Beiträge aus der Ausgabe
01-16: Ist die Marginalisierung der dualen Berufsbildung noch zu stoppen?.

Editorial

CooverIn Deutschland gibt es nur wenige Experten, die klar und unmißverständlich sagen: Die viel gepriesene betriebliche Berufsausbildung steckt in einer handfesten Krise. Die zentralen Akteure sind es, die davonlaufen: Die Betriebe, insbesondere die kleinen und mittleren, ziehen sich zurück. Immer weniger bieten Ausbildungsplätze. Aber auch bei den Jugendlichen lässt das Interesse nach. Viele, zu viele, wenden sich ab. Human Resources-Guru und Ex-Personalvorstand bei diversen Grußunternehmen, Thomas Sattelberger, gefällt es schon lange nicht mehr, wie behäbig und selbstgefällig, geschmückt mit unendlich vielen Gierlanden und Lobpreisungen, das duale System daherkommt. „Die duale Berufsausbildung ist gegenwärtig ein Exportschlager, im Inland gibt es ein Systemversagen“, formuliert er knallhart. In dieser Ausgabe von Denk-doch-Mal.de akzeptieren wir die Analysen . Wir fragen genauer danach, wo die berufliche Bildung aktuell steht. […]

Klaus Heimann: Die berufliche Bildung fährt eine gefährliche Kurve

heimannIm Eröffnungsbeitrag beschreibt Dr. Klaus Heimann die aktuellen Baustellen, an denen die Akteure versuchen, das System nachzubessern. Sein Ergebnis: In den Augen junger Menschen und ihren Eltern ist die Ausbildung im Betrieb nur noch zweite Wahl. Besser ist ein Hochschulstudium. Dadurch kommt duales Lernen im Betrieb und in der Berufsschule mächtig unter Druck. Heimann bestätigt die Thesen von Sattelberger unbd Siegrist. Jetzt suchen Betriebe, Kammern und Betriebsräte fast schon verzweifelt nach neuen Ideen, die Attraktivität zu steigern. Betriebliche Berufsausbildung 2016 in Deutschland, das sind ganz schön viele Baustellen. In jedem Fall braucht die Ausbildung einen kräftigen Innovationsschub. Industrie 4.0 soll helfen. Aber: Kann das Vorhaben gelingen? […]

Gerhard Bosch: Ist die industrielle Ausbildung ein Auslaufmodell?

adz_gerhard_boschDie heutige Krise der Berufsausbildung beruht anders als vor 20 Jahren nicht auf Defiziten in der Berufsausbildung selbst, analysiert Prof. Dr. Gerhard Bosch. Die Sozialpartner hätten ihre Hausaufgaben gemacht und die Berufe modernisiert. Der Druck kommt vor allem von außen durch die zunehmende Akademisierung unterstützt durch die Prekarisierung der Erwerbsverläufe vieler beruflich Qualifizierter. Bosch sieht  vier Ansatzpunkte für notwendige Veränderungen: Der erste Ansatzpunkt ist die Bezahlung. Fachkräfte müssen einen Facharbeiterlohn und nicht nur den Mindestlohn erhalten, was in der Fläche nur durch eine Erhöhung der Tarifbindung gewährleistet werden kann. Ebenso wichtig ist auch eine angemessene Bezahlung bei einem beruflichen Aufstieg. Wenn ein junger Bachelor schon beim Berufseinstieg mehr bekommt, als ein Meister mit 20 Jahren Berufserfahrung etwa als Leiter der Ausbildungsabteilung mit 30 Untergebenen, dann lautet die unmissverständliche Botschaft: Studiere!!! Diese Botschaft wird gegenwärtig in den Betrieben massenhaft verbreitet. […]

Friedrich Hubert Esser: Welche Reformen braucht das duale System jetzt?

