Wir stellen vor: Das Leitbild erweiterte Beruflichkeit

Von: Dr. Bernd Kaßebaum (Gewerkschaftssekretär), Thomas Ressel (Ressortleiter bei der IG Metall)

Dr. Bernd Kaßebaum

Gewerkschaftssekretär

War bis Ende 2016 Gewerkschaftssekretär beim IG Metall Vorstand im Ressort Bildungs- und Qualifizierungspolitik. Seine Arbeitsfelder umfassten Themenstellungen aus Schule und Arbeitswelt; Hochschulpolitik und Bildungsforschung. Aktuell arbeitet er zur Fragen der Beruflichkeit im Studium und zu Aspekten der Bildungsreform, Mitarbeit im Wissenschaftlichen Beraterkreis von ver.di und IG Metall.


Thomas Ressel

Ressortleiter bei der IG Metall

Thomas Ressel leitet das Ressort Bildungs- und Qualifizierungspolitik beim Vorstand der IG Metall in Frankfurt am Main. Der Diplom-Volkswirt und gelernte Industriekaufmann studierte auf dem zweiten Bildungsweg von 1987 bis 1990 an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg Volkswirtschaft. Seit 1990 arbeitet er als Gewerkschaftssekretär beim IG Metall Vorstand, zunächst zehn Jahre in der Abteilung Jugend, anschließend ein Jahr in der Abteilung Mitglieder und seit 2001 im Ressort Bildungs- und Qualifizierungspolitik, seit 2013 ...
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Der folgende Beitrag soll auf das Leitbild neugierig machen. Es werden wesentliche Begründungszusammenhänge dargestellt. Der Text ersetzt nicht die Lektüre des Leitbildes.

1. Warum stellt die IG Metall ein neues Leitbild für ihre Berufsbildungspolitik vor?

Unbestritten nehmen die Gewerkschaften neben den Arbeitgebern und der öffentlichen Hand einen wesentlichen Part in der Berufsbildungspolitik ein. Sie gestalten in den Gremien der Berufsbildungspolitik Berufe. In den Betrieben ist Ausbildungspolitik für Betriebsräte und JugendvertreterInnen ein zentrales Handlungsfeld. In den Prüfungsausschüssen sind viele ehrenamtliche KollegInnen aktiv.

Aber Beruflichkeit als Prinzip der Gestaltung von Qualifikationsprozessen und Beschäftigungsverhältnissen ist nicht in Stein gemeißelt. Beruflichkeit muss verteidigt und weiter entwickelt werden.

In den letzten Jahren sind arbeits- und bildungspolitische Prozesse in Gang gekommen, auf die das Leitbild antworten oder mögliche Antworten zur Diskussion stellen will:

a. Die „Akademisierung der Arbeitswelt“

Der Anteil von AkademikerInnen in der Belegschaft wächst. Die gewerkschaftliche Ingenieurarbeit in Vergangenheit und Gegenwart sowie die recht erfolgreiche Studierendenarbeit der IG Metall mit mittlerweile ca. 30.000 studentischen Mitgliedern sind ein Ausdruck davon, dass sich die IG Metall auf diese Prozesse einstellt. Zu den berechtigten Interessen der studentischen Mitglieder gehört, dass ihre Interessen an einem guten und berufsqualifizierenden Studium von der IG Metall wahrgenommen werden. Die IG Metall muss analog zum dualen System zum Anwalt studentischer Ausbildungs- und Bildungsinteressen werden.

IMG_3205Zugleich ist zu prüfen, ob die Akademisierungsthese in ihrer verabsolutierten Form in sich stimmig ist. Es ist z.B. zu fragen, ob, wo und in welchem Ausmaß veränderte qualifikatorische Anforderungen zu einem zusätzlichen Bedarf an HochschulabsolventInnen führen, oder ob nicht auch duale Aus- und Fortbildungsberufe geeignet sind, die neuen Anforderungen abzubilden. Die Digitalisierung der Arbeitswelt muss nicht zwangsläufig zu ihrer Akademisierung führen.

