Alma mater prekär - Prekarisierung wissenschaftlicher Arbeit an Hochschulen

Von: Dr. phil. Andreas Keller (GEW-Vorstandsmitglied, Frankfurt/M.)

Dr. phil. Andreas Keller

GEW-Vorstandsmitglied, Frankfurt/M.

Andreas Keller, Dr. phil., hat an der Philipps-Universität Marburg Politikwissenschaft, Rechtswissenschaft und Soziologie studiert. Seit 2007 leitet er als Mitglied des Geschäftsführenden Vorstands der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) den Vorstandsbereich Hochschule und Forschung beim GEW-Hauptvorstand. Davor war er in Forschung und Lehre (1993-1999 Institut für Politikwissenschaft der Uni Marburg), Politikberatung (2000-2002 Fraktion der PDS im Deutschen Bundestag) und Hochschulverwaltung (2003-2006 Charité – Universitätsmedizin Berlin) tätig. Kontakt: E-Mail: andreas.keller@gew.de Internet: www.wissenschaft.gew.de


Lehraufträge statt tariflich geregelten Arbeitsverhältnissen, Fristverträge mit immer kürzeren Laufzeiten, Halbierung, Drittelung und Viertelung von Stellen – viele Hochschulen versuchen, den von der Kultusministerkonferenz (KMK) erwarteten „Studentenberg“ mit prekären Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen für das wissen-schaftliche Personal aufzufangen. Diese Entwicklung ist weder im Interesse der WissenschaftlerInnen noch im Interesse der Qualität und Kontinuität von Forschung und Lehre, auf die Hochschulen und die Studierenden angewiesen sind. Die Bildungsgewerkschaft GEW fordert daher: Prekariat bekämpfen, Prekäre schützen! Zu einem immer größeren Teil wird Forschung und Lehre an Hochschulen von nebenberuflich tätigen WissenschaftlerInnen geleistet, die als Lehrbeauftragte arbeiten. Die hierfür bezahlten Vergütungen liegen im Bereich des Stundenlohns von Fachar-beiterInnen – allerdings je geleisteter Lehrveranstaltungsstunde: Vor- und Nachbereitungszeiten, die die Präsenzzeit im Hörsaal um ein Vielfaches übersteigen, werden nicht bezahlt. Nicht selten werden Lehraufträge unvergütet erbracht.

PrivatdozentInnen und außerplanmäßige ProfessorInnen sind sogar zur unentgeltlichen Lehre verpflichtet, um ihren Status an der Universität und ihre Chancen, auf eine Professur berufen zu werden, nicht zu verlieren. Schließlich wirft sogar Hartz IV seine Schatten auch auf die alma mater: WissenschaftlerInnen kommen bisweilen als Ein-Euro-JobberInnen zum Einsatz.

Die GEW tritt dafür ein, dass überall dort, wo Lehrbeauftragte faktisch dauerhaft Lehraufgaben wahrnehmen, reguläre Beschäftigungsverhältnisse – z. B. für Lehrkräfte für besondere Aufgaben – geschaffen werden. Der Lehrauftrag muss wieder auf seine ursprüngliche Funktion zurückgeführt werden. Sinnvoll ist es, das grundständige Lehrangebot dort gezielt zu ergänzen, wo Experten aus der beruflichen Praxis gefragt sind.

Tatsächlich werden Lehraufträge aber heute von vielen Hochschulen systematisch missbraucht, um Lücken in der Lehrkapazität zu schließen. Aus einer übergangsweisen Notlösung wird häufig eine billige Dauerlösung. Zum Einsatz kommen zunehmend Lehrbeauftragte, die nur noch formal nebenberuflich tätig, tatsächlich aber auf die Einkünfte aus der prekären Beschäftigung angewiesen sind. Ein-Euro-Jobs haben in der Wissenschaft nichts zu suchen. Das Prekariat in der Wissenschaft zu bekämpfen, heißt zugleich die prekär beschäf-tigten Arbeitnehmerinnen an Hochschulen und Forschungseinrichtungen zu schützen.

