Alternsgerechte Arbeitszeiten - Die Perspektive: lebensphasensorientierendes Arbeiten

Von: Dr. rer. pol. Harmut Seifert (Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut (WSI), Düsseldorf)

Dr. rer. pol. Harmut Seifert

Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut (WSI), Düsseldorf

Dr.rer.pol., geb. 1944, Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg und Berlin. Examen als Dipl. Volkswirt 1971, Promotion zum Dr. rer. pol. an der Universität Gesamthochschule Paderborn 1983. Forschungsassistent an der FU Berlin, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesinstitut für Berufsbildungsforschung in Berlin; seit 1975 wissenschaftlicher Referent im Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut des DGB, seit 1995 Leiter der Abteilung Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut in der Hans Böckler Stiftung. Stellvertretender Vorsitzender des Arbeitskreises Sozialwissenschaftliche Arbeitsmarktforschung (SAMF). Zahlreiche Aktivitäten ...
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Hinführung

Die Rente mit 67 ist beschlossen, das gesetzliche Rentenniveau wurde abgesenkt. Angesichts dieser veränderten Bedingungen für den zukünftigen Renteneintritt sind die Beschäftigten gezwungen, länger erwerbstätig zu bleiben, wenn sie massive Abstriche bei den Alterseinkommen vermeiden wollen. Die Betriebe stehen vor der Herausforderung, Arbeitsbedingungen zu schaffen, die den Beschäftigten einen längeren Verbleib im Erwerbsleben ermöglichen.

Der Gestaltung der Arbeitszeit fällt dabei eine Schlüsselrolle zu. Sie hat starken Einfluss auf die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Beschäftigten und damit deren Möglichkeiten, überhaupt im Erwerbsleben verbleiben und weiterhin eine Tätigkeit ausüben zu können. Die Sicherung der Beschäftigungsfähigkeit setzt ferner lebenslanges Lernen voraus, wofür nicht nur Geld, sondern auch Zeit während des gesamten Erwerbslebens aufzubringen ist.

Gemessen an diesen Anforderungen kann die aktuelle Arbeitszeitverkürzung nicht als alternsgerecht bezeichnet werden. Sollten sich die Arbeitszeittrends Der vergangenen Jahre fortsetzen, werden sich die Bedingungen für einen längeren Verbleib im Erwerbsleben weiter verschlechtern, Vollzeitbeschäftigte arbeiten wieder länger. Gleichzeitig gewinnen belastende Arbeitszeiten während der Nacht und im Wechselschichtsystem an Bedeutung. Beide Entwicklungen zusammen erhöhen stark den Grad der Belastungen.

Die Entwicklung der Arbeitszeit ist nicht alternsgerecht

Die Entwicklung der Arbeitszeit während der vergangenen Jahre passt nicht zu dem politischen Vorhaben, das tatsächliche Renteneintrittsalter hinauszuschieben und möglichst nah an die gesetzliche Altersgrenze heranzuführen. Die aktuellen Arbeitszeittrends fördern die Arbeitsfähigkeit nicht, sondern beeinträchtigen sie. Sollte es nicht gelingen, alternsgerechte Arbeitszeiten durchzusetzen, wird die Zahl der Beschäftigten zunehmen, die infolge verminderter Erwerbsfähigkeit in Rente geht. Die rückläufige Entwicklung bei den Rentenzugängen wegen verminderter Erwerbsfähigkeit, auf die 2006 gut 17 Prozent und zehn Jahre zuvor sogar knapp 25 Jahre aller Rentenzugänge entfielen, könnte sich dann wieder umkehren. Bei der Dauer der Arbeitzeit ist der langjährige Trend zur Verkürzung in ein polarisiertes Entwicklungsmuster umgeschlagen, Vollzeitbeschäftigte arbeiten durchschnittlich wieder länger, gleichzeitig ist der Trend zur Teilzeitarbeit ungebrochen. 28,9 Prozent der Beschäftigten – vor allem Männer – arbeiten länger als 42 Stunden, die durchschnittliche Dauer der Wochenarbeitszeit hat bei Vollzeitbeschäftigten zwischen 2002 und 2006 um 0,7 Stunden auf 40,3 Stunden zugenommen.