In der Bildungspolitik wirft diese Thematik Fragen der Zuordnung von Abschlüssen, der Gleichwertigkeit von Qualifikationen und der Durchlässigkeit zwischen beruflichem System und Hochschule auf. In den Betrieben muss man sich mit dem Verhältnis von Akademikern und Nicht-Akademikern in der Ausbildung, bei der Stellenbesetzung und bei der Vergütung auseinandersetzen. Im Vordergrund steht die Durchsetzung von mehr Gleichwertigkeit. Ein gemeinsames Konzept von Beruflichkeit kann hierbei eine entscheidende Hilfe sein.

b. Die Prekarisierung und Deregulierung der Arbeit

Quer durch alle Qualifikationsebenen wächst das Risiko deregulierter und prekarisierter Arbeit. Der Beschäftigungszuwachs der letzten Jahre ist vor allem im Bereich der atypischen Arbeit erfolgt. Geringfügige Beschäftigung, Werksvertragsarbeit, das sog. Crowd-Working im Bereich des Engineering, Outsourcing – all das sind Tendenzen, die betriebliche Beschäftigungspolitik und den Arbeitsmarkt bestimmen.

Zu diesen Tendenzen gehört, dass viele junge Menschen trotz öffentlich debattiertem Fachkräftebedarf nach wie vor ohne Ausbildung sind und nach ihrer qualifizierten Ausbildung kleinteilige und standardisierte Arbeiten in tayloristisch geprägten Arbeitsverhältnissen absolvieren müssen.

Das Konzept der Beruflichkeit hat gegen diese arbeitspolitischen Interessen ein Widerstandspotenzial. Beruflichkeit ist Teil eines Regulationskonzeptes. Zugleich muss Beruflichkeit unter Bildungsaspekten Menschen befähigen, in diesen Verhältnissen Interessen zu erkennen, wahrzunehmen und selbstbestimmte Bildungs- und Erwerbsbiografien zu entwickeln.

c. Die Gefährdung des Berufskonzepts durch europäische Bildungspolitik

Starke Interessen in Wirtschaft und Politik drängen darauf, dass Qualifizierung marktkonform an kurzfristigen ökonomischen Interessen ausgerichtet wird. Qualifizierung wird auf „Anpassqualifizierung“ reduziert.

Die Debatten um die Verkürzung von Lernzeiten, um kleinteilige und modulare Bildungsprozesse, über die sog. „Verschulung“ im Hochschulbereich haben in diesen Prozessen ihren Kern. Unterstützt wird diese Debatte durch eine maßgeblich aus den europäischen Institutionen kommende Bildungspolitik, die sich weitgehend an angelsächsisch ausgeprägten Bildungstypen orientiert. Die Akademisierungsdebatte geht in einem gewissen Teil auf diese Interessen zurück.

Die Stärkung von Beruflichkeit steht im Widerspruch zu diesen Prozessen. Das Leitbild der „erweiterten modernen Beruflichkeit“ stellt Prinzipien zur Diskussion, die ihre Wirkung auch in der Personalpolitik transnationaler Unternehmen entfalten können. Die Qualitätsdimensionen verstehen sich als Alternative zur angelsächsisch geprägten Qualifizierungskonzeption der europäischen Institutionen.

2. Für wen hat die IG Metall das Leitbild geschrieben?

Mit dem Leitbild einer erweiterten modernen Beruflichkeit hat die IG Metall Initiative ergriffen und Anforderungen an eine zeitgemäße berufliche Bildung formuliert. Das Leitbild bietet eine Orientierung bei der Gestaltung von Bildungsgängen bzw. Berufen sowie von Lernprozessen an.


 

Quer durch alle Qualifikationsebenen wächst das

Risiko deregulierter und prekarisierter Arbeit.


Angesprochen und eingeladen zum Diskurs über erweiterte moderne Beruflichkeit und damit die curriculare Gestaltung von beruflichen Bildungsgängen sind Ausbildungsverantwortliche in Betrieben, HochschullehrerInnen und natürlich Studierende, Auszubildende und dual Studierende. Gemeinsam wollen wir die hochschulische und betrieblich-duale Ausbildung gestalten. Anliegen des Leitbildes ist, beiden „Systemen“ gleiche Qualitätsdimensionen für Beruflichkeit und auf diesem Weg Hinweise für die Gestaltung beruflicher Lernprozesse anzubieten. In diesem Sinne versteht sich das Leitbild als Bildungskonzept.

