Beiträge aus der Ausgabe
01-19: Die „öffentliche“ Hochschule: Streitraum Hochschule – Streit um Hochschule.

Editorial

Im hochschulpolitischen Programm des DGB ragen zwei Sätze heraus. Der eine lautet: „An Hochschulen praktizierte Wissenschaft darf nicht den Zwängen des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs unterworfen sein, sondern muss in demokratische Verfahren […]

Thomas Krüger: Hochschule als Streitraum

Öffentlichkeit lebt vom „Streit“. Die Hochschule wird im besten Fall zu einem „Streitraum“ für und in diesem öffentlichen Raum. Wir freuen uns daher, dass Thomas Krüger, der Präsident der Bundeszentrale für Politische Bildung, der genau diesen Titel in einem Aufsatz für das DSW-Journal gewählt hat, auch uns seine Gedanken zur Verfügung gestellt hat. In diesem Streitraum, der unterschiedliche wissenschaftliche Positionen ebenso voraussetzt wie die Artikulation und den Aushandlungsprozess zwischen unterschiedlichen Positionen und Personengruppen, konstituiert sich einer hochschulinternen Öffentlichkeit. „Öffentliche Hochschulen“, so Thomas Krüger, „werden nicht nur mit der Forderung konfrontiert, Inhalte ihrer Forschung transparent und verständlich zu kommunizieren, sondern auch in einen Austausch mit der Gesellschaft über ihre Themen und Ansätze zu treten.“ […]

Lukas Daubner: Hochschulräte: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Hochschulräte stehen wie keine zweite Institution für den Einzug neuer Governancemethoden. Zudem bilden sie eine neue und zusätzliche Schnittstelle zwischen Hochschule und Gesellschaft. Die Diskussion um die Hochschulräte ist in den letzten Jahren verstummt. Lukas Daubner vertritt in seinem Beitrag die Auffassung, dass die den Hochschulräten von Teilen der Gesellschaft zugeschriebenen Ansprüche nicht realisiert wurden. Zwar hätten einerseits die Hochschulräte dazu beigetragen, dass sich die Machtbalance zwischen Hochschulleitungen und Senaten verändert hätten, anderseits haben Gerichtsurteile die Stellung der akademischen Senate gestärkt. Zudem schätzt der überwiegende Teil der Mitglieder von Hochschulräten die Wirkung des Gremiums als nicht besonders hoch ein. Lukas Daubner plädiert deshalb für eine differenzierte Beurteilung der Hochschulräte und für einen nüchternen Blick bei ihrer Bewertung. „Hochschulpolitisch – so sein Fazit – „würde es (…) lohnen, darüber zu debattieren, ob weiterhin Bedarf an Hochschulräten besteht.“ […]

Sonja Bolenius: Hochschulräte – kein echtes Bindeglied zur Gesellschaft, aber deshalb auch verzichtbar?

In ihrem Kommentar zu dem Beitrag von Lukas Daubner setzt sich Sonja Bolenius mit den Widersprüchen zwischen den Ansprüchen an die Hochschulräte und ihrer vielfach geringen Ausstattung und Wirkung auseinander. Sie entwirft das Bild eines Hochschulrates, der sehr wohl als Bindeglied zwischen Gesellschaft und Hochschule fungieren könnte. Ausgangspunkt dieser Überlegung ist, dass Wissenschaft sich vielfach in Widersprüchen bewegt. So zitiert Sonja Bolenius eine Studie, nach der nur 40 Prozent der Befragten glauben, dass Wissenschaft zum Wohle der Gesellschaft geschähe. Demokratisch konstituierte und die Gesellschaft repräsentierende Hochschulräte oder Kuratorien könnten hier eine Schnittstellenfunktion übernehmen. Anders als in vielen Hochschulgesetzen verankert, würden sie sich weitgehend auf die Beratung der Hochschulen beschränken müssen. […]

