AUSGABE 04-17

Hilft nur eine Revolution? Bildung braucht radikale Veränderungen

Politik geht durch den Bauch und nicht durch den Kopf. Die Wahl zum Bundestag im September hat das bestätigt: Es sind nur wenige Menschen, die sich von den Rechtspopulisten Lösungen für ihre Probleme erhoffen – und trotzdem werden sie gewählt. Das alles verspricht nichts Gutes, weder für die Demokratie, noch die Bildung. Trotzdem: Die Menschen wollen Veränderungen, vor allem eine andere Bildung. Bildung war im Wahlkampf immer Thema in den Top-Ten, nicht unbedingt bei den Politikern, aber bei den Wählern. Daraus muss sich doch was machen lassen. Wladimir Iljitsch Lenin wird mit folgendem Satz zitiert: "Eine revolutionäre Situation gibt es dann, wenn die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen". Ist es so weit? Die PolitikerInnen scheinen vor den Problemen in der Bildung zu kapitulieren. Die Bildungsministerin hat schon erklärt, sie will nicht mehr. Hilft nur noch eine Bildungsrevolution? Dieser Frage gehen die Autoren dieser Online-Ausgabe von Denk-doch-Mal.de nach.

Tags: Bildungsrevolution, Digitalisierung, Arbeit 4.0, Bildung 4.0, digitale Bildungsagenda, duales System, Klassenunterschiede, Umbrüche, agile Weiterbildungskultur, Bildungsgesamtplan, Bildungsreformkommission


Matthias Anbuhl: Die gespaltene (Bildungs-)Republik

Die Bundestagswahl hat es gezeigt: Das Gros der Menschen erhofft sich von den Rechtspopulisten keine Lösungen ihrer Probleme – und wählt sie trotzdem. "Der radikale Wandel wird zum Selbstzweck, das Ziel ist zweitranging. Diese Entwicklungen sind Anzeichen einer ernsten Krise politischer Repräsentanz", schreibt Matthias Anbuhl, Bildungschef beim DGB, in seinem Beitrag. Der Aufstieg des Rechtspopulismus lasse sich zudem mit dem Erleben von kultureller Abwertung erklären – auch in der deutschen Gesellschaft. Die Unterschicht gehe nicht in die Oper, sondern allenfalls in ein Helene-Fischer-Konzert. Sie schaue nicht Arte und höre nicht Deutschlandfunk, sondern interessiere sich für RTL II und das Dschungelcamp. Sie esse nicht Bio, sondern Fast Food. Diese Menschen seien an ihrem Schicksal selbst schuld, so gängige Denkmuster. Anbuhl: "Diese Konflikte zeigen sich konkret in unserem Bildungswesen." Mit dem Eintritt in das Bildungssystem höre die Toleranz vieler Eltern auf. „Bereits die breite Mittelschicht grenzt sich massiv nach unten ab. Man könnte hier beinahe von einer Art Kontaktsperre sprechen“, schreiben Bildungsanalysten. Die Folge: Unterschiedliche Milieus sprechen mehr über- als miteinander. "Diese Tendenzen bergen sozialen Sprengstoff." Dabei zählen Kitas, Schulen, Hochschulen und Weiterbildungseinrichtungen zu den wenigen Orten, an denen sich die verschiedenen Schichten unserer Gesellschaft begegnen können. Nur: Wie will Anbuhl aus dem Dilemma herauskommen? Ein Baustein sei eine gesellschaftliche Bildungsstrategie […] […]

Werner Widuckel: Arbeit 4.0 braucht Bildung 4.0

Prof. Dr. Werner Widuckel fordert in seinem Beitrag eine digitale Bildungsagenda, die das gesamte Bildungssystem einbezieht und in diesem System die erforderlichen Kompetenzen und Ressourcen entwickelt und zur Verfügung stellt. Diese Bildungsagenda muss auf einem Bildungsauftrag basieren, der die Digitalisierung als Gestaltungsfeld in den Vordergrund rückt, indem über gesellschaftliches Zusammenleben und die hiermit verbundenen Werte sowie Macht und Herrschaft ganz wesentlich entschieden wird und zu entscheiden ist. Der an der FAU in Erlangen lehrende Professor warnt vor einer Verteufelung der Digitalisierung, die er für verfehlt hält. "Aber im Sinne eines demokratischen Gestaltungsanspruchs erfordert sie die Befähigung zur kritischen Hinterfragung und Reflexion." […]

BEITRÄGE ZU ANDEREN THEMEN

Fritz Böhle: Digitalisierung braucht Erfahrungswissen

Professor Dr. Fritz Böhle, einer der führenden Industriesoziologen der die Arbeitswelt umfassend, betriebsnah erforscht beschreibt, setzt weiterhin auf den Bildungsbegriff, der scheinbar ganz altmodisch daher kommt. Sein Plädoyer: Mit Verstand und allen Sinnen lernen. Arbeit im turbulenten Umfeld verbindet er mit der Kernfrage: Braucht Arbeit 4.0 erfahrungsbasiertes Wissen?

Gerhard Bosch: Ist die industrielle Ausbildung ein Auslaufmodell?

Die heutige Krise der Berufsausbildung beruht anders als vor 20 Jahren nicht auf Defiziten in der Berufsausbildung selbst, analysiert Prof. Dr. Gerhard Bosch. Die Sozialpartner hätten ihre Hausaufgaben gemacht und die Berufe modernisiert. Der Druck kommt vor allem von außen durch die zunehmende Akademisierung unterstützt durch die Prekarisierung der Erwerbsverläufe vieler beruflich Qualifizierter. Bosch sieht  vier Ansatzpunkte für notwendige Veränderungen: Der erste Ansatzpunkt ist die Bezahlung. Fachkräfte müssen einen Facharbeiterlohn und nicht nur den Mindestlohn erhalten, was in der Fläche nur durch eine Erhöhung der Tarifbindung gewährleistet werden kann. Ebenso wichtig ist auch eine angemessene Bezahlung bei einem beruflichen Aufstieg. Wenn ein junger Bachelor schon beim Berufseinstieg mehr bekommt, als ein Meister mit 20 Jahren Berufserfahrung etwa als Leiter der Ausbildungsabteilung mit 30 Untergebenen, dann lautet die unmissverständliche Botschaft: Studiere!!! Diese Botschaft wird gegenwärtig in den Betrieben massenhaft verbreitet.