Arbeit 4.0 und die Digitalisierung: Lohnt sich berufliche Bildung auch für scheinbar schwächere Jugendliche?

Von: Bernd Zimmer (Geschäftsführer Stiftung St. Zeno und Berufsbildungswerk Kirchseeon/Oberbayern )

Bernd Zimmer

Geschäftsführer Stiftung St. Zeno und Berufsbildungswerk Kirchseeon/Oberbayern

Bernd Zimmer ist Geschäftsführer Stiftung St. Zeno und des Berufsbildungswerk Kirchseeon in Oberbayern. Der gebürtige Kölner hat seinen Abschluss als Dipl. Sozialpäd. (FH) an der Katholische Stiftungsfachhochschule München gemacht. Später folgte berufsbgeleitend der Abschluss zum Personalfachkaufmann (IHK) und zum Dipl. Sozialbetriebswirt (FH) an der Fachhochschule Nordwestschweiz und M.A. Management of Social Corporations an Fachhochschule Landshut . Seit 2009 ist Zimmer die Gesamtleiter des BBW Kirchseeon und seit 2011 die Geschäftsführer Stiftung St. Zeno Kirchseeon. Er ...
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„Der deutsche Weg der dualen Ausbildung ist auch für Personen ohne Hauptschulabschluss hervorragend geeignet, die Herausforderungen von Arbeiten 4.0 erfolgreich zu bestehen.“

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erade ist das Weißbuch Arbeiten 4.0 als Antwort auf das Grünbuch veröffentlicht worden und es zeigt auf, dass wir in Zeiten von großen Umbrüchen leben. Einer der größten Antreiber für Veränderung ist wohl die immer weiter um sich greifende Digitalisierung all unserer Lebensbereiche. Wer blickt da noch durch was möglich ist und was notwendig ist?

Vertrauen wir einfach auf die Spezialisten und lassen diese in einem gesellschaftlichen Diskurs den besten Weg finden? Sind doch die Zusammenhänge kaum noch durchschaubar und in ihren Auswirkungen regional, national, global nicht mehr zu erfassen, geschweige zu verstehen. Kann ein junger Mensch, der für sich den heute richtigen Ausbildungsberuf gefunden hat, in eine sichere Zukunft blicken? Welches Bildungsniveau und welche Weiterbildungsbereitschaft ist heute auf dem Arbeitsmarkt erforderlich? Wo bleiben die Personen, die mit den schulischen Anforderungen von Haupt- und Mittelschulen nicht zurechtkommen? Nach Angaben des Weißbuches konnte die Zahl der Personen ohne Hauptschulabschluss von 8 % auf 6 % gesenkt werden. Ein Erfolg, aber wie entwickelt sich ein Lebenslauf, wenn man ohne Hauptschulabschluss in die Arbeitswelt entlassen wird?

Es gibt Chancen

Für Deutschland als Ganzes ist die Arbeitslosenquote für junge Menschen (15 bis 24 Jahre) im internationalen Vergleich so gering wie in kaum einem anderen Land der EU (Griechenland 46,5%, EuroZone 20,7%, Deutschland 6,9%; laut Statista 2016, https://de.statista.com/statistik/daten/studie/74795/umfrage/jugendarbeitslosigkeit-in-europa/; Abruf am 30.12.2016), also gibt es wohl Chancen. Ja die gibt es, insbesondere in Gegenden mit Vollbeschäftigung, wie zum Beispiel im Großraum München/Augsburg/Ingolstadt. Hier sind die Betriebe auf der Suche nach Auszubildenden und es gibt die Möglichkeit auch für junge Menschen ohne Hauptschulabschluss einen Ausbildungsberuf zu erhalten.

Dabei darf jedoch nicht verschwiegen werden, dass die Nachfrage nach bestimmten Ausbildungsberufen nicht mit dem Angebot übereinstimmt und es daher notwendig ist, Berufswahlentscheidungen mit gutem Rat zu begleiten. In welche Richtung soll aber die Beratung gehen? Dafür bedarf es doch Wissen über die heutige Arbeitswelt und zugleich auch über mögliche Trends in der Zukunft. Stimmt es, dass aufgrund der Digitalisierung viele einfache Tätigkeiten in der Produktion wegfallen werden?

