Beiträge aus der Ausgabe
03-18: außen*innen*anders*gleich: Inklusive Bildung in exklusiven Zeiten.

Editorial

msDie meisten Industrienationen haben sehr viel weniger Schülerinnen und Schüler in Förderschulen. Italien, Spanien, Irland, Schweden, Finnland haben bereits vor Jahrzehnten fast ganz umgestellt auf eine gemeinsame Bildung und Erziehung. Es waren nahezu 13 Jahre Zeit, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass unser separierendes Bildungswesen transformiert werden muss. In dieser Ausgabe von DENK-doch-MAL.de wollen wir Fragen beleuchten: Warum ist die Aufbruchstimmung in Sachen Inklusion verflogen? Worin bestehen die Schwierigkeiten der Umsetzung an Schulen? Welchen Herausforderungen stehen die duale Berufsausbildung und die Hochschule auf dem Weg zur Inklusion gegenüber? Inwieweit geben die neuesten Statistiken der Kultusministerkonferenz Auskunft über die erfolgreiche Umsetzung der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen? Was macht es in Deutschland so schwer, die Förderschulen abzubauen? Inwiefern ist insbesondere die „größte“ Förderschule, nämlich die Schule für „Lernbehinderung“ ein geschichtsbelastetes Relikt? Und: Wie (üb)erlebt ein Kind mit einer Behinderung eigentlich die Schulzeit? DENK-doch-MAL.de Redaktionsmitglied, Martina Schmerr, hat die Ausgabe konzeptioniert, die Autoren ausgewählt und gewonnen. […]

Ursula Bylinski: Von der Förderung zu echter Teilhabe

bylinski„Um einen inklusiven Arbeitsmarkt zu erreichen, muss ein falsch verstandener Leistungsgedanke überwunden und die Berufsausbildung inklusiv gestaltet werden“, so die Monitoring-Stelle UN-Behindertenrechtskonvention. Perspektiven auf dem Weg dorthin zeigt Prof. Dr. Ursula Bylinski in ihrem Beitrag "Inklusive Berufsbildung: Von der Förderung zu echter Teilhabe" auf. Eine inklusive Berufsbildung muss sich bei der Gestaltung von Bildungswegen und –prozessen am Individuum orientieren, flexibler, anschlussfähiger und durchlässiger werden. Lösungen müssen also möglichst innerhalb des regulären Systems gefunden werden und nicht außerhalb. Dabei stehen rechtliche Regelungen – wie etwa die Anpassung des Berufsbildungsgesetztes (BBiG), der Ausbau von Unterstützungssystemen und nicht zuletzt die grundgesetzliche Verankerung eines Rechtsanspruchs auf berufliche Ausbildung - auf der Agenda. […]

Christiane Schindler: Wie inklusiv ist das deutsche Hochschulsystem?

 Der Hochschulbereich kennt kein „Sondersystem“. Jedoch wird vielen jungen beeinträchtigten Menschen der Weg ins Studium bereits sehr früh verbaut. Aber auch beim Übergang und innerhalb der Hochschule sind viele junge Menschen mit Beeinträchtigungen konfrontiert. Was sich auf dem Weg zur inklusiven Hochschule ändern muss, beschreibt Dr. Christiane Schindler in ihrem Beitrag „Wie inklusiv ist das deutsche Hochschulsystem?“.  Hier haben sich in den letzten Jahren einige Verbesserungen für Studierende ergeben, wenngleich insbesondere für diejenigen mit körperlichen und zumeist sichtbaren Beeinträchtigungen. Studierende mit anderen Beeinträchtigungen haben weiterhin große Schwierigkeiten, etwa mit kommunikativen, organisatorischen oder didaktischen Barrieren. Bildungsforscher*innen – so Schindler – attestieren dem Hochschulsystem eine „strukturelle Gleichgültigkeit“ gegenüber Studierenden mit Beeinträchtigungen. […]

Klaus Klemm: Inklusionsziel verfehlt!

