifizierung als Teil des Bildungssystems. In einigen Ländern findet jegliche Berufsbildung im schulischen Kontext statt. Daraus kann jedoch nicht gefolgert werden, umfassende berufliche Handlungsfähigkeit als Vergleichsmaßstab beruflicher Ausbildungsqualität zugunsten schulisch-akademischer Wissensbestandteile zurückzustellen. Ein ernsthafter Vergleich schulischer und beruflich-betrieblicher Bildungssysteme unter diesem Gesichtspunkt muss vielmehr auch Phasen der betrieblichen Einarbeitung sowie, vor- und nachgelagerte Wege zur Herstellung beruflicher Handlungsfähigkeit in anderen europäischen Ländern mit schulisch geprägten Ausbildungsstrukturen einbeziehen.

3. Eine solche Zielsetzung erfordert jedoch eine Berufsbildungs – PISA – Initiative mit einer anderen inhaltlichen Gewichtung und methodischen Ausrichtung, als es in den bisher vom BMBF präsentierten konzeptionellen Vorarbeiten zu erkennen ist. Die hier gewählte Hilfskonstruktion zur Messung beruflicher Kompetenzen legt noch zu sehr den Schwerpunkt auf schulisch bzw. lehrgangsmäßig erworbenes Wissen. Umfassende berufliche Handlungsfähigkeit kann mit den vorgelegten Instrumenten bislang noch nicht erfasst werden.

021_EU_1_2008_Netzwerk4. Im Gegensatz zur allgemeinen Bildung kann in der beruflichen Bildung nicht auf die Erfahrungen zurückgegriffen werden, die bei der Entwicklung von Testverfahren für die allgemeine Bildung vorliegen. Bisher liegen keine Instrumente vor, die geeignet erscheinen, die Stärken und Schwächen verschiedener Organisationsformen beruflicher Bildung umfassend sichtbar zu machen.
5. Ein Großteil der für Deutschland typischen dualen Ausbildung findet im Betrieb im Rahmen von modernen Arbeits- und Geschäftsprozessen statt. Verfahren, die geeignet wären, die Ergebnisse dieser Lernprozesse zu bewerten, sind bisher unterentwickelt.(Das war auch das Ergebnis eines mit Hilfe des BMBF von DIPF und ITB im Sommer 2006 in Bremen durchgeführten Workshops, an dem sich alle einschlägigen deutschen Forscher zum Thema „Messung beruflicher Kompetenz“ getroffen haben.) Die vorhandenen Instrumente legen ihren Schwerpunkt auf das in der Schule erworbene Wissen.“ (Beschluss des Hauptausschusses vom 11.12.2007 in Nürnberg)

4. Ausblick

Kriterien für ein „Berufsbildungs-PISA“
Aus der Sicht des Kuratoriums der Wirtschaft für Berufsbildung sind für ein erfolgreiches „Berufsbildungs-PISA, das dem deutschen System der beruflichen Bildung angemessen Rechnung trägt einige Kriterien zu erfüllen:

„Die angewandten Kompetenzfeststellungsinstrumente müssen berufliche Handlungsfähigkeit angemessen berücksichtigen und erfassen.

Die für die Fallstudie geeigneten Berufe müssen so ausgewählt werden, dass sie durchaus typisch für das duale System sind und gleichzeitig in den anderen beteiligten Nationen mit vergleichbaren Zugangsqualifikationen breit vertreten sind.

Eine frühzeitige Einbeziehung der betroffenen Branchen bereits bei der Auswahl der Berufe muss sichergestellt werden, um die Akzeptanz der Erhebung zu erreichen.

Neben der Kompetenzfeststellung am Ende der Ausbildung und nach einer ersten Phase der Berufstätigkeit sollte auch zu Beginn der Ausbildung eine Erhebung gemacht werden, um international die Vergleichbarkeit der Ausgangsbedingungen festzuhalten“
Die Wirtschaft erwartet eine bereite Diskussion mit den in der beruflichen Bildung Beteiligten. Die offene Fragen müssen vorher geklärt werden, ohne die Wirtschaft kann das „Berufsbildung – PISA“ schwerlich durchgeführt werden: „Nur bei „positiver“ Klärung wird die Wirtschaft sich an einer internationalen Studie zur Kompetenzfeststellung berufliche Qualifizierter beteiligen.“
Der Hauptausschuss des BIBB hat bei seinem Beschluss vom 11.12.2007 in Nürnberg weitere Kriterien formuliert:

„6. Eine wichtige Aufgabe für Forschung und Entwicklung ist es, – im weiteren Verfahren -wissenschaftlich abgesicherte Instrumente und Methoden der beruflichen Kompetenzmessung zu entwickeln, mit deren Hilfe es möglich ist, theoretisches Wissen und praktisches Können – so wie es modernen Arbeits- und Geschäftsprozessen zugrunde liegen kann – nach gängigen diagnostischen Kriterien zu erfassen. Diese Aufgabe schließt die Untersuchung von Arbeits- und Geschäftsprozessen und die Auswahl geeigneter repräsentativer Aufgaben ein.

