SCHWERPUNKTHEFT

Arbeit.Macht.Sinn.

D

ie Ökonomisierung der Gesellschaft schreitet zum Teil schleichend und verborgen, zum Teil mit erstaunlicher Offenheit voran. Soziale Medien wie Facebook, Instagram, Suchmaschinen wie z.B. Google, Online-Händler wie Amazon oder Softwarefirmen wie Microsoft erscheinen wie die lange ersehnten Heilsbringer einer neuen Prosperität. Angesichts dieser Entwicklungen stellen sich viele Fragen neu (und bedürfen doch vielfach Antworten, die in der Sozialgeschichte und Sozialethik durchaus bekannt sind). In der Debatte um die Entgrenzung der Arbeit taucht die Frage auf, ob neue Formen der digitalen Tätigkeiten schon oder noch mit dem Begriff der Arbeit oder der Erwerbsarbeit zu fassen sind. Damit einher geht ein weiterer Diskurs. Sind diese Tätigkeiten der Plattformökonomie Teil einer neuen Taylorisierung und entleeren sie Arbeit damit ihrer Sinnhaftigkeit oder bilden sich in ihnen neue Möglichkeiten der Sinnbildung ab? Ausgehend von der Überzeugung, dass Arbeit und Gesellschaft fundamental von den ökonomischen Prozessen und ihrer sozioökonomischen Deutung bestimmt werden, sind an den Anfang des Heftes zwei Beiträge gestellt worden, die sich mit wichtigen Teilaspekten dieses Themas befassen.

Hier der Überblick über das Schwerpunktheft.

Michael Wendl: Die Rückkehr des Marktfundamentalismus

Michael Wendl befasst sich mit der ungebrochenen Bedeutung des Marktfundamentalismus und der zugrunde liegenden Theorie Hayeks. Eine besondere Note bekommt dieser Aspekt dadurch, dass Teile des sog. Rechtspopulismus eine Verbindung zwischen Marktradikalismus und nationalistischer Wirtschaftspolitik herzustellen versuchen. Wichtige Mitglieder der einflussreichen Hayek-Gesellschaft wie Alice Weidel, Beatrix von Storch, Peter Boehringer haben auch wichtige Funktionen in der AfD inne. „Nichts hasste Hayek mehr“ – so Michael Wendl – „als eine politische Mehrheit, die sich erdreistete, in die Marktgesetze einzugreifen, um sich vor den zerstörerischen Kräften des Marktes zu schützen.“ […]

Friedhelm Hengsbach: Wozu eine wirtschaftliche Dynamik, die Ressourcen verschleißt und gesellschaftliche Risse erzeugt?

Friedhelm Hengsbach gibt uns vier Anregungen mit auf den Weg: eine alternative Berechnung des Bruttoinlandsprodukts (um auch den Ressourcenverbrauch sichtbar zu machen); ein anderes, erweitertes Verständnis von Arbeit; mehr Zeitsouveränität für die Einzelnen; größere Räume für alternative Formen des Wirtschaftens. […]

BEITRÄGE ZU ANDEREN THEMEN

Interview mit Professor Dr. Fritz Böhle

Im Januar dieses Jahres gab es auf SPIEGEL ONLINE eine anregende Debatte über das größere Selbstbewusstsein von Handwerkern. Auslöser war die Meldung über einen Fliesenleger aus Grundsätzlich ist die Frage der Wertschätzung von handwerklicher Facharbeit in Gesellschaft und Arbeitswelt. An dem Problem der mangelnden Kooperation zwischen Ingenieurinnen und Ingenieuren einerseits und beruflich ausgebildeten Fachkräften im Betrieb andererseits anknüpfend, spüren in einem Gespräch Fritz Böhle und Gerhard Endres der Bedeutung der beruflichen Bildung und des Erfahrungswissens in der Arbeitswelt der Zukunft nach.

Gerhard Endres: Wirtschaftsdemokratie ist aktueller denn je.

Als zentralen Ansatzpunkt der Gestaltung von Arbeit beschäftigt sich Gerhard Endres mit der Bedeutung der Wirtschaftsdemokratie für die soziale Gestaltung von Arbeit, Wirtschaft und Gesellschaft. Jede Wirtschaftsordnung beeinflusst die Bildung und Bildungspolitik, in dem sie finanzielle Ressourcen zur Verfügung stellt, aber auch die Inhalte der Bildungspolitik. Duale Ausbildung, Bildung in den Schulen und Hochschulen und Weiterbildung braucht personale und finanzielle Ressourcen, um die nach wie vor vorherrschende Ungleichheit der Bildungschancen zu verkleinern. In dem Beitrag werden einige Aspekte, die für eine Weiterentwicklung der bisherigen Formen von Mitbestimmung bedenkenswert sind, ausgeführt. Aufgrund der Komplexität und Vielschichtigkeit der Debatte können die Ausführungen nur ein persönlicher Impuls für eine Diskussion, die kürzlich Hans-Jürgen Urban, Hauptvorstandsmitglied der IG Metall mit seinem Buch „Gute Arbeit in der Transformation“ einen wichtigen Anstoß gegeben hat.

Klaus Barthel: Warum es Sinn macht, die Machtfrage in der Arbeitswelt zu stellen

In den beiden nachfolgenden Beiträgen steht die politische Gestaltung im Vordergrund. Für Klaus Barthel, Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen in der SPD, stellt sich die Frage, wie angesichts der durch die Entwicklung auf den Finanzmärkten, durch Globalisierung und Digitalisierung verursachten Eingriffe in Arbeitsmarkt- und Arbeitspolitik wieder mehr Gerechtigkeit hergestellt werden könne.