w-klaus-klemm-440Von einer Annäherung an das Ziel der UN-Konvention kann nicht einmal im Ansatz gesprochen werden. So lautet das Resümee von Prof. Dr. Klaus Klemm in seinem Beitrag Inklusionsziel verfehlt! Zum Stand der Inklusion in Deutschlands allgemeinbildenden Schulen – eine bildungs-statistische Analyse. Auf der Basis der neuesten Zahlen der Kultusministerkonferenz (KMK) zeigt er entscheidende Fehlentwicklungen auf. Diese liegen zum einen in einer fragwürdigen Praxis der Feststellung von „sonderpädagogischem Förderbedarf“ oder in der Kopplung der Ressourcen an die einzelnen Kinder und Jugendlichen mit ausgewiesenem Förderbedarf. Es zeigt sich: Die steigenden Inklusionsquoten, auf die die Bundesländer gerne verweisen, entstehen überwiegend, weil immer mehr Kinder innerhalb der Regelschulen die Diagnose des sonderpädagogischen Förderbedarfs erhalten. […]

Brigitte Schumann: „Die Sonderschule als geschichtsbelastetes Relikt“

brigitte-schumann-1-von-1Die Konstruktion von „Behinderung“ hat in Deutschland eine besondere Geschichte. Wie es nach 1945 zu dem massiven Ausbau aussondernder Strukturen gekommen ist, dieser Frage geht Denk-doch-Mal.de Redaktionsmitglied Martina Schmeer im Interview „Die Sonderschule als geschichtsbelastetes Relikt“ mit Dr. Brigitte Schumann, Bildungspolitikerin der Grünen und Bildungsjournalistin, nach. Die fehlende Aufarbeitung der nationalsozialistischen Geschichte durch Sonderpädagogik und Bildungspolitik spielt bei der Kontinuität sozialer Ungleichheit im Förderschul- und im allgemeinen Schulsystem eine große Rolle. Die insgesamt acht Sonderschultypen in Deutschland sind teuer, ineffizient und stigmatisierend. Die Verengung des Inklusionsbegriffs durch die Kultusministerkonferenz auf Menschen mit Behinderungen führt zudem dazu, dass die Transformation der selektiven und segregierenden Schulstrukturen weiterhin nicht angegangen wird. […]

Ilka Hoffmann: „Solidarität – Vielfalt – Gerechtigkeit“

GEW-Vorstand Ilka Hoffmann (2.1.2018, Foto: Kay Herschelmann)Ausgehend vom diesjährigen Motto zum ersten Mai buchstabiert Dr. Ilka Hoffmann in ihrem Kommentar „Solidarität – Vielfalt – Gerechtigkeit“: Inklusion als (bildungs-)gewerkschaftliches Thema gewerkschaftliche Werte für die „Arbeitsebene“ Schule aus. Gerade im Arbeitsfeld Schule können die wertebasierten Perspektiven auf die Schülerinnen und Schüler einerseits und die Kolleg*innen andererseits miteinander in Konflikt geraten. Aus gewerkschaftlicher Sicht gilt es, die Widersprüche zwischen (bildungs-)politischen Überzeugungen und Interessenvertretung möglichst aufzulösen. Dies gelingt nur in der Trias einer menschenrechtsbasierten Bildungspolitik, eine gute Rahmenbedingungen sichernde Arbeitsplatzpolitik und einer an Bildungs- und Arbeitsqualität sowie Berufsethik orientierten Professionspolitik. […]

Peter Schmidt: Wie ich als Autist die Schulzeit (üb)erlebt habe

schmidt2Wir lassen in dieser Ausgabe einen Betroffenen zu Wort kommen. Dr. Peter Schmidt ist Geophysiker, Informatiker, IT-Spezialist, Autor und: Autist. Und als solcher ist er im besten Sinne ein Diversity-Botschafter. Autisten wirken oft wie „Gefangene im eigenen Ich“, deren Verhalten fehlinterpretiert wird und deren Leistungen und Intelligenz oftmals unbeachtet bleiben. Viele Menschen erleben Autist*innen als „komisch“ oder „seltsam“. Peter Schmidt zeigt uns in seinem Beitrag „Wie ich als Autist die Schulzeit (üb)erlebt habe“: es sind eigentlich wir, die komisch sind. Mit eindrucksvollen Beispielen beschreibt er, wie Schule abweichendes Verhalten in der Regel als Störung begreift und nicht einfach als etwas Besonderes. Und er macht deutlich, dass all das, was autistische Kinder brauchen, um an einer normalen Schule zu „überleben“, auch gut für alle anderen Kinder wäre. […]