Soweit und solange der Einsatz von Lehrbeauftragten als nebenberuflich Täti-gen sinnvoll und erforderlich ist, setzt sich die GEW für Vertragsverhältnisse als freie MitarbeiterInnen ein, für deren Ausgestaltung Mindeststandards gelten. Für sie sind eine angemessene Bezahlung, die Vor- und Nachbereitungszeiten einschließen, eine angemessene Vertragsdauer oder die Beteiligung der Hochschulen an den Sozialversicherungsbeiträgen festzuschreiben. Lehrbeauftragte müssen Hochschulmitglieder mit dem Recht zur Teilnahme an der akademischen Selbstverwaltung und der Nutzung der hochschulischen Infrastruktur werden.

Die Diskussion um das akademische Prekariat würde zu kurz greifen, wenn sie nicht die Strukturdefizite der Personalstruktur der deutschen Universität in den Blick nähme. Diese dysfunktionale Personalstruktur bringt systematisch die viele WissenschaftlerInnen hervor, die irgendwann alles mit sich machen lassen (müssen).

Es ist ein Anachronismus der deutschen Hochschulpersonalstruktur, dass WissenschaftlerInnen entweder ProfessorInnen sind oder als wissenschaftlicher „Nachwuchs“ angesehen werden, der sich auf eine Professur vorbereitet – und sei es ein Leben lang. Nach dem Motto „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ kann der wissenschaftliche Nachwuchs in künstlicher Abhängigkeit gehalten und atypischen prekären Beschäfti-gungsverhältnissen unterstellt werden – auch dann, wenn mit der Promotion die Qualifikationsphase erfolgreich abgeschlossen wurde. Befristete Arbeitsverträge sind mittlerweile für fast alle nichtprofessoralen WissenschaftlerInnen die Regel geworden, die tatsächlich vier Fünftel der Forschungsarbeit und zwei Drittel der Lehre an Hochschulen leisten.

Viele WissenschaftlerInnen werden auf Basis von Zwangsteilzeitverträgen – auf hal-ben, Drittel- oder gar Viertelstellen – beschäftigt; unbezahlte Mehrarbeit wird gleichwohl stillschweigend erwartet. Die Weiterqualifikation – der eigentliche Grund für die Mehrarbeit – wird zur in der Freizeit zu erledigenden Privatangelegenheit erklärt. „Nachwuchskräfte“, die nicht auf eine Professur berufen werden, landen heute systematisch in einer Sackgasse: Auf dem außerhochschulischen Arbeitsmarkt gelten sie als überqualifiziert, in Hochschule und Forschung gibt es für sie auf Dauer keine Beschäftigungsmöglichkeiten.

Ein Lehrauftrag ist für viele ein Strohhalm, an den sie sich mangels Alternativen klammern. Damit muss endlich Schluss sein. Statt an der Professur hat sich die Hochschulpersonalstruktur der Zukunft an der Profession zu orientieren und allen WissenschaftlerInnen, unabhängig davon, ob sie auf eine Professur berufen werden oder nicht, die Chance zu eröffnen, Wissenschaft als Beruf zu betreiben.

Die GEW fordert eine Reform der Personalstruktur, die auch nichtprofessoralen WissenschaftlerInnen die Möglichkeit gibt, in Hochschulen und Forschungseinrichtungen auf Dauer Wissenschaft als Beruf ausüben zu können. Für Daueraufgaben in Forschung, Lehre und Wissenschaftsmanagement müssen die Hochschulen daher Funktionsstellen einrich-ten, auf denen WissenschaftlerInnen eigenständig und auf Dauer tätig sein können, d. h. auf Basis tarifvertraglich geregelter, unbefristeter Beschäftigungsverhältnisse.

