Die Entscheider in der Metall und Elektro Industrie erkennen die Potenziale von jungen Menschen mit Migrationshintergrund nicht

Von: Dr. Mona Granato (Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Bundesinstituts für Berufsbildung, Bonn), Verena Eberhard (Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Bundesinstituts für Berufsbildung, Bonn)

Dr. Mona Granato

Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Bundesinstituts für Berufsbildung, Bonn

Dr. Mona Granato, ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in der Abteilung 2 „Sozialwissenschaftliche Grundlagen der Berufsbildung“. Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Untersuchungen an der Schnittstelle von Bildungsforschung, Migrationsforschung und Frauenforschung mit dem Schwerpunkt berufliche Bildung ausgewählter Zielgruppen, Analysen zur beruflichen Qualifizierung und zu den Übergangsprozessen junger Frauen und (junger) Menschen mit Migrationshintergrund, zum Ausbildungsverlauf junger


Verena Eberhard

Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Bundesinstituts für Berufsbildung, Bonn

Verena Eberhard ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Bundesinstituts für Berufsbildung in Bonn. Ihr zentales Thema ist die Berufsreife von Jugendlichen.


Von Dr. Mona Granato und Verena Eberhard

1. Pluralisierung und Differenzierung in den Lebenslagen junger Menschen

Noch immer werden Jugendliche mit Migrationshintergrund pauschal der Gruppe der „benachteiligten Jugendlichen“ zugerechnet – wie neuere Untersuchungen zeigen, zu Unrecht. Denn seit Jahren ist eine Ausdifferenzierung der Lebenswelten junger Menschen mit Migrationshintergrund zu beobachten – ähnlich wie bei jungen Menschen ohne Migrationshintergrund. Dies bedeutet, dass die Unterschiede in den Lebenslagen, wie in den Migrationserfahrungen, den Bildungsvoraussetzungen, aber auch in den Lebensstilen zwischen Jugendlichen mit Migrationshintergrund sehr viel größer geworden sind. Dennoch wird häufig übersehen, dass sich die Lebenswelten junger Menschen mit Migrationshintergrund genauso stark pluralisiert und differenziert haben wie die von Jugendlichen ohne Migrationshintergrund (z.B. Gille u.a. 2006).

Extr_Ausgabe_09Eines haben junge Menschen mit und ohne Migrationshintergrund bei aller Ausdifferenzierung ihrer Lebenslagen jedoch gemeinsam: Ihre Schwierigkeiten beim Übergang von der Schule in eine Berufsausbildung sind zurückzuführen auf den deutlichen Rückgang an betrieblichen Lehrstellen auf der einen Seite und der gestiegenen Zahl von Schulabsolventen auf der anderen Seite. Die daraus resultierende Angebots-Nachfrage-Diskrepanz hat zu einer Ausweitung des sogenannten „Übergangssystems“ geführt, was wiederum erheblich dazu beigetragen hat, dass sich der Übergang für immer mehr junge Menschen länger und von seinem Ausgang her unsicherer gestaltet (Ulrich u.a. 2007; Beicht u.a. 2007). Dabei hat sich die „erste Schwelle“ zu einer eigenen Lebensphase entwickelt. Diese Zeit des Übergangs bedeutet für junge Menschen einerseits die Befreiung von bisher engen institutionellen Vorgaben sowie eine (theoretisch) wachsende Zahl von Handlungsoptionen, andererseits sind damit aber gleichzeitig auch erheblich höhere gesellschaftliche Handlungsanforderungen verbunden (Schittenhelm 2005). Diese gesellschaftlichen Anforderungen gilt es erfolgreich zu bewältigen, gerade vor dem Hintergrund eines weiterhin schwierigen Ausbildungsstellenmarktes. Denn auch 2007 entspannte sich die Situation auf dem Lehrstellenmarkt nur leicht: „Trotz des beträchtlichen Vertragszuwachses gegenüber 2006 (+49.761 bzw. +8,6% bundesweit) konnten die Ungleichgewichte von Ausbildungsplatzangebot und -nachfrage noch nicht grundlegend beseitigt werden“ (Ulrich u.a. 2007:3). Vielmehr trägt die hohe Zahl von Altbewerbern, die während der letzten Jahre aufgebaut wurde, dazu bei, dass das gestiegene Angebot an Lehrstellen längst nicht ausreicht, um die Nachfrage der Jugendlichen zu decken.

