Eine Stunde Bewegung für jeden Schüler und jede Schülerin

Für eine Revolution des Schulsports

Von: Dr. Bernd Kaßebaum (Kritischer Begleiter der Gewerkschaften)

Dr. Bernd Kaßebaum

Kritischer Begleiter der Gewerkschaften

Bernd Kaßebaum war bis Ende 2016 Gewerkschaftssekretär beim IG Metall Vorstand im Ressort Bildungs- und Qualifizierungspolitik. Seine Arbeitsfelder umfassten Themenstellungen aus Schule und Arbeitswelt; Hochschulpolitik und Bildungsforschung. Aktuell arbeitet er zur Fragen der Beruflichkeit im Studium und zu Aspekten der Bildungsreform, er leitet den wissenschaftlichen Beraterkreis von ver.di und IG Metall. Außerdem engagiert er sich federführend in der Redaktion von Denk-doch-mal.de.


PROFIFUßBALL Sport, so formulierte es Ewald Lienen vom FC St. Pauli bei Denken-am-See 2018  „kann auch unglaublich viel Positives bewegen“. Sport sei unermesslich wichtig im Rahmen von Gesundheits- und Persönlichkeitsentwicklung, Sport müsse Bestandteil einer fortschrittlichen Bildungspolitik sein.

Neymar-Wechsel 222 Millionen Euro: spaltet oder eint der Profifußball die Gesellschaft? So lautete die an Ewald Lienen gerichtete Frage im Rahmen des auch in 2018 statt gefundenen „Denkens am See“ in der Akademie für Politische Bildung in Tutzing.

Ewald Lienen muss man eigentlich nicht vorstellen. Er kann auf eine lange Karriere als herausragender Fußballer und auf eine knapp 25 Jahre andauernde Trainerkarriere zurückblicken. Zuletzt war er von 2014 bis 2017 Trainer beim FC St. Pauli. Seitdem ist er dort Technischer Direktor. Er verantwortet die Sichtung, Begleitung und Coaching der Nachwuchstrainer. Zudem kümmert er sich um die internationalen Kooperationen, ist sog. Wertebotschafter des Vereins und sorgt sich um die Sponsorenpflege. Vor allem ist Ewald Lienen ein wichtiges Aushängeschild eines in vielerlei Hinsicht selten gewordenen Fußballclubs, der von sozialer Verantwortung nicht nur spricht, sondern diese über eine Vielzahl bemerkenswerter Projekte auch praktiziert.

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Ewald Lienen: Profi-Fußballer, Trainer und heute Sportdirektor beim FC St. Pauli bei der Tagung in Tutzing.

Ewald Lienen war nicht nur ein herausragender Fußballer und Trainer. Er hat immer wieder auch zu gesellschaftlichen und politischen Themen Stellung bezogen. Beispielhaft war Ewald Lienen 1987 einer der Mitbegründer der Vereinigung der Vertragsfußballspieler. Er kritisierte öffentlich die Berufsverbote, stand der Friedensbewegung sehr nah und kandierte 1985 gemeinsam mit der bekannten Theologin Uta Ranke-Heinemann für die Friedensliste, um die Themen der Friedensbewegung in den Landtagswahlkampf von Nordrhein-Westfalen zu bringen.

Sport hat eine Funktion für Gesundheit, Bildung und Demokratie

Auch heute nimmt er in vielen Veranstaltungen kein Blatt vor den Mund. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die enge Verbindung zwischen Gesellschaft und Sport. So wie der Sport vieles spiegelt, was die Gesellschaft bestimmt, so sieht er auch die Möglichkeiten des Sports in umgekehrter Richtung, nämlich in seiner Funktion für Gesundheit, Bildung und Demokratie.

Die Stuttgarter Nachrichten geben Ewald Lienen’s Ansichten über das Verhältnis von Sport und Gesellschaft so wieder: „Er begreift den Fußball als gesellschaftliche Kraft, die Fundamentales bewirken könne. Er spricht vom Klimawandel, der die Menschheit bedrohe, von Altersarmut, von raffgierigen Vorständen und rücksichtlosen Bänkern – und vom Sport als ideale Schule für die Demokratie.“ (SN vom 20.12.2017).