IMG_6953Heute werden Bäcker gesucht, ebenso Fachlageristen, werden diese Tätigkeiten künftig sogenannte intelligente Maschinen in der Arbeitswelt 4.0 übernehmen und welche Tätigkeiten bleiben dann noch zu tun? Soll man dann besser gleich im Hotel- und Gaststättenbereich beginnen, denn Dienstleistung lebt doch von der direkten Kommunikation. Die Weiterentwicklung der Hotelsoftware und der Einsatz von online Portalen ist aber auch heute schon ein nicht zu übersehender Trend. Werden dann in der Zukunft nur noch billig bezahlte, sprich ungelernte Arbeitskräfte eingesetzt, die von softwareoptimierten Betriebsablaufplänen gesteuert und einigen Leitungskräften im Backoffice überwacht werden.

Nach Karl Valentin, einem bayerischen Komiker, Schriftsteller und Schauspieler, könnte man jetzt sagen: „Des is wia bei jeda Wissenschaft, am Schluss stellt sich dann heraus, dass alles ganz anders war“. Insofern bleibt es schwierig Prognosen über die Zukunft zu stellen, aber sicherlich ist davon auszugehen, dass sich der Wandel hin zu einer immer weiter fortschreitenden digitalisierten Arbeitswelt fortsetzten wird. Da führt wohl kein Weg dran vorbei und natürlich wird es bei dieser Entwicklung Gewinner und Verlierer geben. Gut gebildete Menschen werden sich auf die sich ändernden Anforderungen einstellen können, aber wie steht es um die Zukunft der Gruppe von Personen ohne Hauptschulabschluss?

Entscheidungen sind nicht für alle Zeiten

Positiv kann man hier konstatieren, dass nach wie vor die Aussage zutreffen wird: Personen ohne Berufsabschluss tragen ein höheres Arbeitslosenrisiko als Absolventen einer Berufsausbildung (die Beschäftigungsquote bei Personen ohne Abschluss liegt bei 80 % im Gegensatz zu 95 % der Personen mit Abschluss; nach GOVET Präsentation März 2016; https://www.bibb.de/dokumente/ppt/GOVET_Praesentation_Maerz_2016_DE.pptx; Abruf am 30.12.16).

Klar ist aber auch, dass eine einmal eingeschlagene Berufswahlentscheidung nicht mehr dauerhaft trägt. Wir benötigen somit wohl nicht nur die fachliche Kompetenz zum Bestehen einer Ausbildung, sondern auch das persönliche Zutrauen, sich auf die immer schneller ändernden Anforderungen am eigenen Arbeitsplatz einstellen zu können. Das ist wohl ein entscheidender „Regler“, um die Veränderungen in der Arbeitswelt als Chance annehmen zu können. Dabei genügt es nicht auf den viel beschworenen Spruch zu setzen: „jeder ist seines Glückes Schmied“, denn es gibt unterschiedliche Lebensläufe und das unterschiedliche Bildungsniveau in Deutschland ist bestimmt nicht nur eine Folge von Disziplin, Fleiß oder Genen.

Aber eine berufliche Ausbildung bietet, insbesondere für junge Menschen ohne Hauptschulabschluss, die Möglichkeit zu einem Neuanfang mit vielleicht erstmalig entstehendem Selbstvertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit. Dabei können Betriebe, Berufsschulen und/oder gegebenenfalls Außerbetriebliche Bildungsstätten wie ein Berufsbildungswerk Lebensläufe entscheidend positiv verändern. Förderung von Handlungskompetenz oder Schlüsselkompetenzen sind in der beruflichen Bildung schon seit vielen Jahren im Blick der Bildungsbegleiter.