Der vorliegende Beitrag skizziert vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen auf dem Lehrstellenmarkt, die beruflichen Pläne von Schulabsolventen mit Migrationshintergrund. Betrachtet werden zudem ihre Teilhabe in den Elektro- und Metallberufen, ihre Einmündungschancen in eine betriebliche Ausbildung sowie die hierzu zur Zeit diskutierten Erklärungsansätze.

2. Bildungspläne und Suchstrategien

Jugendliche haben Ausbildungsziele für die Zeit nach Beendigung der Schule und können konkrete Qualifizierungspläne benennen, so die Ergebnisse der BIBB – Schulabsolventenbefragung (Friedrich 2006) wie auch anderer Studien (vgl. z.B. Granato 2006). Dabei unterscheiden sich Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund kaum in ihrer Bildungsaspiration: 2006 strebten 57% aller Schulabsolventen eine duale Ausbildung an (Migranten wie Nicht-Migranten: 57%) . Weitere 5% wollten eine berufsfachschulische Ausbildung beginnen (Migranten: 4%, Nicht-Migranten: 7%) und 12 % ein Studium (Migranten: 7%, Nicht-Migranten: 13%) aufnehmen (BMBF 2007:60). An konkreten Ausbildungszielen und -plänen mangelt es also nicht. Die Frage ist nur: Welche Wege nutzen junge Menschen, um sie zu erreichen und wie sieht es mit den Realisierungschancen aus?

Extr_Ausgabe_14Dass junge Menschen mit Migrationshintergrund bei der Suche nach einer Lehrstelle flexibel und engagiert sind, weist beispielsweise die BA-BIBB-Bewerberbefragung 2006 (vgl. Abschnitt 4) nach. Dies zeigt sich insbesondere in ihrem Durchhaltevermögen, ihrem starken Interesse wie an ihren Bewerbungsstrategien. In zentralen Punkten – wie Bewerbungen (92%) und Nutzung des Internets (84%) – liegen sie mit Bewerbern ohne Migrationshintergrund gleichauf (94% bzw. 83%). Zudem nutzen sie weitere Informations- und Kommunikationskanäle: Die Hälfte (51%) erkundigt sich direkt bei Betrieben nach einem Ausbildungsplatz, 31% tun dies bei Kammern und Verbänden – ähnlich oft wie einheimische Bewerber (49% bzw. 35%). Ausdruck ihrer Flexibilität bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz ist beispielsweise auch, dass rund 68% der Befragten mit Migrationshintergrund sich gleichzeitig in mehreren Berufen bewerben – ähnlich wie die Jugendlichen ohne Migrationshintergrund. Dennoch erhalten sie wesentlich seltener als einheimische Bewerber die Chance auf ein Vorstellungsgespräch (59% zu 67%).

3. Auszubildende ausländischer Nationalität in den Elektro- und Metallberufen

In diesem Abschnitt werden Daten der Berufsbildungsstatistik des Statistischen Bundesamtes herangezogen, um Aussagen zu der Ausbildungsbeteiligung von Jugendlichen zu machen. Im Gegensatz zu den Ergebnissen zum Bewerbungsverhalten (Abschnitt 2), kann hier lediglich auf ausländische Jugendliche und nicht auf Jugendliche mit Migrationshintergrund Bezug genommen werden. Denn die Berufsbildungsstatistik erfasst nur die Staatsangehörigkeit und nicht den Migrationshintergrund. Dadurch wird der Anteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, zu denen auch eingebürgerte Jugendliche mit deutschem Pass und junge Aussiedler zählen in der amtlichen Statistik erheblich unterschätzt (Uhly/ Granato 2006).

Extr_Ausgabe_17Die Ausbildungsbeteiligungsquote von Jugendlichen mit ausländischer Staatsangehörigkeit im dualen System, d.h. der Anteil der ausländischen Auszubildenden an allen ausländischen Jugendlichen im Alter von 18 bis unter 21 Jahren, ist deutlich gesunken und lag 2006 lediglich bei 23% gegenüber 34% im Jahr 1994. Die Ausbildungsbeteiligungsquote deutscher Jugendlicher ging in diesem Zeitraum in deutlich geringerem Ausmaß zurück und war mit 57% mehr als doppelt so hoch wie die der ausländischen Jugendlichen.

