AUSGABE 02-18

(Berufliches) Lernen in digitalen Zeiten

Kommt nach Industrie 4.0, Arbeit 4.0 nun Bildung 4.0? Was ist zu erwarten, wenn Digitalisierung sich nicht nur in Veränderungen von Arbeitsprozessen niederschlägt, sondern, quasi im Zuge eines Rückkopplungseffektes, Qualifizierung zur Voraussetzung für die Entwicklung digitaler Prozesse ist? Sind dann nicht digitale Lernprozesse auch wichtige Objekte von Digitalisierung? Sind wir Zeitzeugen vom Ende des Frontalunterrichts im Klassenzimmer? Bewirken digitale Bildungsprozesse individualisiertes Lernen, bei denen jeder dort lernt, wo es ihm am besten passt und genau das und nur das lernt, was er meint für seinen beruflichen wie auch privaten Werdegang auch zu benötigen? Bedeutet dies das Aus für die „großen“ etablierten Bildungseinrichtungen Schulen, Universitäten oder auch den Trägern der Weiterbildung? Viele ungeklärte Fragen. Aber es gibt Experten, die geben Antworten und das in dieser neuen Online-Ausgabe von DENK-doch-MAL.de

Tags: Bildung 4.0, Digitalisierung, Berufliches Lernen, Digitales Curriculum, MOOCs, E-Learning, Virtualisierte und prekarisierte Arbeitswelt, Technikdeterminismus, Lernen im Prozess der Arbeit, Bildungstypen, Lernen bei Volkswagen


Michael Kerres: Bildung in der digitalen Welt, wir haben die Wahl

Prof. Dr. Michael Kerres von der Universität Duisburg-Essen eröffnet die neue Ausgabe. Sein Artikel „Bildung in der digitalen Welt: Wir haben die Wahl“ wendet sich gegen einen Technikdeterminismus in der Bildungsdiskussion.es geht nicht darum, bestimmte Entwicklungen für die Bildung durch die Digitalisierung als zwangsläufig darzustellen. Dabei gilt es zu verstehen, dass "das Digitale" nicht mehr nur "das Analoge" ergänzt oder verdrängt. Diese Dichotomie verkennt, dass das Digitale sich im Analogen verschränkt: Es ist Bildung, die sich zu einer Welt verhält, die durch digitale Technik geprägt ist. Damit rücken die Gestaltungsoptionen in den Vordergrund, über die eine gesellschaftliche Verständigung anzustreben ist. […]

Jörn Loviscach: Sieht so das Lernen der Zukunft aus?

Jede und jeder kann gratis, von überall aus und zu beliebiger Zeit bei und mit den Besten der Welt studieren – mit dieser Verheißung sind die Massiven Offenen Online-Kurse (MOOCs) um das Jahr 2012 herum angetreten. Prof. Jörn Loviscach, Hochschullehrer an der Fachhochschule Bielefeld, beleuchtet in seinem Beitrag „MOOCs in Hochschule und Betrieb: Sieht so das Lernen der Zukunft aus?“ die Vielschichtigkeit des Phänomens MOOCs. Nach seiner Einschätzung ist die Wirkung von MOOCs auf die Gesellschaft keineswegs so dramatisch, wie von vielen prognostiziert. […]

BEITRÄGE ZU ANDEREN THEMEN

Uwe Elsholz: E-Learning kills university!?

Eine etwas andere Sicht der Auswirkung der Digitalisierung auf das Bildungssystem zeigt Prof. Dr. Uwe Elsholz von der Fernuniversität Hagen auf. Nach seiner Auffassung müssen die deutschen Hochschulen aufpassen, dass sie hier keine Entwicklung verschlafen. Wenn digitale Medien erst einmal Hochschulabschlüsse ermöglichen werden sie vielleicht überflüssig. Er sagt, es gibt gute Gründe für die Hochschulen, das eigene "Geschäftsmodell" und hier vor allem die gegenwärtige Lehre kritisch in Frage zu stellen und weiter zu entwickeln. "Andernfalls besteht die Gefahr, dass die Digitalisierung der Bildung letztlch zu derart alternativen Bildungsmöglichkeiten führt, dass die Daseinsberechtigung der Hochschulen als Bildungsinstitutionen und Bildungsort in Frage gestellt wird."

Michaela Evans & Wolfram Gießler: TECHNIK verändert, ARBEIT verändert TECHNIK, verändert…

Digitalisierung führt voraussichtlich nicht nur in der Produktion zu tiefgreifenden Veränderungen, auch personennahe Dienstleistungen sind hiervon betroffen. Wolfram Gießler vom Bildungsinstitut Essen und Michaela Evans vom IAT machen am Beispiel der Gesundheitswirtschaft deutlich, das auch der Dienstleistungssektor von Auswirkungen der Digitalisierung nicht verschont bleibt.Der aktuelle Diskurs zur digitalen Technik kann, aus der Sicht der Autoren, "einen wichtigen Anstoß zur Aufwertung, institutioneller Weiterentwicklung und Strategiefähigkeit der Arbeitspolitik im Bereich personenbezogener Dienstleistungen liefern.

Hans-Jürgen Urban: Die Humanisierungsaktivisten müssen sich ihre Chancen erkämpfen

Nach Dr. Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, ist die Berufsbildung ein Schlüsselelement, um das Potenzial für eine humane Digitalisierung zu erschließen. Er formuliert zehn Thesen, in denen die Eckpunkte einer Berufsbildungspolitik beschrieben werden, die die umfassenden Interessen der Beschäftigten an guter Arbeit und entsprechenden Arbeits- und Lernbedingungen zum Ausgangspunkt macht und die auf die Entfaltung der Humanisierungspotenziale digitaler Wertschöpfung zielt.