Barbara Hemkes: Von der Aktualität der Forderung nach sozialer Durchlässigkeit

Die Dimension der (sozialen) Durchlässigkeit zwischen Berufsbildung und Hochschule oder weiter gefasst zwischen allgemeiner und beruflicher Bildung hat eine zentrale Bedeutung in der Frage, welche sozialen Gruppen die Studierendenschaft repräsentieren. Barbara Hemkes geht aus Sicht der Berufsbildung der Frage nach, wie das Verhältnis zwischen Berufsbildung und Hochschule gestaltet werden kann, um Durchlässigkeit im Bildungssystem zu verankern. Dazu skizziert sie, wie sich die Berufsbildung unter den Vorzeichen von Konkurrenz und Gleichwertigkeit zur Hochschule aufstellt. Mit Blick auf die Entwicklungen in der Praxis plädiert sie für ein erweitertes Verständnis von Durchlässigkeit, das über einseitige Öffnungen und die Flexibilisierung individueller Bildungswege hinausgeht. Damit verbunden ist die Herausforderung, Durchlässigkeit als gemeinsame und übergreifende Aufgabe zu gestalten. Der Blick auf die Ansätze einer entsprechenden Praxis lassen auch die bildungspolitischen Implikationen erkennen, die mit dieser Vorgehensweise verbunden sind.  Auf diesem Weg nimmt Barbara Hemkes auch die Wissenschaft in die Pflicht. Sie tritt ein für eine bildungsbereichsübergreifende Forschung. Bildungsforschung ist aufgefordert, „miteinander die Möglichkeiten des Gemeinsamen zu untersuchen und Optionen für eine moderne Bildung zu erkunden. Nicht zuletzt hieraus können auch neue Impulse für die Bildungswissenschaften erwachsen.“ […]

Ulf Banscherus: Hochschulen erfüllen ihre Aufgabe als (Aus-) Bildungseinrichtung für eine demokratische Öffentlichkeit nur unzureichend

Die Erwartungen einer demokratischen Gesellschaft an öffentliche Hochschulen umspannen nicht nur die strukturellen Aspekte von Trägerschaft, innerer Verfasstheit, Finanzierung oder die Transparenz über Aktivitäten in Forschung und Lehre, sondern umfassen immer auch die Beteiligungschancen aller sozialen Schichten an hochschulischer Bildung, auch, um diesen eine aktive Rolle in Staat und Gesellschaft zu ermöglichen. Bildung steht demnach in enger Verbindung zur Konstituierung von Öffentlichkeit und demokratischem Gemeinwesen. „Realisierbare Beteiligungschancen an einem öffentlich verantworteten Bildungssystem sind nach diesem Verständnis also mehr als das von Ralf Dahrendorf postulierte ‚Bürgerrecht‘, sie sind nicht weniger als eine zentrale Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit der Demokratie.“ – so Ulf Banscherus. Allerdings ist die Wirklichkeit eine andere. Ablesbar an der Bildungsbeteiligung, an der Einschätzung der eigenen Studienleistungen oder ableitbar aus der Beurteilung der wirtschaftlichen Situation der Studierenden sind nach wie vor große soziale Unterschiede existent. Deswegen – so Ulf Banscherus – „erfüllen die Hochschulen ihren demokratietheoretisch begründeten öffentlichen Bildungsauftrag nur unzureichend, da sie trotz der massiven Expansion der Studierendenzahlen in den letzten fünf Jahrzehnten noch immer zu wenige Personen aus unterrepräsentierten gesellschaftlichen Gruppen für ein Studium gewinnen, um wirklich von gleichen Beteiligungschancen sprechen zu können.“ […]

Isa Schön und Kevin Kunze: Oben bleibt oben. Und unten…?!