In seinem Vortrag ging es Ewald Lienen genau um diese Wechselbeziehungen zwischen Sport und Gesellschaft, um die Missstände im Profifußball und in der Sportpolitik, um Spaltungstendenzen in der Gesellschaft und um die Wirkung des Sports selbst.

Seine Ausgangsthese war: „Der Profifußball eint und spaltet die Gesellschaft. Was die Gesellschaft spaltet, sind in erster Linie unsere Bildungspolitik, unsere Arbeitsmarktpolitik, unsere Wohnungspolitik (…), unsere Sportpolitik.“

Sport – so führte Ewald Lienen immer wieder aus – „kann aber auch unglaublich viel Positives bewegen“. Sport sei unermesslich wichtig im Rahmen von Gesundheits- und Persönlichkeitsentwicklung, Sport müsse Bestandteil einer fortschrittlichen Bildungspolitik sein.

Profifußballvereine als Wirtschaftsunternehmen

Einerseits gebe es gerade im Profifußball viele Entwicklungen, die aus Sicht der Fans, vieler Spieler und großer Teile der Gesellschaft problematisch seien. Ewald Lienen ging hierbei u.a. auf sportliche, mehr aber auf die wirtschaftlichen Entwicklungen rund um den Profisport ein, die vielfach zu einer zunehmenden Entfremdung zwischen den zu Wirtschaftsunternehmen gewordenen Fußballclubs und den Fans führten. Letztendlich ließen sich viele Prozesse aber nicht mehr zurückführen.

Deswegen sei umso wichtiger, was in den einzelnen Vereinen passiere und wie man sich hier auch als Mitglied, Fan oder Sponsor einbringe. Am Beispiel des FC St. Pauli führte er aus, wie wichtig dabei sei, wie sich ein Club selbst aufstelle, welche sportlichen und materiellen Ziele er verfolge und wie er versuche, seine sportlichen und sozialen Ziele auszubalancieren. So wies Ewald Lienen beispielhaft auf ein gerade durchgeführtes Gastspiel seines Vereins bei Detroit City hin, einem Verein, der sich zu seiner sozialen Verantwortung in der von vielen Problemen geprägten Stadt bekenne und wie St. Pauli ebenfalls viele soziale Projekte durchführe.

In diesem Zusammenhang sei auch „privates Geld“ durchaus sinnvoll, um diese Projekte zu ermöglichen, wenn die Einnahmen des Vereins nicht ausreichten und öffentliches Geld fehle. Deshalb machten nach Auffassung von Ewald Lienen auch im Profifußball CSR-Projekte Sinn. CSR steht hierbei für Corporate Social Responsibility und lässt sich frei mit „unternehmerischer Sozialverantwortung“ übersetzen.

Ewald Lienen erinnerte daran, dass der FC St. Pauli 2017 für seine sog. Kiezheldenprojekte (https://www.fcstpauli.com/kiezhelden/dauerprojekte/ ) von der „Football is More Foundation“, die selbst ebenfalls  von der Privatwirtschaft unterstützt wird, mit einem Preis bedacht worden ist. 2015 war übrigens schon mit Werder Bremen erstmals ein deutscher Proficlub ausgezeichnet worden.

Besorgt äußerte sich Ewald Lienen über die untergeordnete Rolle des Sports in der Gesellschaft. Ein Herzensanliegen ist ihm die Verbindung von Bildung und Sport. Insbesondere die schulische Bildung hat er dabei im Blick. Gab es „früher einen übergewichtigen Schüler in der Klasse, hat sich heute das Verhältnis nahezu umgedreht.“ Viele Dinge liegen in den Schulen nach seiner Ansicht im Argen. Deutschland habe eines der schlechtesten Schulsysteme in Europa, die Schulen müssen die meisten sozialen und gesellschaftlichen Probleme ausbaden ohne dass sie ausreichend unterstützt würden. Lehrerinnen und Lehrer seien oft überfordert und werden für diese Aufgaben nicht ausreichend ausbildet.