2006 hatten 65.000 aller Auszubildenden im dualen System in Deutschland einen ausländischen Pass, dies entspricht einem Anteil von 4,2% aller Auszubildenden. Ihr Anteil an der gleichaltrigen Wohnbevölkerung liegt mit 10% hingegen mehr als doppelt so hoch.

In den Dienstleistungsberufen wurden 2006 rund 786.000 junge Menschen dual ausgebildet. Der Anteil ausländischer Auszubildender ist im vergangenen Jahrzehnt von 7,1% auf 5% gesunken. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Ausbildungsplätze in diesem Bereich um 9,5%. Der Rückgang der ausländischen Auszubildenden betrug demgegenüber 22,3% (vgl. Übersicht 1).

In den Gewerblichen Berufen verlief die Entwicklung etwas anders. So lag der Anteil junger Ausländer in den Metallberufen 1995 noch bei 11,6 % und verringerte sich 2006 auf 3,9%. Zwar hat auch bei der Zahl aller Auszubildenden in den Metallberufen in dieser Zeit ein Rückgang um 6% stattgefunden – bei den ausländischen Auszubildenden beträgt der Rückgang jedoch 68,6% (vgl. Übersicht 1).

Übersicht 1: Anteil ausländischer Auszubildenden in den Elektro- und Metallberufen,
sowie Veränderungen von 1995 bis 2006 in %

1995 (bzw. 1999* oder 2004**)

2006

Veränderungen 1995 – 2006

Alle
Azubis

Ausl. Azubis

Anteil ausl. Azubis

Alle
Azubis

Ausl.
Azubis

Anteil ausl.
Azubis

Alle Azubis

Ausl.
Azubis

Dienstleistungs-
berufe

717.600

50.600

7,1

785.900

39.300

5,0

+9,5

-22,3

Gewerbliche
Berufe

822.900

69.000

8,4

758.000

26.000

3,4

-7,9

-62,4

– Metallberufe

325.800

37.900

11,6

305.900

11.820

3,9

-6,1

-68,6

– Elektroberufe

133.900

10.400

7,8

110.800

2690

2,4

-17,3

-74,2

Metallbauer/in

21.100

2.750

13,0

26.300

1060

4,0

+24,8

-61,5

Mechatroniker/in (1999)

4.800*

180*

3,6*

22.400

340

1,4

Anlagenmecha-
niker/in für
Sanitär-,
Heizungs- und Klimatechnik (2004)

17.900**

920**

5,2**

33.600

1680

5,0

Elektroniker/in
im Handwerk
(2004)

15.400**

640**

4,2**

31.600

1.230

3,9

Elektroniker/in
für Betriebs-
technik (2004)

11.400**

230**

2,0**

18.900

260

1,4

Quelle: Datenbank Aus- und Weiterbildungsstatistik des BIBB, auf Basis der Daten der Berufsbildungsstatistik des Statistischen Bundesamtes (Erhebung zum 31.12.)

In den Elektroberufen zeigt sich ein ähnliches Bild: Der Anteil junger Ausländer in Ausbildung ging von 7,8% in 1995 auf 2,4% in 2006 zurück. Bei allen Auszubildenden betrug der Rückgang in dieser Zeit 17,3% – bei Auszubildenden ausländischer Nationalität dagegen 74,2%. Diese Entwicklung wird auch in den Einzelberufen deutlich: So sank der Anteil der Auszubildenden ausländischer Nationalität bei den Mechatroniker/innen – bei stark wachsenden Auszubildendenzahlen in diesem neugeordneten Beruf – zwischen 1999 und 2006 von einem schon geringen Anteil von 3,6% noch weiter auf 1,4%, so dass von 22.300 Auszubildenden nur 336 einen ausländischen Pass haben. Dies gilt auch für andere Elektro- und Metallberufe (vgl. Übersicht 1).

