Beiträge aus der Ausgabe
04-17: Hilft nur eine Revolution? – Bildung braucht radikale Veränderungen.

Editorial

kassebaumDass Bildung, sei es in den Konzepten und Institutionen der allgemeinen oder der beruflichen Bildung, Defizite aufweist, ist quer durch die Gesellschaft bei vielen Akteuren unbestritten. Es gibt auch weitreichende, zum Teil sich widersprechende Vorschläge zur Reform der Bildung – sei es in Bezug auf Aus- und Weiterbildung, Schule und Hochschule oder in Bezug auf das Gesamtsystem. Aber lässt sich deswegen von Revolution sprechen oder sollte man sich nicht auch in Zukunft am Begriff der Reform orientieren? Im Editorial geht Dr. Bernd Kaßebaum, Denk-doch-mal.de-Redaktionsmitglied und verantwortlicher Koordinator für diese Ausgabe, dieser Frage nach.  Dabei beschreibt er auch, die aktuellen Anforderungen und kommt auf sechs durchaus bekannte, größtenteils strukturell zu verortende Missstände, Defizite und Herausforderungen. […]

Matthias Anbuhl: Die gespaltene (Bildungs-)Republik

anbuhl Die Bundestagswahl hat es gezeigt: Das Gros der Menschen erhofft sich von den Rechtspopulisten keine Lösungen ihrer Probleme – und wählt sie trotzdem. "Der radikale Wandel wird zum Selbstzweck, das Ziel ist zweitranging. Diese Entwicklungen sind Anzeichen einer ernsten Krise politischer Repräsentanz", schreibt Matthias Anbuhl, Bildungschef beim DGB, in seinem Beitrag. Der Aufstieg des Rechtspopulismus lasse sich zudem mit dem Erleben von kultureller Abwertung erklären – auch in der deutschen Gesellschaft. Die Unterschicht gehe nicht in die Oper, sondern allenfalls in ein Helene-Fischer-Konzert. Sie schaue nicht Arte und höre nicht Deutschlandfunk, sondern interessiere sich für RTL II und das Dschungelcamp. Sie esse nicht Bio, sondern Fast Food. Diese Menschen seien an ihrem Schicksal selbst schuld, so gängige Denkmuster. Anbuhl: "Diese Konflikte zeigen sich konkret in unserem Bildungswesen." Mit dem Eintritt in das Bildungssystem höre die Toleranz vieler Eltern auf. „Bereits die breite Mittelschicht grenzt sich massiv nach unten ab. Man könnte hier beinahe von einer Art Kontaktsperre sprechen“, schreiben Bildungsanalysten. Die Folge: Unterschiedliche Milieus sprechen mehr über- als miteinander. "Diese Tendenzen bergen sozialen Sprengstoff." Dabei zählen Kitas, Schulen, Hochschulen und Weiterbildungseinrichtungen zu den wenigen Orten, an denen sich die verschiedenen Schichten unserer Gesellschaft begegnen können. Nur: Wie will Anbuhl aus dem Dilemma herauskommen? Ein Baustein sei eine gesellschaftliche Bildungsstrategie […]   […]

Daniel Friedrich: Braucht Deutschland eine Bildungsrevolution?

danileIG Metall Chef in Lübeck-Wismar, Daniel Friedrich, bringt es auf den Punkt: "Eine Bildungsrevolution ist – gerade für alle außerhalb des „inner circle“ der Bildungsexperten – so attraktiv wie ein trockener Toast auf dem Kuchenbuffet." Trotzdem braucht es Veränderungen, damit es gerechter und zukunftssicherer zugeht. "Seien wir ehrlich, das Bildungssystem – ob in der Schule, Studium oder im Betrieb – manifestiert die Klassenunterschiede. Grundlegende „Reformen“ würden diese aufbrechen und damit mehr Chancen für „die da unten“ schaffen. Die Kräfte der Oberklasse werden alles dafür tun, dass die Unterschiede erhalten bleiben. Deswegen braucht es einen enormen Kraftakt." […]

Evelyne Gottselig: Bildungsrevolution oder Bildungsoperation?