Das Leitbild ist gleichzeitig Grundlage für die Politikgestaltung. Es gibt neue Impulse für die Gestaltung gleichwertiger und durchlässiger Übergänge zwischen Betrieb und Hochschule. Es gibt Hinweise für neue Lernwege und für die Gestaltung betrieblicher Lernprozesse. Das Leitbild stellt sich dem wechselseitigen Verhältnis von beruflicher Qualifizierung und Arbeitsgestaltung und gleichwertigen Fach- und Führungskarrieren. Damit gibt es der Berufsbildungspolitik der IG Metall eine Orientierung und ist Richtschnur für die Weiterentwicklung von Arbeit und Bildung.

Es soll zugleich Diskussionsprozesse mit betrieblichen BildungsexpertInnen und Interessenvertretern, mit WissenschaftlerInnen und HochschulvertreterInnen sowie mit BildungsexpertInnen des dualen Systems und auf der europäischen Ebene anstoßen.

Unser Wunsch ist, dass diese Diskussion selbst schon einen Beitrag zur Weiterentwicklung von Beruflichkeit leisten wird.

IMG_32113. Worauf baut das Leitbild auf? Was ist neu?

Mit ihrem Leitbild erweiterte moderne Beruflichkeit schlägt die IG Metall vor, das Verständnis von Beruflichkeit auch in Studium und Lehre zu berücksichtigen. Beruflichkeit in dem im Leitbild entwickelten Verständnis ist ein wesentlicher Baustein für eine übergreifende und an einheitlichen Maßstäben und Prinzipien ausgerichtete Berufsbildungspolitik.

a. Von der traditionellen zur modernen Beruflichkeit

Insbesondere im Handwerk lassen sich noch Berufe finden, die einmal gelernt im weiteren Arbeitsleben zur Anwendung kommen. Der erlernte Beruf harmonisiert mit dem ausgeübten Beruf. Dieses Berufsverständnis stimmt mit der Wirklichkeit in vielen Bereichen nicht mehr überein. Daher war es ein großer Schritt, das Berufsverständnis weiter zu entwickeln. Daran hatten die Gewerkschaften und insbesondere auch die IG Metall einen großen Anteil. Im Konzept der modernen Beruflichkeit geht es darum, Spezialisierungen zu vermeiden. Der „Kernberuf“ setzt auf eine breite fachliche Qualifikation. Moderne Beruflichkeit will das selbstständige Handeln fördern und eine umfassende berufliche Handlungskompetenz vermitteln. Die Arbeits- und Geschäftsprozessorientierung rückt in den Mittelpunkt der Organisation und Konzipierung beruflichen Lernens.

b. Die Erweiterung auf den Hochschulbereich

Berufliche Qualifizierung und Berufsbefähigung sind in den Landeshochschulgesetzen kein Gegensatz zur Wissenschaftlichkeit des Studiums. Sie bilden einen Maßstab der Gestaltung von Studium und Lehre. In den Kriterien des Akkreditierungsrates ist die Befähigung, eine qualifizierte Beschäftigung aufzunehmen, eines von vier genannten, wesentlichen Qualifikationszielen für die Akkreditierung von Studiengängen. Die Kultusminister definieren den Bachelorabschluss als ersten berufsbefähigenden Studienabschluss.