Extr_Ausgabe_23Seit Mitte der 90er Jahre sind die Anteile ausländischer Auszubildender im bereits schrumpfenden Ausbildungsbereich der Elektro- und Metallberufe dramatisch zurückgegangen: Der Rückgang der Ausbildungsquote junger Menschen mit ausländischem Pass ist jedoch stark überproportional.[1] Der dramatische Rückgang der Teilhabe Jugendlicher ausländischer Nationalität in den Elektro- und Metallberufen lässt sich also nicht auf den Rückgang von Ausbildungsplätzen in diesem Berufsfeld im vergangenen Jahrzehnt zurückführen. Dies lässt den Schluss zu, dass junge Menschen mit ausländischem Pass in Zeiten von Lehrstellenknappheit offensichtlich von deutschen Mitbewerbern verdrängt werden (vgl. Uhly/ Granato 2006; Boos-Nünning 2006).

4. Einmündung in eine duale Ausbildung oder?

Von den 182.000 Lehrstellensuchenden mit Migrationshintergrund begannen 2006 nur 52.500 eine betriebliche duale Ausbildung. Dies ist ein zentrales Ergebnis der BA/BIBB-Bewerberbefragung 2006 – einer bundesweiten Befragung, von Lehrstellenbewerbern, die bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) offiziell gemeldet sind (Ulrich/ Krekel 2007).[2] Von den Bewerbern ohne Migrationshintergrund fanden 40% einen betrieblichen Ausbildungsplatz, von denjenigen mit Migrationshintergrund[3] nur 29% (Granato 2007).

Extr_Ausgabe_22Rund 28% der Bewerberinnen und Bewerber mit Migrationshintergrund finden sich, wenn sie keine Ausbildungsstelle bekommen haben, in Bildungsgängen der beruflichen Grundbildung bzw. des Übergangssystems wie Berufsvorbereitungsjahr (BVJ), Berufsgrundbildungsjahr (BGJ) o.ä. wieder, die nicht zu einem Berufsabschluss führen – häufiger als Lehrstellensuchende ohne Migrationshintergrund (23%). Zum Teil sind darunter zwar auch solche Bildungsgänge, die es ihnen ermöglichen, ihre schulischen Voraussetzungen zu verbessern. Die schwierige Situation an der Statuspassage Schule – Ausbildung zeigt sich auch darin, dass 22% der Lehrstellensuchenden mit Migrationshintergrund noch nicht einmal in eine Grundbildung im Übergangssystem einmünden, sondern arbeitslos sind oder jobben – deutlich häufiger als diejenigen ohne Migrationshintergrund (15%).

Die BIBB-Übergangsstudie 2006 belegt zudem, dass sich die Prozesse am Übergang Schule-Ausbildung für Jugendliche mit Migrationshintergrund durchschnittlich länger gestalten als für die Vergleichsgruppe ohne Migrationshintergrund (Beicht u.a. 2007). So sind beispielsweise Bewerber mit Migrationshintergrund bei den sog. ‚Altbewerbern‘ deutlich überrepräsentiert: 55% hatten sich bereits im Jahr oder in den Jahren zuvor auf eine Lehrstelle beworben, 45% sind es bei denjenigen ohne Migrationshintergrund (Granato 2007).

Einmündungschancen in eine betriebliche Ausbildung bei gleichen Bildungsvoraussetzungen

Nach den Ergebnissen der BA/BIBB-Bewerberbefragung 2006 wirken sich gute schulische Voraussetzungen (ein weiterführender Schulabschluss sowie gute Noten im Abschlusszeugnis) bei einheimischen wie eingewanderten Bewerbern förderlich aus – jedoch in sehr unterschiedlichem Maße. Bewerber aus Migrantenfamilien mit Hauptschulabschluss finden mit 23% kaum seltener als einheimische Schulabgänger mit Hauptschulabschluss (24%) einen betrieblichen Ausbildungsplatz. Mit zunehmendem Bildungsabschluss werden die Unterschiede aber größer: Während von den Realschulabsolventen aus Migrantenfamilien nur 32% in einen betrieblichen Ausbildungsplatz einmünden, sind es bei der einheimischen Vergleichsgruppe 43% (Granato 2007). Auch Bewerber mit Abitur und Migrationshintergrund haben mit 44% erheblich geringere Erfolgsaussichten als die Vergleichsgruppe ohne Migrationshintergrund (53%).