bild-afa-homepageDaimler-Betriebsrätin Evelyne Gottselig ist davon überzeugt, wenn junge Menschen ausschließlich theoretisch lernen, werden sie sich künftig in der Arbeitswelt nicht zu Recht finden. In den dualen Ausbildungsberufen brauche man keine Angst vor der Digitalisierung zu haben. Die meisten Berufe hätten eine „Neuordnung“, heißt Umgestaltung, erfahren. "Diese sind gut gerüstet, um flexibel auf neue Anforderungen reagieren zu können." Aber Schule und Hochschule? Das sieht es nach Einschätzung der Betriebsrätin nicht so gut aus. […]

Friedrich Hubert Esser: Brauchen wir eine Neujustierung der beruflichen und hochschulischen Bildung?

esser_1.71Prof. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung in Bonn, setzt bewusst einen Gegenpol zu skeptischen Einschätzungen zur (Berufs-)Bildung in Deutschland. Für ihn ist das duale System nach wie vor ein sehr leistungsfähiges Qualifizierungs-, Bildungs- und Erziehungssystem. Dennoch gibt es auch hier Schwachstellen beziehungsweise Anschlusspunkte für Verbesserungen und Weiterentwicklungen des Systems. Wichtige Stichworte hierzu sind für Esser Übergänge, Inklusion und Durchlässigkeit. Um die Trend zu verstehen, könne man nicht ausschließlich auf die Bildungsseite schauen. Ebenso wichtig sind die Beschäftigungsperspektiven. "Nur wenn beide Seiten zusammen attraktiv sind, ist die Berufsausbildung vor allem für junge Menschen mit Hochschulzugangsberechtigung eine echte Alternative zum Studium." Mit konkreten bildung- und beschäftigungsspolitischen Maßnahmen will der BiBB-Präsident nachjustieren. […]

Werner Widuckel: Arbeit 4.0 braucht Bildung 4.0

widuckel2Prof. Dr. Werner Widuckel fordert in seinem Beitrag eine digitale Bildungsagenda, die das gesamte Bildungssystem einbezieht und in diesem System die erforderlichen Kompetenzen und Ressourcen entwickelt und zur Verfügung stellt. Diese Bildungsagenda muss auf einem Bildungsauftrag basieren, der die Digitalisierung als Gestaltungsfeld in den Vordergrund rückt, indem über gesellschaftliches Zusammenleben und die hiermit verbundenen Werte sowie Macht und Herrschaft ganz wesentlich entschieden wird und zu entscheiden ist. Der an der FAU in Erlangen lehrende Professor warnt vor einer Verteufelung der Digitalisierung, die er für verfehlt hält. "Aber im Sinne eines demokratischen Gestaltungsanspruchs erfordert sie die Befähigung zur kritischen Hinterfragung und Reflexion." […]

Gespräch mit Daimler Betriebsrat Jörg Lorz: Lernen in der digitalen Arbeitswelt

daimler4Die Veränderungen sind in vollem Gang. Führen sie zu „revolutionären“ Umbrüchen? Nein, sagt Jörg Lorz, Betriebsrat bei Daimler im Werk Kassel. Die duale Berufsausbildung - da ist er sich sicher – ist auch in den Zeiten zunehmender Digitalisierung „das richtige Mittel, um den Fachkräftebedarf zu decken“. Zudem böten die Berufsbilder auch genügend Flexibilität. In der betrieblichen und beruflichen Weiterbildung sieht das allerdings anders aus. „Da müssen die Weichen schnellstmöglich zu einer agilen Weiterbildungskultur gestellt werden“. Dazu bedarf es neuer betrieblicher und tariflicher Grundlagen. […]

Bernd Kaßebaum: Vom Bildungsgesamtplan zur Bildungsreformkommission

revoDr. Bernd Kaßebaum zeichnet in seinem historischen Beitrag die Geschichte der Bildungsreformdebatte vom Bildungsgesamtplan bis zur Bildungsreformkommission nach. Für ihn steht fest: Die Debatte über die Zukunft der Bildung muss geführt werden muss. "Zumindest fragwürdig ist, ob sich das Neue über den Wettbewerb zwischen und in den Institutionen herstellen lässt oder ob es nicht einer zu bestimmenden und auszuhandelnden zusätzlichen Qualität an Regulation und Kooperation bedarf. Kaßebaum erinnert an die "funktionierende Konsenskultur in den Institutionen der Berufsbildung", dann erscheine eine Reformdebatte nicht mehr ganz so fern.   […]