esser_1.71Der Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, beschreibt seine Reformideen. Es sind fünf an der Zahl: Es müsse die Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Ausbildung sich erhöhen. Noch mehr Inklusion behinderter und benachteiligter Menschen in das Ausbildungssystem sei notwendig. Berufliche Ausbildung müsse noch mehr an Internationalität gewinnen. Die Chancen von Wirtschaft 4.0 bzw. Digitalisierung gelte es zu nutzen. Und das Berufsbildungsgesetz (BBIG) sollte sich den sich veränderten und den Realitäten anpassen. Bleibt die Frage, ob das BIBB die Kraft hat, diese fünf Projekte anzuschieben? […]

Mario Patuzzi/André Schönewolf: Aus- und Fortbildung besser machen und das Berufsbildungssystem stärken

modernbildenDie Reform des BBIG könnte umfassend die Berufsbildung auf neue Füße stellen. Deshalb gehen Mario Patuzzi und Andre Schönewolf in ihrem Beitrag der Frage nach, wie es um das Projekt steht. Ihre bisherigen Erfahrungen mit dem Reformvorhaben sind allerdings mehr als ernüchternd. Absehbar sei bereits, dass angesichts der „NOVELLIERUNGSUNLUST des Bildungsministeriums“ wichtige Handlungsmaxime keine Chance hätten, in das BBiG aufgenommen zu werden. Die Autoren befürchten, dass das zuständige Bundesministerium „wenig Lust und kaum politischen Antrieb" verspüre, eine Novellierung des Berufsbildungsgesetzes in Gang zu setzen. Ganz offensichtlich: Die ‚Reform-Protagonisten‘ für das duale System sitzen nicht in der politischen Administration. […]

Uta Kupfer/Thomas Ressel: Ein Jahr Allianz für Aus- und Weiterbildung – ein langer Weg zur Ausbildungsgarantie

REVOLUTION_BILDUNG_Aktion_Jan_Michalko_kp_works__300Die ‚Reform-Macher’ könnten vielleicht wo anders anzutreffen sein: In der Allianz für Aus- und Weiterbildung. Uta Kupfer, von der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, und Thomas Ressel, von der IG Metall, untersuchen in ihrem Beitrag die Arbeit der Allianz und ziehen nach dem ersten Jahr eine Zwischenbilanz. Klar, da gibt es Treiber und Bremser. Für die Autoren steht fest, die Entscheidung der Gewerkschaften, sich an der neuen Allianz für Aus- und Weiterbildung zu beteiligen war richtig. Konkrete Maßnahmen sind auf den Weg gebracht. Und: Die Schönfärberei der Ausbildungsmarktsituation findet durch die Allianz nicht mehr statt. Das war beim Vorläufer, dem Ausbildungspakt, noch anders. Die Gewerkschaften jedenfalls sind der Allianz beigetreten, um an den wirklichen Herausforderungen zu arbeiten. Sie wollen sie keinesfalls zukleistern. Und gelingt das? Es deuten sich Kompromisse an. Haben sie die Kraft, die Marginalisierung der beruflichen Bildung aufzuhalten? […]

Rita Meyer: Da bewegt sich mehr als man denkt … und doch noch zu wenig

MeyerProf. Dr. Rita Meyer findet, es bewegt sich viel in unserem Berufsbildungssystem – die bisher getrennten Bereiche Berufsbildung und Hochschule gehen aufeinander zu. Allerdings halte mit der quantitativen Ausweitung des „dualen Prinzips“ die zugleich notwendige Qualitätssicherung, wie sie im dualen System der Erstausbildung vorzufinden ist, nicht Schritt. Im Zuge der zunehmenden Durchlässigkeit der Bildungssysteme bestehe jetzt die Herausforderung darin, zwei sehr unterschiedliche Lernkulturen, die beruflich-betriebliche Lernkultur und die hochschulische Lernkultur, miteinander zu verzahnen und im besten Fall zu integrieren. Kann es sein, dass es die Hochschulen sind, die substantielle Reformen anstoßen?   […]

So argumentieren DENK-doch-MAL.de Leser

Die User sind eingeladen das Thema der Ausgabe zu kommentieren. Die im Januar 2016 eingehenden wichtigsten und interessantesten Mails werden wir hier veröffentlichen. Ihre Position, Meinung, Stellungnahme bitte an: kl-heimann@t-online.de […]