Extr_Ausgabe_11Vergleichbares gilt auch für die schulischen Voraussetzungen, gemessen beispielsweise an der Mathematiknote: 35% der Bewerber mit Migrationshintergrund mit einer (sehr) guten Mathematiknote finden einen betrieblichen Ausbildungsplatz, hingegen 47% der Bewerber ohne Migrationshintergrund mit einer (sehr) guten Mathematiknote (Granato 2007). Dabei muss berücksichtigt werden, dass es sich bei allen Befragten der BA-BIBB-Bewerberstudie – bei denjenigen mit wie ohne Migrationshintergrund – ausschließlich um ausbildungsreife Jugendliche handelt. Denn die BA ist angehalten, nur die Personen als Bewerber zu führen, die „reif“ sind. Damit kann hier die häufig kritisierte und bemängelte Ausbildungsreife der Bewerber nicht als Erklärung für das Nicht-Einmünden in eine Lehre benutzt werden (Eberhard 2006).

5. Diskussion der Ergebnisse

Die Ausbildungschancen junger Menschen mit Migrationshintergrund haben sich im vergangenen Jahrzehnt überproportional verschlechtert. Die Chancen von Bewerbern mit und ohne Migrationshintergrund, die vergleichbare Schulabschlüsse bzw. dieselbe Schulnote in Mathematik aufweisen sind – so die Ergebnisse der BA/BIBB-Bewerberbefragung 2006 – sehr unterschiedlich. Auch Forschungsergebnisse anderer Studien weisen in diese Richtung: Den Resultaten der BIBB-Schulabsolventenbefragungen 2004 und 2005 zufolge wirken sich höhere Schulabschlüsse lediglich positiv auf die Einmündungsquote von Schulabsolventen ohne Migrationshintergrund in eine Ausbildung aus (Friedrich 2006). Hauptschulabsolventen mit Migrationshintergrund – so ein zentrales Ergebnis des DJI-Absolventenpanels – gelingt der Übergang in eine Berufsausbildung wesentlich seltener als denjenigen ohne Migrationshintergrund (Reißig u.a. 2006). Fehlende Chancengerechtigkeit für Jugendliche mit Migrationshintergrund beim Zugang zu einer dualen Berufsausbildung lässt sich daher nicht mit unterschiedlichen Schulabschlüssen oder Schulnoten erklären (Granato 2007).

Extr_Ausgabe_19Bei einer Reihe von Studien hat sich außerdem gezeigt, dass Faktoren wie berufliche Orientierungen und berufliche Pläne bzw. Suchstrategien, die Entwicklungen auf dem Lehrstellenmarkt sowie berufsstrukturelle Entwicklungen in den Ausbildungsberufen nicht die geringeren Chancen von junger Migranten erklären können (u.a. Friedrich-Ebert-Stiftung/ BIBB 2006; Granato 2006; Uhly/ Granato 2006). Dies bedeutet: Der Migrationshintergrund korreliert auch unabhängig von diesen Faktoren negativ mit der Einmündungsquote in eine berufliche Ausbildung.

Demgegenüber ist anzunehmen, dass andere Faktoren für die mangelnde Chancengleichheit als ursächlich anzusehen sind, wie beispielsweise Verdrängungsprozesse angesichts einer erheblichen Lehrstellenknappheit (Ulrich u.a. 2006): Angesichts eines Überangebots an geeigneten Bewerbern greifen Personalverantwortliche auch in den Elektro- und Metallberufen allem Anschein nach – entgegen rationaler Entscheidungskriterien – vorzugsweise auf Bewerber ohne Migrationshintergrund zurück (Granato 2006).

Die Chancenungleichheit wird zunehmend mit anderen sozioökonomischen Faktoren wie den o.g. Rahmenbedingungen auf dem Lehrstellenmarkt, der Wohnregion oder dem sozioökonomischen Status der Familie in Zusammenhang gebracht und Ausschließungstendenzen seitens der Anbieter betrieblicher Ausbildungsplätze argumentativ stärker in den Blick genommen (Überblick z.B. Boos-Nünning 2006; Granato 2006). Dabei spielen auch die „Ressourcen“ derjenigen, die einen Ausbildungsplatz suchen zunehmend eine Rolle, seien es individuelle (Bildungs)Ressourcen, seien es familiär oder sozial bedingte Netzwerkressourcen. Die Resultate der BIBB-Übergangsstudie 2006 weisen allerdings darauf hin, dass sich die geringeren Ausbildungschancen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund nicht vollständig „mit der Wohnregion, dem familiären Hintergrund und einem insgesamt unterdurchschnittlichen Bildungsniveau“ erklären lassen (Beicht u.a. 2007:8).