Das ist Voraussetzung für die Kontinuität und Qualität wissenschaftlicher Arbeit. Es gibt aber auch der wissenschaftlichen Karriere das Maß an Planbarkeit, das erforderlch ist, um den Arbeitsplatz Hochschule und Forschung attraktiv zu halten und wie-der attraktiver zu machen – auch im Wettbewerb mit anderen ArbeitgeberInnen in In- und Ausland. Die Phase der wissenschaftlichen Qualifizierung endet mit der Promotion; danach muss die unbefristete Beschäftigung das Regelbeschäftigungsverhältnis werden.

Ein tenure track kann unterschiedliche Karriereperspektiven enthalten, sollte aber den dauerhaften Verbleib an der Hochschule ermöglichen, unabhängig davon, ob die Berufung auf eine Professur erfolgt oder nicht. Insofern war der Grundansatz der 5. HRG-Novelle von 2002 richtig, die Befristung von Arbeitsverträgen nicht unbegrenzt zuzulassen – und die Festlegung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes von 2007, dass praktisch unbefristet befristet beschäftigt werden darf, ist in diesem Sinne verhängnisvoll und falsch.

Wissenschaft ist für viele eine Berufung, ist aber im Kern ist sie auch ein Beruf. Und WissenschaftlerInnen und Wissenschaftler sind ArbeitnehmerInnen. Auch an Hochschulen und Forschungseinrichtungen müssen die Beschäftigungsbedingungen tarif-vertraglich geregelt werden. Darüber hinaus bedarf es endlich verbindlicher Strukturen transparenter Rekrutierung, Personalentwicklung, Teamarbeit und Mitarbeiterführung, die in anderen Berufsfeldern längst selbstverständlich sind.

Die wissenschaftli-che Karriere muss endlich planbar werden – auch um den Arbeitplatz Hochschule und Forschung für Wissenschaftlerinnen attraktiver zu machen. Zwar sind von Prekarisierung Frauen und Männer betroffen, die Auswirkungen auf Frauen und Männer sind jedoch unterschiedlich: Viele Frauen steigen aufgrund des steinigen Weges aus der Wissenschaft aus, statt in ihr aufzusteigen.

Um die Chancengleichheit von Frauen und Männern tatsächlich durchzusetzen, bedarf es jedoch mehr als planbarer wissenschaftlicher Laufbahnen: Es braucht nicht weniger als eine Entmystifizierung der Wissenschaft. Über die Strukturen hinaus muss die kulturelle Dimension von Wissenschaft auf den Prüfstand: der Mythos, dass Wissenschaft eben kein Beruf, sondern eine Lebensform sei, der sich ein Wissenschaftler voll und ganz hingeben muss.

Verbleib und Erfolg in der Wissenschaft zwingen unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen zur Selbstausbeutung und zu Arbeitsformen und Arbeitszeiten, die gesellschaftlich destruktiv sind. Prekäre Beschäftigung ist eine zugespitzte Form der gegenwärtigen Flexibilisierung und Deregulierung der Arbeitsverhältnisse. Von ihr sind auch andere Bildungsbereiche, z. B. die Weiterbildung, aber auch andere Branchen in Industrie und Dienstleistung betroffen.

Der Kampf gegen Prekarisierung muss daher einerseits an den spezi-fischen Bedingungen in der Wissenschaft ansetzen, kann aber andererseits nicht isoliert von ähnlichen Auseinander-setzungen in anderen Bereichen geführt werden. Wir brauchen daher auf der einen Seite Betroffene, die sich vor Ort an Hochschulen und Forschungseinrichtungen zusammentun. Auf der anderen Seite bedarf es einer überregionalen Vernetzung und gesellschaftlicher Bündnisse, wenn wir ihre Situation tatsächlich verbessern wollen.

Hier sind die Gewerkschaften gefragt. Die GEW ist bereit, Initiativen von Betroffenen zu unterstützen und ist für alle Beschäftigtengruppen offen – schon heute organisieren sich viele Lehrbeauftragte oder NachwuchswissenschaftlerInnen in der GEW.