Das Leitbild knüpft mit seinen Vorschlägen an eine langjährige Debatte um die sog. Praxisorientierung von Studiengängen an. Ebenso wird das Verhältnis von Theorie und Praxis im Studium nicht erst seit heute geführt. In den hochschulpolitischen Entschließungen, auch im Hochschulpolitischen Programm des DGB, ist die Formulierung von Studium als „wissenschaftliche Berufsausbildung“ enthalten. Das Leitbild lenkt im Hochschulbereich den Blick auf zwei Themenfelder: auf die Frage, wie berufliches Lernen im Studium verankert werden kann und wie berufliche und fachliche Standards bei der Konzipierung neuer Studiengänge berücksichtigt werden können. Beide Themenfelder sind Gegenstände der Bildungspolitik der IG Metall.

c. Voneinander lernen

Das Leitbild zielt auf eine gemeinsame Reformperspektive für die Hochschulen und für die betrieblich-duale Ausbildung. Es fußt auf dem Gedanken, dass die Entwicklung einer umfassenden beruflichen Handlungskompetenz sowohl in der dualen Ausbildung wie auch im Studium möglich und sinnvoll ist. Zugleich möchte es die „Besonderheiten“ von dualer Ausbildung im Betrieb und des Studiums respektieren.

Diese Gedanken bilden im Selbstverständnis des Leitbildes keinen Widerspruch, wenn die Hochschulen in Anerkennung, dass ein Großteil ihrer AbsolventInnen in Wirtschaft und Verwaltung tätig wird, Studierende auf diese berufliche Praxis vorbereiten. Hierbei können sie an den Lernkonzepten und Erfahrungen der beruflichen Bildung ansetzen. Duale Ausbildung wiederum wird insbesondere in der Frage, wie Theorie und Praxis besser verbunden sein können, von hochschulischen Konzeptionen, z.B. des forschenden Lernens, profitieren.

Neue Lernwege, seien es neue „hybride“ Studiengänge, neue Formate in der wissenschaftlichen Weiterbildung oder die Integration von StudienabbrecherInnen in duale Aus- und Fortbildung, beruhen auf dem Prinzip der gegenseitigen Anerkennung zuvor erworbener Kompetenzen.

4. Was bedeutet „erweiterte moderne Beruflichkeit“ für Bildung?

Das Leitbild unterscheidet „erweiterte moderne Beruflichkeit“ als Bildungs- und als Politikkonzept. Diese Trennung verkennt nicht, dass Bildung im Verständnis der Gewerkschaften immer auch politisch ist und dass politische Prozesse immer auch einen Bildungscharakter haben. Die Unterscheidung schien aber insofern sinnvoll, weil im Zentrum des Leitbildes fünfzehn Qualitätsdimensionen von Beruflichkeit stehen. Diese betten sich in gewerkschaftliches Handeln ein, bedürfen jedoch auch zu ihrer Realisierung definierte und abgestimmte Schritte, nämlich einer „Berufsbildungspolitik aus einem Guss“.

a. Erweiterte moderne Beruflichkeit als Bildungskonzept

Die im Leitbild zur Diskussion gestellten Qualitätsdimensionen beschreiben Inhalte, Ziele und Methoden beruflichen Lernens. Diese sind im Verständnis der IG Metall grundlegend für das Erlernen und das Ausüben eines Berufs.

Die Qualitätsdimensionen beziehen sich auf die Fachlichkeit beruflichen Lernens, die z.B. durch eine breite fachliche Qualifikation, durch die Vermittlung von Wissen und Handlungsfähigkeiten sowie durch das Ermöglichen praktischer Erfahrungen im Prozess beruflichen Lernens hergestellt werden kann. Methodisch werden die Arbeits- und Geschäftsprozessorientierung, der Bezug auf berufstypische Aufgaben sowie das entdeckende und forschende Lernen hervorgehoben.

Berufliches Lernen ist Bildung. Es trägt zur Persönlichkeitsentwicklung bei. Als „ganzheitlicher“ Bildungsprozess werden berufliche und gesellschaftliche Erfahrungen reflektiert. Subjektive Wünsche, Bedürfnisse und Interessen fließen in berufliches Lernen ein. Soziale Interessen werden erkannt und Arbeitnehmerechte gelernt. Berufliches Handeln wird in Bezug auf Gesellschaft und Umwelt reflektiert. Biografische Kompetenzen werden über die Reflektion von Lern- und Berufswegen gestärkt. Dazu gehören der verantwortliche Umgang mit eigener Gesundheit und die Pflege sozialer und familiärer Bindungen. Es bildet sich eine berufliche Identität heraus.