6. Fazit

So lange die berufliche Qualifizierung gerade schulisch gut vorgebildeter junger Menschen mit Migrationshintergrund kein integraler Bestandteil des Berufsbildungssystems ist, solange ist die Integrationsfähigkeit des beruflichen Bildungssystems in Deutschland in Frage gestellt. Verdrängungsprozesse auf dem Ausbildungsstellenmarkt, Rekrutierungsverfahren von Betrieben und Verwaltungen, unzureichende Förderansätze in der Schule tragen zu Ausgrenzungs- und damit zu Desintegrationsprozessen im Hinblick auf die Teilhabe junger Menschen mit Migrationshintergrund an beruflicher Qualifizierung bei – mit schwerwiegenden Folgen für ihre Aussichten auf eine berufliche Integration.

Extr_Ausgabe_16Angesichts des Fachkräftebedarfs wie des zu erwartenden Fachkräftemangels in technischen Berufen ist es bereits heute ein Wettbewerbsvorteil, Nachwuchskräfte bedarfsgerecht auszubilden und einzusetzen, insbesondere junge Menschen mit Migrationshintergrund in technisch orientierten Berufen durch eine Ausbildung und eine qualifizierte Beschäftigung an sich zu binden. Dennoch ist der Anteil von Auszubildenden ohne deutschen Pass in den Elektro- und Metallberufen im letzten Jahrzehnt dramatisch gesunken. Dabei besitzen sie vielfach einen mittleren Abschluss mit guten Schulnoten. Die Verantwortung für eine bedarfsgerechte betriebliche Ausbildung kann daher, angesichts der Erholung auf dem Arbeits- und Ausbildungsstellenmarkt sowie des Potenzials geeigneter Bewerber mit Migrationshintergrund, nicht weiter auf die Bildungspolitik abgeschoben werden. Positive Beispiele des Engagements von Unternehmen im Rahmen der kürzlich ins Leben gerufenen „Charta der Vielfalt“ zeigen, dass es ohne weiteres möglich ist, die Potenziale von Menschen unterschiedlicher Herkunft in einer Unternehmenskultur in Berufsausbildung und Berufsarbeit unternehmerisch zu nutzen. Die Schwierigkeiten sind bislang eher in den „Köpfen“ der Entscheidungsträger als in den Voraussetzungen derjenigen zu finden, die eine berufliche Ausbildung oder einen qualifizierten Arbeitsplatz suchen.

7. Literatur

Baethge, Martin; Solga, Heike; Wieck, Markus 2007: Berufsbildung im Umbruch. Signale eines überfälligen Aufbruchs. Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn, Berlin

Beicht, Ursula; Friedrich, Michael; Ulrich, Joachim Gerd 2007: Deutlich längere Dauer bis zum Ausbildungseinstieg Schulabsolventen auf LehrstellensucheIn: BIBB REPORT, Heft 2 (http://www.bibb.de/dokumente/pdf/a12_bibbreport_2007_02.pdf)

Boos-Nünning, Ursula 2006: Berufliche Bildung von Migrantinnen und Migranten – ein vernachlässigtes Potential für Wirtschaft und Gesellschaft. In: Friedrich-Ebert-Stiftung/ Bundesinstitut für Berufsbildung (Hrsg.): a.a.O.. Bonn.

Bundesministerium für Bildung und Forschung 2007: Berufsbildungsbericht 2007. Bonn.

Eberhard, Verena 2006: Ausbildungsreife – ein Konstrukt im Spannungsfeld unterschiedlicher Interessen (Wissenschaftliche Diskussionspapiere des Bundesinstitut für Berufsbildung, Nr. 83) Bonn.

