AUSGABE 02-21

Wissenschaft und Gewerkschaften

Wissenschaft ist in der Diskussion. Wissenschaftliche Befunde und der Rat wissenschaftlicher Expertinnen und Experten haben derzeit einerseits einen hohen Stellenwert. Zugleich wird wissenschaftliches Denken massiv durch Wellen von Fake-News infrage gestellt. DENK-doch-MAL greift mit der aktuellen Ausgabe einen Aspekt der aktuellen Debatte um die gesellschaftliche Funktion von Wissenschaft heraus, nämlich das Verhältnis von Wissenschaft und sozialer Praxis, speziell das Verhältnis von Wissenschaft und Gewerkschaften. Uns scheint diese Setzung aus verschiedenen Gründen sehr sinnvoll zu sein. Zwar blickt gerade die kritische Arbeitsforschung auf einen langjährigen Dialog und auf eine geübte Kooperationspraxis mit den Gewerkschaften zurück. Doch diese Praxis ist nicht ungefährdet. Der Legitimationsdruck auf kritische Wissenschaft nimmt aufgrund von Veränderungen in der Wissenschaftslandschaft zu. Wissenschaft unterliegt zunehmend Benchmarks, die Einfluss auf die Produktions- und Reproduktionsbedingungen von Wissenschaft haben und nicht nur die Frage aufwerfen, was heute den Kern kritischer Wissenschaft ausmacht, sondern ebenso fragen lassen, was die Gewerkschaften als ein wesentlicher gesellschaftlicher Akteur tun können, um die Bedingungen für diese kritische und anwendungsbezogene Wissenschaft zu verbessern.

Hier der Überblick über die Ausgabe 02-2021


Die Redaktion von DENK-doch-MAL nimmt Abschied von Ulrich Degen. Am 03.03.2021 ist Ulrich gestorben. Er musste schon längere Zeit mit einer Erkrankung kämpfen.

Seit vielen Jahren war Ulrich seit ehrenamtlich in der Redaktionsgruppe von DENK-doch-MAL aktiv. Er schrieb auch Beiträge für WAP, das Bildungsportal der IG Metall. Wir haben Ulrich Degen als vielfältig interessierten, sachkundigen und gut vernetzten Kollegen kennen und schätzen gelernt. Er war Mitglied der IG Metall. Seine wissenschaftliche Neugier drückte sich auch in seinem Studium aus; studierte er doch Rechtswissenschaften, Soziologie, Politikwissenschaften, Pädagogik und Kybernetik. Nachdem er einige Jahre als Assistent bei den Politikwissenschaften an der FU Berlin gearbeitet hat, wechselte er 1977 ins Bundesinstitut für Berufsbildung. Hier war Ulrich in unterschiedlichen Funktionen bis zu seiner Verrentung im Jahr 2008 aktiv. Zuletzt war er dort Leiter des BIBB-Arbeitsbereichs ‚Kompetenzentwicklung‘. Im BIBB war er auch eine Zeit lang Mitglied des Personalrates. Als Arbeitnehmervertreter im Prüfungsausschuss der IHK Köln für den Ausbildungsberuf ‚Fachangestellte/r für Markt- und Sozialforschung‘ war er ebenso aktiv wie als Schöffe am Sozialgericht Köln. Ulrich Degen schrieb eine Reihe von Beiträgen für DENK-doch-MAL und WAP. Er verstand sich als Ideengeber und als Netzwerker zwischen den Institutionen der Berufsbildung, insbesondere zu den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern im BIBB und ihren Forschungsprojekten und den Gewerkschaften.

Noch wenige Tage vor seinem Tod hatten wir in Vorbereitung eines Heftes, das ihm ganz wichtig war und an dem er mitarbeiten wollte, Kontakt miteinander. Über seinen Tod sind wir bestürzt und traurig.

Die Redaktionsgruppe


 

Hans-Jürgen Urban: Ökologie der Arbeit als Kooperationsfeld von Wissenschaft und Gewerkschaften

Hans Jürgen Urban, der als geschäftsführendes Vorstandsmitglied und zugleich als Privatdozent auf beide Seiten der gewerkschaftlichen und wissenschaftlichen Praxis schaut, verbindet in seinem Beitrag zwei zentrale Themen. Erstens nimmt er aufbauend auf der Analyse der krisenhaften Entwicklungen des Gegenwartskapitalismus den Diskurs über die „Ökologie der Arbeit“ auf, aus seiner Sicht eine, vielleicht die zentrale gewerkschaftliche Strategie im Rahmen der sozial-ökologischen Transformation. […]

BEITRÄGE ZU ANDEREN THEMEN

Thomas Haipeter: Kooperationsmodelle zwischen Arbeitsforschung und Gewerkschaften – Erfahrungen aus der Begleitforschung des IAQ zum gewerkschaftlichen Projekt Arbeit 2020

Thomas Haipeter, Leiter der Forschungsabteilung Arbeitszeit und Arbeitsorganisation am Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen (IAQ), stellt am Beispiel des öffentlich geförderten und mit dem DGB (NRW), der IG BCE, der IG Metall und der NGG gemeinsam durchgeführten Projekts „Arbeit 2020“ ein für ihn wichtiges Beispiel einer sinnvollen Kooperation zwischen Wissenschaft und Gewerkschaft vor.

Frank Mußmann: Die institutionalisierte Form der Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Arbeitswelt am Beispiel der Kooperationsstelle der Universität Göttingen

Frank Mußmann, Leiter der Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften an der Georg-August-Universität Göttingen, zeichnet in seinem Beitrag zunächst den Debattenprozess in und zwischen den Kooperationsstellen bzw. zwischen ihnen und den Gewerkschaften nach.

Martin Allespach: Die University of Labour – Lehre und Forschung im Interesse der Beschäftigten

Martin Allespach, Präsident der University of Labour, Leiter und Direktor der Europäischen Akademie der Arbeit in der Universität Frankfurt sowie einer von zwei Geschäftsführern der Academy of Labour, stellt die Konzeption der University of Labour in Frankfurt am Main vor. Diese Hochschule ist nicht nur besonders, weil sie von den Gewerkschaften und hier vor allem von der IG Metall getragen wird. Sie zeichnet sich auch durch ihr Curriculum, ihre Forschungskonzeption und ihre studentische Zielgruppe aus.