Das Leitbild der „erweiterten modernen Beruflichkeit“ zielt auf ein ausbalanciertes und den jeweiligen Besonderheit von dual-betrieblicher und hochschulischer Berufsbildung gerecht werdenden Verhältnisses von Erfahrungs- und Wissenschaftsorientierung. Berufliche Handlungskompetenz benötigt beides: ein bloß kognitiver wie ein rein affirmativer Zugang reichen nicht aus. Berufliche Praxis benötigt wissenschaftlich fundierte Erklärung, Analyse und Reflektion. Beruflichkeit zielt auf ein Wechselverhältnis von praktischem Handeln und theoriegeleitetem Wissen. Dafür sind verschiedene Lernorte sinnvoll. Berufliches Lernen benötigt den Lernort Betrieb.

IMG_3147b. Erweiterte moderne Beruflichkeit als Maßstab für Studienreform

Das Leitbild knüpft an vorhandene Ansätze der Studienreform an. Dazu gehören z.B. Vorschläge zur Verbesserung der sozialen und beruflichen Durchlässigkeit durch die Vereinfachung der Anerkennung beruflich erworbener Kompetenzen oder eine an diesen Erfahrungen anknüpfende Konzeption des Grundstudiums. Insbesondere für die Ingenieurstudiengänge hat die IG Metall wiederholt eine Orientierung an im Ausland erfolgreich praktizierten und durch Anwendungsbezug und Projektstudium charakterisierten Studienprogrammen gefordert. Es gibt eine lange Debatte über die Qualität des Praxisbezugs des Studiums. Zugespitzt wird das Verhältnis von Theorie und Praxis an der nach wie vor oft mangelhaften Kooperation der Lernorte im Rahmen des dualen Studiums diskutiert.

Daran lässt sich anknüpfen. Über die Lernfabrik gibt es Ansätze des beruflichen Lernens in der Laborsituation der Hochschule, hier speziell an der Ruhr-Universität Bochum. Die IG Metall orientiert AusbilderInnen, Betriebsräte und Jugendvertreter gestaltend auf den betrieblichen Teil dualer Studiengänge und darüber hinaus auch auf die Kooperation von Betrieb und Hochschule einzuwirken. Die aktuelle Tarifforderung zielt auf die Durchsetzung einer Bildungsteilzeit. Die IG Metall ist an Forschungs- und Entwicklungsprojekten des BMBF und der Hans-Böckler-Stiftung beteiligt, die sich mit unterschiedlichen Fragen um das Verhältnis von betrieblich-dualer und hochschulischer Bildung auseinandersetzen. Geplant ist ein Workshop von IG Metall und der Gemeinsamen Arbeitsstelle von IG Metall und Ruhr-Universität, der das Thema „Berufliches Lernen im Studium“ mit Hochschulrektorenkonferenz, Fakultäten- und Fachbereichstagen und den einschlägigen Ingenieurfakultäten diskutieren wird.

Gemeint ist aber auch eine zweite Ebene, die sich z.B. an der Zahl von derzeit insgesamt ca. 16.000 Bachelor- und Masterstudiengängen oder allein 3.300 Bachelor- und Masterstudiengängen im Bereich der Ingenieurwissenschaften veranschaulichen lässt. Diese für Studieninteressenten, Betriebe und Gesellschaft kaum noch zu überblickende Vielfalt geht auf einen breiten gesellschaftlichen Konsens in der Hochschulpolitik zurück, Hochschulen stärker zu differenzieren und zueinander in Wettbewerb zu bringen. Diese Differenzierung geht zu Lasten gemeinsamer Inhalte und oft auch zu Lasten der Qualität des Studiums. Durch die Berücksichtigung von beruflichen und fachlichen Standards bei der Konzipierung und Akkreditierung von Studiengängen muss diesem Prozess der zunehmenden Unübersichtlichkeit entgegen gesteuert werden.