Friedrich-Ebert-Stiftung/ Bundesinstitut für Berufsbildung (Hrsg.) 2006: Kompetenzen stärken, Qualifikationen verbessern, Potenziale nutzen. Berufliche Bildung von Jugendlichen und Erwachsenen mit Migrationshintergrund. Bonn. (http://www.bibb.de/de/22093.htm)

Friedrich, Michael 2006: Jugendliche in Ausbildung: Wunsch und Wirklichkeit. In: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis. Heft 3

Gille, Martina; Sardei-Biermann, Sabine; Gaiser, Wolfgang; Rijke, Johann de 2006: Jugendliche und junge Erwachsene in Deutschland. Wiesbaden

Granato, Mona 2007: Berufliche Ausbildung und Lehrstellenmarkt: Chancengerechtigkeit für Jugendliche mit Migrationshintergrund verwirklichen. In: WISO direkt, Heft 09-2007. Friedrich-Ebert-Stiftung, Abt. Wirtschafts- und Sozialpolitik.
http://www.bibb.de/dokumente/pdf/a12_chancengerechtigkeit-fuer-jugendliche-mit-migrationshintergrund.pdf

Granato, Mona 2006: Ungleichheiten beim Zugang zu einer beruflichen Ausbildung: Entwicklungen und mangelnde Perspektiven für junge Menschen mit Migrationshintergrund. In: Deutsches Jugendinstitut: Thema 2006/07: Herausforderung Integration. Der Blick von aussen I. (http://www.dji.de/cgi-bin/projekte/output.php?projekt=611&&Jump1=LINKS&Jump2=31)

Reißig, Brigitte; Gaupp, Nora; Hofmann-Lun, Irene; Lex, Tilly 2006: Schule und dann? Schwierige Übergänge von der Schule in die Berufsausbildung. Deutsches Jugendinstitut. Forschungsschwerpunkt Übergänge in Arbeit. München.

Uhly, Alexandra; Granato, Mona 2006: Werden ausländische Jugendliche aus dem dualen System der Berufsausbildung verdrängt?. In: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis. Heft 3.

Ulrich, Joachim Gerd; Flemming, Simone; Granath, Ralf-Olaf; Krekel, Elisabeth 2007: Deutliche Fortschritte in 2007 beim Abbau des Ausbildungsplatzmangels. Bonn. www.bibb.de/de/31319

Ulrich, Joachim Gerd; Krekel, Elisabeth M. 2007: Zur Situation der Altbewerber in Deutschland. Ergebnisse der BA/BIBB-Bewerberbefragung 2006. In: BIBB REPORT, Heft 1. (http://www.bibb.de/dokumente/pdf/a12_bibbreport_2007_01.pdf)

Ulrich, Joachim Gerd; Granato, Mona 2006: „Also, was soll ich noch machen, damit die mich nehmen?“ Jugendliche mit Migrationshintergrund und ihre Ausbildungschancen. In: Friedrich-Ebert-Stiftung/ Bundesinstitut für Berufsbildung (Hrsg.): a.a.O.

Ulrich, Joachim Gerd; Eberhard, Verena; Granato, Mona 2006: Bewerber mit Migrationshintergrund: Bewerbungserfolg und Suchstrategien. In: Eberhard, Verena; Krewerth, Andreas; Ulrich, Joachim Gerd; (Hrsg.) 2006: Mangelware Lehrstelle. Zur aktuellen Lage der Ausbildungsplatzbewerber in Deutschland. Bielefeld

[1]Dies lässt sich auch nicht mit demografischen Entwicklungen wie dem Sinken der Zahl junger Menschen mit ausländischem Pass in dieser Zeit aufgrund von Einbürgerungen erklären: Der Rückgang von Auszubildenden ausländischer Nationalität in den Elektro- und Metallberufen ist mit 74% bzw. 69% stark überproportional im Vergleich zum Bevölkerungsrückgang ausländischer Jugendlicher, der lediglich bei rund 18% liegt (Uhly/ Granato 2006).

[2]Diese repräsentative Befragung wurde vom Bundesinstitut für Berufsbildung und der Bundesagentur für Arbeit im Winter 2006/ 07 schriftlich-postalisch durchgeführt. Die Rücklaufquote lag bei 49%, d.h. es beteiligten sich 4.600 BewerberInnen (Ulrich/ Krekel 2007). In die folgenden Auswertungen sind nur Bewerber einbezogen, die in den letzten 15 Monaten auf Lehrstellensuche waren.

[3] 24% der Probanden haben einen Migrationshintergrund: 9% eine ausländische Staatsbürgerschaft, 13% sind Aussiedler, 2% haben einen anderen Migrationshintergrund (Granato 2007)