7. Nur mit Hilfe solcher Instrumente können verschiedene Formen beruflicher Bildung und Qualifizierung zwischen Schule und Betrieb in Deutschland und im internationalen Vergleich angemessen eingeschätzt werden. Dieses Instrumentarium sollte in der Lage sein, berufliches Wissen und Können zu messen, das für AbsolventenInnen einer Berufsausbildung erforderlich ist, um bei der Wahrnehmung beruflicher Aufgaben zu bestehen.

50th Anniversary of the Signature of the Treaties of Rome - Berl8. Parallel zur Entwicklung geeigneter Instrumente zur Feststellung umfassender beruflicher Handlungskompetenzen muss das vorliegende Forschungsdesign einer PISA- Berufsbildungsstudie um die Untersuchung der in den beteiligten europäischen Ländern vorherrschenden bzw. zum Tragen kommenden Lernkonzepte und Lernorganisationen erweitert werden. Entsprechende Fragestellungen sind z.B.: Wie ist die Vermittlung theoretischen und berufspraktischen Wissens und Könnens organisiert? In rein schulischer Form, in schulischer Form mit ergänzenden Betriebspraxisphasen, in schulischen Kollegs unter Einbeziehung von Praxisphasen, im Wechsel von betrieblichem Praxislernen und theoretischem Unterricht usw. ?Auf jeden Fall sind unterschiedliche Kombinationsformen und auch Lernsequenzen theoretischer und praktischer Kenntnisvermittlung in die Untersuchung einzubeziehen. Ohne Abgleich der Lernergebnisse (outcome) beruflicher Bildungsprozesse mit den zugrunde liegenden Lernkonzepten können die Ergebnisse nicht angemessen interpretiert werden und damit keine Rückschlüsse auf mehr oder weniger geeignete bzw. effektivere national unterschiedliche Wege zur Vermittlung beruflicher Handlungsfähigkeit gezogen werden.

9. Für die Pilot-Vergleichsstudie Berufsbildungs-PISA sollte, im Rahmen eines breit aufgestellten Forschungskonsortiums – unter Berücksichtigung der bisher geleisteten Vorarbeiten – ein Forschungskonzept entwickelt und umgesetzt werden, das einen aussagefähigen Vergleich unterschiedlicher Wege zur Herstellung umfassender beruflicher Handlungsfähigkeit ermöglicht. Dabei sollte der Schwerpunkt auf die Kompetenzmessung im realen Arbeitsprozess gelegt werden. Die im Hauptausschuss vertretenen Gruppen erwarten regelmäßige Informationen und Konsultationen im Projektverlauf. Darüber hinaus ist in diesem Zusammenhang ein breiter Dialog in der Berufsbildung sicherzustellen.“

Die Passagen werden in dem Beitrag so ausführlich zitiert, da es im Herbst zu einer heftigen Auseinandersetzung genau über ein zu gestaltendes Berufsbildungs-PISA zwischen dem Autor und Professor Martin Baethge gekommen ist, die in wap der IG Metall dokumentiert ist.

Begleitend zum Beschluss des Hauptausschusses des BIBB schrieben Vertreter des DHKT (Wansleben), des ZDH (Schleyer) des DGB (Sehrbrock) und IG Metall (Görner) einen gemeinsamen Brief an Bundesbildungsministerin Schavan, in dem die Vertreter der Wirtschaft und der Gewerkschaften ihre Position verdeutlichten:
„Seit unserer Vereinbarung im Juli beobachten wir allerdings, dass die Bundesregierung bestrebt ist, Fakten zu schaffen. Die von allen Mitgliedern des Innovationskreises unterstützte Prüfung des Vorhabens wird vom Bundesbildungsministerium so ausgelegt, dass es nur noch um das „wie, nicht mehr um das „ob“ geht.“
Und weiter: „Dies betrifft insbesondere die im Innovationskreis Berufliche Bildung (IKBB) angesprochenen Methoden zur Kompetenzmessung. Die dafür vorgesehenen computergestützten Simulationen sind in der beruflichen Bildung ein Novum, so dass jegliche Erfahrungswerte zu Aussagekraft und Vergleichbarkeit fehlen. Unser Eindruck ist, dass berechtigte Fragen und kritische Anmerkungen aus Testtheorie und Prüfungspraxis bisher ignoriert werden. Vor Beginn der Vergleichsstudie Berufsbildungs-PISA sollte daher ein Verfahren der Kompetenzmessung entwickelt und umgesetzt werden, das einen ernsthaften Vergleich unterschiedlicher Wege zur Herstellung umfassender beruflicher Handlungsfähigkeit ermöglicht.“

Wirtschaft und Gewerkschaften sehen sonst große Schwierigkeiten sinnvolle Vergleiche europäischer Berufsbildungspolitik in der Praxis zu verwirklichen, sie fordern daher:

„Die Beteiligung der unterschiedlichen Gruppen sowie ein breit geführter Berufsbildungsdialog sind dabei sicherzustellen. Ansonsten wird es schwer werden, bei Ausbildungsbetrieben und Auszubildenden das notwendige Vertrauen in ein solches Instrumentarium zu schaffen.“

Erschwerend kommt hinzu dass der Beschluss des BIBB erst über einen Monat später, am 17. Januar 2008 veröffentlicht wurde. Die Dokumentation der europäischen Berufsbildungskonferenz vom 28/29.1.2.008 von DIHK, ZDH, BIBB wurde dagegen schon am 31.1.2008 ins Internet gestellt – es geht also wenn man will.
Beim heutigen technischen Standard des Datenaustausches müssen auch bei komplizierten politischen Prozessen binnen mehrerer Tage Abstimmungsprozesse möglich sein.

