Ein einzigartiger Exportartikel wird vernachlässigt Fliehkräfte deformieren und zerreißen die berufliche Bildung

Von: Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach (Sozialethiker)

Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach

Sozialethiker

Pof. Dr. Friedhelm Hengsbach SJ (* 15. Juli 1937 in Dortmund) ist ein deutscher Jesuit und zählt zu den bekanntesten Sozialethikern in Deutschland. Nach dem Abitur trat er 1957 als Zwanzigjähriger in den Jesuitenorden ein und studierte 1959 bis 1962 Philosophie in München, später Theologie und Wirtschaftswissenschaften in Frankfurt am Main bzw. Bochum. Er promovierte zur Frage der Assoziierung afrikanischer Staaten an die Europäischen Gemeinschaften und habilitierte 1982 über Arbeitsethik. 1967 wurde er zum Priester ...
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Peer Steinbrück hat in einer Rede vor der IHK in Frankfurt am Main auf die immer stärker werdenden gesellschaftlichen Fliehkräfte hingewiesen, die nicht zu unterschätzen und die einzudämmen seien.

Wir sehen Fliehkräfte im Denken und Empfinden der Deutschen, dass die Dinge des Alltags und der Zusammenhänge des Lebens immer mehr zerfließen und auseinander brechen. Von solchen Fliehkräften sehen wird die berufliche Bildung deformiert und zerrissen.

Dagegen setzen wir eine Vision, nämlich die berufliche Bildung in Deutschland. Sie ist die Nahtstelle, wo Leib und Seele sich berühren, die materielle und geistige Sphäre, wirtschaft­liche Effizienz und humane Lebensqualität, die Lernorte der Schule und des Betriebs, die Neugierde junger Menschen und das Erfahrungswissen der Älteren, formelle und informelle Lernverfahren, wo Staat, private Unternehmen und zivilgesellschaftliche zusammenspielen.
Alle Vorbehalte gegen das rein technisch-organisatorische Wissen von Managern und Ingenieuren, den so genannten Fachidioten, oder umgekehrte gegen die humanistischen Bildungsideale so genannter bürgerlicher Eliten, die immer noch von dem bewährten dreigliedrigen deutschen Bildungssystem träumen, werden in dem magischen Vieleck der beruflichen Bildung integriert.

Berufliche Bildung – keine Ware wie jede andere

005_Netzwerk_FotosDie marktradikalen Dogmatiker beharren seit Jahrzehnten auf der Frage: Warum sollen Bildungsgüter nicht denselben Marktgesetzen unterliegen wie Obst und Gemüse, Autos und Kühlschränke, Briefpost und Wertpapiere? Warum sollen vernünftig kalkulierende Menschen nicht ihre materiellen und geistigen Bedürfnisse, den Nutzen und die Kosten ihrer Bedürfnis­befriedigung souverän gewichten und die aufgewendete Zeit, die sie im Schwimmbad oder im Violinkonzert, in der Kneipe oder in der Bibliothek verbringen, gegeneinander abwägen können? Warum sollen mündige Kunden, die darum wissen, dass Bildungsinvestitionen mit unsicheren Erwartungen verknüpft sind, das Bildungsrisiko nicht genauso absichern, wie sie sich gegen die schädlichen Folgen eines Autounfalls oder eines Feuers in der Wohnung schützen?

Aber berufliche Bildung ist keine Ware wie jede andere.

Und das aus vier Gründen.

(1) Sie ist etwas ganz persönliches, ein Medium persönlicher Freiheit, Ausdruck und Voraussetzung der Freiheit. Und diese hat etwas mit Würde zu tun, die keinen Preis hat.

Stahlkonstruktion: Der Hauptbahnhof in Berlin(2) Weniger pathetisch, als Immanuel Kant es formuliert hat: Berufliche Bildung ist von der Person als ihrem Träger nicht ablösbar. Sie vermittelt Selbstbewusstsein, Selbstbestimmung und Selbstachtung. Sie trägt zur unverwechselbaren, einzigartigen Identität eines Menschen bei.

(3) Sie ist nicht gleich der Summe der Informationen, die einander folgen, der zerstückelten Arbeitsinhalte und zersplitterten Funktionen der Arbeitsorganisation, sondern die Distanz von ihnen. Aber auch die Integration von Fachwissen, Orientierungswissen, kommunikativen, politischen und moralischen Kompetenzen, die bei aller Diskontinuität zu einer biografischen Kontinuität verbunden werden.

(4) Berufliche Bildung lässt sich nicht restlos von fremden Interessen infizieren. Sie ist immer auch Selbstzweck, kein bloßer Spielball betrieblicher Organisation oder unternehmerischer Kapitalverwertung.

Berufliche Bildung – unter dem Gebot der Gerechtigkeit und Gleichheit

Brüchige Berufewelt?(1) Berufliche Bildung hat den Charakter eines öffentlichen Gutes, das nicht ausschließlich privat bereitgestellt, nicht ausschließlich privat angeeignet werden kann. Berufliche Bildung von der kollektiven Nutzung auszuschließen, verlangt in der Regel besondere Anstrengungen.

(2) Berufliche Bildung kommt nicht zustande ohne Kooperation derer, die sie anbieten, und derer, die sich in Anspruch nehmen. Auch die Lehrer lernen, und auch die Schüler selbst erzeugen Weiterbildung. Weil es um die Arbeit am Menschen geht, kann die Qualität des Bildungsergebnisses und -prozesses nicht gemäß den Maßstäben der Produktivität beurteilt werden, die sich in der Industriearbeit bewährt haben.

(3) Berufliche Bildung ist ein Vertrauensgut. Seine Vermittlung erstreckt sich über einen längeren Zeitraum. Die Anbieter haben einen Informations- und Kompetenzvorsprung. Die Bildungsbereiten gewähren dem Partner einen Vertrauensvorschuss, der nicht enttäuscht werden sollte. Deshalb legen bereits ökonomische Gründe es nahe, Bildungsgüter öffentlich bereit zu stellen bzw. zu organisieren.

(4) Berufliche Bildung ist in einer demokratischen Gesellschaft ein Grundrecht. Ein Grundbestand an Bildungsgütern soll unabhängig von der Kaufkraft, vom Geschlecht, vom Elternhaus oder von der Staatsangehörigkeit jedem Mitglied der Gesellschaft verfügbar sein. In diesem Sinn ist die Formel von Bundeskanzlerin Angela Merkel umzukehren: Freiheit durch mehr Gerechtigkeit, nämlich den gleichen Zugang zur beruflichen Bildung für alle.