Die Entwicklung der Alterszeiten geht aber auch in die entgegengesetzte Richtung. Ein wachsender Anteil der Beschäftigten leistet Teilzeitarbeit. 2006 waren 26,2 Prozent teilzeitbeschäftigt, bei den Frauen liegt die Teilzeitquote mittlerweile bei 46 Prozent. Teilzeitarbeit entwickelt sich zur neuen Normalarbeitszeit für Frauen. Außerdem arbeiten 15 Prozent aller Beschäftigten (überwiegend Frauen) auf der Basis von Mini-Jobs (400-Euro-Jobs). Teilzeitarbeit wird sich negativ auf die zukünftige Rentenhöhe aus und dürfte deshalb die Notwendigkeit, länger im Erwerbsleben zu verbleiben, untermauern.

Denn ein wachsender Teil der Beschäftigten erzielt in doppelter Hinsicht vergleichsweise niedrige Einkommen. Bei einer durchschnittlich auf 18 Stunden verringerten Arbeitszeit fällt auch das Einkommen entsprechend niedriger aus. Hinzu kommt, dass Teilzeitbeschäftigte in aller Regel geringere Stundenlöhne als vergleichbare Vollzeitbeschäftigte erhalten. Kurze Teilzeitarbeit mit vergleichsweise geringen Lohnsätzen erhöht das Risiko der Altersarmut. Ob es eintritt, hängt dann wesentlich davon ab, über welche Zeitspanne im Erwerbsverlauf Teilzeitarbeit unter diesen Bedingungen ausgeübt wird.

Perspektive: Elemente alternsgerechter Arbeitszeiten

Konzeptionell sind zwei Ansätze zu unterscheiden, mit denen Arbeitszeitpolitik den längeren Verbleib im Erwerbsleben fördern kann. Die Gestaltung der Arbeitszeit kann sich entweder auf die gesamte Erwerbsphase richten (alternsgerechte Arbeitszeitpolitik) oder nur auf Abschnitte beschränken, so vor allem die Altersphase (altersgerechte Arbeitszeitpolitik). Im ersten Fall handelt
es sich alternsgerechte und im zweiten um altersgerechte Arbeitszeitpolitik.

Die alternsgerechte Arbeitszeitpolitik ist prozessorientiert, hat präventiven Charakter und versucht frühzeitig, mögliche Langfristfolgen belastender Arbeits- und Arbeitszeitbedingungen zu vermeiden .Der Grundgedanke besteht darin, das Lebensarbeitsvolumen bei reduzierter täglicher/wöchentlicher Arbeitszeit über eine längere Lebensspanne zu strecken. Die altersgerechte Arbeitszeit konzentriert sich auf die Spätphase des Erwerbslebens, ist eher reaktiv und versucht der Arbeitsfähigkeit und den Arbeitszeitwünschen Älterer Rechnung zu tragen. Alternsgerechte Arbeitszeiten sind umfassenden angelegt und haben auch stärker das Thema „Gute Arbeit“ im Blick und schließen die altersgerechte Arbeitszeit mit ein.

Lebensphasenorientierte Arbeitszeit wäre ideal

Ideal wäre zweifellos eine Arbeitszeitgestaltung, die sich an den wechselnden Anforderungen der individuellen Lebensbiographien orientiert und flexibel wechselnden und vorweg nicht immer absehbaren Belastungsphasen Rechnung trägt. Es wird versucht, dieser Idealvorstellung durch Überlegungen zu einem lebensphasenorientierten Konzept zu entsprechen, das als Leitbild für einen Orientierungsrahmen gedacht ist. Das Kernelement einer lebensphasenorientierten Arbeitszeit bildet der Vorschlag über Wahlarbeitszeiten. Er sieht Wahlmöglichkeiten über die Dauer der Arbeitszeit einschließlich Urlaub vor, bleibt ansonsten aber vage und lässt vor allem die für die Arbeitsfähigkeit nicht unbedeutsame Lage der Arbeitszeit außer Betracht.