 

Die beiden Systeme werden zueinander offener.


c. Beruflichkeit als Baustein für eine abgestimmte Berufsbildungspolitik

Der „Königsweg“, so es ihn gäbe, liegt nach Auffassung der IG Metall weder in dem ungebremsten Ausbau der Hochschulen noch in ihrer Rückführung auf einen gesellschaftlichen Zustand vor der „Bildungsexpansion“. Das betrieblich-duale System aus Aus- und Fortbildung hat Potenziale, die – wie uns Fachkräfteprojektionen des BIBB und des IAB zeigen – auch von den Betrieben abgefragt werden. Der Fachkräftebedarf liegt in den nächsten Jahren neben den Sozial- und Gesundheitsberufen und ausgewählten technischen Studiengängen insbesondere bei den Aus- und Fortbildungsabschlüssen. Dennoch wird auch der Anteil von AkademikerInnen in der Arbeitswelt zunehmen. Die beiden Systeme werden zueinander offener. Auf jeden Fall ist daran politisch zu arbeiten. Die soziale Durchlässigkeit ist zu erhöhen, die Zugänge müssen erleichtert und neue Lernwege zwischen den Systemen müssen geschaffen werden. Nicht die soziale Herkunft, sondern allein die Fähigkeiten, Neigungen und Interessen sollen künftig über die Bildungswege entscheiden. Daher scheint eine „Berufsbildungspolitik aus einem Guss“ dringender denn je. Das Leitbild der „erweiterten modernen Beruflichkeit“ liefert einen Baustein dazu.

5. Was bedeutet „erweiterte moderne Beruflichkeit“ für Arbeit?

Erweiterte moderne Beruflichkeit definiert Qualitätsmaßstäbe für die Gestaltung beruflicher Bildungsprozesse und formuliert damit gleichzeitig Ansprüche an (gute) Arbeit. Die auf Grundlage dieser Qualitätsmaßstäbe zu beschreibenden curricularen Standards in Ausbildungsordnungen und Studiengängen folgen einerseits einem emanzipatorischen Bildungsverständnis und andererseits Anforderungen aus Arbeits- und Geschäftsprozessen. Letztere werden durch fachliche Anforderungen sowie Arbeitsorganisation beeinflusst.

Die Arbeitsorganisation kann allerdings unterschiedlich gestaltet werden. Tayloristische Arbeitsorganisationsmodelle stellen geringere Qualifikationsanforderungen, sind gesundheitlich belastend und werden schlechter entlohnt. Die meist mit solchen Konzepten verbundene Aufteilung in geistige und körperliche Arbeit beraubt den Menschen ein berufliches Gesamtverständnis der Prozesse und ihres Sinnes. Dem steht unser Anspruch an guter Arbeit entgegen. Gute Arbeit ermöglicht es Beschäftigten mitzugestalten, Arbeitsprozesse ganzheitlich zu verstehen, sie ist nicht gesundheitlich belastend und wird anständig bezahlt.

Eine gute Ausbildung, auf Grundlage der Qualitätsmaßstäbe der erweiterten modernen Beruflichkeit, schafft die Voraussetzung und ist Bedingung für gute Arbeit. So Ausgebildete, ob betrieblich-dual oder hochschulisch, sind in der Lage gute Arbeit zu leisten und haben Ansprüche an ihre Arbeit. Sie sind in der Lage die zukünftigen Anforderungen der Arbeitswelt zu bewältigen und mitzugestalten. Erweiterte moderne Beruflichkeit versteht sich damit als Gegenkonzept zur prekären Arbeit und als Zukunftskonzept zur Sicherung der Innovationsfähigkeit der Wirtschaft.

IMG_3068Die Innovationskraft der deutschen Wirtschaft basiert wesentlich auf gut ausgebildeten Akademikern und Fachkräften. Wesentlich ist dabei der Praxis- und Erfahrungsbezug der Ausbildung. Das gilt nicht nur für betrieblich-dual Ausgebildete sondern galt bisher auch für viele Ingenieure, die oftmals zuvor eine betriebliche Ausbildung absolvierten. Die Verzahnung von Praxiserfahrung und Wissenschaft gilt es zu stärken.