Rolle des Sports in den Schulen

Das könne keine positive Wirkung auf die Motivation der Lehrkräfte haben. Kritisch setzte sich Ewald Lienen mit der Lehrerausbildung, der Unterrichtspraxis vieler Lehrerinnen und Lehrern und der Rolle des Sports an den Schulen auseinander. Der Sport führe an Schulen nur ein Nischendasein und könne seinen realen Möglichkeiten nicht gerecht werden. Es sei nicht nachzuvollziehen, dass Sport auch außerhalb der Leistungskurse benotet und damit weniger leistungsfähige Schülerinnen und Schüler faktisch demotiviert würden.

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DENKEN-am-SEE 2018: Tagungsteilnehmer mit Ewald Lienen in der Politischen Akademie Tutzing.

Grundsätzlich muss über die Bedeutung von Sport auch in der frühkindlichen oder in der beruflichen Bildung nachgedacht werden. Warum sollen Auszubildende im Rahmen ihrer Ausbildung nicht regelmäßig Sport treiben?

Sport hat, davon ist Ewald Lienen überzeugt, eine wichtige Bedeutung für die Entwicklung junger Menschen. Sport fördert die Gesundheit, er unterstützt die kognitive Entwicklung und trägt zur Persönlichkeitsentwicklung bei. Sport vermittelt Werte, die auch für die Gesellschaft wichtig sind. Insbesondere der Mannschaftssport sei unabdingbar für die Demokratieerziehung. Denn Demokratie muss eingeübt werden. „Wo ist dies einfacher möglich als im Sport“, fragte Ewald Lienen.

Schulsport braucht eine Revolution

Deshalb – so die zentrale Forderung Ewald Lienens an die Kultusminister „muss der Schulsport revolutioniert werden.“ Täglich eine Bewegungsstunde für alle Schülerinnen und Schüler an allen Schulen – das könnte ein großer Schritt nach vorne sein.

Eine ähnliche Bedeutung hat für ihn auch der Breitensport. In vielen Vereinen werde eine gute Kinder- und Jugendarbeit gemacht. Selten wird sie ausreichend von der Gesellschaft honoriert. Diese Arbeit werde von der Politik viel zu wenig unterstützt, da diese zu sehr auf die Förderung des Spitzensports fixiert sei. Sport könnte gesellschaftlich mehr erreichen – wenn die Politik es denn wolle und sie die Rahmenbedingungen bereitstellen würde. „Viele begreifen nicht, welche Bedeutung der Sport hat.“ Die Vereine sollten – so seine Forderung – Jugendbildungsreferenten als Unterstützer für ihre Arbeit bekommen.

Ewald Lienen will es nicht dabei belassen, nur die Forderung an die Politik zu richten. Er setzt sich für konkrete Projekte in allen Bereichen ein. Er selbst versucht Krankenkassen in ein Projekt einzubinden, von der er sich eine große Breitenwirkung erhofft. Überdies sind für ihn Missstände im Sport und in der Gesellschaft nur anzupacken, wenn Fans, Eltern und alle anderen sich aktiv in das sportliche Geschehen einmischen würden. Sport – so ließe sich schließen – ist in diesem Sinn auch Gesellschaftspolitik. In Sport sollte sich jeder Mann und jede Frau einmischen.

Dem Vortrag folgte eine engagierte Diskussion, die maßgeblich von dem leidenschaftlich vorgetragenen Input des Referenten lebte.

Die „11 Freunde“ – ein renommiertes Fußballmagazin – kam neulich zu dem Schluss:  „Denn exakt so ist Ewald Lienen. Ein im sympathischen Sinne verschrobener Freigeist, der den Fußball liebt, aber nach seiner davon unabhängigen Agenda lebt und das große Ganze, sprich: die gesellschaftlichen Zusammenhänge, nie aus den Augen verliert“ (11 Freunde, Heft, 7/17).

Auf der Tagung in Tutzing stellte Ewald Lienen diese Haltung eindrucksvoll unter Beweis.