Basierend auf zentralen Daten der Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks und auf Ergebnissen der Eliteforschung zeichnen Isabel Schön und Kevin Kunze in ihrem Beitrag die Ursachen, Wirkungen und die hochschulpolitische Bedeutung der Verfestigung sozialer Ausgrenzungen nach. Sie beziehen sich hierbei auf ein aus der Rezeption Bourdieus abgeleitetem Konzept des „Klassismus“, das sie als Grundstruktur für ein gesellschaftliches Ordnungssystem verstehen, „welches Menschen nach ihrer finanziellen und kulturellen „Klasse“ sortiert und hierarchisiert.“ Klassismus „bedeutet die strukturelle und in der direkten Interaktion wirkende Auf- und Abwertung verschiedener Lebenswelten.“ Hochschulpolitik, die sich dem widersetzen will, muss demnach die strukturellen und sozialen Ursachen dieser Ausgrenzungsmechanismen erkennen und bekämpfen, vorrangig die materielle Förderung und die Interessenvertretung von Studierenden aus Nicht-Akademikerhaushalten. Hierbei bringen sie auch die Gewerkschaften ins Spiel. Sie sollen Studierende aus Nicht-Akademikerhaushalten und insbesondere Arbeiterkinder beraten und unterstützen und aktiv für sie hochschulpolitisch agieren. […]

Manfred Wannöffel: Das Konzept der Forschungskooperation

In der Kooperation zwischen Wissenschaft und Arbeitswelt an der Ruhr-Universität ist eine Praxis der Zusammenarbeit entstanden, die als „Forschungskooperation“ zu bezeichnen ist und damit eine eigene Qualität der Zusammenarbeit von Wissenschaft und Arbeitswelt beschreibt. Die Forschungskooperation verbindet die moderierende Rolle der Gemeinsamen Arbeitsstelle von Universität und IG Metall und die in ihren Anliegen zum Ausdruck kommenden Forschungs- und Beratungsinteressen aus den Gewerkschaften und betrieblichen Interessenvertretungen mit den Forschungsinteressen und der Expertise der beteiligten und interessierten Lehrstühle. Die Zusammenarbeit hat sich sowohl in Richtung Sozial- wie in Richtung Technikwissenschaften etabliert. Entstanden ist ein Konzept, welches Forschungsinteressen und praktische, arbeitsweltlich begründete Anliegen vermittelt. Auf diesem Weg hat sich auch die Gemeinsame Arbeitsstelle gewandelt. Heute versteht sie sich – so Manfred Wannöffel – immer mehr als „transdisziplinäre(s) Forschungsinstitut mit dem Schwerpunkt einer praxisorientierten Arbeits- und Industriesoziologie.“ Dabei sei diese Kooperation durch „vier aufeinander bezogene Aktivitätsfelder gekennzeichnet (…): Transdisziplinäre Forschungskooperationen, Transformation der Forschungsergebnisse in die soziale Praxis, Entwicklung wissenschaftlicher Weiterbildungsstudiengänge und die Durchführung interdisziplinärer Lehrveranstaltungen in der Lernfabrik der RUB.“ Ob dieses Konzept auch auf andere Kooperationsstellen übertragbar ist, wird auch Gegenstand weiterer Entwicklungsarbeit sein müssen. Erfolgreich schärft es an der Ruhr-Universität das Profil der Gemeinsamen Arbeitsstelle in Forschung und Lehre und stärkt die Institutionalisierung der Kooperation zwischen Hochschule und Arbeitswelt. […]

Renate Singvogel, Gerd Denzel, Ioannis Kompsopoulos: Kompetenzen für die Arbeitswelt – Ein Modulangebot für Hochschulen und Lehrende (KofA)