Einen ersten Schritt zur Konkretisierung macht der „Fünfte Bericht zur Lage der älteren Generation“ aus dem Jahr 2006 (www.bmfsfj.de/Kategorien/Publikationen/Publikationen,did=78114.html)

Europakonferenz

In dem Bericht wird vorgeschlagen, dass für über 50-Jährige, bei Verkürzungen der Arbeitszeit (bis maximal 50 Prozent) die Rentenbeiträge für die verkürzte Arbeitszeit für eine maximale Periode von fünf Jahren durch die öffentliche Hand subventioniert wird. Im Unterschied zur Alterszeitgesetz, das überwiegend als Blockmodell genutzt wurde, verspricht der in die Diskussion gebrachte Ansatz, einen gleitenden Übergang aus dem Erwerbsleben zu fördern, indem er die langfristigen Nachteile kürzerer Arbeitszeiten auf die Rentenhöhe neutralisiert. Allerdings sind während der Phase der reduzierten Arbeitszeiten entsprechende Abstriche beim Einkommen hinzunehmen, es sei denn, tarifliche Vereinbarungen würden für einen teilweisen Einkommensausgleich sorgen. Ausgeschlossen ist im Unterschied zum Altersteilgesetz die Option eines Blockmodells.

Als weiteres Element einer lebensphasen Arbeitszeitgestaltung werden Langzeitkonten bzw. Lebensarbeitszeitenkonten vorgeschlagen, wie sie in einigen Tarifbereichen bereits vereinbart sind. Die auf diesen Konten im Laufe des Erwerbslebens angesammelten Zeitguthaben sollen für Weiterbildungszeiten, Sabbaticals sowie für die vorzeitige Beendigung des Erwerbslebens genutzt werden können Um die Arbeit beispielsweise ein Jahr früher beenden zu können, sind Zeitguthaben von mindestens 1500 Stunden anzusparen. Dieses Zeitsparziel ist nur realisierbar, wenn die faktische die vereinbarte Arbeitszeit über einen längeren Zeitraum faktisch übersteigt und zwischenzeitlich keine Zeitentnahmen erfolgen. Es ist nicht auszuschließen, dass Langzeitkonten die gesundheitlichen Belastungen und das Verrentungsrisiko verstärken, die sie eigentlich bekämpfen sollen. Zu berücksichtigen sind dass nicht alle Beschäftigungsarten und Beschäftigtengruppen in der Lage sind, Zeitguthaben anzusparen.

Einige weitere Elemente eines lebensphasenorientierten Modells existieren bereits in Bruchstücken.

• Sie räumen den Beschäftigten einen gewissen Spielraum für Arbeitszeitoptionen ein. Hierzu gehört as Teilzeit- und Befristungsgesetz, das allerdings keinen Rechtsanspruch auf Rückkehr zu Vollzeitarbeit bietet. Die Optionen sind asymmetrisch. Darüber hinaus sehen einige Tarifverträge reduzierte Arbeitszeiten für Ältere vor, die entweder in Form einer altersgestaffelten Reduktion der Wochenarbeitszeit vereinbart sind (chemische Industrie und Kraftfahrzeuggewerbe) oder zusätzlichen Urlaub oder freie Tage (öffentlicher Dienst, Hotel- und Gaststättengewerbe) bieten. Nur ein Teil dieser Regelungen ist einkommensneutral und schmälert nicht die Rentenbezüge.