Das Leitbild erweiterte moderne Beruflichkeit gibt so beispielsweise Orientierung:

a. für die Gestaltung der Herausforderungen durch neue Technologien und Produktionskonzepte. Der arbeitende Mensch steht dabei im Mittelpunkt, seine Gesundheit und die Möglichkeit gestaltend auf Arbeit und Arbeitsprozesse Einfluss zu nehmen. Verbunden damit ist der Anspruch, bei betrieblicher Reorganisation und Einführung neuer Produktionskonzepte mitzubestimmen und zu gestalten

b. für eine Berufsbildung aus einem Guss, mit dem Ziel gleichberechtigter Bildungswege. Auch zukünftig sollen Belegschaften aus betrieblich-dual und hochschulisch Ausgebildeter bestehen. Für Absolventen beider Bildungswege müssen dabei gleichberechtigt betriebliche Fach- und Führungskarrieren möglich sein. Meister, Techniker, Fach- und Betriebswirte müssen wie Bachelor- Masterabsolventen innerbetriebliche Karrierewege eröffnet werden. Davon hängt die Attraktivität beider Bildungswege ab. Führt die betrieblich-duale Ausbildung zukünftig eher in eine Sackgasse, wird diese für Viele unattraktiv. Werden Bachelorabsolventen zukünftig mit Tätigkeiten betraut, die zuvor von betrieblich-dual Ausgebildeten geleistet wurden, so wird dieser unterwertige Arbeitseinsatz vermutlich auch nicht ohne Folgen bleiben.

c. für die Weiterentwicklung tariflicher und gesetzlicher Standards zur Freistellung und Finanzierung von beruflicher Weiterbildung, die sich an Beruflichkeit orientiert.

6. Wie sehen die weiteren Schritte aus?

Das Leitbild der „erweiterten modernen Beruflichkeit“ ist mit dem Bildungsausschuss der IG Metall abgestimmt. Es wurde von einer Projektgruppe, an der beratend auch namhafte Wissenschaftler teilnahmen, entwickelt und in verschiedenen Workshops mit BildungsexpertInnen aus Betrieben, Institutionen und Gewerkschaften diskutiert.

Gleichwohl versteht sich das vorgelegte Konzept als „Diskussionspapier“. Damit ist zum Ausdruck gebracht, dass auch im Selbstverständnis der Verfasser und politisch Verantwortlichen noch weitere Klärungen notwendig sind. Hervorzuheben sind das Verhältnis von Erfahrungs- und Wissenschaftsorientierung in der jeweiligen Ausprägung in Studium und Ausbildung oder das Verhältnis von Beruflichkeit und Digitalisierung in seiner besonderen Gestalt als „Industrie 4.0“. Als Diskussionspapier ist das Leitbild auch deswegen bezeichnet, weil es damit eine besondere Qualität des Veränderungsprozesses verlangt, der von Zustimmung und Kritik, von offenen Fragen und ergänzenden Antworten geprägt sein wird.

In Abstimmung mit dem Bildungsausschuss der IG Metall sind einige Vorhaben gestartet worden, die größere und kleinere Aspekte der Umsetzung des Leitbildes zum Gegenstand haben. Der wissenschaftliche Beraterkreis von ver.di und IG Metall hat sich in seinen jüngsten BerufsBildungsPerspektiven ebenfalls dieses Themas angenommen. So wie er bestimmte Annahmen und Schlussfolgerungen stützt, stellt er auch eine Reihe von offenen und weitergehenden Fragen. Auch der DGB hat diese Debatte aufgenommen. Es wird in den nächsten Monaten darauf ankommen, Projektbezug, Diskurse und Forschungsarbeit sinnvoll zu verbinden, d.h. konkrete Vorhaben in Betrieben und Hochschulen zu initiieren, notwendige und weiterführende Debatten zu organisieren und Forschungsbedarfe einer „erweiterten modernen Beruflichkeit“ zu definieren und umzusetzen.

Hinweis:

Das Leitbild als Download gibt es hier: Leitbild

oder ist als Broschüre zu beziehen über: berufsbildung@igmetall.de