5. Weiteres Vorgehen

Die Entwicklung des Designs zum „Berufsbildungs-PISA“ sollte daher eng mit den deutschen Sozialparteien abgestimmt sein. Eine indirekte Schwächung des deutschen, dualen Berufsbildungssystems über den Umweg europäisches „Berufsbildungs-PISA“ gilt es unbedingt zu verhindern.

50. Jahrestages der Unterzeichnung der ãRšmischen VertrŠgeÒEs gilt auch zu beachten, dass viele Studenten der technischen Fächer über eine duale Berufsausbildung den Weg ins Studium gefunden haben. Es wird eine wichtige Aufgabe von Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) sein, im europäischen Kontext die deutschen Interessen zu vertreten. Vor dem Hintergrund der Bestrebungen in Deutschland die Berufsausbildung und damit die Qualität der Beschäftigten durch die Einführung von verkürzten Ausbildungsinhalten oder die Zerstückelung von Berufen (eine besondere Form der Modularisierung) zu verändern.

In der Berufsbildungsforschung wird die Beauftragung der Professoren Baethge und Achtenhagen zum Teil kritisch betrachtet, da sie zentrale Bestandteile des deutschen dualen Berufsbildungssystem, wie z.B. die Verantwortung der Arbeitgeber und Gewerkschaften bei der Berufsausbildung, als nicht mehr zeitgemäß ansehen. Auch die bei diesen Wissenschaftlern festzustellende Tendenz zur Ausweitung hin auf ein schulisches Ausbildungssystems wird von Bildungsforschern aus dem wissenschaftlichen Beraterkreis von IG Metall und Verdi kritisiert.

Gerade in der Diskussion auf europäischer Ebene gibt es vom Handwerk die klare Erwartung, dass die Stärken des deutschen dualen Berufsbildungssystems auf europäischer Ebene selbstbewusst vertreten werden. Kleine und mittlere Betriebe sind nach wie vor auf eine fundierte Berufsausbildung im dualen Ausbildungssystem existentiell angewiesen.

Ein „Berufsbildungs – PISA“ auf europäischer Ebene, das in seinem Test-Design mit einer klaren Dominanz auf schulisch orientierter Fähigkeiten abzielt, könnte für das deutsche duale Ausbildungssystem von Anfang an eine unfaire Ausgangsposition bedeuten.

Die deutlich kritische Bewertung der deutschen Wirtschaftsverbände, des Hauptausschusses und der gemeinsame Brief von Wirtschaft/Gewerkschaften an Ministerin Schavan sollte daher auch nachdenkliche Berufsbildungsforscher und Politiker aufrütteln. Jetzt kann noch Einfluss auf die europäische Berufsbildungspolitik genommen werden. Hier sind auch Arbeitsminister Scholz und Wirtschaftsminister Glos gefordert, da dies unmittelbar die Interessen der Wirtschaft und ihrer Mitarbeiter berührt und eine Abwertung der dualen Ausbildung Auswirkungen auf Ausbildungsplätze, Ausbildungsinhalte, Lohnhöhe und Eingruppierung mit sich zieht.
Es scheint nach wie vor so zu sein, dass das Interesse an einem offenen, breiten, öffentlichen Dialog mit den Tarifparteien und den Berufsbildungspraktikern unterentwickelt ist. Dies zu vermitteln wäre zuerst die Aufgabe der Spitze des Bundesinstituts für Berufsbildung. Der Beschluss des Hauptausschusses und der Brief von Wirtschaft/Gewerkschaften an Frau Ministerin Schavan spricht eine deutliche Sprache. Die Ministerin ist gefordert, die bisherige deutsche Konzeption einer europäischen Berufspolitik kritisch zu befragen und daraus mit der Wirtschaft und den Gewerkschaften Konsequenzen zu ziehen.

Literatur:

Martin Baethge, Frank Achtenhagen, et al.: Berufsbildungs-PISA, Stuttgart 2006, Franz Steiner Verlag, ISBN 10-3-515-08947-0, 147 Seiten und Anhang

http://www.bibb.de/de/31435.htm (Pressemitteilung zum Beschluss des Hauptausschuss vom 11.12.07 mit Anhang)

http://www.BiBB.de (für viele Themen zur Berufsbildung)

Professor Felix Rauner, Bremen u.a.:http://bildungsklick.de/a/22028/bildungsexperte-warnt-deutsche-berufsbildung-nicht-der-eu-vereinheitlichung-opfern/ (Professor Rauner hat mehrere Beiträge zu diesem Thema geschrieben)