In der Praxis ist aber der Kostenfaktor Ausbildung zu berücksichtigen und es stellt sich immer wieder die Frage, wieviel kostet mich eine Arbeitskraft. Lohnt es sich in Auszubildende zu investieren, die später doch aufgrund der Arbeiten 4.0 nicht eingesetzt werden können? Aktuell geht der Appell an die Wirtschaft dafür zu sorgen, dass es genügend Fachkräfte in der Zukunft geben wird und die Betriebe bewegen sich auch tatsächlich und schließen Lehrverträge mit Personengruppen ab, die vor einigen Jahren nicht zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen worden wären. Diese Entwicklung ist uneingeschränkt zu begrüßen, aber gleichwohl bleiben noch eine große Zahl von Personen, die gerne eine Ausbildung beginnen wollten auf der Wartebank sitzen. In der Zusammenfassung der DGB-Kurzanalyse der BA-Statistik für das Ausbildungsjahr 2016 wird von „mehr als 1,2 Millionen Menschen im Alter von 20 bis 29 Jahren ohne Berufsabschluss“ gesprochen.

Mehr Unterstützung notwendig

Diese Personen benötigen mehr Unterstützung als dies Betriebe und reguläre Berufsschulen ermöglichen können, aber es lohnt sich den jungen Menschen Perspektiven zu geben und Tatkraft, das eigene Leben mit bezahlter Arbeit anzugehen und dabei die gesellschaftlichen Anforderungen der zukünftigen Arbeitswelt zu bestehen. Die Agentur für Arbeit ist mit sehr erfolgreichen Förderungen tätig, aber lassen wir uns den Weg nicht dadurch verstellen, dass wir glauben, künftig benötigen wir die Arbeitskraft von Menschen mit Behinderungen nicht (mehr). Über das Erkennen der eigenen Leistungsfähigkeit, in der Regel über beherrschbare praktische Arbeit und deren Tücken im Alltag, kann Motivation und Selbstbewusstsein entstehen. Das bedarf aber einem höheren Betreuungs- und Zeitaufwand, der sich jedoch über Beiträge in den Sozialkassen von eben diesen vorher geförderten Personen wieder refinanziert.

Zentral bei dieser Aufgabe ist es, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, seine Kompetenzen zu erfassen, sie im Arbeitsprozess einzubinden und nach Möglichkeit über Lob zu verstärken. Dabei kann es notwendig sein, Lernschritte ganz kleingliedrig vorzubereiten und diese dann später immer mehr den Anforderungen des Arbeitsmarktes anzupassen, bis schließlich auch die betriebliche Eingliederung erfolgen kann. Parallel ist dabei das Interesse an der theoretischen Erfassung der einzelnen Arbeitsschritte zu wecken und Hilfestellungen zu geben, die vorher positiv erlebte praktische Arbeit auch theoretisch zu verstehen.

Gerade die duale Ausbildung bietet hier hervorragende Möglichkeiten ein tieferes Verständnis der eigenen Arbeit zu entwickeln. Wer eine grundlegende Berufsausbildung in Theorie und Praxis erfolgreich durchlaufen hat, ist auch gewappnet sich auf die weiteren Veränderungen einzustellen und sich immer weiter in sein Aufgabengebiet einzuarbeiten. Erfolg in der Ausbildung bestärkt und gibt den Blick frei in eine berufliche Zukunft, die vom Einzelnen auch bewältigbar ist.

So bin ich der Überzeugung, dass der deutsche Weg der dualen Ausbildung auch für Personen ohne Hauptschulabschluss hervorragend geeignet ist, die Herausforderungen von Arbeiten 4.0 erfolgreich zu bestehen. Ein wichtiger Leitspruch lautet, „keiner darf verloren gehen“ und die duale berufliche Ausbildung ist wohl eine Bedingung für die erfolgreiche Bewältigung zukünftiger Anforderungen. 90 % bestehen die Prüfung im BBW Kirchseeon und davon gehen 60 % bereits im ersten Jahr in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung von mindestens 6 Monaten.

Also bestärken wir das Selbstvertrauen und Zuversicht der jungen Menschen und geben ihnen die Ausbildungsbedingungen die sie brauchen, um die heutigen Anforderungen an einen Ausbildungsabschluss erfolgreich zu schaffen! Nur dann können Sie auch dem Wandel in der Zukunft standhalten.