• Ein weiteres Element basiert auf dem Element des Freizeitausgleichs. Dieser Ansatz stellt den Präventionsansatz in den Vordergrund ´Ziel ist es, Belastungen durch lange und ungünstige Arbeitszeiten zu verringern, die Arbeitsfähigkeit zu erhalten und damit den längeren Verbleib im Erwerbsleben zu sichern. Als Nebeneffekt verspricht dieser Ansatz positive Beschäftigungswirkungen. Verschiedene Varianten sind in der Diskussion und vereinzelt in Anwendung:

  • Belastungen infolge Überstunden und ungünstiger Arbeitszeiten während der Nacht und im Wechselschichtrhythmus ließen sich reduzieren, würde man die für diese Arbeitszeitformen gezahlten Geldzuschläge in entsprechenden Freizeitausgleich umwandeln. Für die Unternehmen wäre das Prinzip des Freizeitausgleichs weitgehend kostenneutral. Die betroffenen Beschäftigten tauschen Geld gegen Freizeit, Belastungen gegen Regeneration. In der langfristigen Perspektive ist ein neutraler oder sogar positiver Einkommenseffekt keineswegs ausgeschlossen. Hiermit ist zu rechnen, wenn eine sozialverträgliche Arbeitszeitgestaltung dazu beiträgt, die Gesundheitskosten und Kosten aufgrund von Erwerbsminderung zu reduzieren, den Verbleib im Erwerbsleben zu verlängern und dadurch das Lebensarbeitseinkommen zu steigern.
  • Vereinzelt bieten Betriebe bereits Möglichkeiten, die Zuschläge für Nacht-, Wochenend- und Mehrarbeit auf Zeitkonten zu buchen und in Form zusätzlicher freier Tage zu nutzen
    Ein erster Schritt bestünde darin, den Beschäftigten Wahlmöglichkeiten für Geldzuschläge oder Freizeitausgleich
    einzuräumen.
  • Das Prinzip des Zeitausgleichs hat allerdings eine Kehrseite. Bleibt das Gesamtvolumen der nachts oder im belastenden Wechselschichtrhythmus geleisteten Arbeitsstunden konstant, werden zusätzliche Arbeitskräfte benötigt. Die individuellen Belastungen nehmen ab und verteilen sich zu Lasten einer steigenden Zahl an Personen, die diesen Arbeitszeiten ausgesetzt sind. Positiv zu Buche schlagen erhöhte Beschäftigungswirkungen infolge kostenneutral verkürzter Arbeitszeiten.

Fazit und Ausblick

Ohne eine umfassende Neugestaltung der Arbeitszeit werden sich die Voraussetzungen für einen durchschnittlich deutlich späteren Renteneintritt nicht grundlegend ändern. Eine alternsgerechte Arbeitszeitpolitik, d.h. eine Alterszeitpolitik die sich an dem Modell der lebensphasenorientierten Arbeitszeitpolitik orientiert, kann einen wesentlichen Beitrag dazu liefern, Belastungen zu reduzieren und die Arbeitsfähigkeit nachhaltig zu verbessern.

Hauptsächlich geht es darum, den Trend zu längeren Arbeitszeiten zu stoppen und möglichst umzukehren, zeitnahe Ausgleiche für kurzfristig längere Arbeitszeiten zu organisieren und vor allem belastungsärmere Modelle für Schicht- und Nachtarbeit einzuführen. Einen wichtigen Ansatz bieten kürzere Arbeitszeiten nach dem Prinzip des Zeitausgleichs an Stelle der bisherigen
finanziellen Zuschläge. Wichtig wären auch in weiteren Überlegungen die Zeiten für berufliche Weiterbildung einzubeziehen.

Denkbar sind differenzierte Ansätze, die bei spezifischen Belastungsfaktoren wie langjähriger Nacht- und Schichtarbeit vorzeitigen abschlagfreien Renteneintritt oder verminderte Arbeitszeiten ab bestimmter Altersgrenzen zu ermöglichen. Dabei bieten sich Kombinationen mit der Teilrente an, auch eine modifizierte Altersteilzeit ist vorstellbar. Wichtig wäre -ähnlich wie bei der Altersteilzeit – öffentliche und tarifliche Leistungen zu kombinieren.

Zum Weiterlesen:

Hartmut Seifert: Altersgerechte Arbeitszeiten, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 19/2008
http://www.bpb.depublikationen/SSPHB9,0,0,Alternsgerechte_AbeitszeitenArbeitszeittrends belasten Ältere (Graphik)
Böckler Impuls 12/2008 http://www.boeckler.de/32014_91489.html