Die Kritik, dass Studierende im Studium insbesondere an Universitäten zu wenig auf die Arbeitswelt vorbereitet werden, ist alt und gleichwohl hoch aktuell. Ver.di hat in den letzten Jahren erfolgreich ein Projekt etabliert, über das arbeitsweltliche Themen fest in der hochschulischen Lehre verankert werden können. Daraus ist ein Beispiel erfolgreicher Kooperation zwischen Hochschule und Arbeitswelt an einer Reihe von Hochschulorten entstanden. Dabei geht es um fachliche und fachübergreifende Anforderungen, die Wirtschaft, Staat und Gesellschaft an Hochschulabsolvent/innen bzw. Berufsanfänger/innen stellen. Zwar haben die Hochschulen längst reagiert, indem sie „Pflichtpraktika in ihren Studien- und Prüfungsordnungen verankern oder – teils in Kooperation mit Career Service Centern – Veranstaltungen zur Berufsfeldorientierung, zum Erwerb von Schlüsselkompetenzen oder Bewerbungstrainings anbieten. Was den Absolventen/innen bislang jedoch fehlt“, so Renate Singvogel, Gerd Denzel und Ioannis Kompsopoulos in ihrem Beitrag, „ist ein Verständnis von Arbeitsbeziehungen und den Bedingungen der Arbeitswelt, das auf systematischer Lehre beruht.“ Wie dieses Modul aufgebaut, wie es, an zwei Beispielen dargestellt, umgesetzt wird und welche Schritte zur Vernetzung der vorhandenen Projekte gemacht werden, wird in ihrem Beitrag ausgeführt. Ihr Fazit: „Mit dem Modul zur arbeitspolitischen Grundbildung und zu den Arbeitsbeziehungen in Deutschland können Hochschulen und Lehrende in Kooperation mit Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden ein attraktives Studienangebot für ihre Studierenden implementieren und weiterentwickeln.“ […]

Sonja Staack: Hochschulen brauchen ein Konzept für Arbeitsweltorientierung

Längst werden große Teile des Arbeitsmarktes von akademischen Berufen geprägt. Doch mit der Frage, wie Hochschulen Studierende auf diese Arbeitsmärkte vorbereiten, tun sich insbesondere die Universitäten nach wie vor schwer. Noch immer wirkt die strukturelle Kraft des von Martin Baethge so genannten „Bildungsschismas“, d.h. der historisch und sozial begründeten, strikten Trennung von allgemeiner und beruflicher Bildung. Dabei könnten allgemeine und berufliche Bildung voneinander lernen. Mit Bezug auf das von der IG Metall und dem Wissenschaftlichen Beraterkreis von ver.di und IG Metall entwickelte Leitbild der „erweiterten modernen Beruflichkeit“ (siehe dazu auch DENK-doch-MAL 4/2016, http://denk-doch-mal.de/wp/Ausgaben/416-leitbild-erweiterte-moderne-beruflichkeit-der-impuls-fuer-die-bildungsreform/ ) lassen sich Anknüpfungspunkte für die Hochschulen finden. Hervorzuheben sind die umfassenden Konzepte von Berufsorientierung, aber auch die Konsenssuche bei der Bestimmung neuer oder bei der Überarbeitung vorhandener Berufsbilder und Ausbildungsordnungen. Allerdings dürften die Besonderheiten des Hochschulsystems nicht unterschlagen werden. Diese sieht Sonja Staack im „Fehlen eines konkreten Berufsbildes als Normalität hochschulischer Berufsqualifizierung“, im unmittelbaren Bezug der hochschulischen Bildung zur wissenschaftlichen Forschung, die Lernende auch zur Forschenden mache und in der Rolle der Studierenden als Mitglieder der Hochschule und damit als „Subjekte der Fortentwicklung des Wissenschaftssystems“. Der Ertrag eines gemeinsamen Lernprozesses kann allerdings sehr hoch sein. „Aus einer übergreifenden Debatte über die Gemeinsamkeiten und Besonderheiten beruflicher und hochschulischer Bildung könnte ein weiterentwickelter Begriff von Praxisorientierung entstehen, von dem beide Seiten profitieren.“ Dafür – so Sonja Staack – „muss die Sprachlosigkeit zwischen den beiden Bildungswelten überwunden werden.“ […]